Episode eines Lebens

Wenn man bei Regen auf einer Autobahnbrücke sitzt, die Füße baumeln läßt fünf Meter über der Fahrbahn, und auf den nächstbesten, von einem übermüdeten usbekischen Fahrer gelenkten LKW wartet, überkommt einen auf keinen Fall dieses hollywood-bekannte tragisch-theatralische Retrospektivenszenario! Bei mir jedenfalls nicht. Im Gegenteil - Filmriß. Man hockt nicht da und das ganze Leben zieht wie eine überlagerte Filmrolle - neblig, verschwommen und sepiafarben - an einem vorbei. Nein, dunkle gespenstische Leere umgibt einen. Man hat keine Zeit zum Denken. Genauso, wie wenn einem eine beschissene Knarre an den Kopf gehalten wird. Man starrt ins Leere und zieht ein dummes Gesicht. In Erwartung des Unausweichlichen, die Knie zittern und die Blase macht sowieso, was sie will, auch wenn man sie kurz zuvor an einem Strauch entleert hat.
Aber es passiert nichts - das Unterbewußtsein klammert sich an den letzten Rest der Erinnerung an diese marodierende Gesellschaft. Die Rücklichter des LKW verschwinden in einer Mischung aus Dunkelheit und ins Feinste zerstäubter Nässe. Was folgt ist der Griff zur Schnapsflasche und der wacklige Weg nach hause. Wie wenn man versucht bei Sturm auf den seifigen Plancken eines maroden Fischkutters vom Heck zum Bug zu gelangen. Eine ebenso wacklige wie augenscheinlich vergebliche Angelegenheit.
Schließlich schafft man es doch.

Wieder einmal einen beschissenen Tag zuende gebracht; ich falle in mein Bett - der einzige Ort, wo ich noch Gemütlichkeit und Geborgenheit empfinde. Ich wälze mich umher, kann nicht einschlafen. Gedankenflut. Stille. Gedankenflut. Ein immer wiederkehrendes Trauerspiel. Immer die gleichen Bilder, ständig. Ich verkrafte das nicht mehr! Ich schlafe ein. Und dann wieder der gleiche Traum: Ich stehe im Freien und betrachte das brachliegende Feld, in dessen Mitte die alte Kastanie thront. Das eingeschnitzte Herz war noch da, etwas klein vielleicht und ein bisschen schief geraten. Daneben stand R.I.P. Es war ein junger Apfelbaum, dachte ich. Er trug seine ersten Früchte. Apfelbäume trauern um ihre verlorenen Früchte.
Bestimmt!

Ich wog leise im Wind, der Baum auch. Und eine Träne rollte über meine Wange.

tach,

junger Apfelbaum oder alte Kastanie?

gruß
vbt

Hallo,

junger Apfelbaum oder alte Kastanie?

Da steck schon eine Aussage dahinter, die ich so gewollt habe. Und Träume müssen ja auch nicht immer logisch sein.
mfG Dirk