Schnuffy oder wie man sich was einredet

Dies ist eine wahre Geschichte, die sich vor ca. 20 Jahren zutrug und Schnuffy möge mir verzeihen, wenn ich die Geschichte hier zum Besten gebe. Aber vielleicht kann er ja inzwischen auch darüber lachen.

Um die Geschichte in allen Aspekten zu verstehen, ist es leider unumgänglich ein paar Fakten zu kennen. Also…

Schnuffy war der Kosename meines Süßen. Er war damals 25 und Banker, von denen man ja wohl in der Regel annimmt, dass sie etwas dröge und völlig ohne Sinn für Humor sind. Nein, Schnuffy war das Gegenteil. Er hatte eigentlich sehr viel Sinn für Humor, allerdings weniger Sinn für unnütze Geldausgaben, war mit sehr viel Phantasie begabt und hatte die Eigenschaft, sich schnell etwas einzureden. Außerdem war er – nun wie soll ich es ausdrücken – etwas ängstlich. Aber das ist ja normal für phantasievolle Menschen, denn ein Mensch ohne Phantasie hat in der Regel auch keine Angst, weil im die Vorstellungskraft fehlt für das, was alles passieren könnte.

Schnuffy hatte eine Eigentumswohnung gekauft, die vorher die Praxis eines Arztes war und im vornehmen Villenviertel von Singen am Hohentwiel lag. Das Haus, mit zwei weiteren Wohnungen über uns, lag an einer Straßenecke, malerisch hinter einer hohen Hecke. Leider war es unumgänglich die zu ebener Erde gelegene Wohnung komplett zu renovieren. Ich hatte die alten noch mit zwei separaten Fenstern hintereinander verbundenen großen Terrassentüren ausgehängt, abgeschliffen, und neu gestrichen. Die inneren Türen lagen im Keller zum Trocknen aufgebockt. Nur die äußeren Türen, ohne Verriegelungsmechanismus hingen noch im Rahmen.

Just an diesem Freitag ereilte uns unvorhergesehen eine Einladung von Freunden zum Oktoberfest nach München. Schnuffy wollte nicht fahren, derweil wir ja die Terrassentüren nicht verriegeln konnten. Ich war da allerdings anderer Meinung, denn ich hatte große Lust, den Renovierungsarbeiten wenigstens für ein Wochenende zu entkommen.

Schnuffy druckste herum: „Du weißt ganz genau, dass es in letzter Zeit gerade hier in unserem Viertel sehr viele Einbrüche gegeben hat. Nachher kommen wir zurück und unsere Wohnung ist leergeräumt! Bedenke doch, wir sind die ganze heutige Nacht und Samstagnacht weg und werden erst am Sonntag Abend zurückkommen!“

„Hast du dir schon mal überlegt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ausgerechnet an diesem Wochenende Diebe sich ausgerechnet unsere Wohnung zum Einsteigen aussuchen? Wir können doch die Fensterläden schließen.“

„Die Fensterläden sind ganz leicht mit einem Schraubendreher aufzuhebeln und die jetzt im Rahmen hängenden Türen haben überhaupt keine Verriegelung!“

„Dann stellen wir eben von Innen etwas Schweres dagegen!“

Es gab ein heftiges Hin und Her und schließlich überzeugte ich Schnuffy, indem ich ihn an seinem Geizkragen packte: „ … und außerdem… wann erhältst du jemals wieder die Möglichkeit nach München zum Oktoberfest eingeladen zu werden und dann auch noch mit freier Übernachtung?“ Das Geldargument zog.

In wenigen Stunden war alles hergerichtet, wir setzten uns ins Auto und fuhren los. Es war ein herrliches Wochenende in München. Allerdings trübten doch Schnuffys ständige Angstausbrüche etwas die Stimmung, wenn er zum fünfzigsten Mal fragte: „Meinst du, dass auch alles in Ordnung zu Hause ist?“

In der Sonntag Nacht kamen wir nach stundenlangem Stau bei dichtestem Nebel zurück. Bevor Schnuffy den Wagen nahe an die Hecke heranfuhr, stieg ich aus, nahm schon unsere Reisetasche mit und ging die paar Stufen zur Haustür. Da der zeitgesteuerte Lichtschalter in dem alten Treppenhaus ein lautes Knack-Geräusch machte, welches uns schon ein paar Mal aus dem Schlaf gerissen hatte, vermied ich es, aus Rücksicht auf die schlafenden Mitbewohner, Licht zu machen. Da das Haus an einer Straßenecke lag, hatte ich ohnehin genug Licht von den Straßenlaternen her.

Ich trug die Tasche in die Wohnung, nahm den Briefkastenschlüssel vom Haken und ging zurück in Richtung Haustür um die Post vom Samstag aus dem innen angebrachten Wandbriefkasten zu holen. Im Gegenlicht der Straßenlaterne sah ich eine dicke, fette Spinne im Türrahmen hängen und da ich Spinnen „liebe“, tippte ich mit dem Schlüssel die Spinne an, in der Hoffnung das Tierchen zu verscheuchen. Dann holte ich die Post und ging wieder in die Wohnung zurück – alles ohne Licht zu machen!

Ich trug die abgestellte Reisetasche ins Schlafzimmer und ging den langen Flur zurück Richtung Wohnungstür. Wohnungstür und Haustür standen immer noch offen. Inzwischen hätte Schnuffy allerdings längst nachkommen müssen. Ich ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Zurück im Flur, sah ich, dass Wohnungs- und Haustür immer noch offen standen. Warum kam Schnuffy nicht rein? Ich ging zum Auto. Kein Schnuffy da. Die Autotür lehnte nur lose an. Weit und breit kein Schnuffy zu sehen. Der dichte Nebel wallte und ich stand etwas ratlos am Auto. Wo war Schnuffy?

Ich ging in die Wohnung zurück. War Schnuffy womöglich an mir vorbeigegangen, als ich in der Küche war? Nein – kein Schnuffy in der Wohnung. Ich wieder nach draußen. Leise rief ich Schnuffy beim Namen. Keine Antwort. Nur der dichte Nebel und die einsamen Straßenlaternen. Kein Laut drang an mein Ohr.

War er Zigaretten holen gegangen? Nee, Schnuffy war viel zu faul um zu laufen, da hätte er das Auto genommen. Aber irgendwo musste er doch sein!

Mittlerweile machte ich mir schon einige Sorgen, schließlich hatte Schnuffy auf der Autobahn sich darüber beklagt, dass er Magenschmerzen hatte. War ihm schlecht geworden? Lag er womöglich ohnmächtig irgendwo? Ich ging durch den Garten - kein Schnuffy! Ging noch einmal in die Wohnung – kein Schnuffy!

Unschlüssig stand ich dann mitten auf der Straße. Wo war Schnuffy? Kein Mensch verschwindet einfach so!

Vielleicht war er ja doch zum Zigaretten-Automat gegangen. Ich begann in die Richtung zu gehen. Nachdem ich gut 50 m zurückgelegt hatte, hörte ich Motorgeräusche und drehte mich um. Ich sah einen Streifenwagen langsam über die Kreuzung fahren. Im Gegenlicht konnte ich drei Personen in dem Streifenwagen sehen. Drei? Normalerweise sind Streifenwagen doch nur mit 2 Leuten besetzt. Ich wurde neugierig und ging zurück an die Straßenecke. Tatsächlich – der Streifenwagen war an unserem Haus vorbeigefahren und hatte dann angehalten.

Drei Personen stiegen aus. Bei dem Nebel waren die Personen schlecht zu erkennen, aber sie kamen auf mich zu. Zwei Polizisten, der eine mit einem Walkie-Talkie, der andere mit gezogener Pistole in der Hand. Ich staunte nicht schlecht, als ich die dritte Person als Schnuffy erkannte. „Mensch, wo haben die den denn so schnell aufgegabelt?“ dachte ich bei mir und ging in Gedanken die letzten Verkehrsverstöße durch. Hatte er vorhin wie üblich die Stoppstraße überfahren?

Schnuffy zog an seiner Zigarette und ich sah, dass seine Hand zitterte. Kalkweiß war er im Gesicht.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Der Polizist mit dem Walkie-Talkie sprach mich an.

„Ja, was soll denn nicht in Ordnung sein?“ Ich war etwas irritiert.

Fragt doch der andere Polizist: „Haben Sie grad mit erhobenen Händen in der Tür gestanden?“

„Iiiiich?“ Mein Staunen und meine Verwirrung waren komplett - und dann fiel es mir plötzlich ein: Die Spinne im Türrahmen!!!

Es tat mir ja ganz fürchterlich leid, aber ich hätte mich ausschütten können vor Lachen!

Nach meiner Erklärung fingen die Polizisten ebenfalls an zu grinsen. Der eine gab über das Walkie-Talkie Entwarnung und der andere Polizist steckte seine Waffe wieder ein. Schnuffy stand immer noch mit kalkweißem Gesicht, zitternden Händen und seiner Zigarette da und stammelte nur etwas von: „Es tut mir ja leid, meine Herren, aber ich dachte wirklich, dass in der Wohnung Diebe wären und meine Freundin bedrohten…“

„Ja, ja, schon gut, junger Mann. Wir kommen ja lieber einmal umsonst, als einmal zu spät!“

Ist es müßig zu erwähnen, dass ich mir anschließend Gedanken darüber machte, was wohl hätte passieren können, wenn ich in der Wohnung geblieben wäre und der eifrige Polizist mit bereits gezückter Pistole einen etwas nervösen Zeigefinger am Abzug gehabt hätte?

Hallo, Allayah,
eine tolle Geschichte und sehr nett erzählt :smile:
Habe mich köstlich amüsiert.
Gruß
Eckard

Toll! Einfach toll!
Danke fuer die Geschichte.
Ja, das Leben ist … :smile:
Aloha - digi

Die Geschichte ist wirklich nett nur…
warum nennst Du Dich jetzt Allayah, Schnuffy ?

Herbert

Hallo Herbert!

Ich glaube, du hast da was nicht richtig mitbekommen.
Ich = Allayah-Andrea
Schnuffy = Schnuffy (nicht Allayah-Andrea)

Lieben Gruß
Andrea