Wie Hitler seinen Geburtstag verloren hat…

Von: , Frage gestellt am Mi, 17. Aug 2005

Wie Hitler seinen Geburtstag verloren hat…
Kennt ihr meinen Freund Joseffele? Nein? Das ist wirklich schade. Diejenigen die ihn kennen ahnen schon, dass er etwas mit der Geschichte zu tun hat. Also, ich liebe ihn, allein schon für diese Geschichte…
Bis zu jenem Tag lag ein Schatten auf Joseffeles Geburtstag. Er musste ihn mit jemanden teilen und das passt ihm gar nicht. Joseffele hat am 20 April Geburtstag, wie Hitler. Das hat Joseffele immer als persönliche Beleidigung empfunden und das hat mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist aber, dass er im 3. Reich sicher auf Grund seiner Abstammung väterlicherseits ermordet worden wäre. (Auch wenn das einige Freunde von ihm wundert, versteht er doch so gut wie nichts vom Judentum. So glaubt er immer noch, dass die Einhaltung der Sabbathruhe bedeutet, am Samstag bis zum Nachmittag zu schlafen.) Auch ein Grund warum ich mich gut mit ihm verstehe. Das sind Dinge die ich mit ihm gemeinsam habe.

Vor ein paar Jahren haben ihn Freunde anlässlich seines Geburtstages nach Linz eingeladen. Deren Geschenk war eine kleine Geburtstagsparty. Joseffele wollte mich unbedingt dabeihaben, und so fuhren wir an seinem Geburtstag mit meinem Auto schon zeitig ins schöne Linz. Joseffeles Laune war aber nicht zu ertragen. Er sprach kaum ein Wort, und wenn er es tat, dann nörgelte er. Ich habe das natürlich vorausgesehen und hatte etwas mit was ihm aufheitern sollte, aber das wollte ich mir für den Abend aufheben. Wir sollten unsere Freunde mittags treffen um dann die Party vorzubereiten. Joseffele wurde plötzlich unruhig und deutete mir, ich solle beim nächsten Parkplatz stehen bleiben. Ich wunderte mich, tat aber was er wollte.
„Ich habe da eine Idee.“ Ich sah ihn an, seine Laune hat sich plötzlich ins Gegenteil verwandelt. Er grinste mich an.
„Was!?“ machte ich. Ich wollte wissen was er wollte.
„Lass dich überraschen, ich hol mir jetzt etwas was nur mir gehören sollte, rutsch rüber.“
Mit etwas gemischten Gefühlen überließ ich ihm das Steuer, und das hatte nur wenig mit seinen Fahrkünsten zu tun.
„Ruf Dave an und sag ihm dass wir später kommen.“
Ich ärgerte mich über Joseffele, hatte ich mich doch schon auf unser Mittagessen mit Dave, Tina und Josef gefreut. Dave war auch nicht gerade über die Wendung glücklich, auch wenn er nicht wirklich erstaunt war. Mal ehrlich, wir alle kennen ja Joseffele.
Joseffele war immer noch nicht gesprächig, aber wenigstens war er jetzt guter Laune. Gute Laune? Direkt übermutig war er.
Dauernd kicherte er in sich hinein und wenn ich ihn fragte was er vor hat murmelte er „wirst schon sehen, wirst schon sehen…“ Er verpasste die Ausfahrt nach Linz und ich ahnte schon, dass das Absicht war. So gut kannte ich ihn schon um sein ungefähres Ziel zu kennen.

Braunau am Inn ist ein kleines Städtchen an dem nichts ungewöhnliches ist. Schule, Kirche, Feuerwehrhaus, schöne kleine Wohnhäuser… Nichts, wirklich nichts deutet darauf hin, dass hier der böseste Diktator aller Zeiten aufgewachsen ist. Direkt verwunderlich, möchte man doch meinen dass hier in der Idylle nur seelisch gesunde Menschen aufwachsen, aber so kann man sich täuschen. Joseffele hielt bei einer Tankstelle und redete mit dem Tankwart. Der begann zu gestikulieren, und führte mit seinen Händen Rechts- und Linkskurven aus. Joseffele bedankte sich und stieg wieder ins Auto. Nach etwa einem Kilometer hielt er vor dem Standesamt.
„Was um aller Welt willst du denn am Standesamt?“
„Genieß es,“ sagte Joseffele, „kannst du ein wenig unauffällig filmen?“ Jetzt drückte er mir die Kamera in die Hand.
Ich hatte dank Joseffele schon ein wenig Übung unauffällig zu filmen, und so betraten wir das Standesamt. Joseffele verhandelte kurz mit dem Portier und dann gingen wir den langen Gang im Erdgeschoss entlang. „Zimmer 42, hier ist es.“ Joseffele atmete tief durch und klopfte. Ohne das ‚Herein’ abzuwarten traten wir ein. Ich hielt die Kamera unauffällig (wie ich dachte) unter dem Arm. Ein älterer Beamter ignorierte uns nicht einmal. „Guten Tag…“ sagte Joseffele ohne eine Reaktion beim Beamten hervorzurufen. „Grüß ihnen Gott“, sagte Joseffele schon etwas lauter, und endlich hatten er eine Kleinigkeit seiner Aufmerksamkeit. Ein wenig misstrauisch schaute er auf meine Kamera.
Das wiederum ignorierte Joseffele.
„Wir sind gekommen…“ noch richtete sich die Aufmerksamkeit des Beamten auf meine Kamera. Joseffele wurde etwas lauter: „Wir sind gekommen um einen Antrag zu stellen.“
Der Beamte seufzte. „Sie wissen, dass das hier das Standesamt ist?“
„Jaja, natürlich. Wir sind hier genau richtig. Wir stellen den Antrag auf Aberkennung von Hitlers Geburtstag.“ Langsam öffnete sich der Mund des Beamten. Er schien die Kamera zu vergessen.
„Was, können sie noch ein…“
Joseffele unterbrach ihn. „Sie haben schon verstanden, Hitlers Geburtstag, aberkennen, streichen.“
Nun, wer schon so lange mit österreichischen Beamten zu tun gehabt hat wie ich wusste dass MA2412 keine Satire ist, sondern ein Abbild der Wahrheit. Ich hatte mit vielen gerechnet. Etwa hinauskomplimentiert zu werden. Oder ein: „A so was geht nicht…“ Was ich aber unter keinen Umständen erwartet hatte war ein Nicken des Beamten. Und auch nicht das was er jetzt sagte konnte niemand erwarten.
Er strich sich die Haare aus der Stirn und meinte: „Da müssen sie einen schriftlichen Antrag stellen.“ Und als Joseffele schon protestieren wollte, sagte er: „Ich helfe ihnen dabei.“
Jetzt war es an Joseffele seinen Mund zu öffnen.
Der Beamte setzte sich an seinen Computer und begann zu tippen.
Er deutete uns beiden zu ihm zu kommen. Er tippte als Überschrift ‚Antrag auf Aberkennung Adolf Hitlers Geburtstag.’
„Sie müssen mir einen Grund nennen…“ Also Joseffele nicht gleich verstand: „naja warum sie wollen, dass Hitler keinen Geburtstag mehr haben soll.“ Jetzt war Joseffele dran. Er schilderte ihm in warum es schlimm für Millionen von Menschen war den Geburtstag mit Hitler zu teilen. Dabei ließ er keine Übertreibung aus.
Als er mit der Schilderung fertig war (aber der Beamte nicht mit tippen) erzählte uns dieser von seiner Arbeit. Er erzählte uns wie viele Hochzeiten er geschlossen hat und wie viele Paare wiedergekommen waren um sich scheiden zu lassen. Nie habe er außergewöhnliches erlebt, bis zum heutigen Tag halt. Endlich war er fertig.
„Sooo, jetzt brauchen wir noch Stempelmarken…“ als Joseffele ihm Geld geben wollte wehrte er jedoch ab. „Heute sind sie eingeladen. Wissen sie, in zwei Monaten werde ich pensioniert. Vierzig Jahre immer das selbe… Hochzeiten, Scheidungen, Geburten…“ er vollendete den Satz nicht, wir wussten was er meinte.
Er klebte Stempelmarken, stempelte, unterschrieb. Dann verstaute er unseren Antrag unter einigen Geburtsanzeigen und verschwand.
Nach wenigen Minuten kam er zurück und fingerte unseren Antrag heraus. Er war vom Vorstand genehmigt worden. Ich bin sicher, er glaubt noch heute, an diesem denkwürdigen Apriltag nur Hochzeiten genehmigt zu haben.
Genehmigt! Ich konnte es nicht glauben. Wenn mir jemand erzählt hätte, Außerirdische werden in Linz landen, ich hätte es eher geglaubt.
Damit war es aber noch nicht getan. Der Beamte verschwand noch ein mal. Diesmal dauerte es länger. Nach etwa einer Stunde war er wieder da. In der Hand hatte er eine dünne Mappe die er jetzt vor uns ausbreitete. Er nahm die Geburtsurkunde Hitlers heraus und blies den Staub weg.
„Das ist ein feierlicher Moment.“ sagte der Beamte. „Sie hatten die Idee, ich überlasse ihnen die Ehre.“ Er hielt Joseffele seinen Füller hin.
Joseffele war die Aufregung anzusehen. Er setzte sich hin und machte ein theatralisch feierliches Gesicht. „Hiermit…“ er räusperte sich. „Hiermit erkläre ich den Geburtstag dieses …….* für ungültig. Er kritzelte mit dem Füller herum bis nichts mehr vom Datum erkennbar war. Darunter schrieb er: „Geburtstag wegen menschenunwürdigen Verhaltens aberkannt.“
Dann umarmte er den Beamten, und dann mich. Der Beamte holte noch ein kleines Fläschchen fragwürdigen Inhalts heraus und wir stießen an.

Jetzt war es amtlich. Hitler hat seinen Geburtstag verloren. Gestrichen und beglaubigt vom Vorstand des Braunauer Standesamtes. Und das mit Hilfe eines österreichischen Beamten. Wer in Österreich nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist! Das ist auch nie berichtigt worden. Es weiß ja sonst niemand davon, und außerdem wenn doch? Es müsste ja wieder ein Antrag gestellt auf Wiedererteilung eines Geburtstages gestellt werden, und wer würde so etwas tun? Und hier endet auch meine Geschichte. Ich könnte noch von der Party erzählen die wir später in Linz gefeiert haben. Wir mussten immer wieder die Kopien von der Geburtsurkunde und den beglaubigten Antrag herzeigen. Und mein verwackeltes Video wollte unsere Freunde drei mal sehen, aber das ist eine andere Geschichte und wird (vielleicht) ein andermal erzählt.

Was hat sich geändert? Nicht viel. Kein einziges Opfer Hitlers konnte lebendig gemacht werden. Aber, Hitler hat seine letzte Würde verloren, seinen Geburtstag. Gestrichen und beglaubigt.
Und eh ich vergess: Joseffele hatte an keinem SEINER Geburtstage mehr trübe Laune. Was meine Überraschung für Joseffele gewesen wäre? Vergesst es liebe Freunde. Es wäre ein kleiner Streich gewesen, verübt an dem Lokal der Burschenschafter in Linz. Nicht vergleichbar mit dem was Joseffele getan hat, ich sage ihm meinen Dank. Vielleicht machen wir’s ja doch noch, an Daves Geburtstag, oder meinem. Dann berichte ich davon.

*Das ist hier ein jugendfreies Brett. Deswegen habe ich mich selbst zensuriert.

PS.: ‚Der Reisende’ ist im Moment eine Baustelle. Ich kann und will diese Geschichte aber noch nicht beenden.
Zu gerne möchte ich noch folgende Dinge erzählen:
Was ist der Beweis für die Länge der Reise?
Wie hat die Menschheit überlebt?
Wie kommt eine der wichtigsten Erkenntnisse über Zeit und Raum in den Talmud?

Servus
Herbert

2 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 11 Stunden hilfreich
    Re: Wie Hitler seinen Geburtstag verloren hat̷

    Hallo!

    Wäre es nicht wirkungsvoller gewesen, wenn der 20. April abgeschafft worden wäre?

    Der 1. April hat auch schon viel Unheil gebracht, am besten der gleich mit!

    ;)

    Besten Gruß
    Mathias

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Re^2: Wie Hitler seinen Geburtstag verloren hat

      Servus Mathias, Hallo!
      Wäre es nicht wirkungsvoller gewesen, wenn der 20. April
      abgeschafft worden wäre?
      gemach gemach, laß Joseffele ein bissi Zeit. Das schafft er schon noch. Der 1. April hat auch schon viel Unheil gebracht, am besten
      der gleich mit!
      Warum sollte er das tun? Er hat doch den 1. April erfunden. Davor kam nach dem 32. März bekanntlich gleich der 2. April. Wie das kam ist aber eine ganz andere Geschichte und die wird ein andermal (vielleicht) erzählt.

      Servus
      Herbert ;)
      Besten Gruß
      Mathias
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