Die wahre Geschichte der H

Hi!

Habe gerade auf einer CD eine Story gefunden, die ich vor sechs Jahren verfasst habe. Mein Gott, was man damals alles geschrieben hat! :wink:


Die wahre Geschichte der H.

Es hat sicher seine Vorteile, wenn man nicht mehr auf der Welt ist. Ich habe jetzt zum Beispiel viel mehr Zeit als vorher. Und die Mühsal der täglichen Arbeit, des Putzens, Kochens und der Gartenpflege bleibt mir für alle Zukunft erspart. Was mir jedoch quer im Halse stecken bleibt und mich hier im Jenseits zur Raserei treibt, ist dieser unglaubliche Rufmord, der seit meinem Dahinscheiden an mir begangen wird. Doch ich möchte den Ereignissen nicht vorgreifen und mit jenen Tagen beginnen, als ich noch so richtig sterblich war.

Seit dem nicht ganz unwillkommenen Tode meines Mannes – irgendeiner der von mir gesammelten Pilze ist ihm, sagen wir, nicht so recht bekommen – lebte ich allein und zufrieden in meinem kleinen Häuschen, das im Walde unter den Eichen stand. Nun, ganz allein war ich nicht, teilten doch Kater und Rabe das Domizil mit mir. Sie waren mir treue Begleiter, wenn ich am Morgen mein Häuschen putzte, am Mittag meinen innig geliebten Lebkuchen buk, am Nachmittag auf der Bank in der warmen Sonne saß und am Abend in meinen dicken Büchern geheimnisvolle Sprüche studierte. So lebte ich über die Jahre zufrieden im tiefen Wald, bis zu jenem Tag, als das Unglück in Form dieser zwei unseligen Kinder vor meinem Haus erschien.

Sie kamen den schmalen Waldweg entlang, der sich kaum erkennbar zwischen Bäumen und Büschen entlang schlängelte. Ich hatte sie von meinem Küchenfenster aus entdeckt und hoffte inständig, daß sie mein Haus meiden würden. Sie mieden es natürlich nicht. Statt sich anzumelden, nach dem Bewohner zu rufen oder einfach nur die Klingel an der Tür zu benutzen, wie es gut erzogene Menschen eigentlich tun, schlichen sie um das Haus herum und starrten mit gierigen Blicken auf meine Lebkuchen, die ich rings um das Haus herum befestigt hatte. Es war ein Geschwisterpaar, der Junge etwas älter als das Mädchen, und ihrer Kleidung nach waren sie schon länger im Wald unterwegs. Das Mädchen versuchte, mit dem Taschentuch, das sie mit Speichel anfeuchtete, einen Fleck aus dem Kleid zu reiben. Natürlich schaffte sie es nicht. Der Fleck wurde nur etwas blasser, dafür aber dreimal so groß. Dem Jungen schien der Schmutz egal zu sein. An seiner Jacke klebten ein paar Blätter und Moosreste, und seine Schwester zog einen dünnen Zweig aus seinem dichten blonden Haar. Sie flüsterten miteinander.

Ich stand hinter der Gardine am Fenster und hielt die Luft an. Macht, daß ihr wegkommt, war der einzige Gedanke in meinem Kopf. Das hier ist mein Haus mit meinem Lebkuchen in meinem Wald. Der Kater, der mir sonst immer um die Beine strich, machte einen Buckel, fauchte und schlug seine Krallen in den Türrahmen. Der Rabe flog von meiner Schulter, flatterte nervös durch das Zimmer und ließ einen stinkenden weißen Flecken auf meinen selbstgezimmerten Küchenstuhl fallen. Ich sah die tiefen Kratzspuren an der Tür und das stinkende Etwas auf dem Stuhl. Verdammte Kinder!

Der Junge wurde plötzlich wieder aktiv. Er ging auf eine Hausecke zu und brach etwas von meinem Lebkuchen ab. Es war ausgerechnet der Lebkuchen, der mir immer am meisten Arbeit macht, mit seltenen Gewürzen, die ich nur in der weit entfernten Stadt erstehen konnte. Man stelle sich vor: ich marschiere vier Tage lang mit Rucksack und Ein-Frau-Zelt durch die Gegend, um die notwendigen Zutaten zu bekommen, bezahle teures Geld dafür, muß den ganzen langen Weg wieder zurück, stehe dann unentwegt in der Küche, muß mit der Messerspitze die Zutaten abwiegen, den Teig kneten, bis die Arme schmerzen und schließlich den Ofen über Stunden auf konstant hoher Temperatur halten, um einen einigermaßen guten Lebkuchen zu bekommen – und dann kommt dieses Balg und stopft sich voll. Mir platzte der Kragen.
„Nimm die Finger von meinem Lebkuchen!“ schrie ich den Jungen an, der bereits mit vollen Backen am Kauen war. Ja, ich schrie ihn an. Später sollten die Kinder erzählen, jemand hätte „Knusper Knusper Knäuschen“ gesagt. Ausgemachter Blödsinn! Ich bin zwar alt, aber nicht senil. Und diese Kindersprache habe ich nie gemocht. Sowas wie „Guddu Guddu“ oder „Ga Ga Ga“ wäre mir nie in den Sinn gekommen, erst recht nicht „Knusper Knusper“!

Ich riß jedenfalls die Haustür auf und schnappte mir den völlig verdattert dastehenden Burschen. Ich bekam ihn an der Jacke zu fassen und zog ihn in das Haus. Obwohl er sich zu wehren begann, hatte er keine Chance. Wenn es um meinen Lebkuchen geht, kenne ich keinen Pardon.

Wohl um nicht von ihrem Bruder getrennt zu werden, folgte das Mädchen uns in das Haus. Ich stieß den Jungen auf den Küchenstuhl und starrte ihn an. Er muß mächtig Angst vor mir gehabt haben, jedenfalls zitterte er wie Espenlaub.

„Spinnst du?“ fuhr ich ihn an. „Kommst hierher und frißt mir meinen Lebkuchen weg? Machst du das bei euch zuhause in der Speisekammer auch so?“

Damit hatte ich wohl ein Fettnäpfchen erwischt. Jedenfalls greinte das Mädchen los und heulte in den höchsten Tönen. Mein Kater nahm Reißaus, und der Rabe versteckte sich im Dachgebälk.

„Wir haben kein Zuhause mehr“, schluchzte das Mädchen. „Unsere Eltern haben uns ausgesetzt.“

Ich stand da, vornübergebeugt, nur wenige Zentimeter vom Gesicht des Jungen entfernt, und überlegte. Entweder waren die beiden wirklich arm dran, oder das Mädchen war eine ausgemachte Lügnerin. Prüfend sah ich ihr ins Gesicht. Ich glaubte ihr.

„Beruhigt euch erst mal“, sagte ich, um Zeit zu gewinnen. Dann nahm ich etwas Brot und Käse aus dem Schrank und stellte es zusammen mit einem Krug Wasser auf den Tisch. „Hier habt ihr was zu essen und zu trinken. Danach wird es euch sicher besser gehen.“

Wenn ich geglaubt hatte, den beiden damit einen Gefallen zu tun, sah ich mich getäuscht.

„Brot!“ sagte der Junge geringschätzig und wischte den Laib vom Tisch. „Draußen gibt es Lebkuchen, und die Alte will uns mit Brot füttern!“ Und warf den Käse hinterher.

Das Mädchen griff nach dem Krug und schleuderte ihn aus dem Küchenfenster, das laut klirrend zerbarst.

„Erwachsene sind alle gleich!“ keifte sie. „Wir sollen immer nur das tun, was sie uns sagen.“ Langsam ging mir ein Licht auf, warum die Eltern diese Kinder loswerden wollten.

Ich packte beide und versuchte, sie aus dem Haus zu werfen. Der Junge wehrte sich und trat mir mit voller Kraft vor das Schienbein. Das Mädchen krallte sich an meinem Arm fest und biß mir in die Hand. Mit einem Aufschrei mußte ich sie loslassen. Nur um nochmal darauf hinzuweisen: sie biß mich und nicht ich sie. Später behauptete sie gegenüber ihren Eltern, ich hätte sie und ihren Bruder verspeisen wollen.

Was danach geschah, kann ich kaum beschreiben. Innerhalb weniger Sekunden stellten die beiden mein kleines, hübsches, sauberes Häuschen völlig auf den Kopf. Sie warfen Tisch und Stuhl um, rissen wie Tobsüchtige die Gardinen von den Fenstern, räumten die Schränke aus und jagten Kater und Rabe durch die Räume. Nur mit Mühe entkamen die beiden einem schlimmeren Schicksal und entflohen durch das zerstörte Küchenfenster.

Als die Kinder begannen, mich mit Gegenständen zu bewerfen, ergriff auch ich die Flucht. Ich humpelte durch die Tür und hielt Ausschau nach meinem Kater. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er mit einem Satz im offen stehenden Backofen verschwand. Mein Schienbein schmerzte noch immer von dem Tritt, den mir der Junge verpaßt hatte, und so quälte ich mich hinüber zum Versteck des Katers.

Er saß ganz hinten in der Ecke des Ofens, preßte sich gegen die Wand und fauchte sogar mich an, als ihn ihn aus seinem Versteck zu locken versuchte. Mein Backofen war nicht gerade klein, und so sehr ich mich auch streckte, ich kam nicht an das Tier heran. Also kroch ich in den Backofen.

Plötzlich stieß mich jemand nach vorne, und krachend schlug die Tür des Backofens zu. Durch die Wände hörte ich die johlenden Rufe meiner beiden unliebsamen Besucher. Ich trat gegen die Tür, schrie aus vollem Hals und trommelte an die Wände. Doch nichts tat sich. Bis ich irgendwann merkte, daß es immer wärmer wurde.

Nun, ihr Lieben, den Rest kennt ihr ja. Die Kinder nahmen sich meine Bücher mit den Rezepten für besonders guten Lebkuchen und kehrten damit zu ihren Eltern zurück. Und sie begannen, jene böse Geschichte über mich zu erzählen, der ihr, liebe Leute, bis heute glaubt.

Oder etwa nicht?

Heinrich, mir graut vor Dir!

Deine Fantasie passt zu Deinem Beruf :smile: Wer sind denn nur die armen Opfer?

fragt grinsend
®ichard

p.s.: War die Hexe nicht eine schlimme Kinderschänderin, die immer sang: „Knusper-knsuper-knäuschen, wer spielt an meinem Mäuschen?“ Und Hänsel und Gretel haben diesem Treiben ein Ende gesetzt, recht so!