So wie jeden Tag
Der Wecker klingelte endlich, doch sein schriller Ton verursachte bei Kai lediglich einen Stich in der Magengegend. Wach gelegen hatte er schon lange – etwa gegen 3 Uhr war er aus einem erschöpften Schlaf hochgeschreckt und konnte seitdem nicht mehr einschlafen. So ähnlich sahen seine Nächte in letzter Zeit oft aus: Gegen 23 Uhr riss er sich mühsam vom Fernsehprogramm los, das ihn weniger unterhielt als vielmehr seine Angst vor dem neuen Tag betäubte und ging zu Bett, um wenigstens den Versuch zu machen, am nächsten Morgen einigermaßen frisch vor der Klasse zu stehen. Vor Erschöpfung schlief er meist rasch ein, aber ein Albtraum oder was immer es auch war, das ihn so häufig viel zu früh aus dem Schlaf riss, ließ es nicht zu, dass er auch nur annähernd ausreichend Schlaf erhielt.
Nachdem Kai sich aus dem Bett gequält hatte, frühstückte er und zog sich für die Schule an. Wie üblich, wählte er eine dunkle Hose und ein Hemd in einer gedeckten Farbe. Nach einem letzten Blick in den Spiegel, nahm er seine wie immer viel zu schwere Tasche und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Die Schule, an der er seit etwa acht Monaten arbeitete, konnte er leicht zu Fuß erreichen. Da er meist sehr früh unterwegs war, traf er kaum Schüler. Die kamen in der Regel erst kurz vor Schulbeginn und verließen die Schule nachmittags auch so schnell wie möglich wieder.
Je näher Kai der Schule kam, umso mehr krampfte sich sein Magen zusammen. Noch eine Ampel, dann vorbei an dem kleinen Supermarkt und dann würde sie vor ihm liegen: groß, grau, ein Zweckbau aus der Nachkriegszeit, umgeben von einem eisernen Zaun mit etwas welkem Gestrüpp. Hier und da war das Gebäude mit Graffitis besprüht worden, welche aber auf Anweisung der Schulleitung vom Hausmeister mit grauer Farbe übertüncht worden waren. Heute hatte es schon den ganzen Morgen aus einem grau verhangenen Himmel geregnet und die Schüle wirkte ganz besonders düster.
Was war bloß schief gelaufen? Kai erinnerte sich an die Zeit seines Referendariats. Da hatte doch alles so gut geklappt. Er hatte nette Kollegen, ausgesprochen engagierte und hilfsbereite Ausbilder und größtenteils lernwillige und interessierte Schüler, die zwar auch hin und wieder mal undiszipliniert waren, im Grund ihres Herzens aber liebenswerte und zuverlässige Persönlichkeiten waren, die niemals auf die Idee gekommen wären, ihn bei Lehrproben oder gar bei seiner Prüfung im Stich zu lassen.
Kai dachte mit Schrecken an die 8a, die ihn gleich in der ersten Stunde erwartete. Die Schüler, die dort saßen oder besser „herumhingen“, wären wahrscheinlich mehr als versessen darauf gewesen, ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu beweisen, dass sie letztlich doch am längeren Hebel saßen. Gut, durch die Prüfung fallen konnte er nicht mehr und bis zu seinen Verbeamtungslehrproben war es noch eine Weile hin – falls es denn überhaupt soweit kommen sollte. Seit die Stimmung gegen ihn immer mehr kippte und sich auch zunehmend Eltern über ihn und die Unruhe in seinem Unterricht beschwert hatten, fühlte Kai, dass die Schulleitung ihn vermehrt beobachtete.
„Hallo, Herr Müller!“, flötete es süßlich von der Seite. Kai wurde jäh aus seinen düsteren Gedanken gerissen und schaute auf. An der Bushaltestelle in der Nähe der Schule hockten Nadine, Jaqueline und ihre Freundinnen. Die Mädchen warteten offenbar auf den Bus, um Jaquelines Freund abzuholen, der aus dem Nachbarort stammte. Obwohl sie gerade erst in der siebten Klasse waren, waren einige von ihnen schon stark geschminkt und brüsteten sich damit, schon mehrere Freunde gehabt zu haben. Jaqueline sah deutlich älter aus als die anderen, sie war bereits zweimal sitzen geblieben und interessierte sich ohnehin mehr für Jungen als für ihre Noten. Nadine war bis zum letzten Schuljahr ein eher ruhiges und angepasstes Mädchen gewesen; seit sie sich aber mit Jaqueline angefreundet hatte, die zum Schuljahresbeginn in ihre Klasse zurückversetzt worden war, hatte sie sich stark zu ihrem Nachteil verändert Auch sie schminkte sich jetzt stark und hatte ihre Haare blondiert. Über den Rand ihrer Hüftjeans quoll eine kleine Speckrolle. Jaqueline und Nadine sahen Kai provozierend an. Die anderen Mädchen kicherten. „Guten Morgen,“ antwortete Kai knapp und ging zügig auf das Schulhaus zu. Er wusste, dass das süßlich-freundliche Verhalten der Mädchen alles andere als nett gemeint war – im Prinzip war er nur eine Form der Provokation, gegen die er sich machtlos fühlte.
Im Lehrerzimmer waren erst wenige Kollegen anwesend. Frau Illner und Herr Mehring kopierten noch einige Arbeitsblätter, Frau Gärtner war offenbar mit der Korrektur einer Klassenarbeit beschäftigt und Herr Klassner saß gemütlich zurückgelehnt bei einer großen Tasse Kaffee und einer Zigarette auf seinem Stuhl und unterhielt sich mit seinem Freund, Herrn Weber. Obwohl Kai freundlich grüßte, nahm von seinem Kommen kaum jemand Notiz. Er ging zu dem ihm an seinem ersten Arbeitstag zugewiesenen Platz am Fenster. Von seinen direkten Sitznachbarn war noch niemand da. Ohnehin handelte es sich hierbei um zwei ältere Teilzeitkräfte, die sich bereits auf den Ruhestand vorbereiteten und sich in den Pausen am liebsten über ihre geplanten Reisen unterhielten. Die wenigen jungen Lehrer in Kais Alter saßen in unterschiedlichen Ecken des Raums, da sie aber beinahe zeitgleich eingestellt worden waren, hatten sie mehr Gelegenheit gehabt, sich miteinander anzufreunden. Kai war erst ein Jahr später als einziger neuer Kollege hinzugekommen. So ganz war er seine Isolation im Kollegium noch nicht losgeworden, auch wenn niemand ihn offen schnitt oder schlecht über ihn redete. Man bemerkte ihn einfach nicht.
Da waren seine Altersgenossen ganz anders. Tina Hoffmann, eine hübsche Rothaarige, war sowohl bei Kollegen als auch bei den Schülern äußerst beliebt und hatte es binnen eines Schuljahrs geschafft, zur Verbindungslehrerin gewählt zu werden. Alina Mann war überall aufgrund ihres schulischen Engagements anerkannt; sie leitete den Schulchor sowie die äußerst beliebte Erste-Hilfe-AG und konnte so leicht die Sympathien der Schüler für sich gewinnen. Georg Haffler war ein äußerst gutaussehender Sport- und Englischlehrer und der Schwarm der meisten Mädchen, während Tim Bauer, der kumpelhafte Biologie- und Religionslehrer, bei den Schülern trotz oder gerade wegen seiner Lässigkeit als „extrem korrekt“ gehandelt wurde.
Kai fühlte sich oft wie das fünfte Rad am Wagen. Er war mitten im Schuljahr eingestellt worden, da ein Kollege aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand gehen musste. Kai hatte gerade erst sein Referendariat beendet und fühlte sich mit einer vollen Stelle eigentlich überfordert, sagte aber dann rasch zu, weil er froh war, eine der begehrten Planstellen ergattert zu haben.
Die große Uhr um Lehrerzimmer zeigte an, dass es gleich gongen würde. Kai nahm seine Tasche und machte sich auf den Weg zur 8a. Mühsam kämpfte er sich durch die Schülermassen, die ihm nur wiederwillig Platz machten. „Hallo, Herr Müller!“ Kai blickte in ein Paar freundliche braune Augen. „Hallo, Christoph,“ antwortete Kai und es wurde ihm ein bisschen wärmer ums Herz. Christoph war zwar in keiner seiner Klassen, aber er grüßte ihn immer sehr freundlich und schien überhaupt sehr vernünftig zu sein. Einige sehr nette Schüler gab es ja durchaus, nur litten die meist unter dem Chaos, das die anderen verbreiteten. So war es leider auch in der 8a.
Kaum am Klassenraum der 8a angelangt, schloss Kai unter dem Gejohle und Gedränge der Schüler die Tür auf und trat dann zur Seite, um die sich wild in die Klasse drängende Gruppe vorbeizulassen. Seufzend schloss er die Tür hinter sich, nachdem auch der letzte Schüler im Raum verschwunden war und ging zum Pult.
Auch wenn es mittlerweile gegongt hatte, schien das die Schüler wenig zu stören. Die meisten standen noch herum und unterhielten sich, einige saßen dabei sogar auf dem Tisch und kauten Kaugummi. Nur Johanna und Barbara, zwei sehr stille und fleißige Mädchen saßen auf ihren Plätzen in der ersten Reihe und packten ihre Englischsachen aus. Eigentlich saßen die beiden bei anderen Kollegen hinten, aber da die beiden sich mehrfach beklagt hatten, in Kais Unterricht kein Wort mitzubekommen, weil die anderen so laut waren.
„Good morning!“, rief Kai mit lauter Stimme in die Runde und schaffte es so, dass sich die Schüler nun zumindest setzten und ihn mehr oder weniger gelangweilt ansahen. Nichtsdestotrotz unterhielten einige Schüler sich ungerührt weiter und selbst nach mehrfacher Ermahnung wurde es kaum ruhiger. Kai gab auf und machte sich daran, in der Klasse herumzugehen und die Hausaufgaben zu kontrollieren. In dieser Phase würde es sowieso wieder laut werden. Kaum hatte er die Hälfte der Hefte kontrolliert, quiekte an der linken Seite ein Mädchen laut auf. „Ey, gib mir sofort meinen Stift zurück, du Hurensohn!“, keifte Sandra Kevin an, der nur breit grinsend auf seinem Platz saß und seine Baseballkappe tiefer in die Stirn zog. Sandra riss ihm diese vom Kopf und warf sie quer durch die Klasse, woraufhin Kevin das Mädchen brutal auf ihren Stuhl zurückstieß und sie anbrüllte: „Du Schlampe, du! Was fällt dir ein?“
Unter dem Gejohle der Klasse eilte Kai zu den beiden und versuchte, die Auseinandersetzung zu schlichten. Natürlich stellten sich Sandras Freundinnen sofort auf die Seite ihrer Klassenkameradin, während Kevins Clique ihren Freund in Schutz nahm. Bald ging Kais Stimme im wüsten Geschrei der beiden rivalisierenden Gruppen unter. Plötzlich trat Kevins Freundin Jenny vor und schlug Sandra mit voller Wucht ins Gesicht: „Hier, du Nutte, und wenn du noch mal meinen Freund beleidigst, dann bist du tot!“
Kai drängte Jenny entsetzt zur Seite und sah entsetzt, dass Sandra eine klaffende Platzwunde am Auge hatte und leicht benommen wirkte. Das war wirklich das Letzte, das er brauchen konnte!
„Lisa, geh bitte sofort mit Sandra zum Sekretariat und hol ihr etwas zum Kühlen. Wahrscheinlich muss sie sogar von ihrer Mutter abgeholt werden und zum Arzt gebracht werden.“ Die Klassensprecherin hakte sich bei Sandra unter und verließ mit ihr die Klasse. „Ey, wir kommen mit,“ rief Sandras beste Freundin und machte sich mit fünf weiteren Mädchen auf, den beiden zu folgen. „Nein, ihr bleibt hier!“, rief Kai den Mädchen nach, doch die drehten sich nicht einmal um. „Kommt sofort zurück!“, rief er den Gang hinunter. Kate, Sandras Freundin, wandte kurz den Kopf um, keifte zurück: „Sie haben uns gar nichts zu sagen! Sie haben die Klasse ja eh nicht im Griff!“ und eilte weiter ihrer Freundin hinterher.
Kai seufzte und kehrte in die Klasse zurück. Ihm war übel und seine Hände zitterten. An Unterricht war nun natürlich nicht mehr zu denken. Die verbliebenen Schüler stritten sich noch immer lautstark über den Vorfall und nur die beiden Mädchen in der ersten Reihe sahen Kai irritiert an. „Sowas passiert bei anderen Lehrern nie“, murmelte Johanna ihrer Sitznachbarin leise zu als Kai sich vorbeugte, um den Vorfall ins Klassenbuch einzutragen. Barbara flüsterte zurück: „Und bei Herrn Müller passiert es dauernd.“ Zwei leise Bemerkungen, die überhaupt nicht für ihn bestimmt waren und doch trafen sie Kai mitten ins Herz. Mittlerweile war er den Tränen nahe, doch diese Blöße durfte er sich vor den Schülern nicht geben.
Endlich gongte es. Kai verließ die immer noch sehr aufgebrachte Klasse und ging Richtung Lehrerzimmer, weil er dort seine Freistunde mit der Korrektur eines Vokabeltests verbringen wollte.
Kaum hatte er sich gesetzt, hörte er, wie die Tür hastig aufgeschlossen wurde und der Schulleiter in den Raum stürzte. „Herr Müller, kommen Sie bitte mal mit!“, raunzte er ihn sichtlich wütend an und eilte voraus in Richtung Rektorat.
Mit weichen Knien folgte Kai ihm. Im Zimmer des Rektors war bereits die gesamte Schulleitung versammelt und sah ihn mit ernster Miene an. Kai wurde dazu aufgefordert sich zu setzen.
„Eben wurde Sandra Küppers blutend hierher gebracht. Ihre Mitschülerinnen haben mir berichtet, dass sie in Ihrem Unterricht von einer anderen Schülerin angegriffen wurde, nachdem es vorher schon drunter und drüber gegangen war. Sandras Mutter hat sie eben abgeholt und sich über den Zustand ihrer Tochter fürchterlich aufgeregt.“ Der Schulleiter bebte vor Wut.
Nun schaltete sich auch sein Stellvertreter ein: „Frau Küppers hat angekündigt ihre Tochter zur Untersuchung ins Krankenhaus zu bringen und dann Anzeige gegen Sie wegen Verletzung der Aufsichtspflicht zu erstatten. Außerdem will sie eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sie einleiten.“
„Offenbar geht es bei Ihnen ja regelmäßig so zu – das hat sich mittlerweile in der Elternschaft und im Kollegium herumgesprochen“, ergänzte der Rektor. „Sie sind eine Belastung für unsere Schule – so jemanden wie Sie können wir hier nicht gebrauchen. Ich kann Ihnen nur raten, von sich aus zu kündigen; ansonsten werden wir Sie aus dem Dienst entfernen lassen. Jemanden, der unfähiger ist als Sie, habe ich noch nie getroffen.“
Kai war es eiskalt. Seine Stimme zitterte und er fühlte sich einer Ohnmacht nahe, als er fragte: „Ist das alles? Dann kann ich jetzt ja wohl gehen.“
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, stand er auf und verließ das Rektorat. Er nahm um sich herum nichts mehr wahr, weder, ob ihn die Schulleitung zurückrief noch ob die Schülerinnen, die ihm auf dem Flur begegneten, seinen starren Gesichtsausdruck und die Tränen in seinen Augen bemerkten.
Zielstrebig ging er Richtung Ausgang. Mit der rechten Hand schob er die schwere Metalltür auf und überquerte den großen schattigen Schulhof. Mit einem Quietschen fiel das Schultor hinter ihm zu. Kai drehte sich nicht mehr um. Er hörte nur noch seinen Puls und den Klang seiner Schritte.
Plötzlich riss die dichte Wolkendecke über der Stadt auf und ein Sonnenstrahl wärmte für ein paar Sekunden sein Gesicht. Kai bemerkte es nicht.
