Hallo zusammen!
Mir ist mal eben folgende Szene eingefallen, die ich mal eben aufgeschrieben habe. Ist sowas langweilig? Wie kann man es spannender machen?
Leider weiß ich nicht, wie die Handlung weiter gehen könnte. Hat jemand vielleicht eine Idee?
Die Gedanken der Protagonistin sind eigentlich kursiv und die Absätze eingerückt.
Herzliche sächsische Grüße
mifune
Bevor sie sich aufmachte hinaus auf die große, kreisrunde Bühne zu gehen, prüfte sie noch einmal das Mikrofon vor ihrem Mund. Das Headset hatte ihr vorhin ein gehetzt dreinblickender Mann überreicht und ihr kurz erklärt, wie man es bedienen musste. Sie kannte sich damit aus. Für den Zuschauer unhörbar konnte jemand sie darüber an den Dialogtext erinnern oder ihr auch kurzfristige Änderungen im Programmablauf übermitteln. Das Mikrofon war an einer hautfarbenen Halterung befestigt, welche eng an ihrer Wange zum Mund führte. Sie schaute hinüber zu den zwei schweren, dunkelroten Vorhängen, die den Vorbereitungsraum von der Hauptbühne trennten. Seitlich saß bei spärlichem Licht einer Leselampe der Techniker auf einem kleinen schwarzen Hocker. Vor ihm stand ein Mischpult mit verschiedenen kleinen Lampen, die, je nachdem wie die Schalter für Beleuchtung und Vorhänge, Mikrofone und Lautsprecher bewegt wurden, aufflammten oder erloschen. Über dem Ausgang, der in den Flur zu den Kabinen und Probesälen führte, leuchtete blutrot das Schild für den Fluchtweg bei Notfällen. So weit sie weiß, hatte es an diesem Theater noch nie einen gegeben. Nur einmal hatte ein Gewitter die Elektrik lahm gelegt. Einige Vorstellungen sind damals ausgefallen oder verschoben worden und die Theatergruppe hatte im Dunkeln proben müssen, was plötzlich ganz neue Möglichkeiten in der Interaktion untereinander eröffnet hatte. Außer dem Techniker waren noch ein Dutzend weitere Personen hinter dem Bühnenvorhang. Bühnenarbeiter, die Putzfrau und verschiedene Schauspieler.
Die gedämpften Stimmen erinnerten sie an ihren Auftritt. In wenigen Minuten war Vorstellungsbeginn und vom Saal drangen die lauten Unterhaltungen der Zuschauer herein. Eine Frau prüfte noch einmal ihr Make-up und ihre Kleidung – ein enger blauer Rock mit gleichfarbiger Bluse. Der Direktor, immer mit einem Ohr am Vorhang und ständigem Blickwechsel mit der Uhr, deutete ihr an, sie solle sich bereithalten. Sie atmete noch einmal tief durch. Der Techniker prüfte mit ihr das Mikrofon. Sie konnte seine raue Stimme klar hören. Der Mann reckte den Daumen in die Luft. Sie nickte. Ihre Stimme war ebenfalls laut und deutlich zu hören. Der Programmleiter gab ihr das Signal und wünschte ihr noch gutes Gelingen. Der Techniker ließ eine ruhige Musik abspielen und im Saal erlosch langsam das Deckenlicht – vorsichtig, als wolle man die Zuschauer nicht mit plötzlicher Dunkelheit überraschen. Der Lichttechniker am hinteren Ende des Saals richtete seinen Spot-Scheinwerfer auf die Mitte der Bühne. Sie ging langsam auf den Vorhang zu, schob den schweren Stoff zur Seite und blinzelte etwas im grellen Licht, bemühte sich aber trotzdem freundlich in die Zuschauermenge zu blicken, die jetzt in lauten Beifall ausbrach. Sie trat auf die Bühne, der Vorhang schlug hinter ihr wieder zusammen. In Momenten wie diesen war ihre Aufregung am größten. Die Nackenmuskeln angespannt, die linke Hand zur Faust hinter ihrem Rücken verkrampft. Am Theater und an den Schulen für Schauspielkunst, die sie absolviert hatte, lernt man mit solchen Momenten umzugehen. Mit der Zeit hatte sich bei ihr eine gewisse Routine eingestellt und sie verspürte nicht mehr ganz so drastisch die Angst vor Auftritten wie zu Beginn ihrer Karriere. Dieser Abend unterschied sich jedoch in jeder Hinsicht von den Vorstellungen anderer Tage. Diesmal stand sie als Moderatorin einer neumodischen Umsetzung des bekannten Dramas des Dr. Faust auf der Bühne und schien mit der neuen Aufgabe nicht vertraut zu sein, obwohl sie schon viele Stunden vor Zuschauern verbracht hatte. Sie versuchte in der Menge ihre Freundin Jane ausfindig zu machen. Ihr Platz war auf der linken Seite direkt am Mittelgang. Sie hatte Jane auf dem Campus kennen gelernt und seitdem sah man sie sehr selten nicht zu zweit. Nach dem Tod ihrer Eltern ist Jane für sie nicht nur zu einer guten Freundin, sondern zu ihrer Familie geworden. Und bei Auftritten wie diesen war sie froh Jane unter den Zuschauern zu wissen.
Ein leises Knacken in ihrem Ohrhörer riss sie aus ihren Gedanken. Der Programmleiter? Gab es jetzt schon Änderungen, bevor die Show überhaupt beginnen konnte? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Die Stimme, die kurz darauf in ihrem Ohr zu hören war, ließ sie unmerklich aufschrecken. Die dunkle Stimme eines Mannes. Es war schwer das Alter eines Menschen am Klang seiner Stimme zu erraten. Sie schätzte es auf vierzig. Der Mann konnte aber auch zehn Jahre jünger sein. Sie hatte die Stimme noch nie gehört und doch kam sie ihr bekannt vor. Die Worte klangen in ihrem Ohr kalt. Aus ihnen war eine gewisse Höflichkeit nicht zu überhören. Diese war nicht gespielt, das hörte sie gleich.
„Einen schönen Guten Abend wünsche ich Ihnen, Miss Hall. Ich weiß, sie kennen mich nicht. Ich kann Ihnen leider nicht meinen Namen sagen. Dafür haben Sie sicherlich Verständnis, da bin ich mir sicher. Sie werden jetzt ganz genau meinen Anweisungen folgen.“ Hier machte der Unbekannte eine kurze Pause. „Wenn sie nur ein bisschen davon abweichen, wird ihre Begleiterin nicht mehr zu Ihnen zurückkehren und Sie werden sie nicht wieder sehen.“
Jane! Sie erstarrte. Ihre Lippen bebten. Das Lächeln verschwand. Die Hitze der grellen Scheinwerfer war plötzlich unerträglich. Sie schauderte. Kalter Angstschweiß lief über ihren Rücken. Etwas in dieser Art hatte sie noch nie erlebt. Ihr wurde es heiß und kalt zugleich. Verzweifelt versuchte sie in dem Raum Jane zu finden. Mit hektischen Blicken suchte sie die Reihen ab. Sie sah niemanden. Der Raum schien leer zu sein und doch war er bis auf wenige Plätze besetzt. Sie sah nur schwarz, und doch wurde sie von gleißendem Licht geblendet. Unsicher wandte sie sich nach hinten in die Richtung, in die sie den Techniker vermutete.
„Es hat keinen Sinn. Er kann uns nicht hören“, sagte da die Stimme, als hätte diese ihre Gedanken erraten. Sie fuhr herum und starrte in die Zuschauermenge. Kann der geheimnisvolle Mann mich sehen? Sitzt er unter den Zuschauern? Sie versuchte erneut durch das helle Licht in die Menge zu schauen. Doch da war wieder nur diese schwarze Wand. Eine dunkle Masse von Menschen, deren Blicke auf sie gerichtet waren. Sie blickte ins Nichts. Ihr wurde schwindlig und sie bemühte sich nicht die Fassung zu verlieren. Plötzlich fühlte sie sich unheimlich hilflos und allein. Sieht man nicht in welcher Gefahr ich und Jane stecken? Sie wissen es nicht. Niemand weiß es. Ich bin allein. Was kann dieser Fremde von mir wollen? Warum gerade von mir? Was weiß er von mir? Was will er? Wo ist Jane? Gedanken von gewaltvollen und grausamen Entführungen blitzten ihr durch den Kopf. Entführungen und Erpressungen gab es schon viele, doch nie hatte sie jemals daran gedacht, selbst Opfer solcher Verbrechen zu werden. Erst recht nicht vor aller Öffentlichkeit. Dieser Mann ist ein Profi. Ist er allein? Wie kann er zu mir sprechen, ohne, dass der Techniker etwas davon weiß? Der Techniker! Weiß er wirklich nichts? Sie fühlte sich verraten und verlassen und auf einmal konnte sie niemandem mehr trauen. Die Bühnenarbeiter, der Direktor, der Programmleiter – alle schienen jetzt mit beteiligt zu sein. Hör auf! Das bringt nichts!
Sie stand noch immer direkt vor dem Vorhang. Die Musik wurde leiser. Im gesamten Raum kehrte erwartungsvolle Stille ein. Sie ging ein paar Schritte in die Mitte der Bühne und versuchte wieder zu lächeln. Sie dachte krampfhaft nach, rang nach Worten, aber ihr viel nichts mehr ein. Plötzlich war da eine Leere. Sie konnte nichts sagen.
„Ich verstehe, dass es für Sie unerwartet kommt. Es ist zu Ihrem Besten, Miss Hall. Und Ihrer Freundin geschieht nichts, wenn Sie zur Kooperation bereit sind.“ Zur Kooperation. Zu meinem Besten. Jane geschieht nichts. Sie wird leben. Was muss ich tun, damit sie leben darf? Es hätte komisch geklungen, hätte sie diese Frage laut ausgesprochen. Wie sollte sie antworten? Sollte sie überhaupt antworten?
„Begrüßen Sie die Zuschauer wie Sie es auch so tun würden. Jetzt!“ kam die Anweisung über das Headset. Sie tat es. Ihre Stimme schwankte leicht; sie kam ihr fremd vor, als sie ihre eigenen Worte hörte. Jene Worte, die vorgesehen waren ein knapp zweistündiges Theaterprogramm einzuläuten. Jetzt waren sie die Eröffnung für einen Albtraum und gleichzeitig die schwierigsten Worte ihres Lebens. Als sie endete, hatte sie Mühe ihr gespieltes Lächeln nicht zu verlieren und die Fassung zu bewahren. Nimm dich zusammen!
„Sprechen Sie mir nach“, befahl jetzt der Mann durch den Ohrhörer.

