Griaß Eing,
Ich habe wieder eine Geschichte… Alles ein bissi patschert, wird noch verbessert… Und achtet nicht auf Beistriche, ihre Verteilung beruht auf reinem Zufall… Trotzdem: viel Spaß 
Möbius, oder das Paradoxon im Autobus
Montag am sehr frühen Morgen. Der erste Bus dieses Tages verließ die Haltestelle. Ich war noch ein wenig außer Atem und suchte mir einen Sitzplatz. Ein junge Dame lächelte mir freundlich zu und machte mir bereitwillig Platz. Ich setzte mich neben sie. Kannte ich sie? Vielleicht aus der Firma? Sie kramte in ihrer Tasche, und holte ein Notebook raus. Ich wendete mich wieder meinem Buch zu. Zwar lese ich im Autobus nicht so gerne, aber dieses Buch fesselte mich. Es war eine kurzweilige und witzig geschriebene Abhandlung über Paradoxen. Meine Nachbarin klappte ihr Notebook auf, und ich mein Buch wieder zu. Sowas habe ich noch nie gesehen. Was war das für ein Modell? Ich kannte es jedenfalls nicht, und ich bilde mir ein, die meisten Modelle zu kennen. Und das Betriebssystem? Das kannte ich auch nicht, und das ist wirklich seltsam. Vielleicht das neueste Linux?
„Was ist denn das?“ Entfuhr es mir.
Sie klappte ihr äh- Ding zu und sagte zu mir: „Festhalten!“
„Was?“ sagte ich.
Da hörte ich den Busfahrer rufen: „FESTHALTEN!“ begleitet mit einem Fluch. Der Rat war durchaus vernünftig, wie mir schien, da gerade ein Taxi im Begriff war, mit dem Bus zu kollidieren, also tat ich wie geheißen.
Es gab einen nicht allzu heftigen Ruck, und der Bus schlitterte auf eine Hausmauer zu. Es gab ein häßliches Geräusch, und endlich kam der Bus zum stehen.
Ich schnappte nach Luft. Ok, das war ein Unfall, aber wir schienen alle mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Naja, fast alle. Nur ein etwa 10-jähriger Junge, der als einziger nicht gesessen ist, hatte eine Wunde auf seiner linken Hand. Als er das realisierte begann er zu weinen.
Der Busfahrer, blass wie die Wand gegen die wir gedonnert waren, ging durch den Bus. Er war in jeder Hinsicht riesig, sowohl von der Größe, als auch von der Breite her, und schien so zu seinem Bus zu passen.
„Irgend jemand was passiert?“
Bei dem Jungen blieb er stehen, und sah sich besorgt seine Hand an.
„Moment“ sagte er zu dem Jungen, und holte einem Erstehilfekasten.
Eine junge Dame stand auf und behauptete sie wäre eine Krankenschwester.
Der Busfahrer schien erleichtert zu sein, und übergab ihr die Box.
Zuletzt kam er zu uns. Es schien wirklich so, bis auf den Jungen hatten wir alle Glück. Ein paar blaue Flecken, vielleicht die eine oder andere Prellung, aber sonst…
Der Autobus stand parallel zur Hauswand. Es war unmöglich die Türen zu öffnen um hinauszugelangen.
Die Passagiere begannen ihre Handys rauszuholen und zu telefonieren. Gesprächsfetzen wie: „Komme später“, „Unfall“, „sag bitte Herrn…“ drangen an mein Ohr. Ich holte auch mein Handy hervor, aber ich sollte nicht zu meinem Gespräch kommen.
Meine Sitznachbarin griff sich den Notfallshammer und zischte mir etwas zu.
Ich sollte den Busfahrer aufhalten, und fragte warum.
„Tun sie es einfach!“. Aber das war auch keine erschöpfende Auskunft.
Der Busfahrer war schon da und schob mich einfach beiseite. Gegenwehr war sinnlos, er war vielleicht doppelt so schwer wie ich, außerdem hatte er sein Amtskapperl auf.
Er griff mit einer Schnelligkeit, die ihm wohl keiner im Bus zugetraut hatte nach dem Hammer und nahm in meiner Sitznachbarin weg.
„Bitte nicht, seien sie vernünftig!“ sagte er. „Die Straße da draußen ist glatt, also wenn sie aus dem Fenster springen, brechen sie sich noch was. Außerdem, die Autofahrer da draußen dürften das Glatteis noch nicht bemerkt haben.“ Wie zum Beweis, schlitterte ein Auto mit hoher Geschwindigkeit, knapp am Bus vorbei.
Der Busfahrer zeigte auf ihn, als wolle er sagen: ‚Sehen sie?‘
Statt dessen sagte er: „Feuerwehr, Polizei und Rettung sind schon verständigt, in einer Stunde sollten wir wohlbehalten draußen sein.“ drehte sich um, und nahm den Hammer mit. Zumindest wir hier im Bus werden die Rettung nicht brauchen. Der Junge mit der verletzten Hand war wieder guter Dinge. Stolz zeigte er jedem seine Hand im Verband.
Die Rettung und die Polizei waren bereits da. Die Rettung kümmerte sich um die Insassen im Taxi. Einer jungen Frau wurde das Bein geschient. Der Taxifahrer saß auf einem bereitgestellten Schemel. Nicht viel passiert, alle gerade noch ein mal halbwegs gut davongekommen, aber… Moment mal… Die Frau sieht jemandem unwahrscheinlich ähnlich.
„Die sieht genau aus wie sie!“ Meine Sitznachbarin sah hinaus.
„Sie werden sich vielleicht wundern, aber das bin ich, da habe ich mir gerade das Schienbein gebrochen“
„Sie meinen ihre Zwillingsschwester?“
„Nein, aber wenn sie wollen erzähle ich ihnen meine ganze Geschichte, wir sitzen hier noch…“ sie sah auf die Uhr „87 Minuten. Genug Zeit, also. Wenn sie wollen können sie ein Zeuge sein.“
Ich wusste nicht, was das soll. Wollte sie mir jetzt einen Bären aufbinden? Gut, die Frau war ihr wirklich sehr ähnlich, aber dass sie behauptet, sie wäre sie? Aber ich konnte ja nicht raus. Und das für die nächsten 87 Minuten nicht. Das heißt, wenn man ihr glauben soll… Also was soll’s, das würde mir wenigstens die Zeit vertreiben.
„Zeuge für was? Erzählen sie…“ hörte ich mich sagen.
„Nun, ich bin Physikstudentin, und wir haben eine Zeitmaschine. Wenn sie mich fragen, woher die stammt, kann ich ihnen keine wirklich befriedigende Antwort geben. Sie stammt auf jeden Fall aus der Zukunft, und die meisten glauben, sie ist uns absichtlich zugespielt worden. Es war keine Erklärung dabei, nichts. Nicht aus welcher Zeit sie stammt udergl. Die Anleitung war auf Latein, was einige für aufschlussreich halten. Lebende Sprachen könnten sich bis zum Datum des Baus der Maschine derart verändert haben, dass die Gebrauchsanleitung für uns nicht lesbar wäre. Das war eine Sensation! Allerdings folgte bald Ernüchterung, zumindest außerhalb von wissenschaftlichen Kreisen. Die Maschine funktioniere nur in eingeschränkten Zeiträumen. Kurze zeitliche Distanzen waren leicht überbrückbar, bei Längeren gab es offenbar Probleme. Viele halten das für technische Probleme, aber ich glaube nicht daran. Schon mal nachgedacht? Zeitreisen in die Vergangenheit zerstören ev. die Kausalität. Oder? Es könnte sein, dass irgendeine Macht, die ich allerdings nicht für intelligent halte, Dinge verhindert. Sie wissen schon, Sachen wie… sie reisen zurück, um ihren Großvater zu ermorden, bevor er ihren Vater zeugt. Dadurch gibt es sie nicht, können also nicht zurückreisen… ihr Vater wird doch gezeugt, sie leben also, können wieder zurückreisen um ihren Großvater… dass ich jetzt nicht aus dem Autobus komme, oder könnte so etwas sein. Wenn ich rauskommen könnte, hätte die ganze Zeitreise vielleicht nicht funktioniert. Immerhin bin ich diejenige, die nach dem Professor am meisten Zeit mit der Maschine verbracht habe.
In der Vergangenheit gab es ein einziges Datum in das wir reisen konnten. Das ist der heutige Tag. Immer mehr theoretische Physiker warnten uns allerdings: Paradoxen könnten auftreten. Sie könnten Kettenreaktionen auslösen, und die ganze bekannte Welt verändern. Mein Professor war allerdings anderer Ansicht und wollte ein Experiment starten. Ich stellte mich zur Verfügung. Man muss dazu wissen, dass ich damals unheilbar krank war.
Ich wollte folgendes beweisen. Der Tag an dem wir zurückkonnten, also heute, war zufälliger weise der Tag an dem sich meine Eltern kennenlernten. Wenn wir das verhindern, wäre ich nicht geboren worden, es würde mich also nicht geben. Mein Professor meinte, das wäre unmöglich, und er sollte recht behalten. Aber das Ergebnis brachte noch eine Überraschung, auch für den Professor, aber sehen sie selbst.“
Ich sah aus dem Fenster. Die junge Frau, die angeblich meine Sitznachbarin war, wurde von zwei Leuten versorgt. Sie legten eine Beinschiene an.
Meine Sitznachbarin zeigte auf sie, „Schauen sie, das sind meine Eltern. Das ist der Moment in dem sie sich kennenlernten. Wäre ich nicht gewesen, sie hätten sich wahrscheinlich nicht kennen gelernt. Meine Mutter war nur für einen Tag in Wien.“
Ein endlos geflochtenes Band. Eine Möbiusschleife. Es erinnerte mich an eine Geschichte, die ich gerade im Buch gelesen habe;
Ein Shakespearefan reist in die Vergangenheit zurück, im Gepäck sämtliche Bücher von Shakespear. Er will sie mit ihm besprechen. Nur Shakespaer erweist sich als fauler untalentierter Sack, stiehlt alle seine Werke, und veröffentlich sie unter seinem Namen. Nur… NUR, wer hat ‚einen Sommernachtstraum‘ geschrieben?
Das war alles verwirrend. Aber eines interessierte mich mehr, als die ganze Geschichte. „Was war mit ihrer schweren Erkrankung?“
„Nun,“ sie lächelte, „wir konnten auch in die Zukunft. Meine Krankheit ist heilbar, aber erst ab 2100.“
Jetzt kam Bewegung in den Bus. Die Feuerwehr zog den Bus langsam und vorsichtig von der Wand weg.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, ich gebe ihnen etwas. Bitte geben sie das genau in einem Jahr meinen Eltern.“
Sie gab mir einen Zettel mit ihrem Namen und dem ihrer Eltern. Dazu zwei Gegenstände. Der eine war eine Euromünze, der andere ein Gyroskop.
Dann ging alles sehr schnell. Der Busfahrer kam zu uns nach hinten und bat um Hilfe. Wir stellten uns beide zur Türe. Der Bus war nun so weit von der Wand entfernt, dass genug Platz zum rausgehen war. Er legte einen Hebel um und wir drückten gegen die beschädigte Türe, die mit einem Geräusch, das wie ein Seufzer klang aufging.
„Frauen und Kinder zuerst!“ Rief der Busfahrer. Sein Humor war wie die rosa Gesichtsfarbe wieder zu ihm zurückgekehrt.
„Jetzt wird es Zeit, ein schönes Leben!“ Meine Sitznachbarin küsste mich auf die Wange. „Dir auch!“ Ich küsste sie auch auf die Wange. Dann zwängte sie sich durch die Türe und verschwand in der Menge. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah.
Naja, das stimmt nicht ganz, heute habe ich sie wiedergesehen.
Sie ist genau ein Monat alt. Ich übergab den Eltern den Zettel, die Euromünze und das Gyroskop. Und ich gab ihnen die Geschichte wie ich sie jetzt niedergeschrieben habe. Wenn ich sie jetzt ins Internet stelle, dann tue ich das ohne Namen der Familie oder des Professors. Damit endete der Bericht, so wie ich ihn ihren Eltern gab. Ich tue es mit gutem Gewissen. Es wird die Zukunft, so wie sie Sarah und der Professor erleben wird.
Liebe Sarah (Name geändert). Du hast gerade die Welt entdeckt. Es gibt noch viel zu entdecken, besonders für Dich. Das Gyroskop wird schon früh Deine Liebe zur Physik wecken. Du wirst auch viel mitmachen, aber für Deine Krankheit wird es eine Lösung geben, aber ich darf sie Dir leider nicht verraten. Also lebe wohl, ich halte mich bis zu dem Tag im Autobus aus Deinem Leben raus. Viel Glück, Massel-Tov
Lange habe ich noch über den Tag nachgedacht. War alles ein inszenierter Schwindel? Versteckte Kamera oder so? Vielleicht möglich, aber ich glaube nicht. Den Beweis, dass alles wahr war hielt ich ein Jahr in der Hand, die Euromünze. Sie stammte aus dem Jahr 2048, und war aus Israel. Gut, wer so einen Schwindel inszeniert, kann auch Münzen fälschen.
Liebe Freunde, lest diesen Bericht und bildet Euch selbst ein Urteil.
Servus
Herbert
PS.: Achja, nach längerer Zeit habe ich wieder am ‚Reisenden‘ gebastelt. Ich liebe ihn, ich hasse ihn. Ich würde noch so gerne so viel erzählen. Warum dieses bunte Wesen mit unserem Helden näher verwandt ist, als alle Wesen die Kinne und Nasen haben, also ihm wesentlich sind… oder wie Geheimnisse des Alls in den Talmud vom Sirius reinkommen. Ich mache nicht mehr den Fehler, Teile zu schreiben und sie gleich hier reinzustellen. Wenn ich irgendwann glaube es fertig zu haben, lasse ich ihn Euch lesen.
Euer
Herbert