Teil 2
Von: , Frage gestellt am Mo, 24. Jul 2006
Hallo,
ich weiß, bevor einem nicht klar ist wie die Handlung ablaufen soll, brauch man gar nicht erst anfangen. Da jetzt aber der ein oder andere auf Fortsetzung wartet, hab ich halt weiter gemacht. Deswegen brauch ich wirklich Vorschläge wie es weiter gehen könnte. Meine Vorstellung ist, dass der ursprüngliche Plan der Entführer zusammenkippt (ohne befreite Jane kein Druckmittel mehr, einer der Erpresser wird erkannt etc.). Schreibt mal...
„Ein herzliches Willkommen, liebe Gäste, an unserem Theater“, rief Susan durch den Lärm der klatschenden Zuschauer und trat noch ein paar Schritte vor.
„Dieser wunderbare Abend wird heute ganz den Jungen und Mädchen unserer überaus talentierten Nachwuchsgruppe gehören. Ich begrüße Sie voller Vorfreude, meine Damen und Herren, und kann Ihnen schon jetzt versprechen, dass Ihnen die Augen und Ohren übergehen werden bei dieser beeindruckenden Darbietung, für die die Kinder wochenlang geprobt und einstudiert und auch ihre letzte freie Zeit investiert haben.“
Sie lachte wieder und der Beifall, der noch nicht ganz abgeebbt war, brauste wieder auf, von den Rängen waren begeisterte Pfiffe zu hören.
Ein leises Knacken in ihrem Ohr ließ sie verdutzt innehalten. Wollte man jetzt schon Änderungen, bevor die eigentliche Show überhaupt beginnen konnte?
„Schauen Sie in Ihrer rechten Rocktasche nach!“, die dunkle, raue Männerstimme ließ sie unmerklich zusammenzucken. Wer war das? Wollte sie Jeff auf den Arm nehmen? Sichtlich irritiert fuhr sie mit der Hand in die Tasche und fand ein Stück zusammengefaltetes Papier. Jetzt wurde sie unruhig. Irgendetwas stimmte nicht, etwas sagte ihr, dass es diesmal nicht Jeff war, der zu ihr sprach.
Sie hielt den Zettel so in der Hand, dass man ihn nicht sehen konnte, machte eine Handbewegung über das Gesicht als wolle sie eine Haarsträne zur Seite schieben und warf einen kurzen Blick auf das Papier.
Susan erschrak. Es schoss ihr durch den ganzen Körper; alles in ihr schien sich zu verkrampfen. Mein Gott, Jane! Für einen Augenblick verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. Das Bild, das sie jetzt zitternd in ihrer Hand zu einem Ball zusammenpresste, kam so unerwartet und rief so viel Entsetzen in ihr hervor, sodass sie für den Moment Mühe hatte nicht die Fassung zu verlieren.
Es war ein Photo, ein schrecklicher Anblick. Sie hatte nur kurz hingesehen, aber es war wie ein Blitz gewesen. Jane saß an Händen und Füßen gefesselt, die Augen verbunden, den Mund zugeklebt, halb zusammengesunken auf einem Stuhl, offensichtlich nicht in der Lage sich zu bewegen.
Mit bebenden Lippen stand Susan vor den Zuschauern, die sich jetzt langsam wieder beruhigten. Sie war zu keinem vernünftigen Gedanken fähig; alles erschien ihr plötzlich wie in einem Traum.
„Sie werden jetzt vom ursprünglichen Programm abweichen, Miss Hall, und genau das tun, was ich Ihnen jetzt sagen werde“, hier machte der Fremde eine kurze Pause als wollte er den Augenblick des Triumphes voll auskosten. „Wenn Sie mich verstanden haben, nicken Sie kurz mit dem Kopf.“
Kaum fähig sich zu bewegen, zwang sie sich wieder in ihre Rolle; sie nickte.
„Gut. Im Publikum sitzt ein Mann namens Matthew Dellaware“, fuhr der Mann fort, „den bitten Sie jetzt auf die Bühne. Sie sagen den Leuten, dass er entscheidend an der Organisation dieses Abends beteiligt gewesen war.“
„Verehrte Gäste“, begann Susan wieder und hob dabei feierlich die Stimme, „bevor wir mit der Aufführung beginnen, möchte ich Ihnen einen Mann vorstellen, der maßgebend dazu beigetragen hat, dass diese Veranstaltung möglich gemacht werden konnte.“
Die Worte klangen hohl und fremd in ihren Ohren. Die Hitze der Scheinwerfer trieb ihr den Schweiß aus allen Poren. Sie war zu keinem vernünftigen Gedanken fähig; sie fühlte sich hilflos wie eine Marionette, dazu bestimmt nur die Dinge zu tun, zu denen man sie gewaltsam durch Ziehen und Zerren der richtigen Schnüre zwang. Herrgott, was tat sie?
„Er war für die Organisation dieses Abends verantwortlich und hat sich außerdem aufopferungsvoll für die Talenteförderung an unserem Haus eingesetzt. Begrüßen Sie mit mir Mr. Matthew Dellaware!“
Verwirrt erhob sich eine graue Gestalt aus der dunklen Menge des Zuschauerraumes, zwängte sich vorbei an Beifall klatschenden Gästen zum Seitengang und ging zögernd nach vorn. Das grelle Licht eines Spot-Scheinwerfers holte ihn ein.
„Sie machen das bis jetzt hervorragend, Miss Hall“, der unbekannte Mann sprach schnell und eindringlich. Er redete nur in den Pausen, die Susan einlegte, in denen die Zuschauer begeistert klatschten. „Ich weiß, dass Sie Angst haben, aber solange Sie weiterhin keine Dummheiten machen, werden wir Ihnen nichts tun. Haben Sie mich verstanden?“
Wieder nickte Susan leicht. Die Worte drangen aus weiter Ferne zu ihr und schienen sie nicht zu berühren. Eben noch galt ihre Sorge ihrem Auftritt, diesem Abend. Mit einem Schlag schien jetzt die heile furchtlose Welt zerstört, übrig blieb ein Trümmerhaufen – die Angst und die Sorge um das Leben von Jane. Es war ein abgekartetes Spiel mit unfairen Regeln.
Susan versuchte durch das helle Licht den Mann zu erkennen, der jetzt an der Seite die steilen Stufen auf die Bühne hochging. Matt Dellaware war ein junger, braungebrannter Mann mit kurzem dunklem Haar; er schob sich die schwarze Brille zurecht und trat mit verständnislosem, leicht verärgertem Gesichtsausdruck auf sie zu.
„Ihre Kollegin wird jetzt auf die Bühne kommen. Wenn Sie nur ein Wort mit ihr wechseln, werde ich Miss Beales töten. Sie haben es in der Hand, Miss Hall.“
Plötzlich stand Elli neben ihr und überreichte dem Mann freudestrahlend einen Rosenstrauß, während sie sich bei ihm bedankte. Ihre blaukarierte Schürze und ihr hochgestecktes graues Haar verlieh ihr dabei das Aussehen eines Schauspielers.
„Was, zum Teufel, soll das?“, stieß der Mann wütend zwischen den Zähnen hindurch. „Ich bin nicht ...“
„Ich weiß! Das war nur ein Vorwand Sie nach vorn zu holen“, sagte die Reinigungsfrau schnell. „Würden Sie bitte jetzt den Saal durch den hinteren Ausgang auf der rechten Seite verlassen?“
„Was? Ich versteh nicht!“
„Sie sollen durch den rechten Ausgang gehen. Dort wartet ein Mann auf sie, der sich noch persönlich bei Ihnen bedanken will.“
„Das muss ein Irrtum sein. Sie verwechseln mich mit jemandem.“
„Nein, gehen Sie einfach. Es ist wichtig!“, Elli musste ihre panische Angst unterdrücken, sie bemühte sich nicht laut aufzuschreien.
Völlig durcheinander stieg Dellaware wieder von der Bühne und strebte die Tür hinten im Saal an, ohne das gefährliche Spiel zu durchschauen, das zwei ungleiche Seiten begonnen hatten.
Der Blick, den Elli Susan beim Weggehen zuwarf, sprach Bände – da war Angst, Ratlosigkeit, ein Bitten, ein Flehen. Sie wurden brutal in ein Drehbuch gepresst, dessen unheilvoller Schluss noch ungeschrieben war. Ein falsches Wort, eine falsche Geste – und die Vorstellung wäre zu Ende.
Susan stand wieder allein auf der Bühne und beobachtete mit einem freundlichen Lächeln wie die dunkle Gestalt am Seitengang nach hinten lief, vor ihr eine schwarze Masse von applaudierenden Menschen.
Jane wagte nicht sich zu bewegen, ihr Atem ging hektisch und stoßweise. Das übel riechende Tuch war von den Augen gerutscht, nachdem sie minutenlang ihr Gesicht immer wieder verzerrt und alle möglichen Minen aufgesetzt hatte.
Ihre Gedanken zogen wie rasende Wolken an ihr vorbei. Es war wie in einem Albtraum. Ihr ganzer Körper zitterte vor Angst und Aufregung. Wer waren die Männer, die sie hier eingesperrt hatten, und was wollten sie? Warum gerade sie, warum nicht einer der anderen Gäste? Erinnerungen von gewaltvollen und grausamen Entführungen anderer Menschen blitzten ihr durch den Kopf; nie hatte sie jemals daran gedacht, selbst ein Opfer zu sein.
Plötzlich tauchte das Bild Susans vor ihren Augen auf, nur verschwommen. Sie hatte Jane auf dem Campus kennen gelernt und seitdem hatte man sie beide selten ohne den anderen gesehen. Sie hingen aneinander, sie stützten sich gegenseitig und halfen dem anderen wo es nur irgend möglich war. Nach dem Tod von Susans Eltern ist Jane für sie nicht nur zu einer guten Freundin, sondern wahrscheinlich auch zu ihrer Familie geworden.
Jetzt schaute Jane sich neugierig um. Die großen braunen Augen waren kurz auf den lang gezogenen, schmalen Strich unterhalb der Tür gerichtet. Ein schwacher, heller Lichtschein der Flurbeleuchtung erhellte jetzt die Bodendielen direkt davor und ließ den Rest des kleinen Raumes in einem gespenstischen Halbdunkel.
An einer Seite standen mehrere Stühle übereinander aufgetürmt, dahinter ein paar Bänke. Gegenüber erkannte Jane eine eingelassene Trennwand, hinter der Putzmittel, Eimer und Besen aufbewahrt wurden. Sie saß in einer Abstellkammer, vermutlich im Untergeschoss des Theaters, wo es schwieriger sein würde, sie zu finden.
Langsam hatte sie sich damit abgefunden, eine Geisel zu sein. Jane Beales wusste, dass sie sich nicht der in ihr aufsteigenden Panik hingeben durfte; alle Selbstvorwürfe und jeglicher Zweifel musste sie jetzt hinter sich lassen. Die Gefahr eine geeignete Fluchtchance nicht zu erkennen und wahrzunehmen war zu groß. Doch wenn eine Möglichkeit bestand, musste sie das Wagnis eingehen.
Mit vor Aufregung zitternden Fingern löste sie ihre Armbanduhr vom Handgelenk, holte aus und schlug diese mit aller Kraft gegen das kantige Metallbein des Stuhls – immer und immer wieder. Sie konnte dabei nur das Handgelenk bewegen, das Klebeband verhinderte, dass sie mit dem Arm Schwung holte. Nach einigen Stößen zersprang das Glas. Jane drückte es ganz ein und versuchte ein Stück vom Rand zu lösen.
Ein scharfer Stich durchfuhr ihre rechte Hand und sie hatte Mühe nicht laut aufzuschreien. Das feuchte Blut rann ihre Handfläche hinunter.
Ein Splitter löste sich, aber er fiel ihr aus der Hand und sprang auf den Boden. Jane formte mit ihren Lippen einen Fluch; der Schweiß klebte auf ihrer Haut, ihre Ungeduld wuchs und sie versuchte den stechenden Schmerz zu unterdrücken. Nach weiteren verzweifelten Versuchen hielt sie ein scharfkantiges Stück Glas, so breit wie eine Fingerkuppe, in der blutenden Hand, presste es zwischen Daumen und Zeigefinger und schnitt mühselig das breite Klebeband durch.
Mehrere Minuten später hatte sie sich vollständig befreit. Jane sprang auf, ließ sich jedoch gleich darauf stöhnend auf den harten Stuhl zurückfallen. Ihr Kopf dröhnte, ringsum schien sich das Zimmer um zu drehen, krampfhaft hielt sie sich am Sitz fest. Es war zuviel!
Aus ihrer Hand quoll dunkles Blut und tropfte auf den Fußboden. Fieberhaft holte sie ein Taschentuch aus ihrer Hose und presste es auf die Schnittwunde; der Stoff saugte sich augenblicklich voll.
Jane Beales richtete sich erneut vorsichtig auf, trat auf die verschlossene Tür zu und lauschte. Im Gang war es ruhig, niemand schien sich jetzt hier unten aufzuhalten. Sie sah auf die Uhr, beide Zeiger waren abgebrochen, das Ziffernblatt war zerkratzt. Vermutlich hatte die Vorstellung soeben begonnen.
Die junge Frau musterte die Tür. Die sah nicht besonders stabil aus: an vielen Stellen fehlte die Farbe, altes Sperrholz war sichtbar, eine lockere Türklinke aus hellem Kunststoff hing von der häufigen Benutzung schief nach unten.
Die Tür splitterte, unzählige Holzstücke fielen zu Boden, das Sperrholz ächzte unter den harten gezielten Tritten gegen das Kunststoffschloss, welches sich zunächst leicht verbog und dann schließlich nachgab.
Jane stolperte in den Gang und sank gegen die Wand. Sie keuchte, als jetzt der heiße Schmerz ihren Fuß durchflutete. Das war es wert!
