Neuerdings gibt’s wieder Tankwarte…
Hallo! Einen schönen, sonnigen Sonntagmorgen wünsche ich!
Vielleicht habt Ihr schon 'mal wieder einen gesehen: einen Tankwart! Einer, der so richtig den Power-Rüssel in den Einfüllstutzen Deines Automobils rein hängt. (Und zuletzt vielleicht noch ein Trinkgeld kassiert… Naja.)
Ich fuhr jedenfalls letztens mit meinem dicken Schlitten an eine solche Tanke. Nachdem der besagte Wart mit dem Auftanken begonnen hatte, fingen wir zunächst ein lapidares Gespräch an. Über’s Wetter. Ja, es war warm und sonnig. Zu warm für Mitte Dezember. Aber mir war’s recht. Ihm wohl auch.
Ich bemerkte, dass der Tankwart – oder sollte ich besser sagen Tankstellenpächtersgehilfe? – meinen Wagen leise bestaunte. Ja, schüchtern verhielt sich der junge Kerl, während er von unten herauf mit den Augen nach „dem Ding“ gierte, mit dem ich vorgefahren war.
Plötzlich meinte der junge Mann: „Was ist denn das für ein Propeller, der sich da vorne an Ihrem Wagen so schnell dreht?“
Ich darauf: „Das ist die Tankuhr!“
Er zog die Augenbrauen hoch und schien dabei den Knauf des Zapfrüssels fester zu drücken, so als wolle er mit dem „Propeller“ um die Wette eifern.
Da er ja nicht wusste, dass in meinem Gefährt ein 240-Liter-Tank eingebaut ist, konnte ich mir bestimmt noch einen Spaß mit ihm erlauben. Doch das dauerte noch eine Weile.
Als die Uhr der Zapfsäule die 100-Euro-Marke weit überschritten hatte, meinte der Tankwartsgehilfe vorsichtig zu mir, ob ich denn bitte den Motor ausstellen könne – sonst würde der Tank wohl nie voll werden.
Ich drehte den Schlüssel im Zündschloss zurück. Das Blubbern des Motors erstarb mit einem Glucksen. Dann folgte die lange Stille. Sie wurde nur durch das Summen der Zapfanlage untermalt.
Gelegentlich wagte ich einen Kontrollblick über die Schulter, um zu sehen, wieviel Benzin bereits im Tank verschwunden war. Natürlich tankte ich „100 Octan Plus“. Schließlich gibt’s für mein Schmuckstück nur das Beste, auch in den heutigen Zeiten.
Bei Preisen von mehr als 1,309 für den Top-Treibstoff ist’s auch an sonnigen Tagen an Tankstellen sehr ruhig. Gerade rechnete ich mir aus, wann ich wieder ins Geschehen eingreifen musste. Als die Preisuhr den Betrag von 200 Euro durchlaufen hatte, fragte ich den Tankwart, ob er denn nicht 'mal langsam zum Ende kommen wolle.
„Ja, ja“, stotterte er, „aber Sie sagten doch ‚Volltankem!‘“ Dabei staunte er selbst in sich hinein.
Und ja! Das hatte ich auch zu Beginn gesagt. Ich nickte zustimmend, so dass er verstand, dass er weiter machen sollte.
Sah ich da etwa Schweißperlen auf seiner Stirn? Ich wußte es nicht. Trotzdem war der Mann nun sichtlich erregt, das heißt unruhig.
Da es langsam auf die 300-Euro-Marke zuging, konnte ich dann doch den Schweiß des Tankwarts rinnen sehen. Und das wohlgemerkt bei 12 Grad Außentemperatur und leichter körperlicher Tätigkeit!
Worum bangte er eigentlich? Konnte er sich nicht ausrechnen, dass er sich womöglich ein fettes Trinkgeld verdiente? Oder hatte er Angst darum, ein hohes Trinkgeld zu verlieren?
Sein Interesse an meinem Schlitten war jedenfalls erstorben. Vielmehr wechselte sein Blick jetzt in kurzen Abständen zwischen der Anzeige der Zapfsäule und dem Tankstutzen. Sicher wollte er das Fahrzeug nicht zum Überlaufen bringen. Gleichzeitig mag er befürchtet haben, dass der Zapfhahn oder die ganze Anlage nicht in Ordnung war.
Dann aber, endlich!, bei 310,29 Euro schaltete die Automatik ab. Noch vom Fahrersitz aus hatte ich hören können, wie das Benzin im Tank zuletzt gesprudelt hatte.
„Tanken Sie nur richtig voll“, warf ich dem jungen Mann zu.
Nach ein paar kurzen Schüben Sprit aus dem Zapfhahn blieb der Preis zuletzt auf 316,10 Euro stehen.
Kaum, dass er es fassen konnte, ganz in Zeitlupe, hängte der Tankwartskerl den Zapfhahn zurück. Dann schrieb er mir sinnierend einen Beleg, den ich gegenzeichnen sollte. Ich nahm den Zettel an mich, stieg aus dem Wagen, und ohne mich umzudrehen marschierte ich höchstpersönlich zur Kasse. Ein Protest des Tankwarts erstarb leise, bevor er richtig aufgekommen war.
Man hatte uns von drinnen beobachtet. Die Clique von drei Angestellten in uniformhafter Firmenkleidung löste sich unter Räuspern auf. Nur der Kassierer blieb zurück. Mir ausgeliefert.
„Säule drei?“ fragte er, so als müsse ich bestätigen, dass ich ich selbst sei.
„Ja“, kam’s kurz von mir und ich reichte den Zettel des Tankwarts zusammen mit einem 500-Euro-Schein über die Theke.
Der Kassierer zögerte: „Es tut mir leid. Aber ich kann den Fünfhunderter nicht annehmen.“
„Bitte?“ Ich tat so unwissend und freundlich wie möglich.
Wenn der ebenfalls junge Kassierer, der ja auch nur Gehilfe des Tankstellenpächters war, genau hingehört hatte, dann hatte er einen subtilen Zynismus in meiner Stimme erkennen können. Nun wollte er mich, ganz bestimmungsgemäß, belehren, was bereits seit Jahren auf den Schildern an den Zapfsäulen stand: „Fünfhundert-Euro-Banknoten nehmen wir hier nicht an. Das ist ja draußen auf den Schildern angeschrieben. - Wenn Sie lesen können.“
„Wenn ich nicht lesen könnte, wüßte ich nicht, wie ich zu meinem Führerschein gekommen wäre“, gab ich zur Antwort.
Der Kassierer überging die Stimmung, die in ihm aufsteigen wollte: „Haben Sie’s denn nicht kleiner? Einhundert- oder Zweihunderter-Scheine?“
„Ja, doch!“ Ich schaute in mein Portmonee, und das so offensichtlich, dass sich mein Gegenüber von meiner Nichtzahlungsfähigkeit aber Zahlungsbereitschaft überzeugen konnte. „Hier sind zwei Hunderter. – Ist das in Ordnung?“ – Zisch! Diese Ironie war nun nicht mehr zu überhören.
Sein Gesicht machte einen bemitleidenswerten Ausdruck. Diese Zweihundert mochten sein Wochenlohn netto sein. Und das Gesicht verzog sich so, als wäre er der 5-Sterne-Chefkoch, der seinen Lehrling ansieht, nachdem diesem eine Mousse au Chocolat beim Herausnehmen aus dem Ofen zerfallen war. Mein Gott! So lecker und doch kaputt!
„Also, nehmen Sie vielleicht doch den großen Schein? Dann muss ich heute nicht so viele Autos bei Ihnen waschen!“ Ich versuchte, ihn mit dummdreistem Charme aus der Reserve zu locken.
Er ließ sich den Laufzettel von mir geben, meinte: „Warten Sie einen Augenblick“ und verschwand in hinteren Räumlichkeiten.
Keine Minute später erschien zuvorderst ein Mann im besten Alter, der durch sein Auftreten den Eindruck ‚Ich bin hier der Boss‘ machte. „Was kann ich für Sie tun?“ fragte er sachlich-forsch. Er blickte auf den Zettel in seiner Hand.
„Ich möchte bezahlen.“
„Das erwarten wir auch!“
„Ich habe es aber nicht kleiner“ und ich wedelte mit dem Fünfhunderter in der Luft.
Der Chef zog unter einem „Hmmm“ die Mundwinkel runter. „Geben Sie her!“ forderte er mich etwas barsch. Ein leicht südländischer Dialekt war an dem über die Zunge gerollten R zu hören gewesen. Ein ‚Eh!‘ war aber nicht gefallen. Dann schaute er sich die Banknote gegen das Licht haltend an. Etwas kritisch. Dann folgte ein kritischer Seitenblick zu mir. Und seine Augen richteten sich wieder zurück auf das bedeutungsvolle Zettelchen in seiner Hand.
„Gut!“ Er zückte sein Portmonee, holte daraus fünf 100-Euro-Scheine hervor. „Da haben Sie Geld zum Bezahlen“ erwiderte er mit süffisantem Tonfall. Meinen großen Schein steckte er kurzerhand in sein Portmonee. Schließlich beobachtete er noch, wie ich ordnungsgemäß bezahlte, nun nüchtern abkassiert wurde, meinen Kassenbeleg erhielt und auch freundlichst verabschiedet wurde.
Ich bedankte mich höflich bei beiden. Und nachdem ich mich umgedreht hatte um zum Wagen zurück zu gehen, grinste ich mit leicht gesenktem Kopf in mich hinein.
Dem freundlich-ängstlichen Tankwart steckte ich einen Zwanziger zu. „Ich fahre ja nicht jeden Tag meinen Tank leer!“
„Da-da-danke“, stotterte der junge Mann, der inzwischen ausreichend Zeit gehabt hatte, mein rosa Flaggschiff mit den geschwungenen Kotflügeln zu bestaunen.
Ich stieg in beschwingter Stimmung in meinen Wagen. Dann startete ich den Motor und gab als typisches Zeichen von Kraft unter der Haube und deren Zurschaustellung etwas aufheulend Gas im Leerlauf.
Dem baffen Tankstellenpächtersgehilfen rief ich noch „Frohe Weihnachten, einen Guten Rutsch und Fröhliches Eiersuchen!“ zu.
Da die wärmende Sonne gegen Mittag höher gestiegen war, konnte ich weiter mit offenem Verdeck fahren. Ich fuhr belustigt vom Hof.
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