In der kleinen Küche roch es verführerisch.
Auf dem E-Herd stand eine Pfanne, in der Spiegeleier mit Speck brutzelten, es knisterte und dampfte, der Duft stieg auf und verteilte sich.
Franz K. nahm einen Holzlöffel um sein ‚amerikanisches Frühstück‘ wie er es nannte zu wenden und auf beiden Seiten gleichmässig mit Pfeffer und Salz zu würzen.
Er war ein unscheinbarer, unauffälliger Mann, über 40, einssiebzig gross, kaum 70 kg schwer und sein einst so volles Haar wies schon die eine oder andere Lücke auf - aber das störte ihn nicht im geringsten.
Seine kleinen, flinken Augen musterten den Pfanneninhalt kritisch, bis er vor sich hin murmelte:‚Fertig!‘
Er griff sich einen flachen Teller, kippte die Pfanne mit einem eleganten, tausend Mal schon ausgeführten Schwung um - und schrak plötzlich zusammen! - Eier und Speck verfehlten den Teller und landeten auf dem Küchenboden!
Irritiert hielt er inne, starrte das Essen auf dem Boden an und lauschte - ein ungewohntes Geräusch??
Schon seit 14 Jahren lebte er in diesem kleinen, alleinstehenden, am Stadtrand gelegenen Mietshaus und kannte genau jeden Laut, den es hier geben konnte. Meist war es nur Vogelzwitschern im Sommer oder mal ein Gewitter, Autos gab es hier ebenso wenig wie Fernseher, lediglich ein kleiner Feldweg führte hierher, nicht mal Briefträger gab es hier, da alle Mieter im Haus Postfächer bevorzugten!
An diesem Samstagmorgen im Juni schien es anders zu sein, da war etwas, das nicht in die Geräuschkulisse dieses Hauses passte - er lauschte angestrengt - und da war es wieder!
Klack…klack…klack…
Franz K. traute seinen Ohren nicht: da kam zweifelsohne eine Frau auf ihren hohen, klappernden Absätzen die Treppe zum Flur herauf - aber hier im Haus wohnten doch nur beziehungslose Männer?!?
Nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte, setzte er sich in Bewegung, eilte zur Wohnungstür und sah neugierig durch den Spion hinaus auf den Flur.
Das Essen auf dem Küchenboden liess er einfach liegen, es zischte und qualmte noch einige Augenblicke vor sich hin.
Er versuchte draussen etwas zu erkennen, kniff das Auge zusammen, presste es gegen das kleine Loch in der Tür, und da kam SIE ins Bild.
SIE war gross und schlank, langhaarig, mit der Figur eines Models. SIE trug ein kurzes, taubenblaues Kleid, das ihre braungebrannten, langen Beine herausragend zur Geltung brachte.
Ihr Alter war schwer einzuschätzen, aber Franz K. tippte auf mitte Zwanzig.
Offenbar suchte SIE etwas, sah sich im Flur um, fixierte ein Namensschild an der zu Franz Ks.Wohnung gegenüberliegenden Tür - und klingelte dann dort.
Sekunden vergingen, schliesslich Minuten - aber nichts geschah.
Niemand öffnete die Tür.
Jetzt probierte SIE es noch einmal, liess den Finger diesmal länger auf dem Klingelknopf, dann wartete SIE wieder ab.
Wieder verging einige Zeit, aber die Tür blieb verschlossen…
Jetzt schien SIE unruhig zu werden, ungeduldig, sah sich wieder im Flur um, und dann hatte Franz K. das Gefühl, dass SIE ihn irgendwie bemerkt hatte, jedenfalls kam SIE plötzlich langsam auf ihn zu, und er wich von der Tür zurück…
Als SIE gerade den Finger zu seiner Türglocke bewegte, riss er die Tür auf, SIE zuckte unwillkürlich zusammen, fing sich aber gleich wieder - und lächelte ihn aus grossen, strahlenden Augen an:
‚Guten Tag, entschuldigen sie, wissen sie zufälliog warum ihr Nachbar nicht aufmacht?‘
Franz K. schluckte, er erwiderte ihren Blick und rang nach Worten, dann sagte er:‚Ähm, also - neee - der is nich da - kommt wohl auch nicht mehr heute, weil er auf der Suche is…‘
Stille. Kein Laut. Beide schienen den Atem anzuhalten.
Schliesslich atmete SIE tief durch und fragte:’ Auf der Suche? Wonach denn?’
Franz K. horchte auf den glockenhellen Klang ihrer Stimme, sog tief ihre angenehme Asstrahlung in sich hinein, irgend etwas in ihm sagte sich,
jetzt bloss nichts falsches zu äussern, aber das war nur ein Gedanke, der sich wieder verflüchtigte. Stattdessen spürte er, wie sich sein Herzschlag beschleunigte…
‚Er ist in Urlaub gefahren, um endlich seine - seine Traumfrau zu finden, wie er meinte…er is wohl bald zurück, nur weiss ich nicht wann…‘
SIE schien enttäuscht, zog die Lippen zu einem Schmollmund zusammen, überlegte kurz und musterte dann Franz K. mit fragendem Blick:‚Seine Traumfrau? Aber ich bin doch hier! Was sucht er mich also in der Ferne, da wo es nichts zu finden gibt?‘
'Naja, Helmut - also mein Nachbar - setzt halt auf die Zukunft, gab Franz K. zurück. ‚Er ist davon überzeugt, dass sein Glück in der Zukunft liegt, dass er irgendwann irgendwie auf die richtige trifft.‘
SIE schüttelte den Kopf:‚Ich bin nur im JETZT und HIER zu finden - für den, der für mich bereit ist - der nicht versucht, GLÜCK zu erzwingen, das geht nicht!‘
Franz Ks. Verstand hatte tausend Fragen auf der Zunge (wer sind sie eigentlich? Hä? Die TRAUMFRAU? Wollense mich wohl veräppeln? Wo haben sie die Kamera versteckt? Bin ich wohl im Fernsehen?) aber da war noch etwas anderes in ihm, das die Fragen einfach beiseite schob, und dann hörten die Gedanken ganz auf zu lärmen…
Er sah ihr offen ins Gesicht und sagte:
`‚Sie haben wohl einen weiten Weg hinter sich, sie haben sicher Hunger - mögen sie Eier mit Speck?‘
SIE lachte, zeigte dabei zwei Reihen blitzender Zähne und nickte:‚Wenn sie mich einladen wollen, warum eigentlich nicht?‘
Franz K. trat beiseite, um die Schönheit an sich vorbeizulassen - und SIE trat tatsächlich ein.
Sein Verstand machte einen letzten Versuch: ‚Das ist alles nur ein Traum‘, giftete eine Stimme in ihm, ‚du wirst gleich aufwachen und die Illusion erkennen…‘
Aber Franz K. hörte nicht hin…