Kürzlich traf ich am Tresen meiner Beiz einen sehr, sehr niedergeschlagnen Mann.
Er goss einen Wodka nach dem anderen hinunter.
„Whats the problem?“ wollte ich wissen.
„Meine Freundin ist mit einem anderen durch. Ich hing doch sehr an ihr.“
Zuerst sagte ich nichts und bestellte mir ein Bier.
Er schluckte mehrmals. „Einfach weg.“
„Endgültig?“ fragte ich. Er nickte stumm.
„Jetzt brauchst du eine neue Freundin“, versuchte ich ihn aufzumuntern.
„Ich bin von Beruf Kunstmaler,“ erklärte er mir. „Inken war mein Modell. Willste
mal die Bilder sehen“?
Wir gingen noch in sein Atelier. Inken war atemberaubend schön.
„Inken studierte Kunst und kannte sich in auch Kunst gut aus“, gestand er mir.
Jemand mit Kunst. So etwas finde ich nie mehr.“
„Na, da musst du dir etwas einfallen lassen. Bis morgen Abend hast du wieder
eine Neue. Das kriegen wir locker hin. Morgen gehen wir zusammen in die
Kunsthalle. Warst du mal da?“ fragte ich ihn. Er nickte. „Hast du dort ein
Lieblingsbild?“
„Ja, die von Hans Thoma.“
„Lies noch mal was über seine Bilder. Ich hole dich morgen Mittag ab.“
Am nächsten Tag gingen wir zusammen Essen.
„Wie hast du dir das heute vorgestellt?“
„Warte ab, du wirst schon sehen.“
In der Kunsthalle war es angenehm warm. „Wo ist dein Lieblingsbild?“ wollte ich
wissen. „Zeige es mir“.
„Aber wir wollten doch nach einer Frau … ähm“. Rudi war total verlegen.
„Die kommen von alleine,“ beruhigte ich ihn. „Erklär mir das Bild und erzähl
mir, was Du alles darüber weist.“
Und dann fing er an über Hans Thoma und sein Leben als Bauernbub zu erzählen. Er
machte das ganz toll, und er erzählte viel über das Leben der Bauern im
Schwarzwald im 19. Jahrhundert. Er hatte überhaupt nicht realisiert, dass bald
mehrere zuhörten. Eine ältere Frau, die nach pomovierter Studienrätin aussah,
ein älterer Mann mit Rollator und ein hübsches Mädchen, die ihm jedes Wort vom
Mund ablas. Als er die anderen Zuhörer bemerkte, fing er an, ihnen das Bild zu
erklären. Ich zog mich nun diskret zurück.
Einige Tage später sahen wir uns im Pub wieder. An seiner Seite war das Mädchen
aus der Badischen Kunsthalle. Er schulde mir noch ein Bier, erkläre er ihr. Wer
das sei? Er deutete auf mich. „Ein ganz guter Freund“.