Das lautlose Bienensterben
Von: , Frage gestellt am Fr, 2. Mai 2008
Als amerikanische Imker bemerkten, dass mit ihren Bienen irgendetwas nicht stimmte, waren sie nur
beunruhigt, denn sie glaubten, dass nur sie alleine davon betroffen seien. Den Imkern starben
rätselhafterweise ganze Bienenvölker weg. Die Arbeiter-Bienen kamen nicht mehr, um die Brut zu
versorgen. Mit Entsetzen las man bald in der Fachpresse, dass inzwischen überall im Land das
Bienensterben geschah. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, klagte ein kalifornischer Bienenzüchter, „…
ein Stock nach dem anderen ist einfach leer. Es sind keine Bienen mehr da.‘‘
An der amerikanischen
Westküste sind mittlerweile fast 60 Prozent der Bienenvölker kollabiert, an der Ostküste und in Texas
sind es sogar mehr als 70 Prozent – und keiner weiß warum. Mittlerweile hat das rätselhafte
Bienensterben auch Europa erreicht. Zuerst wurde es in Spanien bemerkt, dann in Polen. Als die ersten
Berichte aus der Schweiz eintrafen, wussten die Imker, dass das Bienensterben auch in Mitteleuropa
begonnen hatte, allerdings hat es noch nicht solche Ausmaße wie in Amerika. Die Bienenzüchter sind
ratlos, denn sie können nicht erklären, was da gerade geschieht. Das Unheimliche ist, dass man bislang
nirgends tote Bienen gefunden hat – die Bienen sind einfach weg.
Wissenschafter haben diesem Phänomen bereits einen Namen gegeben – CCD – „Colony Collapse
Disorder“, also Bienenvolk-Kollaps-Störung. Mittlerweile weiß man über die „Störung“ einiges: In den
befallenen Kolonien verschwinden die Arbeitsbienen. Die Insekten fliegen fort und kehren aus
unerfindlichen Gründen nicht zurück. Das ist höchst beunruhigend, denn niemand weiß, warum. Die
amerikanische Insektenforscherin May Berenbaum: „Das Bienensterben könnte eine Warnung an uns
sein, dass etwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist. ‘‘ Dass die Natur völlig aus dem Tritt
gekommen ist, wissen wir schon lange. 1962 erschien Rachel Carsons „Silent Spring“. Darin stellte die
Wissenschaftlerin die Zusammenhänge dar, wie wir die Welt ruinieren. Mittlerweile ist Carsons „Der
stumme Frühling“ längst ein Weltklassiker. Zehn Jahre später erschien eine Schreckensbilanz des CDU-
Abgeordneten Herbert Gruhl, in der er die wissenschaftlichen Zusammenhänge erklärte, wie unsere Welt
im industriellen Maßstab zerstört wird. Wir können also nicht behaupten, wir hätten nicht gewusst, dass
wir noch die Zeche für unser Treiben bezahlen müssen.
Das Bienensterben kann eine Warnung an uns sein
Früher nahmen die Bergleute Kanarienvögel mit in die Schächte. Wenn die starben, wussten man, dass
etwas nicht stimmte. Vielleicht haben die Bienen heute diese Funktion, uns zu warnen, dass die Natur
sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Wir brauchen die Bienen dringend, denn ungefähr ein Drittel unserer Nahrung ist von ihnen abhängig.
Wir reduzieren die Bedeutung der Bienen gern auf die Herstellung von Honig, aber das ist nur ein
angenehmes Nebenprodukt. Äpfel, Birnen, Pflaumen – ein Großteil der Obstbäume, zwischen 80-90 %,
werden von Bienen bestäubt. Fehlen diese Nutzinsekten, werden wir eine riesige Katastrophe erleben.
Manche Farmer in Amerika versuchen inzwischen, die Bäume mit übergroßen Ventilatoren zu bestäuben.
Doch das sind nur Verzweiflungstaten; denn wirkliche Alternativen zu der Bestäubung durch Bienen gibt
es nicht .
Eigentlich ist es sonderbar, dass Bienen es so lange in der Natur ausgehalten haben. Sie existieren schon
seit Millionen von Jahren. Man fand einige von ihnen in Bernstein eingeschlossen und weiß daher, dass
sie sich selbst in vielen Millionen Jahren überhaupt nicht verändert haben. Ein Bienenvolk ist ein extrem
komplexer Superorganismus, der sich an die widrigsten Umstände angepasst hat. „Den durch
Bienenpollination erwirtschafteten Wert schätzen Forscher allein für die USA auf bis zu 18 Milliarden
Dollar. In Europa sind es immerhin fünf Milliarden Euro. Durch ihre Leistung bei der Bestäubung gelten
Bienen in Europa nach Rindern und Schweinen als das drittwichtigste Haustier - noch vor dem Geflügel.“
Den Imkern ist die Varroa-Milbe aus Ostasien als gefürchteter Bienenkiller bekannt. Der Schmarotzer
wurde durch Menschen eingeschleppt. Mittlerweile ist der Stress für die Bienen so groß geworden, dass
sie die Umwelteinflüsse nicht mehr aushalten. Noch vor einigen Jahren, überlebten die Bienen zehnmal
so viele Milben wie heute. Wissenschaftler vermuten viele Ursachen, die die Bienen nicht mehr
kompensieren können. In den vergangenen Jahren hat sich die Agrarlandschaft von einer ökologisch
intakten Landschaft zur Agrarsteppe gewandelt. Doch den Bauern den Schwarzen Peter zustecken zu
wollen, ist sehr kurz gegriffen: Die unverantwortlich niederen Preise, die die Landwirte für ihre Produkte
bekommen, sind beschämend. Wir sollten dringend den Wert der Agrarlandschaft erkennen und uns klar
machen, dass eine gesunde Landschaft ihren Preis hat – und den müssen wir bezahlen! Geiz ist geil.
Wirklich?
