Aber was?
Es ist ein Auszug aus meinem Kinderbuch. Vorsicht, lang.
Lukas wanderte weiter und weiter. Sein Weg führte über eine Brücke, die sehr hoch war, damit Segelschiffe mit langem Mast darunter durchfahren konnten. Die Brücke war beeindruckend, deshalb beschloss er, auf der Brücke eine Pause zu machen, und zu beobachten, ob ein Schiff kam. Es kam aber keins.
Er saß zwischen zwei Brückenpfeilern, ließ die Beine unter dem Geländer hindurch nach unten baumeln, und sah aufs Wasser, das ungefähr 15 Meter unter der Brücke war.
Die Brücke war so schmal, dass der Bollerwagen im Weg gestanden hätte, wenn ein Auto über die Brücke gefahren wäre. Lukas hatte ihn deshalb kurz vor der Brücke in einem Gebüsch versteckt. Nun saß er mitten auf der Brücke und machte eine Pause. Kim lief irgendwo unten am Wasser im Gebüsch herum.
Plötzlich kriegte er einen fürchterlichen Schreck! Genau an der Stelle der Brücke, wo er saß, hielt ein Auto! Ein Mann stieg aus! Lukas drehte sich um. Er hatte Angst! Der Mann machte einen sehr erregten Eindruck und hatte einen bitterbösen Gesichtsausdruck! Was wollte er nur von ihm?
Der Mann ging zum Kofferraum des Wagens. Lukas war erleichtert. Offenbar hatte der Mann ihn hinter dem Brückenpfeiler gar nicht gesehen und wollte auch nichts von ihm.
Der Mann holte ein etwa 10jähriges Mädchen aus dem Kofferraum, das mit angsterfüllter Stimme laut um Hilfe schrie! Ein sehr schwerer Stein war mit einem Band am Hals des Mädchens angebunden.
Völlig geschockt sah Lukas zu, wie der Mann das schreiende Mädchen zusammen mit dem schweren Stein von der Brücke warf, so dass es ins Wasser fiel und sofort unterging.
Der Mann hatte noch immer nicht gemerkt, dass Lukas direkt daneben saß, und fuhr in größter Hast mit quietschenden Reifen weg.
Lukas war total fassungslos!
Das Kind tat ihm entsetzlich leid!
Er musste das Kind sofort retten, es ging um Sekunden, er kletterte eilig über das Geländer und sprang ohne zu Zögern von der Brücke.
Er tauchte gleich unter, so tief er konnte, und versuchte, das Mädchen zu finden. Das war sehr schwierig in diesem halb trüben Wasser. Er folgte den Luftblasen, die aus der Kleidung des armen Kindes aufstiegen, bis er es tief unten endlich fand. Er nahm sein Taschenmesser und versuchte, das Band durchzuschneiden, mit dem das Mädchen an dem Stein angebunden war, der jetzt auf dem Grund lag. Das war sehr schwierig. Es dauerte so lange, bis Lukas keine Luft mehr kriegte, aber er gab nicht auf. Als er es endlich geschafft hatte, tauchte er auf, und wurde fast ohnmächtig. Das Mädchen tauchte auch auf und schnappte heftig nach Luft.
Jetzt mussten die beiden auch noch bis zum Ufer schwimmen, und als sie dort ankamen, waren sie beide restlos erschöpft.
Lukas knotete das Band von ihrem Hals ab, während dessen das Mädchen sich allmählich von dem Schock erholte.
„Danke, das du mich gerettet hast!“, sagte sie mit Tränen in den Augen.
Lukas konnte nichts sagen. Er war so voller Freude, dass es ihm gelungen war, diesem Mädchen das Leben zu retten, dass er keinen einzigen Ton herausbrachte.
Lukas blickte zu der Brücke. Er hatte sich nie zuvor getraut, vom Dreimeterbrett zu springen! Und jetzt von dieser 15 Meter hohen Brücke! Er hatte es geschafft! Er hatte seine Höhenangst überwunden! Er konnte es nicht glauben!
Das Mädchen hatte zerzaustes Haar, zerrissene und verwaschene Kleidung aber ein sehr hübsches Gesicht, und war so entsetzlich abgemagert, dass es aussah, als wäre die kleine kurz vor dem Verhungern.
Kim kam angelaufen und beschnupperte das nasse Mädchen. Sie streichelte ihn ausgiebig und sagte: „Du bist ja ein lieber Hund! Und so was von niedlich! Schönes Tier!“
Als Lukas nach einiger Zeit wieder sprechen konnte, fragte er das Mädchen: „Wie heißt du?“
„Mia. Und du?“, fragte sie.
„Ich heiße Lukas. Und das ist mein Hund Kim. Wer ist der Mann, der dich ins Wasser geworfen hat?“
„Mein Stiefvater.“
„Wie kann ein Mensch so gemein sein?“
„Er hasst mich. Er wollte mich immer schon loswerden.“
„Komm Mia, du ziehst jetzt erst mal was trockenes an, und dann gehen wir gleich zur Polizei.“
Mia erschrak und sagte: „Nein, auf keinen Fall! Wenn du zur Polizei gehst, lauf ich weg!“
„Nein, bitte!“, sagte Lukas, „Bitte lauf nicht weg! Ich geh nicht zur Polizei! Versprochen!“
„Du darfst nicht zur Polizei gehen, sonst kommt mein Stiefvater in den Knast, und ich ins Kinderheim. Und wenn er wieder rauskommt, schlägt er mich tot!“
„Ach du armes Kind! Du tust mir so leid! Komm, jetzt kriegst du erst mal was zum Anziehen. Warte hier, ich bin gleich wieder da! … Du wartest doch hier, ja?“
„Ja, klar, ich warte auf dich!“
Lukas holte den Bollerwagen her. Er nahm ein Handtuch und ein paar von seinen Kleidungsstücken heraus und gab sie Mia zum Anziehen. Beide zogen sich um. Es fiel kaum auf, dass seine Sachen Mia etwas zu groß waren.
„Warum hast du einen ganzen Bollerwagen voller Kleidung und Essen?“, fragte Mia.
Lukas sagte: „Weil ich von zu Hause ausgerissen bin.“
„Und warum?“
„Aus Angst vor meinem Pflegevater.“
Mia lachte und sagte: „Dann haben wir ja beide das gleiche Problem!“