Das gleiche Kinderbuch, 120 Seiten weiter.
Lukas flog um das Haus herum. Im Haus war alles dunkel, es schliefen also schon alle. Weil alles dunkel war, fiel es Lukas schwer, zu erkennen, in welchem Zimmer Mia schlief. Aber irgendwann fand er sie und klopfte ganz leise ans Fenster.
Mia wachte auf, kam zum Fenster, öffnete es und sagte ganz erstaunt: „Lukas? Das gibt’s doch nicht! Lukas, was ist los? Wie bist du an mein Fenster gekommen?“
„Geflogen!“, sagte Lukas.
Mia hielt es für einen Scherz und fragte: „Lukas, nun sag schon, warum kletterst du mitten in der Nacht mit der Leiter zu meinem Fenster hoch?“
Lukas sagte: „Ich bin nicht geklettert, ich bin wirklich geflogen!“
Jetzt sah Mia genauer hin und erkannte, dass Lukas auf der Platte saß, die er aus der Waldhütte mitgenommen hatte, und dass diese in der Luft schwebte! Mia war sprachlos!
„Ja, Mia, du siehst ganz richtig, das Ding kann fliegen!“, sagte Lukas, und jetzt zieh dich an und komm, ich brauche dringend deine Hilfe!“
Mia fühlte sich geehrt, als sie hörte, dass sie dringend gebraucht wurde, und begann schnell, sich anzuziehen. Noch während des Anziehens fragte Mia: „Was ist denn eigentlich los?“
„Mein Hund ist weg! Wir müssen ihn wiederholen! Jetzt komm, den Rest erkläre ich dir später“
Mia stieg durchs Fenster auf die fliegende Tischplatte. Niemand bemerkte, dass sie das Haus verließ.
Während der Fahrt mit dem Auto erklärte Lukas ihr alles.
Dass dieser böse Mann Lukas seinen Hund weggenommen und in eine Kiste gesperrt hatte, um das arme Tier qualvoll verdursten zu lassen, das machte auch Mia wütend. Ja, auch sie wollte ihn zurückholen. Und sie war davon überzeugt, dass sie es gemeinsam schaffen würden.
Das machte Lukas Mut.
Er parkte das Auto in der Nähe der Straße, wo der blöde Schnösel wohnte, und flog zusammen mit Mia auf der Flugplatte zu dessen Grundstück.
Lukas war überrascht. Das Grundstück war von ungefähr vier Meter hohen Mauern umgeben. Oben auf der Mauer waren viele Reihen Stacheldraht angebracht.
Lukas lachte leise bei dem Gedanken, dass es natürlich ein leichtes war, diese Mauern und den Stacheldraht zu überwinden, wenn man eine fliegende Platte hatte, und flog über die Mauer.
Aber das Lachen verging ihm, als er sah, was dahinter war!
Das Grundstück war überfüllt von sehr dicht stehenden Bäumen, zwischen denen ein undurchdringbares Gewirr von Stacheldraht hing.
Lukas konnte zwischen den dichten Bäumen nicht hindurch, schon gar nicht wegen des Stacheldrahtes. Er konnte also auf dem Grundstück nicht landen.
„Wir müssen suchen, ob wir irgendwo ein Loch finden, wo wir hindurchfliegen können, um zu landen!“, sagte Lukas.
Mia sagte: „Gut, ich suche mit!“
Lukas flog weiter über den Garten, aber obwohl beide gründlich danach suchten, fanden sie kein Loch. Es waren wirklich überall massenhaft Bäume. Die Zweige waren außerordentlich dicht, und überall war haufenweise Stacheldraht.
Die Flugplatte flog völlig lautlos. Es war wirklich die genialste Erfindung aller Zeiten!
Als sie trotz aller Suche gar keine Möglichkeit fanden, zu landen, sagte Lukas: „Wir lösen das Problem anders!“
„Und wie?“, fragte Mia interessiert.
„Mit einem Laserstrahl!“, sagte Lukas, „Pass mal auf, was jetzt passiert!“
Lukas zog den Laser aus der Tasche und richtete den hellen Strahl auf das Gewirr von Stacheldraht und Zweigen. Der Laser schnitt den Stacheldraht, als ob es gar nichts wäre, und auch die vielen Zweige der Bäume durchtrennte er mit Leichtigkeit.
Aber, womit Lukas überhaupt nicht gerechnet hatte: Die trockenen Zweige fingen durch den heißen Laserstrahl Feuer! Im Nu war ein hell lodernder Waldbrand entfacht!
„Oh nein!“, schrie Lukas, „Das wollte ich nicht! Das wollte ich wirklich nicht! Hoffentlich brennt jetzt nicht der ganze Wald ab!“
Lukas und Mia flogen schnell weg, bevor sie jemand sah. In dem Haus ging überall das Licht an, und schon sehr bald kamen mehrere Leute mit Feuerlöschern heraus und löschten den Brand.
Lukas und Mia beobachteten alles von oben aus sicherer Entfernung, und staunten, wie schnell es ging.
Nachdem sie ungefähr eine halbe Stunde gewartet hatten, und alle Leute wieder weg waren, flog Lukas wieder zum Haus hin und sah vorsichtig in ein Fenster hinein. Im Haus war wieder alles dunkel. Er flog um das Haus herum und sah nach, ob irgendein Fenster offen war, doch alle Fenster waren geschlossen. Und das Glas der Fenster war extrem dickes, unzerbrechliches Panzerglas.
Lukas hatte eine andere Idee. Er flog nach oben, immer höher, bis oben zur höchsten Stelle des Hauses. Dort hielt er an. Die Platte schwebte in der Luft über dem Schornstein.
Lukas sah von oben in den Schornstein hinein und sagte: „Wir könnten durch den Schornstein ins Haus kommen.“
„Meinst du wirklich?“, fragte Mia, „Ich weiß nicht. Der Schornstein ist von ihnen furchtbar schwarz und schmutzig, und wir haben kein Seil, an dem wir uns herunterlassen können. Vielleicht versuchen wir es doch lieber erst durch die Tür.“
Lukas flog zurück. Weil er durch die dichten Bäume nicht hindurch kam und deshalb vor der Haustür nicht landen konnte, flog er zurück bis vor die Mauer.
„Wenn wir nicht durch die Bäume kommen, müssen wir eben anders zur Haustür gelangen. Die Mauer muss ja irgendwo ein Tor haben.“, sagte Lukas, und flog die Mauer entlang um das Grundstück herum, bis er zu einem Eisentor kam, das aus sehr dicken Gitterstäben bestand. Für den Laser kein Problem. Mit einem hell leuchtenden Funkenregen schnitt Lukas mit dem Laserstrahl die Gitterstäbe durch, so wie andere Leute Butter schneiden.
Die beiden schwebten auf der Flugplatte durch das aufgeschnittene Tor hindurch, Richtung Hautür.
Sie kamen zu einem gewaltigen Marmorportal, das aus mehreren dicken Säulen bestand, die auf einer flachen Empore mit drei Stufen standen, und ein Vordach trugen. Die Empore, die Stufen, die Säulen und das Vordach, all das war komplett aus allerfeinstem, massiven, weißem Marmor.
In der Mitte dieses riesigen Marmorportals war die Tür. Es war eine Glastür. Lukas landete mit der Flugplatte auf dem Rasen und schlich sich hinter den Marmorsäulen an die Tür heran und sah vorsichtig nach, ob ihn niemand durch die Tür hindurch sehen konnte. Nein, hinter der Tür war niemand.
Ob man Glas überhaupt mit einem Laserstrahl schneiden konnte?
Lukas versuchte es. Er richtete den Laserstrahl auf die Tür. Nein, es funktionierte nicht, das Laserlicht strahlte einfach durch das Glas hindurch. Die Tür war viel zu durchsichtig!
Scharniere hatte sie auch keine, es war eine Schiebetür. Und Panzerglas, so dick, dass Lukas sie auch mit einem Hammer nicht hätte zerschmettern können.
Er sagte zu Mia: „Lass uns überlegen. Wie kommen wir ins Haus rein? Durch die Tür können wir nicht ins Haus, die kann ich mit dem Laser nicht schneiden. Und die Fenster sind aus dem gleichen superdicken Glas, wie die Tür.“
Mia sagte: „Wozu haben wir das Dynamit? Wir könnten die Tür mit Dynamit sprengen!“
„Das habe ich mir auch schon überlegt, aber dann gibt es durch den Lärm der Sprengung bestimmt so einen Menschenauflauf, dass wir nicht mehr unbemerkt durch die Tür gehen könnten.“
„Dann müssen wir wohl doch durch den Schornstein. Wir könnten ein Seil holen und uns daran herunterlassen.“
„Geht nicht, denn um zum Schornstein zu gelangen, brauchen wir die Flugplatte, und wenn wir beide durch den Schornstein ins Haus klettern, ist niemand da, um die Flugplatte zu steuern, damit sie nicht davon fliegt.“
„Dann lasse ich mich eben an einem Seil durch den Schornstein runter, und du bleibst oben auf der Flugplatte.“
„Ja, aber wie kriegen wir den Hund durch den Schornstein? Das schaffen wir nie!“
Mia lachte laut los und sagte: „Stimmt, das ist unmöglich! Den Hund kriegen wir nicht durch den Schornstein. Und auch nicht durchs Fenster.“
Lukas sagte: „Ich hab’s! Du nimmst den Schornstein, um ins Haus reinzukommen, und die Tür, um wieder rauszukommen. Ich sprenge die Tür mit Dynamit, und genau in dem Moment läufst du mit dem Hund aus der Tür raus!“
„Aber du sagtest doch eben, es gäbe einen Menschenauflauf, weil die Sprengung der Tür so einen Lärm macht.“
„Ja, wenn wir durch die Tür rein und wieder raus gehen würden. Aber nicht, wenn du nur rausläufst. Gleich nachdem ich die Tür gesprengt habe, läufst du mit dem Hund aus dem Haus, dann werden die Leute gar keine Zeit haben, zur Tür zu laufen, und niemand kann dich fangen.“
„Gut, dann machen wir es so!“
Die beiden flogen ein wenig in der Umgebung herum, um ein Seil zu suchen, und fanden in einem Garten eine dicke, kräftige Leine, die zwischen zwei Pfähle gespannt war und wohl zum Wäscheaufhängen diente. Lukas wollte sie erst losknoten, das war aber nicht möglich.
Er gab Mia den Laser und sagte: „Es wird Zeit, dass du lernst, wie man damit umgeht. Schneide damit die Leine ab!“
Mia nahm den Laser, drückte den Knopf, und schon kam der gleißend helle Laserstrahl heraus. Sie schnitt damit die Leine ab und sagte: „Ist doch kinderleicht!“
Lukas nahm die Leine und sagte zu Mia: „Wir dürfen nicht vergessen, den Leuten später die Leine zu bezahlen!“
Sie flogen zurück, und Lukas ließ Mia an der Leine durch den Schornstein hinunter. Er gab ihr den Laser mit, damit sie damit die Kiste aufschneiden konnte.
Dann flog er zum Auto und stapelte nach und nach immer mehr Dynamitstangen auf der Flugplatte auf.
Mia war indessen aus dem Kamin herausgeklettert und schlich nun ganz leise und vorsichtig durch das Haus, um die Kellertreppe zu suchen. Sie hatte im Dunkeln große Angst, dass irgendwo jemand stehen und sie fangen könnte. Ihr Herz klopfte so laut, dass man es hören konnte.
Endlich fand sie die Kellertreppe und schlich hinunter. Hier im Keller war es so dunkel, dass sie die Hand nicht vor Augen sehen konnte, aber es dauerte lange, bis sie sich traute, Licht einzuschalten. Hoffentlich schliefen alle! Hoffentlich sah niemand, dass im Keller Licht brannte!
Dann suchte sie nach dem Hund. Der Keller war sehr groß und dort standen viele Regale, Schränke, Kisten und Kartons, so dass sie große Schwierigkeiten hatte, die Kiste zu finden, wo der Hund drin war. Es half nichts, sie musste ihn rufen. Ganz leise rief sie: „Kim!“
Nichts rührte sich.
Noch mal rief sie ganz leise: „Kim!“
Wieder rührte sich nichts.
Mia machte sich Sorgen, und hoffte sehr, dass das arme Tier nicht schon verdurstet war.
Lukas hatte inzwischen Unmengen Dynamit hergeholt und vor der Tür aufgestapelt, man soll ja nicht am falschen Ende sparen.
Er meinte, dass Mia den Hund längst befreit hätte und sich irgendwo versteckt hielt, wo sie nur noch darauf wartete, dass er die Tür sprengte, damit sie mit Kim aus der Tür herauslaufen konnte.
Also zündete er die Zündschnur an, brachte sich in Sicherheit, ein lauter Donnerschlag, und die Tür war weg.
Und das ganze Marmorportal auch!
Oh Schreck!
Lukas hatte sich gewaltig verschätzt in der Menge des benötigten Dynamits.
„Oh, das wollte ich nicht!“, murmelte er vor sich hin, „Aber den Schaden kann der blöde Schnösel mal schön selber zahlen, hätte den Hund ja nicht zu kaufen brauchen. Wer sich einen Hund kauft, muss auch selber für die Nebenkosten aufkommen, die so ein Tier verursacht.“
Mia ärgerte sich darüber, dass es viel zu lange gedauert hatte, den Hund zu suchen. Sie hatte eigentlich vorgehabt, genau in den Moment, wo Lukas die Tür sprengte, durch die Tür zu laufen und zusammen mit Lukas zu flüchten, aber das ging nicht, sie hatte ja den Hund noch gar nicht gefunden.
Aber jetzt hörte sie ihn wenigstens bellen! Sie hörte genau hin, wo das Bellen herkam, und fand schon bald die Kiste, in der Kim eingesperrt war.
Mia wurde richtig wütend. Wie konnte ein Mensch so gemein sein, dieses arme Tier in einer so engen Kiste einzusperren?
Die Kiste war natürlich abgeschlossen. Mia zerschnitt das Schloss mit einem Laserstrahl. Sie öffnete den Deckel, und der Hund sprang ihr freudig entgegen.
Kim wedelte mit dem Schwanz, als er Mia sah, sprang an ihr hoch, leckte sie ab und war ganz außer sich vor Freude.
In dem Moment hörte Mia mit großem Schrecken das Tatütata der Polizei! Wie konnte die Polizei nur so schnell hier sein?
Lukas flog hinters Haus, als mehrere Polizeiautos auf das Grundstück fuhren.
Ungefähr 30 Polizisten stürmten zur Haustür herein, und Mia hörte, wie jemand rief: „Sofort das ganze Haus durchsuchen!“
Mia hatte riesengroße Angst! Was sollte sie jetzt tun? Wenn das ganze Haus durchsucht würde, würde man würde sie auf jeden Fall finden! Sie ließ Kim laufen, und hoffte, dass er sofort aus der Haustür herauslaufen würde, ohne dass ihn jemand aufhielt.
Kurz darauf hörte sie voller Schreck zwei Schüsse!
Sie schrie voller Angst: „Nein! Nein! Nicht! Das war nicht Kim, auf den sie geschossen haben! Und auch nicht Lukas! Nein! Bitte nicht!“
Da hörte sie, wie ein paar Polizisten die Kellertreppe herunterliefen. Schnell verstecke Mia sich hinter ein paar Kisten.
Als die Polizisten an ihr vorbei liefen, rannte Mia in größter Hast die Kellertreppe rauf.
Lukas hatte die Schüsse auch gehört und machte sich genau so viele Sorgen. Von der Flugplatte aus rief er immer wieder nach Kim, doch vergeblich.
Mia wollte so schnell wie möglich aus dem Haus, da kamen schon zwei Polizisten hinter ihr her und riefen: „Halt, stehen bleiben!“
So schnell sie konnte, rannte Mia zur Haustür, doch dort standen auch zwei Polizisten und versperrten ihr den Weg. Sie war eingekreist! Im letzten Moment sprang sie geistesgegenwärtig in den Kamin und stieg in den Schornstein.
Die Polizisten konnten ihr nicht folgen, denn nur Mia war so dünn, dass sie in den Schornstein passte. Aber jetzt musste sie erst warten, bis Lukas mit der Leine kam und sie herausziehen würde.
Die Polizisten riefen ihr von unten zu: „Komm heraus, Mädchen, das hat doch keinen Sinn!“
Aber Mia kam natürlich nicht.
Die Polizisten versuchten, sie herauszuziehen, kriegten sie aber nicht zu fassen. Nur ein Meter trennte Mia von den Polizisten, aber sie kamen nicht an sie heran. Irgendwann gaben sie auf, und einer sagte: „Früher oder später kommt sie ganz von selber dort heraus, warten wir es einfach ab!“
Mia wartete auf Lukas. Er musste doch jetzt endlich kommen und sie holen! Wo blieb er nur? Sie wartete und wartete. Endlich hörte sie von irgendwo weit entfernt ganz leise seine Stimme!
Lukas flog um das Haus herum und rief immer wieder: „Mia! Mia! Wo bist du?“
Mia rief, so laut sie konnte: „Lukas, ich bin hier! Hier im Schornstein!“
Lukas hörte sie nicht, und rief weiter nach ihr. Er war in allergrößter Sorge um Mia. Überall flog er herum, und endlich kam er auf den Gedanken, laut durch den Schornstein ins Haus hinein zu rufen: „Mia! Hörst du mich? Wo bist du?“
„Natürlich höre ich dich! Ich bin hier im Schornstein! Hol mich endlich raus!“
Ich denke, du kannst damit umgehen.