Scifi-Kapitelfragment
Von: , Frage gestellt am Di, 5. Aug 2008
Hi.
Ein Profi-Romanautor meinte, dass der Stil meines ersten unvollendeten Romanversuchs zu künstlich sei und die Hauptperson nicht tief genug charakterisiert. Könne da was dran sein? Es geht im folgenden um eine chinesische CIA-Agentin, die auf einen chinesischen Wissenschaftler angesetzt wird, um ihm Geheimnisse zu entlocken.
Danke für die Aufmerksamkeit.
Romananfang:
Shanghai, 6. Oktober 2045
Liao stand ein paar Schritte neben dem Dancefloor. Sie war nervös. Sie lächelte, um das zu verbergen.
Ihr Dress für diesen Abend: ein silberglänzendes tailliertes Trash-Jäckchen. Hautenge bordeauxrote X-Ray-Jeans mit diversen Löchern auch im Hüftbereich. Schwarzweißgestreifte HiHeels von Kawakura. Für Liaos Verhältnisse ziemlich moderat. Aber effizient. Ihr schwarzes Haar – im androgynen Bubi-Look – war metallisch blau gesträhnt. Ihre silberne Stirnlocke war ein Versprechen ohne Worte. Ihr Gesicht war der Hingucker in der Redaktion des Edell-Love und ein Magnet für schönheitsvernarrte Fotografen.
Ihre Augen: eine Katze. Na ja, Katzen kratzen.
Ihr Mund: Kirschen in Chateau Haut-Brion, Premier Cru.
Ihre Figur: alle Teufel.
Natürlich: die Foto-Typen hatten auch ihren süßen Arsch im Visier. Die Foto-Typen waren sympathisch und gut fürs Lamouren, aber nichts Ernstes. Nicht mal die Sache mit Yong, der sehr an ihr hing. “Ich ... liebe ... dich”, stöhnte er immer, wenn er in ihr kam. Liao haßte Liebesgesülze, egal unter welchen Umständen.
Geschwätz von Ferngesteuerten.
Sie lächelte nicht mehr.
Sie sah um sich.
Der kleine Floor war voll mit tanzenden Männern und Frauen. Andere Gäste standen um sie herum oder saßen in Sesseln und gaben sich wichtig. Das erinnerte an einen Houseclub für Yuppies. Nur daß es hier noch schlimmer war. Nichts ist lächerlicher als das Publikum einer Vernissage. Liao gefiel aber der Sound. Die Lightshow. Der charismatische DJ. Das war erste Sahne. Das war typisch für den Vernissagestil der Galerie Kun Iam in der Nanjing Lu im Zentrum von Shanghai, unweit der Science-Fiction-Bombast-Uferpromenade, die alle Welt als Bund kennt. Im Kun Iam war heute der Operator zu Gast – ein Gravitationszentrum für Societypeople, Geschäftsleute und Presse.
Liao kniff kurz die Augen zusammen, denn der DJ verschärfte die Lights. Grell funkelnde Laser-Galaxien, zwei Meter im Durchmesser, wirbelten über den Köpfen der Tänzer, drangen ineinander und verschmolzen in einem kaskadensprühenden Armageddon. Mit vier, fünf Schritten war Liao am Dancefloor. Ihre Moves glitten wie Wellen durch ihren Körper. Ihr Becken bearbeitete einen imaginären Phallus. "... high-high-high ...” Die Maschinen stöhnten. “High-high-high ... love-love-love ...". Der Floor bebte. Die Vibes strömten. Für Momente bildeten die Tanzenden eine Einheit.
Wieder ein kurzes Lächeln. Nur kurz. Sie wusste, daß Blicke auf sie gerichtet waren. Sie wusste, daß eine tanzende Frau erotischer wirkt, wenn sie nicht lächelt. Die Männer um Liao herum: sehr angerührt von ihrer Figur und ihren Moves. Auch jener Mann mit seinem Champagnerglas drüben an der Bar. Sie blinzelte ab und zu in seine Richtung. Möglichst unauffällig.
Er war auf sie aufmerksam geworden.
Für ihn hatte sie getanzt.
Entdeckt hatte sie ihn schon, während eines Wortwechsels mit der Galeristin, vor einer Viertelstunde, als er kurz nach ihr in der Galerie eintraf. Sie hatte ihn heimlich gecheckt. Daß er einen antitelepathischen Mentalschirm, verborgen unter dem Hemdkragen, um den Hals trug, war von vornherein klar gewesen und störte Liao auch nicht. Der Detektor in ihrer Rolex hatte nur dieses Gerät angezeigt. Darüber hinaus war der Mann sauber. Keine Wanze in seinem dunklen Abendanzug, in der schwarzweiß gemusterten Krawatte oder sonstwo an seinem Körper. Er sah nicht so übel aus. Er hatte irgendwie etwas.
Sie war froh darüber.
Der Samadhi-DJ trat auf die Bremse. Liao ging zurück zu dem Tischchen, auf dem ihr Weinglas stand. Zwei Männer lächelten ihr zu. An der buntspiegelnden Bar stand immer noch der champagnersüffelnde Grund für Liaos Anwesenheit.
Zheng Hua.
