und in der Hoffnung, nicht verklagt zu werden…(bitte bitte)
ABER: ich find den Text einfach genial:
STEUERERKLÄRUNGEN
Blicke ich aus dem Fenster, schwankt dort eine
kleine Balkonblume im Wind. Es ist Frühjahr,
Wolken huschen über die Ebene vor dem kleinen
Dorf, in dem ich wohne. Sonnenstrahlen laufen wie
Spotlights über das Land. Klettern über
Baumgruppen, Zäune, Häuser, springen über Gräben
und Wege. Entfernt fährt ein roter Traktor mit
Anhänger, er scheint sich kaum zu bewegen. Doch
wie ein Uhrzeiger tut er es doch. Kaum blickt man
wieder hin, hat er eine Kurve genommen oder ist
an einem Baum vorbei.
Die Dunkelheit meines Wohnzimmers lässt mich
unbehaglich frösteln. Ich wende mich den Akten
zu, an denen ich zu arbeiten habe. Es ist eine
Abrechnung, die ich fertig stellen muss, für die
Steuer. Natürlich hätte sie längst fertig sein
sollen. Sogar Zwangsgelder wurden angedroht. Aber
ich mag diese Arbeit nicht. Denn ich habe zu
ordnen, die vielen Quittungen, die von meinen
Aufenthalten zeugen, die ein Bewegungsprofil sein
könnten, ein rastloses Hin- und Herfahren
offenbaren, ein scheinbar irres Zickzack über das
Land.
Für mich sind es Erinnerungen, die immer weh tun.
Schmerz ergreift meine Brust, wenn ich zärtlich
an Begegnungen denke, und seien es nur flüchtige
Begegnungen. Menschen, die nicht so schnell sind
wie ich. Die stehen bleiben, winkend, mit einer
Träne im Augenwinkel, Menschen auf dem Bahnhof
des Lebens.
Die Quittungen kommen in den Locher, werden in
Norm gebracht und in einem Leitzordner nach Datum
abgeheftet - als sortierte man sein Hirn! Wie ich
das hasse. Unwichtigkeiten werden in den
Vordergrund gespült. Erlebnisse, die mir etwas
bedeuten, die sich hinter einer Eintrittskarte
oder einem Billett für eine Fährpassage
verbergen, erhalten genau die gleiche Wichtigkeit
wie Strafmandate.
Mit schwungvoller Tinte geschrieben: eine
Rechnung über den Kauf einer weißen Leinenhose,
eines Gürtels und eines Pullovers für 15.900
Escudos. Mit Unterschrift, Datum und Ort. Ein
kleines Städtchen im Alentejo. Ein Städtchen mit
kunstvollen Pflasterstraßen, einem oberhalb des
Zentrums gelegenen Kirchturm, der ein Dutzend
Storchenfamilien beherbergte, was von Glück
zeugte, von Gleichgewicht und intakter Natur. Die
Hose hatte ich mir kaufen müssen, weil ich mich
im Flugzeug auf ein Kaugummi gesetzt und so die
einzige Hose auf dieser Reise verdorben hatte.
Mich schaukelte ein sandfarbener R4 über das
Land. Durch Korkeichenplantagen, an langen Mauern
vorbei, die großen Besitz sowie entzückend
morbide Haziendas verbergen sollten, und immer an
der Atlantikküste entlang. Durch ein Land voller
Fernweh, voller schmerzlicher Melancholie.
Staubige Straßen. Große, hupende Lastwagen.
Bretterbuden, die Erfrischungen anboten.
Menschen, die an der Straße lebten, auf der
Straße. Viele Zigeuner. Sie fahren hier
dreirädrige Fahrzeuge mit Ladefläche, vorne
Moped, hinten Laster. Auf der Ladefläche,
zwischen Kisten und Säcke (vermutlich die ganze
Habe der Familie) sitzt eine Frau mit Baby und
Kleinkind. Das Moped steuert ein unrasierter Mann
mit dunkler Haut und blitzenden Zähnen. Auf dem
Tank sitzt sein Sohn. Menschen, die immer
unterwegs sind. Die wild gestikulieren, deren
Stimmen laut sind, auch wenn kein Verkehrslärm da
ist. Sie treffen sich manchmal am Straßenrand mit
anderen Familienmitgliedern. Reden eine Weile
oder reparieren irgendetwas. Sind immer in Eile,
ganz schnell herzlich, reden aber nur
miteinander, nie mit Außenstehenden.
Plötzlich eine Quittung aus Good Old England.
Betty’s Restaurant. Keine drei Meter von der
Autobahn entfernt, aber ein Ort der Ruhe und
Entspannung. Sauber wie eine Milchbar, gute,
einfache Küche, faire Preise. Sechziger-Jahre-
Einrichtung. Auch Betty hatte ihre beste Zeit in
den Sechzigern. Mein Gott, muss sie wild gewesen
sein. Noch heute strahlt sie puren Sex aus,
allerdings sehr clean. Sie trägt eine blütenweiße
Hausfrauenschürze, eine Bluse, die einiges zu
verbergen hat, und einen engen, knielangen Rock.
Betty ist neugierig, aber nicht aufdringlich. Sie
fragt, sie empfiehlt irgendetwas
Selbstgebackenes, und sie bringt guten Kaffee.
Die Sonne strahlt durch die großen,
querformatigen Fenster, aber sie hat keine Chance
gegen Bettys Lächeln. Sie legt alle ihre Liebe in
diese Freundlichkeit. Und sie ist so
wahrnehmungsintensiv, dass man ihre Gegenwart nur
genießen kann. Ich habe den Kaffee getrunken und
bin weitergefahren. Es war wie eine Trennung und
wie ein richtiger Abschied. Und wenn ich heute
diese Quittung sehe, dann tut es weh.
Diese Quittungen sollen ihre Ordnung behalten!
Erinnerungen dürfen nicht durcheinander geworfen
werden! Sie formen die Persönlichkeit, sie sind
das Unbewusste, das Geheimnis, der Charakter. Man
darf den großen Topf nicht schütteln. So, wie sie
da sind, die Erinnerungen, so sind sie ein
schönes Bild.
München, englischer Garten. Erste Sonne nach
einem verregneten Frühjahr. Warme Sandsteine an
der alten Universität. Schöne Menschen wie aus
anderer Zeit. Früher trugen sie Kopftücher oder
Baskenmützen. Oder Burschenschaftskäppis. Aber
heute lachen sie noch genauso, wenn die Sonne
hier scheint. Die Quittung eines Cafes, in dem
ich zwei Briefe geschrieben habe. Was für ein
reiches Leben! Ich genoss eine Zigarette, die
Sonne, den Rotwein und schrieb mit der Tinte
meiner Leidenschaft. Um mich herum nahm ich
niemanden wahr, obwohl ich in der Mitte saß, bis
auf das Mädchen, das ich die ganze Zeit anblicken
musste (ohne, dass sie es merkte). Vielleicht war
sie zwanzig Jahre alt, Studentin, bestimmt. Ihr
Vater saß bei ihr, Typ höherer Beamter, schlank,
graue Haare. Sie sah ihn liebevoll an, und er
schien besorgt. Kein Wunder bei dieser
Kombination aus Schönheit und Unschuld. Sie war
dezent gekleidet, T-Shirt, Wolljacke, Jeans. Aber
ihre Formen, der Schwung ihres Oberschenkels, die
sich im Stoff andeutende Linie einer Wade,
erzeugten Spannung. Es waren Linien klassischer
Eleganz und leidenschaftlicher Lebendigkeit. Ihr
Gesicht will ich erst gar nicht beschreiben, auch
nicht, wie sie sich nach einer Frage auf die
Unterlippe biss, oder wie es anmutete, wenn sie
von dem Glas Rotwein ihres Vaters probierte. Sie
war die königliche Unschuld, und sie thronte über
meine Gedanken, die ich ihr niemals gestehen
könnte.
Und plötzlich trafen sich zwei Blicke aus
verschiedenen Welten. Ich war aufgestanden, hatte
etwas Geld für den Kellner auf dem Tisch liegen
lassen, nahm die Briefe, mein Büchlein, die
Zigaretten und meinen Schreiber. Sie blickte mich
an, ich merkte es zunächst nicht. Erst beim
Herausgehen, als dachte ich, ich müsste mich
verabschieden, schaute ich mich um, nahm ihr
Lächeln wahr und erwiderte ihren Blick. Ich
sagte: „Auf Wiedersehen!", und ihr Vater grüßte
erstaunt zurück. Sie schmunzelte; vielleicht
wusste sie, ich werde ihren Blick so schnell
nicht vergessen.
Unendlich langsam sammelt sich Quittung auf
Quittung. Zwischendurch rauche ich eine Zigarette
und werfe leere Blicke durch die Wohnung. Ich
lege Holz nach und setze mich widerwillig an den
Schreibtisch. Um mich herum zwölf Häufchen mit
Erinnerungen, sortiert nach Monaten, und
innerhalb der Monate nach Tagen.
Ich bin beim Sylvesterfest angelangt. Ich finde
die Rechnung eines Cafes, schmutzige Zettel einer
Kneipe, in der wir Bier getrunken haben. Anton,
mein Sohn mochte es nicht glauben, als ich ihm
nachmittags sagte: „Heute trinke ich zwölf Bier!"
Und als ich es sagte, mochte ich es selbst noch
nicht glauben. Aber die Quittung gab ihm recht.
Wir saßen in dem Cafe und aßen ein Sandwich, als
uns jemand ansprach. Ein Mann meines Alters,
bekleidet mit einem schmuddeligen Trenchcoat. Er
hatte schütteres Haar, Ringe unter den Augen und
sprach perfektes Deutsch. Ich hatte mich mit
meinem Sohn über unser Abendessen unterhalten. Er
würde gerne Griechisch essen, und ich sagte: „Wie
soll ich denn hier in Prag ein griechisches
Restaurant finden?" Der Mann neben
mir: „Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische.
Aber es gibt ein griechisches Restaurant gleich
in der Nähe." Er beschrieb den Weg, das
allerdings kompliziert: Er hätte ja bloß die
Straße nennen brauchen und den Namen des
Restaurants. Ich fragte, wo er so gut Deutsch
gelernt hat. Er sagte, aus den Büchern. Er liebe
die deutsche Sprache, lese Goethe, Schiller,
Herder, Wieland. „Ein Germanist?" entgegnete
ich. „Nein", sagte Ivan. „Ich liebe nur die
Sprache. Ich bin Musiker."
Wir verfielen in ein Gespräch über seine Musik,
meine Wertschätzung für tschechische
Schauspieler, die ich in Hamburg kennen gelernt
hatte, und schließlich verabredeten wir uns für
den Abend. Er hatte noch nichts vor und freute
sich über die Einladung. Und ich war froh, das
Lokal nicht alleine suchen zu müssen.
Mein Sohn sagte: „Mein Vater will heute zwölf
Bier trinken!"
„Das allerdings ist kein Problem in Prag. Ich
zeige Euch dann paar nette Lokale."
Beim Fortgehen sah ich, dass Ivan Zacek ein Bein
nachzog. Am Abend kamen wir darauf zu sprechen.
„Ich hatte einen Unfall. Es ist ein Andenken an
eine Liebe. Wir waren heftig ineinander verliebt
und trafen uns in dem Jagdhaus ihres Vaters. Der
durfte nichts davon wissen. Sie stammte aus einer
angesehenen Familie, und der Vater hatte ihr den
Umgang mit einem mittellosen Jazzmusiker
verboten. Er war außerordentlich rabiat und
cholerisch, sie hatte Angst vor ihm und sagte,
wenn er mich mit ihr zusammensähe, würde er mich
erschießen. Dem schenkte ich zunächst keinen
Glauben, bis zu jenem Tag, als wir in dem
Waldhaus übernachteten. Wir lagen oben in dem
Schlafzimmer, als wir mitten in der Nacht ein
Auto herannahen hörten. Es war ihr Vater. Er
fackelte nicht lange, zerschoss die verschlossene
Tür mit der Schrotflinte und polterte laut
fluchend die Treppe zu den Schlafzimmern herauf.
Ich konnte nur über den Balkon flüchten. Ich
sprang herunter in die Dunkelheit und landete in
dem Steingarten. Das rechte Bein war gebrochen,
ein offener Bruch, der dann im Krankenhaus auch
noch falsch behandelt wurde. Die Wunde entzündete
sich, das Bein musste unterhalb des Knies
amputiert werden. Und nun muss ich jeden Tag an
meine Liebe denken. Ein Andenken, weiter nichts"
„Hast Du sie wiedergesehen?"
„Nein, sie durfte nicht. Wir haben uns nur einmal
noch in dem Krankenhaus gesehen. Es war ein
schwerer Abschied. Wir haben beide geweint und
wussten, es war das letzte Wiedersehen. Das war
vor fast zwanzig Jahren. Ich hatte nie wieder
eine Frau. Affären schon, aber keine Liebe."
Er sprach ohne Wehmut, ohne Wut und Trauer. Ivan
ist ein schicksalsergebener Mensch, schüchtern,
sensibel, tief gläubig. Wir zogen noch durch die
Kneipen. Anton meinte, er hätte mitgezählt, nun
hätte ich zwölf Bier getrunken. Zum Abschied gab
es einen Imbiss in Ivans großbürgerlicher
Wohnung. Er spielte auf einem verstimmten Piano
und legte Plattenaufnahmen seines Vaters auf, der
Komponist war und der früher das Orchester der
Prager Oper dirigiert hatte.
Als es zwölf war, verabschiedeten wir uns. Anton
und ich gingen zum Altstädter Platz und wir
zündeten zwölf Raketen, um das alte Jahr, das
schlechte Wetter und um dunkle Gedanken zu
verscheuchen.
Am liebsten würde ich nun auch den Leitzordner an
eine Rakete binden, ihn in den Himmel schießen
und die Gedanken dort lassen, wo sie waren. Soll
doch die Steuerbehörde glücklich damit werden.
Sie wird sowieso nicht anerkennen, dass die
Reisen irgendetwas mit meiner Arbeit zu tun haben.
Also nahm ich den Locher, durchlöcherte alles,
was zu durchlöchern war, und gönnte mir zum
steuerlichen Abschluss dieses Jahres eine weitere
Zigarette und ein Glas guten Rotweins.
))
(ot)