Spülen

Von: , Frage gestellt am Mi, 1. Dez 1999

Hallo,

bin eigentlich meist kein Freund von Harald Schmidts Humor - ist mir oft zu ätzend. Aber der nachfolgende Text (vor einiger Zeit in der Focus gefunden) ist ein glanzvolles sprachliches Kabinettstückchen von ihm, das ich euch nicht vorenthalten wollte:

Spülen

Viel zu selten ist in der Weltliteratur über die meditative Kraft des Spülens geschrieben worden. Wie fast überall in der modernen Welt, so ist auch hier der existentielle Wunsch des Menschen nach Reinigung und Klarheit einer Maschine anvertraut worden, die anonym summend zwar oberflächliche Sauberkeit erzielt, letzte Dinge aber doch nicht schafft. Wie anders das Spülen von Hand! Schon das Einlaufen des Wassers bietet Gelegenheit, sich gedanklich über Ursprung und Ziel menschlichen Daseins zu verbreiten, Weiß das Wasser, Quell des Lebens, welchen Weg es gehen wird? Zwar ist es eine alte Weisheit unserer in schwierigen Zeiten schlingernden Bauindustrie: Wasser sucht sich seinen Weg (z.B. an der Duschtasse im ersten Stock vorbei in die Rigipswände). Aber kennt auch das Spülwasser seine Bestimmung, wenn es jungfräulich ins Becken strömt? Ahnen die Tropfen, welche von Zitronenseife benetzt werden, daß es sich um ein letztes Aufschäumen handelt, bevor sie beschmutzt unter der Erde verschwinden? Auch wir Menschen können nur ahnen, wo der schmale Grat liegt, an dem die Mischbatterie noch angenehm warmes Wasser spendet, während nur Millimeter weiter brühend heißes Naß über unsere Hände strömt, welches das Dichterwort Wahrheit werden läßt: Der Mensch ist ein Lehrling, der Schmerz ist sein Meister, und keiner kennt sich, eh er nicht leidet.
Was soll nun zuerst gespült oder zumindest einer Spülung nahe gebracht werden? Natürlich die Gläser! Solange das Spülwasser noch sauber ist, ohne Kartoffelreste oder angebranntes Pesto, drehen wir die bauchigen Weingläser vorsichtig im Wasser und wenige Millimeter über dem Beckenboden. Wie oft brach in spülerischen Anfangszeiten das Glas, weil wir es zu heftig ins Becken legten! Sicher, man könnte eine Gummispülmatte auf den Grund legen, welche den Stoß dämpft, doch ließen wir uns damit jenen spannungsreichen Moment entgehen, der entsteht, bevor ein Glas die endgültige Spülbeckentiefe auslotet. Dann die Teller! Befreit vom gröbsten Schmutz, lassen wir sie stapelweise und nach Größe geordnet zu Wasser. Ja, es gibt einen Spülschwamm! Ja, es gibt eine Spülbürste! Doch wer wird sich um die prickelnde Erregung bringen, welche sich einstellt, wenn wir mit bloßen Fingernägeln unter Wasser Gratinreste vom Porzellan kratzen.
Unmittelbar nach dem Herausziehen aus dem Wasser prallen zwei Kulturen aufeinander: Gleich ins Abtropfgestell oder erst mit klarem Wasser nachspülen? So viele Fragen, so viele Möglichkeiten! Finde es heraus. Spül und werde!

1 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 51 Tagen hilfreich
    Re: Spülen

    Hallo,

    bin eigentlich meist kein Freund von
    Harald Schmidts Humor - ist mir oft zu
    ätzend.
    Mir nicht - Harald ist der größte, und ich bin ein Fan der ersten Stunde von ihm.

    Danke für den Beitrag!
    Mein Fernseher steht im Schlafzimmer - und jetzt muß ich gleich zu Bett, denn in ein paar Minuten kommt Harald ;-)

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