Christbaum im Bikini schmuecken
Von: , Frage gestellt am Fr, 3. Dez 1999
Es gibt Dinge, an die ich mich rasch gewoehnte, wie z.B. das Verhalten bzw. Ueberleben im mexikanischen Strassenverkehr, die grosszuegige Auslegung der Puenktlichkeit oder die Sinnlosigkeit eines Regenschirms bei tropischen Gewittern.
Jedes Jahr im Advent aber gibt es Konflikte mit dem Nachtrauern an weihnachtliche Atmosphaere und dem Versuch, Braeuche aus meiner Kinder- und Jugendzeit herueberzuretten. Das Christkind bringt zwar hier in Mexico in manchen Familien die Geschenke, die Konkkurrenz des Weihnachtsmannes ist stark und auch die heiligen drei Koenige mischen teilweise mit (besonders aufgeweckte Kinder versuchen, an alle zu glauben und mehr als die Haelfte der mexikanischen Bevoelkerung wird wegen ihrer extremen Armut von niemanden bedacht), der Christbaum jedoch wird nach hiesiger Tradition am 1. Dezember aufgestellt und heuer fuer meine Familie und mich nun schon das 7. Jahr im Bikini geschmueckt, oder zumindest in shorts und bei laufendem Ventilator, der dann auch weiterhin die Aeste schaukelt.
Im ersten Jahr , inzwischen bin ich schon bei Nummer 25, haetten meine damals sechsjaeehrige aelteste Tochter und ich fast ohne Christbaum feiern muessen, denn auch als Auslaender muss man den Baum Ende November kaufen. Ich besorgte Kerzen und Kerzenhalter in Oesterreich und am 24. Dezember standen dann saemtliche im Haushalt verfuegbaren Kuebeln und aehnliche Gefaesse mit Wasser gefuellt malerisch rund um den bereits bedenklich trockenen Baum. Fuer meine beiden in Mexiko geborenen Kinder war es mehr oder weniger unverstaendlich, warum in den Familien ihrer Kusins und Freunde das Heim ein ganzes Monat geschmueckt und beleuchtet ist und sie muessten als einzige aufs Christkind bis zum hl Abend warten, also aenderte ich meine Braeuche, schliesslich ist diese Maerchenwelt ja fuer die Kinder erfunden worden.
Als die beiden 5 und 6 Jahre alt waren und wir in aus der Hauptstadt in eine wesentlich waerme Gegend uebersiedelten, weit weg auch noch vom einzigen fuer diesen Zweck angelegten Tannenbaumwald, wo man also seinen Christbaum aussuchen, selbst faellen kann und mit dem Entgeld zur Aufforstung beitraegt, musste ich ein weiteres Zugestaendnis machen und wir kauften also einen kuenstlichen Baum. Jedes Jahr versucht mich nun mein Mann (Mexikaner) wieder zu troesten und davon zu ueberzeugen, welches Prachtexemplar wir damals erstanden hatten, fast wie ein natuerlicher , wieviel Geld wir uns ersparen und welch gutes Beispiel zur Konservierung der natuerlichen Tannenbaumbestaende (in Kanada, von dort werden sie naemlich hauptsaechlich importiert)
Mit der Anschaffung dieses guten und treuen Stuecks musste ich notgedrungen auch Kerzen und –halter abservieren und auf die frueher von mir so verpoennten elektrischen Kerzen umstellen, wenigstens nur weisse Kerzen waren es am Anfang und ich hatte mir ausgebeten, sie moegen doch nicht wie Verkehrsampeln blinken, inzwischen ist auch das immer schwieriger, denn die nachgekauften Lamperln sind einfach nicht in weiss zu bekommen und der Mechanismus zum Blinken ist manchmal fix eingebaut, bloss die staendige Wiederholung der Weihnachtslieder kann man gluecklicherweise abstellen (sie waeren neben dem laufenden TV auch sehr stoerend,, selbst fuer weniger feierlich gestimmte als ich.
Auch die frueher von mir in muehseliger Arbeit in selbst zugeschnitten Einwickelpapierln aufgehaengten Zuckerln und Schokolade musste ich notgedrungen weglassen, in drei Wochen waere das alles hoffnungslos zerschmolzen.
Vor ein para Jahren hatten sich die Familienmitglieder darum gerissen, den Baum schmuecken zu duerfen, inzwischen ist es jedoch bloss auf eine routinemaessige Aenderung der Hausdekoration herabgesunken, denn es ist ja jedes Jahr derselbe Baum und groesstenteils auch derselbe Schmuck. Auch wenn ich noch so oft die Kassetten mit Weihnachtsliedern abspiele, die Vorfreude, die Erwartung, das Geheimnisvolle, die Ueberraschung, eben die Advents- und Weihnachtsstimmung wollen nicht aufkommen, wenn man den ganzen Tag schwitzt und der Unterschied zwischen Sommer und Winter darin besteht, dass man im hiesigen Winter nicht mehr die ganze Nacht den Ventilator oder die Klimaanlage laufen hat und es abends zu kuehl ist, um in shorts und aermellos auf der Terasse zu sitzen, in manchen Naechten.
Die engagierten Weihnachtsmaenner mit ausgestopften Bauch und angeklebten Bart und Peruecke sitzen auf der Kuehlerhaube eines mit Luftballons geschmueckten Autos, werfen im hohen Bogen Zuckerln in die sie verfolgende Kinderschar und aus dem Autolautsprecher droehnen abwechselnd Weihnachtslieder und Verkaufspropaganda oder es fahren ueberhaupt 20 oder mehr offene Lieferautos mit je 10 bis 20 Jugendlichen an Bord wild huppend durch die Stadt, genauso wie die Propagandaumzuege fuer die verschiedensten Schoenheitskoenniginnen und –prinzessinnen jeder Schulklasse und jedes Bezirkes oder die geschmueckten Autos mit Hochzeitspaaren und mit ihnen die auf mehrere Autos verteilten Gaeste. Wichtig bei all dem ist der Laerm in einer noch kleinen Stadt, die Aufmerksamheit auf sich lenken und dabei gewesen zu sein, ob bei Umzuegen im Fruehling, anlaesslich des Staats- oder Revolutionsfeiertages oder eben vor Weihnachten....
Sie glauben hier, dass Stille Nacht, heilige Nacht – im Spanischen mit Nacht des Friedens, Nacht der Liebe uebersetzt, auch vom grossen Sam aus dem Norden importiert wurde, kaufen saemtliches Geschenkpapier und Weihnachtsdekortion mit Wintermotiven und stellen kunstvoll geschmueckte Krippen auf, ebenfalls rundherum schneebedeckt, im Fernsehen werden Weihnachtspropaganda ausschliesslich aus tief verschneiten und bitterkalten Gegenden gebracht, in denen sich huebsche, elegant vermummte Modelle in lichten und heimeligen weil warmen Haeusern bewegen, aber niemanden scheint das weiter aufzufallen und noch weniger als stoerend zu empfinden, genausowenig wie die Tatsache, dass sich dieser ganze Weihnachtszauber jedes Jahr objektiv gesehen und weltweit betrachtet immer weiter vom christlichen Glauben entfernt und immer mehr zum beinharten Geschaeft geworden ist und die Kinder um ein schoenes Maerchen aermer geworden sind. Oder ist es bloss meine eigene persoenliche Enttaeuschung, dass ich diese Braeuche aus meiner eigenen Kindheit, diese Erwartung auf das ‘schoenste Fest in der stillsten Zeit des Jahres’, das notgedrungene Zusammenruecken bei Kaeltegraden draussen, die Mischung der Gerueche nach Tannennadeln mit Weihnachtsbaeckerei, das Geschenke basteln und nicht kaufen, einschliesslich der bereits getragenen aber als Gechenk zu betrachtenden, weil eben schoeneren und teureren Wintermantel oder Stiefeln unter dem Christbaum zusammen mit einem originellen Gutschein fuer eine Skiwoche in den Alpen, meinen Kindern nicht weitergeben kann und sie das nur aus Erzaehlungen kennen, waehrend mir meine eigene Familie vorhaelt, dass ich in 25 Jahren Abwesenheit weder die diesbezuegliche Entwicklung in der Heimat miterlebte noch die an und fuer sich idealisierte persoenliche Erinnerung unter die Lupe nehme?
Ich will nicht analysieren, ich will nur mich bemitleiden und von anderen bemitleidet werden, die glauben, weniger Kaelte und ein Sonntagsausflug um im Meer zu baden koennen fuer diese hier nicht realisierbaren Weihnachtsbraeuche eine Entschaedigung sein. Vielleicht gibt es jemanden, der nun seine eigene Advent- und Weihnachtszeit mit anderen Augen betrachtet.
Also hier nichts mit ‘Leise rieselt der Schnee’, nur ‘Alle Jahre wieder.......’
