Christbaum im Bikini schmuecken

Von: , Frage gestellt am Fr, 3. Dez 1999


Es gibt Dinge, an die ich mich rasch gewoehnte, wie z.B. das Verhalten bzw. Ueberleben im mexikanischen Strassenverkehr, die grosszuegige Auslegung der Puenktlichkeit oder die Sinnlosigkeit eines Regenschirms bei tropischen Gewittern.
Jedes Jahr im Advent aber gibt es Konflikte mit dem Nachtrauern an weihnachtliche Atmosphaere und dem Versuch, Braeuche aus meiner Kinder- und Jugendzeit herueberzuretten. Das Christkind bringt zwar hier in Mexico in manchen Familien die Geschenke, die Konkkurrenz des Weihnachtsmannes ist stark und auch die heiligen drei Koenige mischen teilweise mit (besonders aufgeweckte Kinder versuchen, an alle zu glauben und mehr als die Haelfte der mexikanischen Bevoelkerung wird wegen ihrer extremen Armut von niemanden bedacht), der Christbaum jedoch wird nach hiesiger Tradition am 1. Dezember aufgestellt und heuer fuer meine Familie und mich nun schon das 7. Jahr im Bikini geschmueckt, oder zumindest in shorts und bei laufendem Ventilator, der dann auch weiterhin die Aeste schaukelt.
Im ersten Jahr , inzwischen bin ich schon bei Nummer 25, haetten meine damals sechsjaeehrige aelteste Tochter und ich fast ohne Christbaum feiern muessen, denn auch als Auslaender muss man den Baum Ende November kaufen. Ich besorgte Kerzen und Kerzenhalter in Oesterreich und am 24. Dezember standen dann saemtliche im Haushalt verfuegbaren Kuebeln und aehnliche Gefaesse mit Wasser gefuellt malerisch rund um den bereits bedenklich trockenen Baum. Fuer meine beiden in Mexiko geborenen Kinder war es mehr oder weniger unverstaendlich, warum in den Familien ihrer Kusins und Freunde das Heim ein ganzes Monat geschmueckt und beleuchtet ist und sie muessten als einzige aufs Christkind bis zum hl Abend warten, also aenderte ich meine Braeuche, schliesslich ist diese Maerchenwelt ja fuer die Kinder erfunden worden.
Als die beiden 5 und 6 Jahre alt waren und wir in aus der Hauptstadt in eine wesentlich waerme Gegend uebersiedelten, weit weg auch noch vom einzigen fuer diesen Zweck angelegten Tannenbaumwald, wo man also seinen Christbaum aussuchen, selbst faellen kann und mit dem Entgeld zur Aufforstung beitraegt, musste ich ein weiteres Zugestaendnis machen und wir kauften also einen kuenstlichen Baum. Jedes Jahr versucht mich nun mein Mann (Mexikaner) wieder zu troesten und davon zu ueberzeugen, welches Prachtexemplar wir damals erstanden hatten, fast wie ein natuerlicher , wieviel Geld wir uns ersparen und welch gutes Beispiel zur Konservierung der natuerlichen Tannenbaumbestaende (in Kanada, von dort werden sie naemlich hauptsaechlich importiert)
Mit der Anschaffung dieses guten und treuen Stuecks musste ich notgedrungen auch Kerzen und –halter abservieren und auf die frueher von mir so verpoennten elektrischen Kerzen umstellen, wenigstens nur weisse Kerzen waren es am Anfang und ich hatte mir ausgebeten, sie moegen doch nicht wie Verkehrsampeln blinken, inzwischen ist auch das immer schwieriger, denn die nachgekauften Lamperln sind einfach nicht in weiss zu bekommen und der Mechanismus zum Blinken ist manchmal fix eingebaut, bloss die staendige Wiederholung der Weihnachtslieder kann man gluecklicherweise abstellen (sie waeren neben dem laufenden TV auch sehr stoerend,, selbst fuer weniger feierlich gestimmte als ich.
Auch die frueher von mir in muehseliger Arbeit in selbst zugeschnitten Einwickelpapierln aufgehaengten Zuckerln und Schokolade musste ich notgedrungen weglassen, in drei Wochen waere das alles hoffnungslos zerschmolzen.
Vor ein para Jahren hatten sich die Familienmitglieder darum gerissen, den Baum schmuecken zu duerfen, inzwischen ist es jedoch bloss auf eine routinemaessige Aenderung der Hausdekoration herabgesunken, denn es ist ja jedes Jahr derselbe Baum und groesstenteils auch derselbe Schmuck. Auch wenn ich noch so oft die Kassetten mit Weihnachtsliedern abspiele, die Vorfreude, die Erwartung, das Geheimnisvolle, die Ueberraschung, eben die Advents- und Weihnachtsstimmung wollen nicht aufkommen, wenn man den ganzen Tag schwitzt und der Unterschied zwischen Sommer und Winter darin besteht, dass man im hiesigen Winter nicht mehr die ganze Nacht den Ventilator oder die Klimaanlage laufen hat und es abends zu kuehl ist, um in shorts und aermellos auf der Terasse zu sitzen, in manchen Naechten.
Die engagierten Weihnachtsmaenner mit ausgestopften Bauch und angeklebten Bart und Peruecke sitzen auf der Kuehlerhaube eines mit Luftballons geschmueckten Autos, werfen im hohen Bogen Zuckerln in die sie verfolgende Kinderschar und aus dem Autolautsprecher droehnen abwechselnd Weihnachtslieder und Verkaufspropaganda oder es fahren ueberhaupt 20 oder mehr offene Lieferautos mit je 10 bis 20 Jugendlichen an Bord wild huppend durch die Stadt, genauso wie die Propagandaumzuege fuer die verschiedensten Schoenheitskoenniginnen und –prinzessinnen jeder Schulklasse und jedes Bezirkes oder die geschmueckten Autos mit Hochzeitspaaren und mit ihnen die auf mehrere Autos verteilten Gaeste. Wichtig bei all dem ist der Laerm in einer noch kleinen Stadt, die Aufmerksamheit auf sich lenken und dabei gewesen zu sein, ob bei Umzuegen im Fruehling, anlaesslich des Staats- oder Revolutionsfeiertages oder eben vor Weihnachten....
Sie glauben hier, dass Stille Nacht, heilige Nacht – im Spanischen mit Nacht des Friedens, Nacht der Liebe uebersetzt, auch vom grossen Sam aus dem Norden importiert wurde, kaufen saemtliches Geschenkpapier und Weihnachtsdekortion mit Wintermotiven und stellen kunstvoll geschmueckte Krippen auf, ebenfalls rundherum schneebedeckt, im Fernsehen werden Weihnachtspropaganda ausschliesslich aus tief verschneiten und bitterkalten Gegenden gebracht, in denen sich huebsche, elegant vermummte Modelle in lichten und heimeligen weil warmen Haeusern bewegen, aber niemanden scheint das weiter aufzufallen und noch weniger als stoerend zu empfinden, genausowenig wie die Tatsache, dass sich dieser ganze Weihnachtszauber jedes Jahr objektiv gesehen und weltweit betrachtet immer weiter vom christlichen Glauben entfernt und immer mehr zum beinharten Geschaeft geworden ist und die Kinder um ein schoenes Maerchen aermer geworden sind. Oder ist es bloss meine eigene persoenliche Enttaeuschung, dass ich diese Braeuche aus meiner eigenen Kindheit, diese Erwartung auf das ‘schoenste Fest in der stillsten Zeit des Jahres’, das notgedrungene Zusammenruecken bei Kaeltegraden draussen, die Mischung der Gerueche nach Tannennadeln mit Weihnachtsbaeckerei, das Geschenke basteln und nicht kaufen, einschliesslich der bereits getragenen aber als Gechenk zu betrachtenden, weil eben schoeneren und teureren Wintermantel oder Stiefeln unter dem Christbaum zusammen mit einem originellen Gutschein fuer eine Skiwoche in den Alpen, meinen Kindern nicht weitergeben kann und sie das nur aus Erzaehlungen kennen, waehrend mir meine eigene Familie vorhaelt, dass ich in 25 Jahren Abwesenheit weder die diesbezuegliche Entwicklung in der Heimat miterlebte noch die an und fuer sich idealisierte persoenliche Erinnerung unter die Lupe nehme?
Ich will nicht analysieren, ich will nur mich bemitleiden und von anderen bemitleidet werden, die glauben, weniger Kaelte und ein Sonntagsausflug um im Meer zu baden koennen fuer diese hier nicht realisierbaren Weihnachtsbraeuche eine Entschaedigung sein. Vielleicht gibt es jemanden, der nun seine eigene Advent- und Weihnachtszeit mit anderen Augen betrachtet.
Also hier nichts mit ‘Leise rieselt der Schnee’, nur ‘Alle Jahre wieder.......’

6 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 9 Stunden hilfreich
    Deutschland - ein Wintermärchen

    Eine traurige und schöne Geschichte, die Du da erzählst, Angelika. Von dem Versuch, alte Erinnerungen nicht sterben zu lassen. Ich will mal eine Geschichte erzählen, die so ähnlich ist, mit einem Unterschied: Sie spielt in Deutschland.

    Da sind ganz ähnliche Erinnerungen. Ich sehe mich, meine Mutter und Großmutter durch den tiefen Schnee zur Mitternachtsmette stapfen. Die Kirche vollgestopft, und jeder hält eine weiße Kerze in der Hand. Hunderte von Kerzen. Ich sehe mich Gedichte unter dem Tannenbaum aufsagen. "Denkt Euch, ich habe das Christkind gesehen. Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee..." Es riecht nach langsam bratender Gans und Zimtsternen und frischem Tannengrün. Die Geschenke liegen unter dem Baum. Wir haben es nicht eilig, sie auszupacken. Noch nicht einmal das kleine Mädchen, das ich bin. Lieber will ich meine Gedichte aufsagen. Und Lieder singen. Meine Mutter spielt Klavier, und wir singen "Tochter Zion". Das ist ihr Lieblings-Weihnachtslied. Dann singen wir meine Lieblings-Weihnachtslieder: Maria durch ein Dornwald ging. Und Oh Du Fröhliche. Und Zu Bethlehem Geboren. Und Kommet, Ihr Hirten. Und dann darf ich die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Ich lege die alte Bibel auf meine Knie, und sehe hinein, dabei kann ich sie doch auswendig. Und immer stolpere ich über den Satz "Landpfleger in Syrien". Ein schweres Wort für eine siebenjährige.

    Irgendwann werden dann die Geschenke ausgepackt. Ich bekomme Buntstifte und viele Bücher, und einen neuen Schulranzen. Und ein Spiel, das alle spielen können. Und bin glücklich. Wir spielen mein neues Spiel, und dann sitzen wir alle im Wohnzimmer am Weihnachtsbaum und lesen in unseren Büchern. Ohne Bücher hat es bei uns noch kein Weihnachtsfest gegeben.

    Ja. Und jetzt? Jetzt ist das siebenjährige Mädchen zwanzig jahre her. Im September füllen sich die Regale mit Weihnachtsmännern und Zimtsternen, mit Dominosteinen und Christbaumschmuck. Ich gehe daran vorbei und schaue weg, und halte mir die Ohren zu, wenn wieder die Easy-Listening-Version von Oh Du Fröhliche im Kaufhaus erschallt. Ich versuche es zu ignorieren, und auch die Dekoration in den Schaufenstern. Ich widerstehe sogar den Gewürzmandeln, bis es Dezember wird. Sogar denen! Aber die meisten sind am 1. Advent schon so vollgestopft mit Lebkuchen, daß ihnen schlecht wird, wenn sie auch nur eine Printe sehen. Und die Lieder kann auch schon keiner mehr hören. Ich lese in der Zeitung die Schlagzeile: "Verkaufsoffener Samstag vorgezogen! Über eine Million Kunden in der Innenstadt erwartet!" Also umfahre ich die Innenstadt und schiebe die Geschenk vor mir her. Irgendwann muß ich dann aber doch. Mir wird übel. Die Leute erschlagen sich fast, so voll ist es in den Geschäften. In dem Spielwarenladen, wo ich einen Plüschhund für die Tochter meines Freundes kaufe, steht vor mir, in der Schlange an der Kasse, eine Frau. Sie kauft eine Dreamcast-Spielkonsole für 400 oder 500 Mark. Ihr siebenjähriger Sohn ist dabei. Ich schaue wieder weg. Ein vater kauft ein Barbie-Schloß für seine Tochter. Auch über 300 Mark. Fragt, ob er es umtauschen kann, falls die Oma das schon gekauft hat. Millionen wandern über die Ladentheke.

    Als ich aus den Geschäften komme, ist es schon dunkel. Ich sehe hoch zum Himmel. Die Sterne kann man wegen all der Deko-Lichter kaum sehen. Meine Füße sind naß vom Schneematsch. Echter Schnee fällt gar nicht durch den Smog über Köln. Ich sehe hoch zu den Sternen und suche nach dem Stern von Bethlehem.

    • Antwort von nach 3 Tagen hilfreich
      Re: Deutschland - ein Wintermärchen

      Die Ultra-Mega-Weihnachtsgeschichte

      Personen: Joseph, Erzhler, Philipp, Jenny, Martin (=drei Hirten) Lautsprecherstimme. Kaspar, Melchior, Balthasar, Ochse, Esel. Radiosprecher.
      Requisiten: Telefon, Telefonbuch, Stift, Papier, zwei große Geschenkpakete, Fernglas, ein kleines Geschenkpaket, Eselsohren, Ochsenhörner.
      Geräusche: Freizeichen, Licht-in-der-Finsternis-Scheppern, Hubschrauber, Kinderschreien.
      Joseph: (Joseph hat die gelben Seiten aufgeschlagen und ein Telefon zu Hand. Blättert, hebt den Telefonhörer ab.)
      Geräusch: (Freizeichen.)

      Joseph: (wählt eine Nummer. Wartet) Shalom, hier ist Josef Zimmermann aus Nazareth. Spreche ich mit dem Sheratonhotel in Jerusalem? - Ich möchte ein Zimmer reservieren. - Ja, ich verstehe. - Ja, Hauptsaison, da kann man nichts machen. - Danke. - Wiederhören. (legt auf.) Sheraton wäre uns sowieso zu teuer. (Blättert) Oder vielleicht etwas außerhalb. Ich war schon lange nicht mehr daheim in Bethlehem. (hebt den Telefonhörer ab.)
      Geräusch: (Freizeichen.)
      Joseph: (Wählt.) Shalom, hier ist Josef Zimmermann aus Nazareth. Spreche ich mit der Pension Sonnenschein in Bethlehem? - Ich möchte ein Zimmer reservieren. - Ja, zwei Personen, vielleicht auch drei. - Was, Kinder unter drei Jahren kosten nichts extra. Dann zwei Personen. - Ankunft am 24. Dezember. Wir wollen mindestens eine Woche bleiben, vielleicht auch länger. - Nein, Januar ist zu spät, ich kann das nicht verschieben. - Ja, dann versuche ich es bei der Touristinformation. - Ich wiederhole 4508 Durchwahl 751 oder 752 Vorwahl 0371. - Vielen Dank für den Hinweis. - Wiederhören. (Drückt die Gabel am Telefon nieder. Läßt wieder los.)
      Geräusch: (Freizeichen.)
      Joseph: (Wählt wieder.) Shalom, hier ist Josef Zimmermann aus Nazareth. Spreche ich mit der Zimmervermittlung der Touristinformation Bethlehem? - Ich möchte ein Zimmer für zwei Personen ab dem 24. Dezember. - Ja, ich warte. - Ja. - Was gar nichts? - Naja, kann man nichts machen.(legt auf.) Dann bleibt bloß noch die Jugendherberge. Die stecken uns bestimmt in zwei verschiedene Schlafsäle, wo wir doch noch nicht verheiratet sind.
      Dabei wollte ich Maria nicht allein lassen gerade jetzt in ihren Umständen. Hoffentlich ist wenigstens die Jugendherberge nicht überbelegt.
      Erzähler: (sehr langsam wie ein Märchenerzähler) Irgenwo im Gebirge südlich von Jerusalem, ist es in dieser Nacht stiller als sonst. Die Schafe schlafen. Die Hirten haben ihre Schafe gezählt und sind auch eingeschlafen. Es ist so still, daß nicht mal eine Ziege es wagt, zu meckern, doch plötzlich...
      Geräusch: lautes bis schrilles Scheppern. (Die Hirten (Philipp und Jenny) sprechen Dialekt, den ich leider nicht schreiben kann. Der 3. Hirte (Martin) spricht so, wie es geschrieben steht.)
      Philipp: Licht aus!
      Jenny: Nicht so laut ...(blinzelt) und nicht so hell.
      Martin: Wahas soll das behedeuten? Ehes taget jaha schon.
      Philipp: Licht aus! Aber bischen plötzlich! Ich will noch schlafen.
      Jenny: Ich hab kein Licht angemacht.
      Philipp: Wer soll hier sonst Licht angemacht haben?
      Jenny: Das kann doch nicht schon die Sonne sein. Es ist doch noch mitten in der Nacht. (Schaut auf ihre Uhr.)
      Philipp: Ach, deine Uhr geht doch nach dem Mond.
      Jenny: Ja, eben, aber der Mond scheint eigentlich nicht so hell.
      Martin: Wohlan, sehet, Kameraden, dort jenes Gestirn am Firmament.
      Philipp: (zu Jenny) Was meint der Martin?
      Jenny: Ach, der meint dort drüben den hellen Stern. (Zeigt auf einen Scheinwerfer.) Philipp: Wo?
      Jenny: Na, daaaaa! Mach deine Augen auf, Mensch! Das sieht doch ein Blinder!
      Philipp: (Verfolgt mit den Augen den ausgestreckten Arm.) Ach, da! Mensch, das ist doch viel zu hell für einen Stern. Das ist ein Feuerball.
      Geräusche: (Hubschraubergeräusche weden eingeblendet.)
      Philipp: Ein Kugelblitz. Ein Suchscheinwerfer. Und der wird größer. Der kommt direkt auf uns zu. (Wirkt plötzlich verängstigt.) Schnell packt die Sachen zusammen. Wir müssen weg hier. Lautsprecherstimme: Achtung, Achtung! Eine Durchsage! Nur keine Angst, Jungs - und Mädels. Bloß keine Angst, ey! Ganz im Gegenteil. Jetzt geht die Party erst richtig los und alle sind eingeladen. Heute ist nämlich die Geburtstagsfeier von eurem Retter. Habt ihr das verstanden: Ihr seid praktisch schon gerettet, klar. Euer Retter ist gerade angekommen drüben in Bethlehem, im Kreißsaal der Scheune. Ende der Durchsage.
      Geräusche: (Hubschraubergeräusche werden wieder ausgeblendet.)
      Philipp: Hast Du kapiert, was der gesagt hat?
      Jenny: Irgendwas von einer Geburtstagsfeier.
      Philipp: Ja, und daß wir eingeladen sind.
      Jenny: Ja, ja, sowas kapierst du sofort. Aber überleg mal, was kann das schon für eine Party werden? Das Geburtstagskind ist gerade mal ne halbe Stunde alt. Also nix mit lauter Musik.
      Martin: Sti-hill, sti-hill, still, waheils Kindlahein schlafehen will.
      Philipp: Genau, aber überleg doch mal. Irgend etwas besonderes muß doch sein.
      Jenny: Eine Geburtstagsfeier ist immer genauso langweilig, wie die Einladung dazu.
      Philipp: Eben und diese Einladung gerade war mit Abstand das absolut irre großartigste, was ich je erlebt hat. Das wird bestimmt die erstaunlichste Geburtstagsfeier aller Zeiten. Da wird man noch in einigen tausend Jahren davon reden. Also ich geh hin.
      Martin: So lasset uns denn gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen, die uns der Herr kundgetan hat.
      Jenny: (zu Martin) Sag mal, Martin, kannst du nicht normal reden,wie jeder andere Mensch auch?
      Martin: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

      Erzähler: Zur gleichen Zeit, etwas weiter östlich ziehen durch die Wüste zwei Heiligedreikönige mit großen Geschenkpaketen. (Die zwei Heiligendreikönige kommen dahergeschritten, Sie bleiben erschöpft stehen, setzen die Pakete ab.)
      Kaspar: Ach, wo bleibt denn wieder der Balthasar?
      Melchior: Immer müssen wir auf den warten.
      Kaspar: Dabei haben wir die größten Pakete. ein ganzes Sortiment von Räucherstäbchen...
      Melchior: ...und Medikamente: Myrrhe und so weiter.
      Kaspar: Ja, ich weiß, du bist fürs Praktische. Wo hast du eigentlich das ganze Zeug auftreiben können? Als mein Schwager neulich die Grippe hatte, hab ich noch nicht einmal Fencheltee bekommen.
      Melchior: Ja, es wird langsam Zeit, daß jemand die Krankenkassen erfindet, aber wann das sein wird, das steht in den Sternen.
      Erzähler: Bei diesen Worten holt ein Heiligerdreikönig sein Fernglas heraus und glast in die Ferne.
      Kaspar: (Holt ein Fernglas heraus und glast in die Ferne)
      Melchior: (Beobachtet ihn) Und, was siehst du, wann ist es denn soweit? Was siehst du noch? Hält man uns irgendwann mal für Könige? Werden unsere Namen überliefert, oder erfindet man irgendwelche albernen Namen wie Melchior oder Kaspar?
      Kaspar: Was soll das dumme Gerede? Wie soll ich das aus den Sternen lesen? Wir sind Wissenschaftler, keine Scharlatane!
      Melchior: (beleidigt) Und, was sieht der Herr Wissenschaftler?
      Kaspar: Balthasar kommt.
      Balthasar: (kommt angekeucht. In beiden Händen ein winziges, aber sehr schweres Paket.)
      Melchior: Hi, Balthasar! Endlich bist du auch da. Dann kanns ja gleich weitergehn.
      Balthasar: Wartet, ich brauch mal 'ne Pause.
      Kaspar: Warum mußt du auch sowas schweres schenken?
      Balthasar: Was soll das heißen, 'warum muß ICH sowas schweres schenken'. Wir haben die Geschenke zusammen ausgesucht. Aber ICH hab die ganze Zeit das Gold geschleppt, während ihr die Räucherstäbchen und den Kräutertee auf die leichte Schulter nehmen könnt.
      Melchior: Mann, is ja gut. Reg dich bloß wieder ab.
      Balthasar: Manchmal frag ich mich, ist es das eigentlich Wert. Die lange Reise, die Strapazen, und alles nur wegen einem neugeborenen König.
      Kaspar: (Aufmunternd) Balthasar, laß deine Zweifel. Du hast selbst den Stern gesehen. Das ist ein eimaliges Ereignis. Und du kennst die astronomischen Archive. So etwas gabs noch nie. Der Neugeborene ist nicht irgendein neuer Herrscher über irgendeine Provinz. Der ist viel mehr, das kannst du dir gar nicht vorstellen.
      Melchior: Mehr als der große Herodes?
      Kaspar: Viel mehr! Sogar der erhabene Kaiser Augustus verblasst neben IHM!
      Melchior: (zu Balthasar) Ich geb jetzt meine Heilkräuter ab an Kaspar. Du nimmst seine Räucherstäbchen und ich schlepp jetzt mal eine zeitlang das Gold. (Sie tauschen die Pakete)
      Kaspar: Phantastisch diese Methode. Ein jeder trage die Last des andern. Sie machen sich wieder auf den Weg. Kaspar und Balthasar schnell ab.) Los kommt, weiter gehts.
      Melchior: Wartet auf mich. (Schleppt das kleine schwere Paket weg.)

      Erzähler: In einem Stall am Rande von Bethlehem wurden heute Abend die, die sonst immer dort wohnen, etwas in den Hintergrund gedrängt. Dennoch wollen wir belauschen, was Ochs und Esel sich zu sagen haben. (Ochse und Esel sind nur erkennbar an Ohren bzw. Hörnern, ansonsten sind es Leute wie du und ich.)
      Ochse: Ich hab Hunger.
      Esel: Nun hab dich nicht so. Du siehst doch, daß deine Krippe jetzt für wichtigeres gebraucht wird.
      Ochse: Und trotztem hab ich Hunger. Ich sag ja nicht, daß ich jetzt was zu fressen brauch. Ich hab nur Hunger.
      Esel: Du bist vielleicht ein Rindvieh.
      Ochse: Selber, du Esel!
      Esel: Du Ochse!
      Geräusche: (Das Kind fängt an zu schreien.)
      Ochse und Esel: Psst!
      Esel: Ist der nicht niedlich, der Kleine.
      Ochse: Ja. Ob der es bequem hat auf meinen Haferflocken?
      Esel: Also, ich versteh die Menschen nicht. Der schönste Platz, den ich mir vorstellen kann, ist im windgeschützten Stall im schönen warmen Stroh und die Menschen finden sowas ärmlich. Kannst du dir einen schöneren Platz vorstellen?
      Ochse: Ja, es fehlen noch ganz viele Haferflocken vor mir in der Krippe.
      Esel: Ach, ich hör schon deine vier Mägen knurren. - Aber dieses kleine Mensch wird uns einmal verstehen. Uns kleine Leute. Weil es von selber weiß, wie wir wohnen und was uns bewegt.
      Ochse: Es heißt, es wird einmal ein König werden.
      Esel: Wirklich? Wenn das wahr ist, dann will ich ihn auf meinem Rücken tragen, wohin immer er gehen will, nach Jerusalem oder sonstwohin; wenn es sein muß sogar bis nach Ägypten. Und ich nehm dafür auch nur ganz wenig Haferflocken.
      Ochse: Nun mach mal halblang. Bis der erwachsen ist, bist du bestimmt uralt. Und ich auch. Wahrscheinlich erleben das noch nicht mal meine Kinder.
      Esel: (lacht) I-A, I-A. Nein deine Kinder bestimmt nicht. I-A, höchstens deine Nichten und Neffen, du Ochse. I-A, I-A.
      Ochse: Halts Maul, sonst stopf ich dirs zu - mit Haferflocken, wenn es sein muß. Ja, du kannst froh sein, daß du kein Muli bist.
      Geräusch: (Das Kind fängt an zu schreien.)
      Ochse und Esel: Psst.

      • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
        Weihnachten

        Ich mag heuer nicht an Weihnachten denken.
        Geschäftiges Treiben in den Einkaufsstraßen, besinnliche Lieder in Überlautstärke, erzwungene Fröhlichkeit den Kindern gegenüber, Kopfzerbrechen über die Geschenke, die Wohnung festlich schmücken, duftende Kekse backen,...
        Mir ist alles so zuwider.

        Ich habe viel geweint in den letzten Tagen. Mit Freunden, die jemand sehr Geliebten verloren haben. Ich habe endlos Mails geschrieben und doch keine Trostworte gefunden. Ich habe versucht, zu ermutigen, aufzubauen, einen Lichtblick zu schenken, aber jetzt,... Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich sagen soll. In meiner letzten "Trost-Mail" setzte ich mich neben dieses Häuflein Elend, legte meinen Arm um seine Schulter, lehnte mich an ihn und heulte mit ihm.

        Und ich hasse es, an Wehnachten zu denken. Was ist Weihnachten ohne die Lieben? Was tut man da zu Hause? Weihnacht und Einsamkeit - einen bittereren Cocktail hat das Leben selten gemischt.

        Am Weihnachtsabend werden meine Gedanken bei meinen Freunden sein. Und es erfüllt mich mit Traurigkeit, dass ihnen auch das kein Trost sein kann.

        Hanna

      • Antwort von nach 10 Tagen hilfreich
        Fortsetzung

        Fortsetzung



        Jetzt muss ich an meine Version des Weihnachtsspiels doch noch eine Szene dranhängen. Ich wollte, es wäre nicht notwendig, aber ich kann nicht anders:



        (Ein ägyptischer Beamter der Zentralen Ausländerbehörde des Regierungspräsidiums erledigt den Papyruskram.)

        Beamter: Noch diesen Fall für heute, dann mache ich Feierabend. (holt sich eine Papyrusrolle) Asylbewerberverfahren der Familie Zimmermann aus Nazareth in Galiläa.

        Also mal sehen was steht denn da? Das Kleinkind dieser Familie wird angeblich aus politischen Gründen verfolgt. Herodes der Große sieht sich von ihm bedroht. Dass ich nicht lache, der große Herodes hat Angst vor einem kleinen Kind. Also die könnten sich wirklich einmal eine glaubwürdigere Geschichte einfallen lassen. Wie heißt denn das Kleine eigentlich (Wühlt in den Papyrusrollen) Wo ist denn die Geburtsurkunde? Ist die vielleicht gar nicht mit dabei? Ich schau nochmal durch, schließlich bin ich ja ein gewissenhafter Beamter. (Wühlt wieder im Papyrus.) Da ist tatsächlich keine Geburtsurkunde dabei. Na das wird sich in die Länge ziehen. Schließlich arbeitet das Standesamt in Nazarath auch nicht besonders schnell. (Schaut wieder in eine Rolle.) Moment mal, was schreibt dieser Zimmermann über den Sprössling? Geburtsort: Bethlehem. Das liegt doch gar nicht mehr in Galiläa, sondern schon in Judäa. Da waren die schon auf dem Weg hierher und der Kandidat des Asylbewerberverfahrens war noch gar nicht geboren. Also irgendwas riecht da faul. Das sollen die erstmal erklären, wie das zusammengeht. Momentmal? Hat der von Herodes dem Großen geschrieben, der ihn verfolgt? Tatsächlich. Aber der ist doch vor vier Jahren gestorben, das stand doch groß in allen Zeitungen. Und da glaubt der, er kann mich damit hinters Licht führen. Ich werde da also erstmal zusätzliche Unterlagen anfordern. Oje, da kommt wieder ein Haufen Papyruskram auf mich zu. Ich weiß was besseres. Morgen geht eine Expresskarawane und einen Ermessensspielraum hab ich ja auch und dann dauert es etwas länger als bis übermorgen, bis die wieder hier bei mir auftauchen und ich brauch nur einen Papyrusvordruck ausfüllen, also keine großartigen Hieroglyphen, sondern nur hier ein Kreuz und Unterschrift und fertig und jetzt ist Feierabend.





        Manche Nachrichten bewirken ganz einfach, das ich nicht still bleiben kann, obwohl ich gerne eine schönere Geschichte geschrieben hätte. In diesem Fall bewirkten das zwei Nachrichten eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst:



        Freie Presse Chemnitz vom Freitag den 10. Dezember 1999:



        Rechtswidrig abgeschoben

        Chemnitzer Gericht verfügt Rückholung einer kurdischen Familie



        Chemnitz (DRR). Das Verwaltungsgericht ließ keine Zeit verstreichen, um festzustellen, dass die durch die Zentrale Ausländerbehörde des Chemnitzer Regierungspräsidiums ins Werk gesetzte Abschiebung der kurdischen Familie G. rechtswidrig sei. Denn das Asylbewerberverfahren der eineinhalbjährigen Tochter war noch nicht abgeschlossen. Dennoch konnten die Richter mit der Eile der Ausländerbehörde nicht mithalten.

        Frau G. und ihre fünf Kinder waren in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember aus dem Asylbewerberheim in Olbernhau abgeholt worden. Als das Gericht gleich am Vormittag des 7. Dezember die Rechtswidrigkeit der beabsichtigten Abschiebung feststellte, konnten die Richter nur noch die "unverzügliche" Rückholung der Familie verfügen, denn die saß schon im Flugzeug nach Istanbul. Damit aber scheint die Ausländerbehörde nun gar keine Eile mehr zu haben, bezweifelt satt dessen die Richtigkeit des Richterspruchs.

        Laut Asylbewerbergesetz darf während eines laufenden Asylbewerberverfahrens nicht abgeschoben werden. Warum die Zentrale Ausländerbehörde die sechsköpfige kurdische Familie dennoch ins Flugzeug nach der Türkei setzte - die Beantwortung dieser Anfrage der "Freien Presse" sei "zum momentanten Zeitpunkt bedauerlicherweise nicht abschließend möglich", so die schriftliche Einlassung von Behördenchef Konrad Hiersemann, der gegen den Verwaltungsgerichtsbeschluss nun erst einmal Beschwerde einlegen will.

        "Die Abschiebung mag eine Panne gewesen sein, man könnte aber auch eine gewisse Böswilligkeit vermuten", sagte Nikolaus Tautrims von der Berliner Anwaltskanzlei Klotz, die die Familie G. vertritt. Ihm habe der zuständige Beamte bei der Ausländerbehörde die Abschiebung damit begründet, dass von einem laufenden Asylverfahren der kleinen Tochter angeblich nichts bekannt gewesen sei.





        Angesichts dieser weihnachtlichen Stimmung kommen mir die Tränen. :-((((((



        Und jetzt kommt die Gute Nachricht. Das ist zwar schon etwas länger her, aber es ist immer noch aktuell: Das mit dem Asyl hat damals in Ägypten doch noch geklappt und deswegen feiern wir ja jedes Jahr nicht nur Weihnachten, sondern auch Ostern. Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf.



        Allen, die das lesen, wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest.

        Stefan



        P.S.: Eines wollte ich noch fragen: Was meint ihr? Soll ich den Leuten in der Chemnitzer Ausländerbehörde auch Weihnachtswünsche mit dem Text eines Weihnachtsspiels zukommen lassen?

        • Antwort von nach 32 Tagen hilfreich
          Erfolgsmeldung

          Soll ich den Leuten in der
          Chemnitzer Ausländerbehörde auch
          Weihnachtswünsche mit dem Text eines
          Weihnachtsspiels zukommen lassen?
          Also, das hab ich jetzt doch gemacht. Ob dadurch etwas bewirkt wurde, weiß ich nicht, aber folgende Meldung stand kurz später in der Zeitung:

          Weihnachtsfreiden bei Abschiebungen

          Chemnitz (ADN). Die Zentrale Ausländerbehörde des
          Regierungspräsidiums Chemnitz hat Asyalbewerbern einen so genannten Weihnachtsfreiden zugesichert. Demnach werden von heute bis zum 9. Januar abgelehnte Bewerber nicht abgeschoben. Von der Regelung ausgenommen seien allerdings Fälle von Abschiebungen aus der Haft sowie eingeleitete und abgestimmte Abschiebungen.



          Freie Presse, Chemnitz, vom 20.12.1999



          Und heute steht in der der Zeitung, das das Regierungspräsidium in leztter 'Instanz dazu verdonnert wurde, die Familie wieder zurück zu holen.

          Viele Grüße
          Stefan

    • Antwort von nach 11 Tagen hilfreich
      Re: Deutschland - ein Wintermärchen

      Deutschland - ein Wintermärchen
      von Nike <
      HIPERV
      NCULO "[E-Mail-Adresse entfernt] FF-Artikel: Deutschland - ein Wintermärchen"
      [E-Mail-Adresse entfernt]

      Ja, ich weiss, dass es auch ‘bei uns drueben’ nicht mehr das ist, was es war, mich erstaunt sehr, dass Du das auch beklagst, obwohl Du ja noch juenger bist als meine aelteste Tochter und ich weiss auch von meiner Familie, dass es in Oesterreich nicht mehr das ist, was ich von meinen Kindheitsweihnachten nach dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung habe. Leider bin ich mit dem Adventstress (mein Mann hat ein Moebelgeschaeft) so beschaeftigt, dass ich mich im Moment nicht an die Psychologieexperten werden kann oder diese Frage im Forum stellen und auf Antworten reagieren kann. Ich wuerde naemlich gerne wissen, wie wichtig sind eigentlich Braeuche fuer den Menschen, es gab ja auch eine Zeit, in der man die Bedeutung der Maerchen unterschaetzte. Insofern war mir also Deine Antwort besonders wichtig, denn Du bedauerst diese Abartung von schoenen Braeuchen im eigenen Land, es spielt also kein Heimweh mit.
      Aber ich will dieses Thema noch einmal aufgreifen und betonen, dass ich offenbar nicht allein bin mit diesen unseren nostalgischen Gefuehlen .
      Liebe Gruesse von Angelika aus Colima, Mexico









      > (3.12.1999 11:23 Uhr)
      Eine traurige und schöne Geschichte, die Du da erzählst, Angelika. Von dem Versuch, alte Erinnerungen nicht sterben zu lassen. Ich will mal eine Geschichte erzählen, die so ähnlich ist, mit einem Unterschied: Sie spielt in Deutschland.
      Da sind ganz ähnliche Erinnerungen. Ich sehe mich, meine Mutter und Großmutter durch den tiefen Schnee zur Mitternachtsmette stapfen. Die Kirche vollgestopft, und jeder hält eine weiße Kerze in der Hand. Hunderte von Kerzen. Ich sehe mich Gedichte unter dem Tannenbaum aufsagen. "Denkt Euch, ich habe das Christkind gesehen. Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee..." Es riecht nach langsam bratender Gans und Zimtsternen und frischem Tannengrün. Die Geschenke liegen unter dem Baum. Wir haben es nicht eilig, sie auszupacken. Noch nicht einmal das kleine Mädchen, das ich bin. Lieber will ich meine Gedichte aufsagen. Und Lieder singen. Meine Mutter spielt Klavier, und wir singen "Tochter Zion". Das ist ihr Lieblings-Weihnachtslied. Dann singen wir meine Lieblings-Weihnachtslieder: Maria durch ein Dornwald ging. Und Oh Du Fröhliche. Und Zu Bethlehem Geboren. Und Kommet, Ihr Hirten. Und dann darf ich die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Ich lege die alte Bibel auf meine Knie, und sehe hinein, dabei kann ich sie doch auswendig. Und immer stolpere ich über den Satz "Landpfleger in Syrien". Ein schweres Wort für eine siebenjährige.
      Irgendwann werden dann die Geschenke ausgepackt. Ich bekomme Buntstifte und viele Bücher, und einen neuen Schulranzen. Und ein Spiel, das alle spielen können. Und bin glücklich. Wir spielen mein neues Spiel, und dann sitzen wir alle im Wohnzimmer am Weihnachtsbaum und lesen in unseren Büchern. Ohne Bücher hat es bei uns noch kein Weihnachtsfest gegeben.
      Ja. Und jetzt? Jetzt ist das siebenjährige Mädchen zwanzig jahre her. Im September füllen sich die Regale mit Weihnachtsmännern und Zimtsternen, mit Dominosteinen und Christbaumschmuck. Ich gehe daran vorbei und schaue weg, und halte mir die Ohren zu, wenn wieder die Easy-Listening-Version von Oh Du Fröhliche im Kaufhaus erschallt. Ich versuche es zu ignorieren, und auch die Dekoration in den Schaufenstern. Ich widerstehe sogar den Gewürzmandeln, bis es Dezember wird. Sogar denen! Aber die meisten sind am 1. Advent schon so vollgestopft mit Lebkuchen, daß ihnen schlecht wird, wenn sie auch nur eine Printe sehen. Und die Lieder kann auch schon keiner mehr hören. Ich lese in der Zeitung die Schlagzeile: "Verkaufsoffener Samstag vorgezogen! Über eine Million Kunden in der Innenstadt erwartet!" Also umfahre ich die Innenstadt und schiebe die Geschenk vor mir her. Irgendwann muß ich dann aber doch. Mir wird übel. Die Leute erschlagen sich fast, so voll ist es in den Geschäften. In dem Spielwarenladen, wo ich einen Plüschhund für die Tochter meines Freundes kaufe, steht vor mir, in der Schlange an der Kasse, eine Frau. Sie kauft eine Dreamcast-Spielkonsole für 400 oder 500 Mark. Ihr siebenjähriger Sohn ist dabei. Ich schaue wieder weg. Ein vater kauft ein Barbie-Schloß für seine Tochter. Auch über 300 Mark. Fragt, ob er es umtauschen kann, falls die Oma das schon gekauft hat. Millionen wandern über die Ladentheke.
      Als ich aus den Geschäften komme, ist es schon dunkel. Ich sehe hoch zum Himmel. Die Sterne kann man wegen all der Deko-Lichter kaum sehen. Meine Füße sind naß vom Schneematsch. Echter Schnee fällt gar nicht durch den Smog über Köln. Ich sehe hoch zu den Sternen und suche nach dem Stern von Bethlehem.





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      Eine traurige und schöne Geschichte, die Du da erzählst, Angelika. Von dem
      Versuch, alte Erinnerungen nicht sterben
      zu lassen. Ich will mal eine Geschichte
      erzählen, die so ähnlich ist, mit einem
      Unterschied: Sie spielt in Deutschland.

      Da sind ganz ähnliche Erinnerungen. Ich
      sehe mich, meine Mutter und Großmutter
      durch den tiefen Schnee zur
      Mitternachtsmette stapfen. Die Kirche
      vollgestopft, und jeder hält eine weiße
      Kerze in der Hand. Hunderte von Kerzen.
      Ich sehe mich Gedichte unter dem
      Tannenbaum aufsagen. "Denkt Euch, ich
      habe das Christkind gesehen. Es kam aus
      dem Walde, das Mützchen voll Schnee..."
      Es riecht nach langsam bratender Gans und
      Zimtsternen und frischem Tannengrün. Die
      Geschenke liegen unter dem Baum. Wir
      haben es nicht eilig, sie auszupacken.
      Noch nicht einmal das kleine Mädchen, das
      ich bin. Lieber will ich meine Gedichte
      aufsagen. Und Lieder singen. Meine Mutter
      spielt Klavier, und wir singen "Tochter
      Zion". Das ist ihr
      Lieblings-Weihnachtslied. Dann singen wir
      meine Lieblings-Weihnachtslieder: Maria
      durch ein Dornwald ging. Und Oh Du
      Fröhliche. Und Zu Bethlehem Geboren. Und
      Kommet, Ihr Hirten. Und dann darf ich die
      Weihnachtsgeschichte vorlesen. Ich lege
      die alte Bibel auf meine Knie, und sehe
      hinein, dabei kann ich sie doch
      auswendig. Und immer stolpere ich über
      den Satz "Landpfleger in Syrien". Ein
      schweres Wort für eine siebenjährige.

      Irgendwann werden dann die Geschenke
      ausgepackt. Ich bekomme Buntstifte und
      viele Bücher, und einen neuen
      Schulranzen. Und ein Spiel, das alle
      spielen können. Und bin glücklich. Wir
      spielen mein neues Spiel, und dann sitzen
      wir alle im Wohnzimmer am Weihnachtsbaum
      und lesen in unseren Büchern. Ohne Bücher
      hat es bei uns noch kein Weihnachtsfest
      gegeben.

      Ja. Und jetzt? Jetzt ist das
      siebenjährige Mädchen zwanzig jahre her.
      Im September füllen sich die Regale mit
      Weihnachtsmännern und Zimtsternen, mit
      Dominosteinen und Christbaumschmuck. Ich
      gehe daran vorbei und schaue weg, und
      halte mir die Ohren zu, wenn wieder die
      Easy-Listening-Version von Oh Du
      Fröhliche im Kaufhaus erschallt. Ich
      versuche es zu ignorieren, und auch die
      Dekoration in den Schaufenstern. Ich
      widerstehe sogar den Gewürzmandeln, bis
      es Dezember wird. Sogar denen! Aber die
      meisten sind am 1. Advent schon so
      vollgestopft mit Lebkuchen, daß ihnen
      schlecht wird, wenn sie auch nur eine
      Printe sehen. Und die Lieder kann auch
      schon keiner mehr hören. Ich lese in der
      Zeitung die Schlagzeile: "Verkaufsoffener
      Samstag vorgezogen! Über eine Million
      Kunden in der Innenstadt erwartet!" Also
      umfahre ich die Innenstadt und schiebe
      die Geschenk vor mir her. Irgendwann muß
      ich dann aber doch. Mir wird übel. Die
      Leute erschlagen sich fast, so voll ist
      es in den Geschäften. In dem
      Spielwarenladen, wo ich einen Plüschhund
      für die Tochter meines Freundes kaufe,
      steht vor mir, in der Schlange an der
      Kasse, eine Frau. Sie kauft eine
      Dreamcast-Spielkonsole für 400 oder 500
      Mark. Ihr siebenjähriger Sohn ist dabei.
      Ich schaue wieder weg. Ein vater kauft
      ein Barbie-Schloß für seine Tochter. Auch
      über 300 Mark. Fragt, ob er es umtauschen
      kann, falls die Oma das schon gekauft
      hat. Millionen wandern über die
      Ladentheke.

      Als ich aus den Geschäften komme, ist es
      schon dunkel. Ich sehe hoch zum Himmel.
      Die Sterne kann man wegen all der
      Deko-Lichter kaum sehen. Meine Füße sind
      naß vom Schneematsch. Echter Schnee fällt
      gar nicht durch den Smog über Köln. Ich
      sehe hoch zu den Sternen und suche nach
      dem Stern von Bethlehem.

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