Sonnenblumen contra Depression
Sie erwachte in der Abenddämmerung. Für einen Augenblick, schlaftrunken, war sie in der Wärme ihres Bettes geborgen und weich. Nur einen Gedanken später, stieß ihr die Kälte des Erinnerns wie ein spitzer Gegenstand tief in ihre Brust. Dieses Gefühl, spüren zu können, wie sich das Herz verkleinert, weil
es sich zusammenzieht. Panik, die sich in Tränen auflöst. Nein, nein, bitte, laß es nicht wahr sein, bitte mach, das ich träume! Aber es ist kein Traum. Ringsherum ist alles finster, raben-
schwarz. Die Lichter aus den umliegenden Fenstern stören, dieses Bild paßt nicht mehr in ihre Welt. Verdunklung. Bei ihr da oben ist es dunkel.
Doch Rettung naht, sie weis es nur noch nicht. Ein Blick in den Kühlschrank macht ihr klar, sie muß für kurze Zeit ihre Festung verlassen. Ein Stift kratzt mit zitternden Buchstaben die Worte Brot, Käse, Eier, Colt auf ein abgerissenes Blatt Papier. Welch eine Anstrengung, sich anzuziehen und wo hat sie die Schlüssel? Wieder Panik, der Schlüssel ist symbolisch, ihr Rückzug ist gefährdet, Schweissausbruch.
Da ist er ja, ich brauch Dich doch, mach das nie wieder. Fest, so fest, daß sich die Knöchel ihrer Hände weiß verfärben, hält sie den kostbaren Schatz in ihrer Hand.
Jetzt gibt es kein Zurück, nicht denken, einfach losgehen.
Sie öffnet die Tür und sieht sich vor einem Meer aus lauter kleinen Sonnen. Kraftvoll, wunderschön, Duft verbreitend,
liegt ein Riesenstrauß Sonnenblumen vor ihrer Tür.
Zögern nimmt sie ihn auf, vergräbt ihr Gesicht darin und atmet. Ein Atemzug aus Hoffnung und Freude. Sie weis nicht, wer ihr dieses unerwartete Geschenk gemacht hat, aber es muß jemand sein, der etwas Licht in ihre Dunkelheit bringen will.
Sie fühlt Dankbarkeit, eine tiefe Dankbarkeit und das überhaupt Größte, dieser Dankbarkeit irgendwie Ausdruck zu verleihen ist, langsam Zimmer für Zimmer zu beleuchten.
d.
PS: sind es nicht immer die kleinen Dinge, die uns noch
überraschen können?