Hallo Freunde und -innen!
Ich weiß, das hat jetzt lang gedauert. Und eigentlich wollte ich die Übersetzung vom Autor prüfen lassen, bevor ich sie hier reinstelle, aber der ist auf Tournee. Und demnächst bin ich auf Url … ähhh … ****
Beste Grüße
Barney
SEPTEMBER IM REGEN
Im Angesicht der Todeszone
von Richard M. Sudhalter
Originaltitel: „September in the Rain – Walking to Ground Zero“
(Übertragung in die deutsche Sprache von mir)
Kurz nach elf war es am Donnerstag Morgen, und im Union Square Park fielen schwere Tropfen vom Himmel. Eine Kehrtruppe der Parkverwaltung stritt sich um die geschützten Plätze, und sie dankten Gott, daß sie noch nicht dazu hier waren, die Tausenden und Abertausenden von Blumen und Kerzen wegzu-räumen, die diesen historischen Ort seit jenem Dienstag, dem 11. September in einen heiligen verwandelt hatten, in einen Tempel der verlorenen Mensch-lich-keit – ja, und vielleicht auch der wiedergefundenen.
Schließlich trollten sie sich lustlos in die unbelebten Winkel des Parks. An der Südseite, dort wo die 14. Straße quert, rutschen drei Frauen auf den Knien durch ein Meer von welken Blüten, und unter den strengen Augen des Denk-mals von George Washington versuchen sie da und dort die Kerzen vor dem Regen zu schützen, die kleinen Flammen der Erinnerung zu erhalten.
„Hat hier jemand Streichhölzer?“ fleht die eine. „Bitte, lassen Sie diese Kerzen nicht ausgehen!“ Ein Passant reicht ihr ein Feuerzeug. In den Tiefen meiner Manteltasche ertaste ich eine kleine Schachtel Streichhölzer, wohl ein längst ver-gessenes Souvenir aus irgendeinem Restaurant in Rom oder Wien. Sie nimmt sie, und mit feuchten Augen zündet sie eine kleine Kerze unter tausenden wieder an.
Ich streife durch die Straßen von Manhattan in diesem Regen und versuche, mich von den Fesseln jener Lethargie zu befreien, die mich die letzten zehn Tage gefangen gehalten hat. War es nicht verwirrend? An jenem Dienstag Morgen war ich inmitten leuchtender Farben am Strand gesessen, in Sicher-heit, während erregte Stimmen in Radio und Fernsehen Feuer und Zerstörung und Tod jenseits des Begreifbaren schilderten. Irgendetwas in meinem Gehirn sträubte sich beim Zusammentreffen dieser Wider-sprüchlich-keiten. „Ich muß das nicht glauben, wenn ich es nicht glauben will“, sagte John O’Hara, als er eines Tages im Jahre 1937 erfuhr, daß George Gershwin, das Wunder-kind der amerikanischen Musik, im Alter von nur neununddreißig Jahren gestorben war. Auch ich wollte meinen Ohren nicht trauen an jenem 11. September: Die Gedanken waren blockiert.
Eine erste kleine Erleichterung verspüre ich, als ich die Frau beobachte, wie sie, auf den Knien rutschend, die Hoffnung nährt mit Hilfe meiner Zündhölzer; als ich die Feuerwehrleute in ihren schwarzen Regenjacken plaudern höre, während sie an rasch errichteten Ständen von McDonald’s ihre Hamburger verschlingen; und angesichts der ungebrochenen Energie, mit der ein junger Rot-Kreuz-Helfer Mineralwasser und Limonade verteilt an die weißmaskierten Männer, die Fuhre um Fuhre Schutt wegbringen nach Staten Island.
Der Regen läßt etwas nach. Ich gehe den Broadway südwärts – aber einen Broadway, wie ich ihn nie zuvor sah: Grau in grau, verschwommen zu einer ein-tönigen Fläche. Doch einzelne Farbflecken leuchten hervor: Ein bunt-geklei-deter Haitianer spielt „The Star Spangled Banner“ auf seiner Trommel, zu stolz, die fünf Dollar eines Passanten anzunehmen; eine Gipstafel an der Wand, auf die jemand mit scharlachrotem Lippenstift geschrieben hatte: „Zerstörung hat im Leben niemals das letzte Wort“; färbige Flugblätter mit Fotos aus glück-licheren Tagen, die Nachricht heischen von Sell J. Zisa, zuletzt gesehen im 100. Stockwerk im Turm eins, von Amy O‘Dougherty, von Linda Rivera, von Drew Bailey …
Immer größere Gruppen von Polizisten, Feuerwehrleuten und National-gar-disten und endlose Reihen von Notstromaggregaten sind die Zeichen, daß ich mich der Todeszone nähere. Mehr als das alles, sogar mehr als die all-gegen-wärtige Rußwolke, fesselt der Geruch die Sinne: Beißend und süßlich, umfängt er diesen Ort auch noch nach neun Tagen wie ein böser Fluch. Selbst der Regen bringt keine Linderung.
Auf meinem Weg durch die Chambers Street unterhalte ich mich mit ein paar Polizisten, als sich eine Frau zu uns gesellt („nennt mich einfach Shirley“). Sie wohne da ums Eck, erzählt sie, und sie habe kein Problem gehabt, zur Kenntnis zu nehmen, was da passiert war, denn „wir haben solches Zeug schon hundert-mal im Fernsehen und im Kino gesehen. Solche Explosionen, und brennende Türme und solches Zeug. Aber wißt ihr, was mich wirklich fertig macht? Wenn ich hier rausgehe und die Straße runterschaue – und nichts da unten sehe – absolut nichts! – das ist schrecklich.“
Ein Stück weiter südlich, an einem Kiosk mit den klingenden Namen „The Balloon Saloon“, hält ein halbverhungerter Straßenjunge den amerikanischen Traum am Leben und verkauft rote, weiße und blaue Luftballons um einen Dollar pro Stück. Und stolz zeigt er auf den kleiner werden Stapel T-Shirts, alle bedruckt mit Motiven zu diesem einen Thema. Auf dem Hintergrund des Sternenbanners steht „9-11-01 – and still standing“ (etwa: und noch immer ungebrochen), wobei die Türme des World Trade Center die Zahl „elf“ darstellen.
Regen, Staub und Ruß haben Aufschriften und Symbole an den Mauern unter einer Schicht eklig graubrauner Schmiere verschwinden lassen. Eine Filiale der North Fork Bank an der Ecke Hudson und Chambers erscheint wie eine gespen-stische Parodie eines Bunkers aus dem II. Weltkrieg. Und Ruby’s Buchladen und Anna’s Nagelstudio, ein Schuhgeschäft und andere scheinen verwandelt in verstaubte Kulissen aus irgendeinem ausgedienten Lager Hollywoods.
Der größte Teil des betroffenen Areals ist für die Öffentlichkeit nach wie vor gesperrt: Am Broadway im Osten, an der Chambers Street im Norden. Aber wenn man an der Ecke Cortland oder Liberty steht, ist das ganze Ausmaß der Zer-stö-rung zu sehen, das jedem Vergleich mit anderen Katastrophen standhält mit seinem ungeheuren Haufen von Schutt und Asche und dem erdig-düsteren Leuchten des Brandes.
Eines der am häufigsten fotografierten Motive ist ein riesiges Stück der Turm-fassade, das wie ein in die Erde gerammter Schild schräg zum Himmel zeigt. Würde jemand einen Bildhauer beauftragen wollen, zum Beispiel Richard Serra, ein Denkmal zu gestalten zur ewigen Erinnerung an diesen Dienstag, den 11. September, er könnte nichts Eindrucksvolleres schaffen.
Eine Tafel vor dem Odeon Café-Restaurant an der Ecke Thomas und West-Broadway verspricht „Gratismahlzeiten für Feuerwehrleute, Polizisten, Rot-Kreuz-Helfer und Nationalgardisten mit Ausweis“. An der nächsten Ecke bietet ein mobiler Telefonwagen „Gratisgespräche, gestiftet von Verizon Public Communi-cations“. Aber das hier ist New York – und freilich sind die Telefone unbenützbar.
Am frühen Nachmittag hört es endlich auf zu regnen, und ich verlasse die Stätte des Grauens. Vielleicht, dieser Gedanke geht mir durch den Kopf, vielleicht sollte jeder aus dem friedlichen Fleckchen Erde, das ich mein Zuhause nenne, diese Wallfahrt machen hierher, diesen Ort zu spüren, diesen Widerspruch der unglaublichen Wahrheit in sich aufzunehmen, wie ihn keine Fernsehbilder zu vermitteln vermögen, die – selbst aus allernächster Nähe aufgenommen – doch nur Ferne signalisieren.
Ferne war für viele von uns der Schutz an jenem Morgen des 11. September 2001. Wir konnten den Schrecken miterleben, den Schock, die Wut, die Ver-zweif-lung – und wir konnten uns aber auch nach Wunsch abwenden davon, uns Ab-lenkung suchen in der Routine des Alltags, in der beruhigenden Schönheit der Umgebung und dem Gefühl der Sicherheit, das sie uns vermittelt.
Aber wir dürfen uns nicht mehr abwenden. Diesen Luxus können wir uns nicht mehr leisten. So wie die Szenen von der Todeszone an diesem verregneten Donnerstag nicht mehr aufhören werden, mich zu verfolgen.
* * *
Richard M. Sudhalter, Buchautor und Jazz-Trompeter, wohnt in Cutchogue.
