Jetzt wage ich es.
Also, vor ein paar Jahren wollte ich Beinahe-Liebesgeschichten schreiben. (Liebesgeschichten gibt es doch so viele) Ich hab dann nur eine geschrieben. Bevor ihr sie lest bedenkt: Ich war und bin Amateur, urteilt also nicht so hart
Heute würd ich sie anders schreiben, aber da sie einigen Freunden so gefallen hat, laß ich sie wie sie ist:
Beinahe Liebe,
Sonne meines Herzens
Thomas Svenson fiel dieses alte Beatles-Lied ein…“Here Comes the Sun!“ und er summte es. Ja ohne Zweifel, er war gut aufgelegt, und das kam in letzter Zeit nicht so oft vor. Seit langer Zeit hatte er wieder ein Rendezvous. Du-du-du-du… Ja, möglicherweise war er ver-liebt, und das wäre das erstemal seit fünf Jahren, als er seine Frau kennenlernte. Die Scheidung vor einem Jahr fiel ihm wieder ein, aber die Traurigkeit, die ihm sonst bei solchen Gedanken überkam, stellte sich nicht ein. Er hatte Blumen gekauft, und sah jetzt auf die Uhr. Perfekt, genau zehn Uhr. Er ging in das kleine Kaffeehaus, und sah sich um. Sie war noch nicht da, und so setzte er sich hin, und bestellte einen Kaffee. Kaum hatte er ihn getrunken, da kam sie. Sie lächelte ihm zu, und was war das für ein Lächeln. Ungeschickt bot er ihr Platz an, und gab ihr die Blumen. Sie fing an draufloszureden, von ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer Katze. Thomas hörte bald nur mehr die Melodie ihrer Stimme, und ließ seine Gedanken zurückschweifen. Er lernte sie letzten Donnerstag kennen. Ein Freund von ihm stellte sie ihm auf einer Geburtstagsparty vor, und dabei wollte er gar nicht hingehen. Sie hieß Susi und hatte braune Augen und dunkle, beinahe schwarze Haare, und sie war einfach süß (Du alter Chauvinist). „…und so dachte ich, da heute so schönes Wetter ist…“ fuhr sie fort.
„Hm?“ machte Thomas.
„Naja, laß uns ein bißchen fortfahren, ich zeig dir meinen Lieblingsplatz.“
Wie selbstverständlich waren sie zu ihrem Auto gegangen. Sie startete den alten Käfer. Thomas dachte über Susi nach. Sie hatte eine jugendliche, sehr schlanke Figur obwohl sie sicher schon dreißig war. Nein, daß sie sich auch in ihn verliebt hätte, das wäre zu schön gewesen. Aber das würde ihn nicht stören. Sie war einfach ein Mensch zum wohlfühlen, und ein gewisses Wohlgefühl, war was ihm in letzter Zeit wirklich abgegangen war. Zuerst die Streitigkeiten in der Ehe, dann die Schwierigkeiten im Beruf, sein Frosch war gestorben…
„Hier sind wir schon!“ sagte sie.
Wo sind wir denn hier, dachte Thomas. Sie waren auf einer Wiese, und Susi nahm zwei kleine Handtücher aus dem Wagen.
„Du willst dich doch nicht hier sonnen?“ Thomas war ein wenig verstört. Das war sicher der bis jetzt heißeste Tag im Jahr. Die Sonne heizte mit unwahrscheinlicher Kraft, und er spürte wie seine Haut auf der Nase bereits zu brennen begann.
„Freilich, wie jeden Sonntag, komm zieh dein Hemd aus!“
Thomas gehorchte ihr „Aber ich hab doch keinen Sonnenschutz mit.“ klagte er.
„Hier!“ sie gab ihm ein kleines Fläschchen mit Sonnenmilch, Schutzfaktor 2. Thomas verwendete hauptsächlich Schutzfaktor 20.
Thomas’ Vorfahren kamen von überall aus Europa. Vom Vater seines Vaters hat er nicht nur seinen Namen geerbt. Er war Däne, und seine Eltern stammten aus Norwegen. In all den Jahrhunderten in denen seine Vorfahren im hohen Norden wohnten
hatte sich bei ihnen eine Haut entwickelt, die so gut wie jeden Selbstschutz gegen Sonnen-licht verloren hat. In Thomas Augen war das durchaus vernünftig. So konnten sie während der kurzen Sommer, der oft nur wenige Tage andauerte die Ärmel hochstrecken, und das spärliche Sommerlicht, das nun ungehindert von natürlichen Sonnenschutz auf ihre Haut traf konnte nun genug Vitamin D erzeugen. So herrschte bald jene weiße Haut vor, die auch Thomas unglücklicher Weise geerbt hat. Er wurde niemals braun, nur schrecklich rot. In Thomas’ Augen war die Einteilung der Menschen in Rassen vollkommener Unsinn. Es war alles nur eine Frage der Anpassung an die Sonne.
Susi räkelte sich in der Sonne, und ihr ruhiger Atem verriet Thomas, daß sie am einschlafen war. Sie hatte dunkle Haut. Ihre Vorfahren kamen sicher aus Spanien oder Italien, und so war es kein Wunder wenn sie die Sonne brauchte. Ohne sie würde sie wahrscheinlich eingehen wie die verdorrten Primeln dort drüben. Oh, sie war wirklich lieblich anzusehen, und wie gesagt er fühlte sich wohl bei ihr …aber die Sonne!
Er rieb sich mit der Sonnenmilch ein. Faktor 2! Er würde wahrscheinlich nicht in einer viertel, sondern erst in einer halben Stunde verbrennen.
Die Sonne war der Freund und gleichzeitig der Feind allen Lebens. Ohne Sonne würde es kein Leben geben, aber zuviel von ihr ließ es wieder verdorren, wie eben diese Primeln dort drüben. Thomas fühlte jetzt eine unverhohlene Sympathie mit ihnen. Es war jetzt knapp 12 Uhr. Um ein Uhr war er wahrscheinlich rot wie ein Krebs, um zwei hatte er mit Sicherheit einen Sonnenstich, und um drei…Hör auf Thomas, schalt er sich. Am Himmel entdeckte er jetzt etwas wunderbares. Eine kleine Wolke trieb auf die Sonne zu. Sie war die einzige am ganzen Himmel, und Thomas setzte seine ganze Hoffnung in sie. Jetzt aber kam es ihm vor als würde sie stehenbleiben. Er schaute auf die Uhr. Nach etwa 20 Minuten kam er zur Überzeugung daß es ihm nicht nur so vorkam. Sie war tatsächlich stehengeblie-ben. Es war vollkommen windstill, und was Thomas jetzt sah, wäre schon ein Grund für eine kleine Depression gewesen. Die kleine Wolke löste sich auf! Die Sonne löste sie vollkommen auf! Er wünschte er wäre ins Kino gegangen, wo es dunkel und kühl ist, und langsam wäre es ihm egal gewesen, was gespielt werden würde. Fünf Minuten später hätte er sich liebend gerne eine fünfstündige indische Dokumentation mit japanischen Untertiteln angesehen.
Sein Hemd! Er hatte sein Hemd im Auto liegen, und die Autoschlüsseln waren in Susis Handtasche. Sie verwendete die Handtasche als Kopfpolster, aber er hätte auch in anderen Fällen nicht gewagt in die Tasche zu greifen.
Flucht Ja, er mußte flüchten, irgendwo in den Schatten. Aber da war kein Schatten. Nur Wiesen und Felder. Auch das Auto warf noch keinen Schatten. Vielleicht war hinter diesem Hügel dort… Er ging die etwa hundert Meter und sah hinter dem Hügel zwei wunderbare Bäume. Ein Blick zurück auf Susi. Er würde sich jetzt ein Stündchen unter einen der Bäume legen und danach zu Susi zurückkehren. Danach würde das Auto bereits einen Schatten werfen, und er war gerettet.
Doch irgendwie kam es anders. Thomas schlief den Schlaf der Gerechten. Erst als es dunkel wurde wachte er auf. Susi war zwei Stunden vor ihm aufgewacht, und hatte nach ihm gesucht. Als sie ihn nicht gefunden hatte fuhr sie mit komischen Gefühlen nach Hause. Thomas mußte ohne Hemd die Schnellbahn nehmen, um nach Hause zu kommen. Später haben sich Susi und Thomas befreundet, und oft über diese Geschichte gelacht. Freundschaft. Es wurde nie mehr.
