Erklärt mir mal den Sinn !

Von: , Frage gestellt am Do, 6. Jan 2000

Ich bin ja nun ein richtig "doofer" Mechaniker in einer Betriebswerkstatt mit ca. 80 Leuten.Seit ca. 1 Jahr wird bei uns auch dieses sogenannte Qualitätsmanagment durchgeführt,aber gebracht hat es ausser jeder Menge Sitzungen unserer "Führungselite",Papierkram bis zum Abwinken,immer lahmarschiger werdender Büro- und Lagerverwaltung und Anschwellen des Verwaltungstraktes garnichts. M.E. ist diese Zertifizierung nichts weiter als Mittel zum Zweck um das Aufblähen von Verwaltung und prüfenden Unternehmen durchzuführen.Der Prüfer der bei uns war hat nicht mal in die Werkstatt geschaut,aber dafür die ca. 3 cbm Dokumentation durchgesehen die wir monatlich erzeugen. fakt ist das wir seit Einführung dieses in meinen Augen völlig überflüssigen Schwachsinns um ein Gerät instand zu setzen teilweise 5 Aufträge bekommen. Es gibt dann z.B. den Auftrag für eine 1000 Betriebstundenwartung,Reparatur nach Wartung , UVV-Prüfung (TÜV für Arbeitsmaschinen),Reparatur nach UVV und wenn noch evt. was kaputt gefahren wurde Reparatur des Gewaltschadens. Da soll einem nicht die Hutschnur hochgehen.Aber ich will mir gerne den näheren Sinn von DIN ISO 9001 oder wie auch immer erklären lassen.Also nur zu ! Gruß Maik

21 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 9 Stunden hilfreich
    Re: Erklärt mir mal den Sinn !

    Hallo Maik,

    leider geht es Dir genauso wie vielen anderen, die in einem Unternehmen arbeiten, das sich entschlossen hat, ein QM-System einzuführen, ohne sich die Mühe zu machen, seine Mitarbeiter sinnvoll einzubinden. Diese Praxis ist weit verbreitet, weil der Druck auf viele Unternehmen immer größer wird, ein QM-System einzuführen und da wird "es halt gemacht", ohne daß der tatsächliche Hintergrund verstanden wird.
    Ein System zur Überprüfung und Sicherung der Qualität hat, richtig angewendet, nicht nur Sinn, sondern auch konkreten Nutzen.
    Im Idealfall sieht es so aus: Die Firmenleitung gibt bekannt, daß man ein Qualitätssicherungssystem einführen möchte. Es werden Teams gebildet, die sich quer durch alle Hierarchieebenen ziehen und die sich in regelmäßigen Abständen treffen. In diesen Teams wird erst einmal erörtert, was derzeit getan wird, um zu garantieren, daß die Qualität der Produkte immer gleichleibend gut ist, das die Qualität der angelieferten Materialien stabil ist und das der Werdegang eines Produktes rückverfolgbar bis zu seinen Ausgangsmaterialien ist. Diese Dinge sind wichtig für den Fall, daß Fehler auftreten, denn dann muß ja immer jemand oder etwas gefunden werden, daß/der Verursacher der Misere ist. Neben den Materialien spielen natürlich noch eine Reihe anderer Faktoren eine große Rolle bei guter Arbeit, alle sollen erkannt und bewertet werden. Jetzt überlegen sich die Teams (wenn die Leitung noch nicht entschieden hat, welches System gewählt wird, es gibt nämlich verschiedene!), welches QM-System für das Unternehmen das Sinnvollste wäre. Man arbeitet aus der entsprechenden Norm/System die Punkte heraus, die dieses System fordert. Dann vergleicht man das Ergebnis mit dem Stand im Unternehmen und sieht, wo noch Handlungsbedarf besteht.
    Der Sinn hinter dieser Art von QM-Systemen liegt in verschiedenen Bereichen. Zunächst einmal sollen Fehler und unnötige Kosten vermieden werden. In dem man sich selbst regelmäßig (mind. 1x pro Jahr) überprüft, kann man frühzeitig steuernd eingreifen. Wie willst Du allerdings erkennen, daß etwas nicht stimmt, wenn Du Dir keine Aufzeichnungen machst, die Du über einen Zeitraum von x-Tagen oder Monaten auswertest? Ich spreche von Tendenzen in Maschinenfähigkeiten, von Leistungsspitzen bei Mitarbeitern, von auftretendem Schulungsbedarf....
    Dann kommt noch ein weiterer Punkt. Du als "Mann an der Front" hast den tiefsten Einblick in Deinen Arbeitsablauf. Bei der Einführung sollten Du und Deine Kollegen ihre Verbesserungsvorschläge einbringen können, denn jeder ärgert sich über,sagen wir mal, scheinbar unwichtige Dinge, die aber zusammengefasst viel Zeit fressen und die Wahrscheinlichkeit, daß Fehler passieren, erhöhen. Man kommt bei der Einführung eines QM-Systems nicht um ein gewisses MAß an Papier herum, nur sollte es in einem sinnvollen Umfang geschehen. Wichtig ist, daß die entscheidenden Dinge aufgeschrieben sind, damit man später nachgucken kann, wo und warum was schief gelaufen ist.
    Ich kann nur sagen, daß es selbstverständlich von ungeheurer Wichtigkeit ist, und Du bist für mich wieder mal eine Bestätigung meiner Ansicht, daß der Belegschaft die Hintergründe für eine geplante Zertifizierung ganz, ganz klar gemacht werden. Dies geschieht leider aus Ziet und Geldmangel viel zu selten. Das Ergebnis sind Mitarbeiter, die die Dokumentation als Schikane und Arbeitsbehinderung verstehen und nur halbherzig bei der Sache sind. Das führt so ein System natürlich ad absurdum. Leider.
    Es gibt noch viele Dinge, die ich zu diesem Thema sagen könte, hier waren erst einmal die vordringlichsten, wenn Du an mehr interessiert bist,mail mich einfach an.
    Ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig helfen.
    Gruß
    Jutta

    • Antwort von nach 16 Stunden hilfreich
      Re^2: Erklärt mir mal den Sinn !

      Hallo Jutta !
      Wenn ich Deinen Artikel so lese kommt ich mir vor als wenn Du in unserer Firma warst und die Abläufe dort beschreibst. Trotzdem bleibe ich dabei das ein solches QM gelinde gesagt Schwachsinn ist oder aber nicht richtig umgesetzt wird.Es kann ja wohl meines Erachtens nicht angehen das ein Umschlaggerät das einen Neupreis von ca.DM 1,4 Mio hat wegen eines Ersatzteil für DM 5,90 wie bei uns geschehen für ca. 3 Tage liegen bleibt nur weil die Befehlskette eingehalten werden muss und unser Materialeinkauf auch seinen Senf dazugibt. Wenn ich dann mit Bekannten und Freunden rede deren Firmen auch ein QM durchführen ins Gespräch komme wird immer wieder auf die Zertifizierung geschimpft aus so ziemlich denselben Gründen wie ich sie bereits nannte. Da kann ja dann irgendwas nicht stimmen. In meinen Augen ist und bleibt der ganze Kram nenn mich stur purer Selbstzweck und Existenzberechtigung für ein Heer von Bürokraten,die noch nie unter einem Gerät gelegen haben und mir jetzt erzählen wollen wie ich besser zu arbeiten habe. Dann werde ich sauer wie Du vielleicht verstehen wirst und zu recht wie ich meine. Der Papierkram hat sich ja inzwischen derart aufgebläht das ich je nach Auftragslage um und bei 30 min jeden Tag am Schreiben bin um auch ja alles zu dokumentieren. Dieselben Theoretiker schauen sich dann meine Texte an und vergleichen die zeiten um mir dann vorzuhalten das ich ja für diese oder jene Reparatur 1/2 Stunde länger gebraucht habe als mein Kollege.Das ist in meinen Augen blanke Schikane und derart Motivationshemmend,aber dafür gibt es ja dann Motivationsschulungen in denen mir die Firmenziele eingebleut werden,wie fair wir doch alle miteinander u,gehen und das wir alle ohne Ende Vertrauen zueinander haben. Wenn ich dann aus dem Schulungszimmer gehe tritt mein Chef mir gedanklich in den Hintern und das Spiel geht unverändert weiter.Wenn so ein QM aussieht dann vielen Dank ! Aber trotzdem danke für Deine Mühe und ich hoffe Du nimmst meinen Artikel nicht persönlich. Gruß Maik

      • Antwort von nach 20 Stunden hilfreich
        Re^3: Erklärt mir mal den Sinn !

        Hallo Maik,

        zumindest zum Bereich Ersatzteilbeschaffung kann ich meinen Senf dazugeben.

        Ich hatte mal im Einkauf eines Industrieunternehmens gearbeitet. Weil uns Einkäufern auch irgendwann vor lauter Bürokratie der Hut hochgegangen ist, haben wir folgendes gemacht:

        Bei Maschinenersatzteilen ist der Lieferant eigentlich immer der Gleiche (=Maschinenhersteller). Deshalb wurde bei uns nur 1x (nämlich beim Maschinenkauf) eine generelle Vereinbarung über Preise, Konditionen usw. getroffen. Sämtliche Ersatzteilbestellungen wurden dann direkt von der Instandhaltungsabteilung in Auftrag gegeben und auch abgerechnet (= Rechnung prüfen). Natürlich sollte das wenigstens etwas dokumentiert werden (z.B. Bestellung auf Standard-Fax-Formular, welches kurz von Hand ausgefüllt wurde).

        Das gleiche funktioniert übrigens auch bei Büromaterialien. Man spart sich ein ganzes Lager, die Verantwortung liegt bei der Abteilungssekretärin, vom Einkauf werden nur die Lieferanten und die Konditionen (Rabatt gegenüber Standardpreisliste) verhandelt.

        QS-Systeme sind eigentlich wichtig (und ich arbeite nicht in einer QS), bei Euch ist aber wohl die Formulargeilheit ausgebrochen ! Weniger ist nämlich manchmal mehr. Außerdem kommt Zertifizierung & Co auch eher aus der Großserienproduktion, da man da nicht jedes Teil prüfen kann und somit sichergestellt sein muß, daß der Produktionsablauf i.O. ist (die Mitarbeiter in diesen Bereichen sind meißtens nur angelernt, da muß man etwas mehr "kontrollieren"). Im Instandhaltungsbereich sollte man jedoch davon ausgehen können, daß es sich um Spezialisten handelt, die beim Geschäft mitdenken.

        Grüsse

        Sven

      • Antwort von nach 10 Tagen hilfreich
        Re^3: Erklärt mir mal den Sinn !

        HauaHauaHa!! Du bist ja geladen!

        Das ist prima - daran erkenne ich, daß Du Dich sehr für den Betrieb engagierst.
        Euer QMS scheint mir aber auch ziemlich an der Realität vorbei zu sein.
        Ein gutes QMS wird einem nämlich nicht "vorgesetzt", sondern jeder wirkt aktiv an der Sache mit. Da spricht man von "Bottom-up" und nicht wie bei euch "Top-down". Das scheint mir das nächste Problem zu sein: Bei euch scheinet es einen tiefen Graben zwischen "Arbeitern" und "Management" zu geben (und das nicht nur in den Köpfen des Management).

        Und wenn ein immenser Produktionsausfall (=Kosten) mit der Einhaltung des "Dienstweges" (den auch noch das QMS geschaffen haben soll) erklärt wird, dann ist das ein starkes Stück! Ein gutes QMS sorgt nämlich dafür genau diesen Fall zu vermeiden. Es soll eben doch Möglichkeiten zur Umgehung starrer Strukturen bieten. Flexibles Handeln ist eines der Ziele.

        Ich höre aber häufig von QMSen wie dem Euren. Externe Berater beschaffen einem das Siegel. Und wenn die GL zig-tausend DMchen dafür hinblättert, dann will die auch was sehen - und zwar kiloweise Akten und Formulare. Und der Zertifizierer macht das Spielchen mit. Würg!!

        Was kannst Du tun?
        1. Sachlich bleiben.
        2. Geduldig sein.
        3. Auf jeden Mißstand hinweisen. Und zwar nicht in Zeit und Unwohlsein, sondern in Mark und Pfennig. Schreib auf, was jder Fehler kostet. Die "Erbsenzähler" (ich bin auch so einer) kriegt man nur mit den eigenen Mitteln.
        4. Euren QMB mal an dieses Forum verweisen. Wir werden den schon missionieren. :-)

        Und Bedenke eines: Die Probleme bei euch sind schlimm genug. Frust und Resignation von Dir und Deinen Leidensgenossen machen es nur noch schlimmer. Bleib also tapfer dran und übe konstruktive Kritik. Wenn Du nur 20% Deiner Wünsche durchsetzen kannst, dann hast Du viel erreicht.
        Ich spreche auch leidvoller Erfahrung.

        T:o)m

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Re^2: Erklärt mir mal den Sinn !

      Hallo QM Geschädigte,
      auch ich habe so meine Erfahrungen auf dem Gebiet der Einführung von QM Systemen gemacht.
      Als ich damals einen Recyclingbetrieb zur Zertifizierung gebracht habe hatte ich mit den gleichen Vorwürfen zu kämpfen. Ich war dort als technischer Leiter angestellt und kannte sehr genau die Meinung der Basis.
      Auch dort war Anfangs nichts als Papierkram zu sehen, bis der erste Störfall aufgetreten ist. Plötzlich schrie alles nach Papier und Unterlagen um zu beweisen das der Betrieb Ordnungsgemäß nach Recht und Gesetz arbeitete.
      Sowohl die Basis als auch die Geschäftsführung war plötzlich Stolz darauf ein QM System zu haben.
      Inzwischen bin ich in der Autobranche eines Zulieferers tätig. Dort lehre ich FMEA ( Fehlermöglichkeiten und Einfluss Analyse )
      Auch hier habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht. Zuerst erzählen Dir alle wie über es ist so etwas mit einer Software zu machen und dann war man froh eine Analyse gemacht zu haben. Hat es in einem Fall doch eine halbe Mio. gespart.
      Wenn wir es nur immer mit Leuten wie Maik zu tun hätten dann wäre es einfacher Qualität zu sichern. Denn eins hat er schon verstanden, nicht alles akzeptieren nur weil alle behaupten das war schon immer so.
      Vieleicht findet er so einen anderen Weg für seinen Betrieb. Eine Methode die (fast) alle verstehen und leben können.
      Gruß
      Peter

  2. Antwort von nach 22 Stunden hilfreich
    Re: Erklärt mir mal den Sinn !

    Hallo Maik,

    leider gibt es sehr viele Firmen wie eure, die den Sinn der ISO 9000 nicht verstanden haben. Es gibt nämlich zwei Möglichkeiten, man kann sich zum Sklaven der Norm machen und sich selbst in seiner Bewegung einschränken. (Scheinbar bei euch geschehen) Oder man wählt die Vernünftige Variante und legt sich die Norm so aus wie man damit am besten klar kommt. Die ISO 9000 besteht streng genommen (fast) nur aus Empfehlungen. Speziell in einem Bereich wie Instandhaltung wo lauter Spezialisten ständig andere Aufgaben zu erledigen haben dürfte dies nicht so schwer sein. Im Gegensatz zur produzierenden Industrie, wo ständig gleiche Teile mit gleicher Qualität entstehen sollen.
    Ob dir meine Worte irgendwie geholfen haben, weiss ich nicht, aber zumindest habe ich es probiert.

    Gruß

    Oliver

  3. Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
    Re: Erklärt mir mal den Sinn !

    Hallo Maik ,
    über Sinn und Unsinn einer Zertifikation
    nach DIN ISO EN 9000ff kann man sicherlich
    Diskutieren.
    Es gibt aber für Zulieferer der Automobil-
    industrie eine einfache Formel warum man um
    ein Zertifikat nicht herumkommt und die
    lautet :

    KEIN ZERTIFIKAT = KEINE AUFTRÄGE

    Mfg
    N.Blecker [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  4. Antwort von nach 4 Tagen hilfreich
    Re: Erklärt mir mal den Sinn !

    Hallo Maik

    Instandhaltung und Qualität.
    Um aus der "QM-Falle" herauszukommen und die Instandhaltung mit neuen Konzepten weiterzubringen hier ein Tipp.
    Es gibt Instandhaltertage in Weinheim die sich mit Instandhaltungsfragen aller Art beschäftigen.Hier sollten die Chefs sich einmal orientieren.
    Telefon: 06201-61155

    Viel Erfolg beim Nachfragen

    • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
      Blöder Tip!

      Habe gerade angerufen!
      Kein Mensch hebt ab.

      Kein Erfolg, viel Frust, was jetzt?
      Andreas [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]



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