Hallo Heinrich,
leider hab ich praktisch nichts über US-amerikanische Taktiken, habe aber mal ein paar Sachen aus deutschen, französischen, britischen, russischen und österreichischen Reglements herausgesucht:
Für den Krieg 1870/71 war im deutschen Heer eine flügelweise Gliederung in Schützenschwärme vorgesehen. Ein gefechtsmässiges Eingraben wurde dabei nicht einkalkuliet. Erst 1874 wurden in der Infanterie pro Bataillon 200 kleine Spaten ausgegeben (bei einer Gefechtsstärke von ca. 1.000 Mann!). In den Gefechtsvorschriften von 1879 war als Gefechtsaufstellung die Kompaniekolonne mit drei hintereinanderstehenden Zügen vorgesehen, von denen sich der hintere zuerst zur Schützenreihe aufzulösen hatte. Die Züge sollten sich in Feuergruppen unter jeweils einem Gruppenführer auflösen.
In Frankreich wurde ab 1875 der Kampf in aufgelöster Ordnung eingeführt, aufgrund der höheren Waffenwirkung betonte man aber den Wert der Verteidigung. Mit dem Reglement von 1889/94 wurde der Erfolg allerdings allein im Angriff erwartet.
Das österreichische Exerzier-Reglement von 1874 betonte in der Schiessinstruktion den gezielten Einzelschuss, sah aber durchaus noch das altertümliche Salvenschiessen in geschlossener Formation vor.
Die deutsche Felddienstordnung von 1887 und das neue Reglement für die Infanterie von 1888 bestimmten den Schützenschwarm zur Hauptkampfform der Infanterie. Dieses Reglement war bis zum Kriegsausbruch 1914 gültig. Vorgesehen war, dass die Infanterie unter Deckung auf Nahentfernung an den Feind herangeht, dort das Feuergefecht aufnimmt und anschliessend auf Sturmentfernung zum Bajonettangriff vorgeht.
Die Japaner haben die deutschen Vorschriften von 1888 fast wörtlich übernommen. Im russisch-japanischen Krieg griffen sie anfangs noch in dichten Schützenlinien an, was zu hohen Verlusten führte.
In den deutschen Vorschriften von 1906 wurden erstmals die Erfahrungen aus dem Burenkrieg verarbeitet, bei dem die Briten erstmals gefechtsmässiges Eingraben praktiziert haben. Ebenso wurde erstmals das Vorgehen in dünnen Schützenlinien gefordert.
Allerdings erwies sich die Auflockerung meist als nicht konsequent genug. Auf den Übungsplätzen wurde noch immer in dichten Schützenlinien vorgegangen. Bei diesen Übungen war immer noch eine generelle Nichtachtung der gegnerischen Feuerwirkung zu beobachten. Der Bajonettangriff galt als der Weisheit letzter Schluss, da er von „schneidigem Vorgehen“ zeugte. In allen Heeren überwog die Forderung nach unbedingtem Angriffsgeist die bestehenden Forderungen nach gedecktem Vorgehen.
Die Russische Armee schrieb bis weit in den 1. Weltkrieg hinein zugweises Salvenschiessen vor. Das russische Reglement betonte den Offensivgedanken; Verteidigung galt nur als statthaft, wenn sie mit einem allgemeinen Gegenstoss abschloss. Die russische Infanterie ging ab einer Feindentfernung von 300 Metern zum Bajonettlauf über. General Kuropatkin bemerkte dazu: „Wir verstehen nicht, einen Angriff mit kräftiger Vorbereitung durch Artilleriefeuer auszuführen. Der Gedanke an ein unaufhaltsames Vorgehen ohne Gewehrfeuer hat sich leider bei vielen Führern eingebürgert. In vielen Fällen halten wir unsere Reserven in geschlossener Ordnung zusammen und lassen sie, ohne zu schiessen zum Bajonettangriff vorgehen.“
Maschinengewehrkompanien wurden erst 1906 versuchsweise eingesetzt, dabei erhielt eine Kompanie 2 Maschinengewehre. Erst im 1. Weltkrieg wurden sie zur wichtigsten Waffe der Infanterie.
Das sich an den taktischen Einschätzungen bis in den 1. Weltkrieg hinein nicht viel geändert hat, zeigen die Katastrophen von Langemarck 1914, wo unerfahrene Reserveoffiziere tausende junger Soldaten verheizen oder die Somme-Schlacht, bei der britische Offiziere ihre Soldaten noch in geschlossener Linie antreten lassen. Der 1. Juli 1916 verzeichnet den höchsten Tagesverlust der britischen Kriegsgeschichte. An diesem einen Tag büssten die Briten insgesamt 60.000 Mann, darunter 20.000 Gefallene ein.
Die geänderte Infanterietaktik ist sicher auch untrennbar mit der technischen Entwicklung von Waffen und Munition verbunden. Erst mit der Einführung des leistungsstarken rauchschwach Pulvers um 1883, der verbesserten Gewehre ab 1869 und die Entwicklung ruhigstehender Artillerie ab 1893 sowie verbesserter Richtmittel machte das Schiessen aus verdeckter Feuerstellung einerseits wie auch die Auflösung in kleinere Verbände mit genügend Feuerkraft möglich. Ab ca. 1865 gelang auch die Entwicklung annähernd zuverlässiger Zündmechanismen für Schrapnell-Geschosse, die eine verbesserte Deckung bei der Infanterie notwendig machte. Auch der Geschossverbrauch der Artillerie dürfte wesentlich dazu beigetragen haben. Während im gesamten deutsch-französischen Krieg pro Geschütz nur ca. 88 Schuss abgegeben wurden, wurden zum Auftakt der Aisne-Schlacht in einem 5-tägigen Trommelfeuer pro Geschütz ca. 8250 Schuss abgegeben; auf einer Frontbreite von 40 km rund 33 Mio. Schuss aus gut 4000 Geschützen.
(Quellen: Hans Linnenkohl: Vom Einzelschuss zur Feuerwalze / Georg Ortenburg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Millionenheere / Janusz Piekalkiewicz: Der erste Weltkrieg)
Gruss
Feanor