So zu Napoleons Zeiten oder so sind die Truppen doch einfach aufeinander losmarschiert und haben einfach nur geschossen - zumindest sieht man das in den Filmen so: erste Reihe kniet und schießt, zweite Reihe lädt in der Zeit etc. , dann marschiert man mal wieder ein wenig vorwärts usw. Was ist daran Taktik??? Gewinnt nicht einfach derjenige, der mehr Gewehre hat und besser zielt?
Du darfst Taktik nicht am Verhalten der einzelnen Einheit oder einer Linie innerhalb der Einheit festmachen.
Schlachttaktik ist die Bewegung vieler Einheiten auf dem Schlachtfeld, um dem Feind an ausgesuchten Stellen zuzusetzen, ihn auszumanövrieren, zu umgehen, in die Flanke oder gar den Rücken zu fallen. Dieses sture frontal Aufeinanderzumarschieren, wie man es im Film häufig sieht, ist blanker „Abnutzungskampf“. Da hast du mit deiner Aussage, wer mehr und genauer schießt, gewinn, durchaus recht.
Bei Angriffen im napoleonischen Stil war es eigentlich wichtiger, die Linien des Feindes, also die nebeneinander aufgestellten Einheiten, zu durchbrechen, in Unordnung zu bringen und schließlich von den Seiten her aufzurollen - bis die einzelnen Einheiten in die Flucht geschlagen wurden. Relevante Punkte der feindlichen Linien wurden zunächst unter Artilleriefeuer genommen, dann marschierte die Infantrie vor, um durch die Linien durchzustoßen. Mußte der Feind zu neugruppieren - machte also Schwenks oder marschierte zu neuen Punkten -, konnte die Kavallerie eingesetzt werden (nur in seltenen Fälle zu Beginn, da das Karee hervorragenden Schutz gegen Kavallerieattacken bot und für die Reiter schwerste Verluste bedeutete. Wurde eine Infanterieeinheit in die Flucht geschlagen oder war in Auflösung begriffen, kam die Stunde der Reiterei. Ein erheblicher Anteil der hohen Verluste kam erst bei der Vernichtung flüchtender Einheiten zustande.
Tip: falls du dich für PC-Spiele interessierst, besorg dir „Sid Meier’s Gettysburg“. Ist zwar 50 Jahre nach Napoleon, aber die Schlachttaktik ist dort sehr gut umgesetzt.
den sehr detaillierten Ausführungen kann ich mich nur anschliessen. Eine kleine Anmerkung noch zur Formation:
Der strenge Formationsaufmarsch hatte vor Allem den Grund, trotz der relativ ungenauen und langsamen Gewehre eine hohe Schussfrequenz mit möglichst breiter Streuung zu erhalten. In heutiger Zeit kann man das natürlich erheblich einfacher mit Maschinenwaffen erreichen. Sinn des Schützenfeuers war es auch nicht, den Gegner zu dezimieren, sondern ihn niederzuhalten und in Deckung zu zwingen. Nach dem Denken der damaligen Generalität sollte die Überwindung des Gegners hauptsächlich mit Bajonett- bzw. Lanzenangriff im Sturmlauf erreicht werden. Dies sah man als „mannhaft und heroisch“ an, während die Beschiessung eher als feige galt.
Dummerweise hat sich diese Denkweise bis in den 1. Weltkrieg hinein gehalten, da einige Offiziere anscheinend noch den relativen Erfolg solcher Taktik aus dem Krieg 1870/71 erlebt oder zumindest vor Augen hatten. Aufgrund dieser Fehleinschätzung moderner Waffensysteme wurden z. B. bei Langemarck ganze Battalione singend und in geordneter Formation in den Untergang geschickt. Der ganze Mythos vom Heldentum, der daraus entstanden ist, ist Blödsinn. Es war eine sinnlose Schlächterei aufgrund uneinsichtiger Offiziere.
Tip: falls du dich für PC-Spiele interessierst, besorg dir
„Sid Meier’s Gettysburg“. Ist zwar 50 Jahre nach Napoleon,
aber die Schlachttaktik ist dort sehr gut umgesetzt.
Ja, das ist sehr gut. Auch sehr nett ist „Das Gewehr“ von SSI - weiss aber nicht, ob man das noch bekommt.
es gibt da ein sehr interessantes buch von einen brit. professor keegan bei dtv „die schlacht“, in dem er die schlachten von azincourt, waterloo und somme 1916 analysiert. der untersucht am beispiel waterloos genau die chancen der einzelnen waffengattungen gegeneinander und kann logisch begründen, warum die franzosen bei azincourt, bei waterloo und an der somme 1916 verloren haben. frank
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]