Fragen zum Großen Zapfenstreich

Warum heißt es: Der „große“ Zapfenstreich?
Gibt es auch andere, vielleicht sogar den „kleinen“ Z. und
wenn ja, wie unterscheiden sie sich?

Großer Zapfenstreich

Warum heißt es: Der „große“ Zapfenstreich? Gibt es auch andere, vielleicht sogar den „kleinen“ Z. und wenn ja, wie unterscheiden sie sich?


„Zapfenstreich“ war ursprünglich der durch Trompetensignal übermittelte Befehl, in einer Garnison den Ausschank von Alkohol einzustellen. Dies wurde in Brandenburg (später Preußen) durch kurfürstliche Verordnung vom 29.8.1636 eingeführt. Vor 1914 war um 21 Uhr „Z.“.

Der „Große Zapfenstreich“ entstand während der Befreiungskriege. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. übernahm das beeindruckende russische Zapfenstreich-Zeremoniell mit Gebet und Choralgesang (Befehl vom 10.3.1813). Die praktische Bedeutung des Großes Zapfenstreichs als Befehl ging verloren. Es handelte sich nunmehr um eine Showveranstaltung mit sämtlichen Spielleuten der Garnison, Fackelträgern und Begleitkommandos aus der Truppe und wurde zelebriert bei Anlässen wie: Wechsel des Kommandeurs, Erteilung des Abschieds an ausgediente Soldaten, Ende großer Truppenübungen.

Die Armee, der ich einmal angehörte, vollzog den Großen Zapfenstreich seit 1962.

  • Django -

Warum heißt es: Der „große“ Zapfenstreich?
Gibt es auch andere, vielleicht sogar den „kleinen“ Z. und
wenn ja, wie unterscheiden sie sich?

Natürlich gab es auch den einfachen Zapfenstreich. Daß war das bekannte Tropetensignal, das der Hornist vor der Kasernenwache jeden Abend blies - als Zeichen zum Schlafengehen. Und eine Viertelstunde vorher bließ er das „Locken“ für alle, die noch auswärts - in der Garnisionstadt - waren: das Zeichen, jetzt Säbel unter der Arm und im Trab zur Kaserne. Wer zu spät kam, hatte „über den Zappen gehauen“ und bekam eine Disziplinarstrafe - Strafexerzieren oder „Bau“ (= Arrest). Alles erst 6o Jahre her!
Alexander Boeker.

Großer Zapfenstreich-Zusatzfrage!
Hallo.

Wieso wird eigentlich beim Großen Zapfenstreich ausgerechnet „Ich bete an die Macht der Liebe“ gespielt? Paßt doch gar nicht zum Dekorum, vom Text und der Musik her?

fragt sich
kw

Wer macht denn so was?

Wieso wird eigentlich beim Großen Zapfenstreich ausgerechnet „Ich bete an die Macht der Liebe“ gespielt? Paßt doch gar nicht zum Dekorum, vom Text und der Musik her?

fragt sich kw

Wer macht denn so was? Die Bundeswehr? „Früher“ (wo ich war) gehörte der Yorcksche Marsch zum Standardrepertoire, dazu je nach Anlaß „Kampflieder der Arbeiterklasse“. Die Macht der Liebe anzubeten paßt wirklich nicht.

  • Django -

Wer macht denn so was? Die Bundeswehr?

Jawoll.

Gruß kw

Auch dieser Teil wurde direkt aus dem russischen Zeremoniell übernommen. Der Befehl davor lautetet „Helm ab zum Gebet“. Klar, dass die NVA das nicht übernommen hat.

Andreas

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Großer Zapfenstreich-Zusatzantwort
Der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ gilt als Ausdruck eines universellen Friedenswunsches. Und das, denke ich, steht Soldaten durchaus gut an.

Als 1812 Russische Soldaten den Niederrhein erreichten, sollen sie nach dem Grab des Predigers und Dichters Gerhard Tersteegen gefragt haben (1697-1769). Als er geboren wurde, war die Erinnerung an den 30jährigen Krieg noch durchaus lebendig. Sein Gedicht „Ich bete an die Macht der Liebe“ wurde in der Vertonung des russischen Komponisten Dimitri S. Bortniansky (1751-1825) ein äußerst populäres Kirchenlied und Teil des russischen Großen Zapfenstreiches. Später ließ Friedrich Wilhelm III. es nach russischem Vorbild als „Abendgebet des preußischen Heeres“ (http://www.bsg1838.de/pages/zapfenstreich2.htm) in den großen Zapfenstreich deutscher Soldaten eingehen und führte es auch in die zivile preußische Gottesdienstordnung ein.

Als Teil des großen Zapfenstreiches wird der Choral von den Musikkorps der Bundeswehr (ZDv 8/10 siehe http://www.militaerrituale.de/home/quellen/ZDv10_8_2…), aber auch von vielen anderen Musikkapellen (Schützenvereine, Feuerwehr etc.) zu besonderen Anlässen aufgeführt.

Zugegebenermaßen wirkt der pietistisch motivierte Text des Chorals (http://argo.acronet.net/%7Erobokopp/Lieder/ichbete.html) etwas frömmelnd, aber dennoch ist der Choral bis heute in vielen Kirchengemeinden populär.

Was den Hinweis von Django weiter unten auf die Gepflogenheiten der NVA betrifft: Die NVA hatte sich seit ihrer Gründung in der Rolle wohlgefühlt, die wahren Preußen abzugeben. Was unter dem Aspekt ins Bild passte, wurde übernommen. Was daran ideologisch störte, ließ man halt weg. So auch den Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“, obwohl der seit jeher Bestandteil des Großen Zapfenstreiches ist, inklusive des Befehls „Helm ab zum Gebet“ - logisch.

Dass man in der NVA den Yorck’schen Marsch übernommen hat, ist nicht weiter verwunderlich. Zum einen konnten man das Yorck’sche Freikorps aus der Zeit der Befreiungskriege (wie andere preußische Militärreformer auch) gut und gerne in den Dienst des NVA-Traditionsanspruches stellen, zum anderen gehört der Marsch als „Zapfenstreichmarsch Nr. 1“ ohnedies zum traditionellen Grundrepertoire der Zeremonie.

Fundsache:
„Der Zapfenstreich in der NVA schließt formal eng an das traditionelle Vorbild an, erhält jedoch einen vollständig neuen Sinngehalt. Die dabei aufgeführten Musikstücke „Für Frieden und Freundschaft“, „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ setzten ihn inhaltlich vom preußischen ab. Nach Meldung und Begrüßung kam die Zapfenstreichmusik mit Elementen aus „des Geyers schwarzer Haufen“ und „Dank, Ihr Sowjetsoldaten“ und das Lied der Partei. Nach dieser neuen Formgebung betonte die NVA den traditionellen Charakter des Zapfenstreiches als Ausdruck der deutsch-russischen Waffenbrüderschaft (Verbindung der deutschen Militärgeschichte mit der internationalen Arbeiterbewegung). Aufgeführt wurde er in der DDR zu besonders feierlichen Anlässen. z. B. am Vorabend des 25. Jahrestages der NVA.“
http://home.t-online.de/home/wolfram.steinacker/corp…

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Sternchen und eine Korrektur
Stimmt ALLES bis auf eine Kleinigkeit: Ich habe nicht in der NVA gedient, sondern bei den (organisatorisch selbständigen) Grenztruppen der DDR. Die gehörten nicht einmal zu den Vereinten Streitkräften des Warschauer Vertrages.

  • Django -

Ja dann…
… ist die Bezeichnung in Deiner Vita: „Offizier einer Armee, die es mal gegeben hat“ nicht korrekt. Denn wenn die GT formell nichts mit der NVA als den Streitkräften der DDR im eigentlichen Sinne zu tun hatten, müsste es wohl eher heißen „Offizier von bewaffneten Kräften, die es mal gegeben hat.“ :wink:

Wenn ich mich recht erinnere, wurde Anfang der 70er das „Kommando Grenze“ als Teilstreitkraft der NVA ausgegliedert und in „Grenztruppen der DDR“ umbenannt. Die GT blieben jedoch weiterhin dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt und natürlich änderte sich am militärischen (d.h. nicht grenzpolizeilichen) Charakter der Truppe nichts. Die Maßnahme stand deshalb nach westlicher Interpretation lediglich im Zusammenhang damit, angesichts von Vereinbarungen zur konventionellen Truppenreduzierung die GT ausklammern und somit Personalzahlen erhalten zu können.

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Grenztruppen und Warsch.Pakt
Hallö Django,

Der Warschauer Vertrag im Zuge der Bildung des Warschauer Paktes wurde durch die Staaten beschlossen, nicht durch die Militärführungen. Da die Grenztruppen der DDR Bestandteil der Verteidigung eines Mitgliedsstaaten waren, waren sie sehrwohl auch Bestandteil des WP gewesen (im Friedensfall). Im Zuge erforderlicher Verteidigungsmassnahmen mit allen militärischen Mitteln, dürften sogar die Kampfgruppen der Arbeiterklasse zum Wp gehört haben. Grafisch und Textlich nachzulesen u.u.a. Link.

http://www.warschauer-pakt.de/

CIAo
Reiko

o.T.m.St.
kw

Die Grenztruppen der DDR …
wurden am 1. Dezember 1946 als Deutsche Grenzpolizei (mit polizeilichen Dienstgraden und Waffen) gegründet, daher 1.12. „Tag der Grenztruppen der DDR“. Durch Staatsvertrag der DDR mit der UdSSR 9/1955 übernahm die Grenzpolizei die alleinige „Sicherung“ der Grenze zu Westdeutschland mit Wirkung ab 1.12.1955; bis dahin hatten auch sowjetische Einheiten an der Grenze gestanden.

Per 15.9.1960 wurde die Grenzpolizei Teilstreitkraft der Nationalen Volksarmee der DDR mit militärischen Dienstgraden, schwerer Bewaffnung und gepanzerten Fahrzeugen. 1976 wiederum (genaues Datum - muß ich zu meiner Schande passen) wurden die „GT/DDR“ wieder eigenständig, mit militärischen Rängen, infanteristischer Bewaffnung, ohne gepanzerte Fahrzeuge. In meiner Zeit glichen sie sich immer mehr einer Polizei an; der Anteil der Wehrpflichtigen sank, und die Wehrpflichtigen, die da waren, erhielten immer mehr nur sekundäre Aufgaben; 40% der Truppe bestand aus Freiwilligen und Berufssoldaten. Die Tätigkeit (Streife, Ausweiskontrolle, Fahrzeugkontrolle, Durchsuchung) war eher polizeilich als militärisch.

Somit waren die GT/DDR von knapp 44 Jahren ihres Bestehens 28 Jahre lang eigenständig, davon wiederum 14 Jahre als Polizei, 14 Jahre als polizeiähnliches Heer. Also doch eine Armee (armeé … die Bewaffneten) eigener Art, die es mal gegeben hat.

  • Django -