Sollte i.J. 1916 Verdun wirklich erobert werden?

Ich gestatte mir, der w-w-w-Gemeinde ein militärstrategisches Problem zu unterbreiten.

  1. Die wahrscheinlich primitivste Form der Kriegführung ist es, als wirtschaftlich, finanziell und der Bevölkerungszahl nach Überlegener auf den Feind einzudreschen mit dem „strategischen“ Gedanken: Möge ich auch mehr Verluste erleiden als der Feind, ich kann meine Verluste ersetzen und der andere kann es nicht.
    Diese „Strategie“ finde ich im amerikanischen Bürgerkrieg ab 1863 zumindest auf dem östlichen Kriegsschauplatz (Sherman am Mississippi kämpfte anders) sowie ab 1943 auf Seiten der Sowjetunion.

  2. Wesentlich intelligenter erscheint es, kräftesparend zu kämpfen, also dem Gegner Verluste zuzufügen, die deutlich größer sind als die eigenen Einbußen. Allerdings kam man auf diese Weise keine großen Entscheidungen herbeiführen, sondern allenfalls ein Kräfteübergewicht gewinnen, das man dann für scharfe Schläge nutzen muß.

  3. Ich las dieser Tage eine Abhandlung über den deutschen Angriff auf die Festung Verdun im Jahre 1916.

a) General Falkenhayn, damals Chef der OHL, beabsichtigte nach eigenen Angaben eine „Ausblutung“ des französischen Heeres durch einen Angriff auf die Festung Verdun. Diese war auf drei Seiten von deutschen Stellungen umgeben und konnte von der deutschen Artillerie kreuzend beschossen werden. Der Gedanke ist klar: Das Feuer des Zentrums auf die Peripherie ist wirkungslos; das Feuer der Peripherie auf das Zentrum ist vernichtend.

b) Der Angriff begann am 21. Febr. 1916. In der Nacht vom 24. auf den 25. trat die Krise ein; stellenweise war die französische Abwehr zusammengebrochen, die Front auf 8km Breite eingedrückt. Am 25. eroberten deutsche Truppen das Fort Duaumont, das infolge eines Führungsfehlers keine Infanteriebesatzung hatte. Verdun besaß keinen Hauptwall. Jetzt noch Fort Sourville nehmen, und Verdun wäre deutsch gewesen.

c) Aber plötzlich ging es nicht weiter.

d) War die Eroberung Verduns wirklich beabsichtigt? Sollte nicht vielmehr das französische Heer Division für Division nach Verdun gezogen und dort zusammengeschossen werden?

e) Ab März blutete das deutsche Heer ebenso wie das französische. „Dank“ der Anfangserfolge vom Februar lagen die deutschen Truppen vor Verdun in einem Trichtergelände ohne Deckung, ohne Nachschub und ohne Verpflegung.
Falkenhayn hatte nicht die Persönlichkeit und Ausstrahlung eines Hindenburg, sondern galt als Rechner. Sollte er wirklich übersehen haben, daß ein TEILerfolg des Angriffs auf Verdun das dümmste ist, was den Deutschen passieren konnte?

Im Endeffekt kostete die Verdunschlacht beide Seiten etwa dieselben blutigen Verluste, rd. 350.000 Mann tot, verwundet, vermißt bei einem Granatverbrauch deutscherseits 21 Mio, Entente 15 Mio. Das deutsche Heer war ausgeblutet.

Weiß hierzu jemand näheres?
aa) Ob Verdun genommen werden sollte?
bb) Warum der eigentlich intelligent (s.o. 2.) gedachte "Ausblutungs"angriff letztlich die Angreifer ausblutete?

  • Django -

Hallo !
Sieht ganz so aus. Vielleicht nicht sinnvoll, aber es war ein Kräftemessen der Generäle auf beiden Seiten. Es war ein Kampf ums Prestige. Der Gewinn Verduns hätte den Deutschen fast nichts gebracht, aber die Franzosen konnten hier die deutschen Streitkräfte binden und hat damit viel von Frankreich abgehalten. Hätte man Verdun aufgegeben, hätte dies Symbolwirkung gehabt.

Verdun - blutiges Symbol für die furchtbaren Materialschlachten im „Abnutzungskrieg“ an der Westfront. Mit einer Großoffensive wollen die Deutschen noch einmal den Durchbruch erzwingen. Nach fünf verlustreichen Monaten wird der sinnlose Versuch abgebrochen.
Am 21. Februar befahl der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn die Offensive gegen die französische Festung Verdun. Nach neunstündigem Trommelfeuer der 1.400 Geschütze traten um 17 Uhr die deutschen Truppen zum Sturm auf das Fort an. Die erste französische Stellung konnte nach kurzen Kämpfen eingenommen werden. Drei Tage später gelang die Einnahme des Forts Douamont: Der deutsche Angriff hatte seinen Höhepunkt erreicht.
Danach erstarrten die Fronten: Ab dem 28. Februar gelangen den deutschen Streitkräften nur noch unbedeutende Gebietsgewinne. Die französische Führung warf ihre Reserven in den Kampf und konnte so den deutschen Vormarsch aufhalten. Durch die Massierung von Artillerie auf beiden Seiten nahmen die Verluste erschreckend zu, und am 11. Juli 1916 befahl von Falkenhayn nach weiteren vergeblichen Angriffen die Einstellung der Offensive. In der „Hölle von Verdun“ waren bis dahin 350.000 deutsche und 377.000 französische Soldaten gefallen.

Gruß Werner

Hi,

Wenn man Heydecker und Palciewicz folgen darf, wurde die Offensive von Verdun als ‚Verlegenheitslösung‘ gewählt, weil der Heeresleitung ‚nichts besseres einfiel‘. Tatsächlich konnten sich die Verbündeten der Mittelmächte nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen; Österreich wollte eine Offensive in Italien, Deutschland die Entscheidung im Westen. Falkenhayns Idee, die unter dem Codenamen CHI 45 ‚Gericht‘ bekannt wurde, war es, eine Kriegsentscheidung mittels einer großen Materialschlacht herbeizuführen, die Frankreich ausbluten sollte. Er verwendete dabei das schreckliche Wort von der Blutpumpe, die an den Körper Frankreichs angelegt werden sollte. Angeblich quittierte der Generalstabschef des österreichischen Heeres die Wahl des Schauplatzes Verdun mit „Gott sei Ihnen gnädig“.

Verdun war der am besten ausgebaute Punkt der gesamten Frontlinie, geschützt durch 20 Forts mit Zwischenwerken, bestens ausgebauten Artilleriestellungen, Unterständen, Gräben und auch äußerst schwieriges Gelände. Falkenhayns Rechnung war, dass die Franzosen die Festung Verdun niemals preisgeben würden und immer neue Truppen der bequemen Vernichtung zuführen würden. Dazu kam, dass aufgrund der relativ ruhigen Lage während der ersten Kriegsjahre große Teile der Besatzungen und Artillerie an andere Schauplätze verlegt wurde. Im Verlauf der Schlacht wurde dann aber alles Verfügbare an Waffen eingesetzt, sogar antiquierte Festungsmörser aus dem 17. Jahrhundert.

Wetterbedingt musste der Angriff auf Verdun um mehrere Tage auf den 21. Februar verschoben werden, was den Franzosen Gelegenheit gab, Verstärkung heranzuführen.

Die Schlacht begann mit einem bisher nicht erlebten Artilleriefeuer und nachfolgendem Sturm auf die ersten Gräben der Franzosen, die beinahe ohne Gegenwehr genommen werden konnten. Dann ließ die Heeresleitung stoppen, was den Soldaten unverständlich war, da die nächsten Gräben erreichbar waren und kaum mehr verteidigt wurden.

Den Kriegserinnerungen Ettighofers und Zöberlins nach waren weder die Truppe noch die direkte Führung über den Ausblutungsplan informiert; die 5. Armee unter Kronprinz Wilhelm glaubte an eine Eroberung von Verdun. Dies erklärt vielleicht auch den Alleingang des brandenburgischen Infanterieregiments unter von Brandis bei der ‚Eroberung‘ von Fort Douaumont, was eigentlich nicht vorgesehen war.

Einer der ersten Fehler war, dass der Angriff entgegen der ursprünglichen Planung nur auf der rechten Maasseite vorgetragen wurde. Die Angriffe auf der linken Seite begannen erst im März. In der Zwischenzeit konnten über die „Voie Sacree“ zwischen Verdun und Bar-le-Duc große Mengen Nachschub und Verstärkung herangeführt werden, pro Woche bis zu 90.000 Mann.

Das nächste Problem: die deutsche Armee hatte zwar eine relativ gut ausgebaute Ausgangsstellung, als die Schlacht aber in Gang gekommen war, mussten sie mit dem, was das Gelände an Deckung gab, vorlieb nehmen, während die Verteidiger in bombensicheren Unterständen und Gräben kämpften. Eine recht ausführliche Beschreibung der französischen Abwehr ist über den Caures-Wald bekannt, der von Oberst Driant verteidigt wurde. Der Wald war mit Draht- und Astverhauen, Bunkern, Blockhäusern, kleinen Sternwerken usw. gesichert, die von der deutschen Artillerie fast nicht getroffen wurden. Ein Vorgehen war in dem unter dauerndem Artilleriebeschuss liegenden Gelände so gut wie nicht möglich, das Wetter tat sein Übriges. Zöberlin beschreibt, dass man für die Strecke Bahndamm-Douaumont (ca. 2 km) unter normalen Bedingungen rund 2 Stunden brauchte.

Eine fatale Fehleinschätzung über die taktische Bedeutung von Maschinengewehren war ein weiteres Problem. Die von Deutschland benutzten Modelle waren viel zu schwer, um eine wirksame Infanterieunterstützung bei Sturmangriffen zu gewährleisten. Der Verteidiger war immer in der besseren Position. Ähnliches gilt für die Feldartillerie, deren Beweglichkeit in dem Kratergelände stark eingeschränkt war. Dazu kam noch mangelnder Nachschub, massiver Verschleiß bei den Geschützen und die brutale Einsatzplanung der deutschen Armee. Während die Franzosen immer wieder Truppen aus dem Gefecht nahm und frische Truppen nachschob, wurden die deutschen Soldaten nach 1 bis 2 Kampfwochen für eine Woche in ein Hinterlandlager geschickt, um danach wieder vorzugehen. Auf diese Weise wurden ganze Regimenter regelrecht verheizt.
Besonders gefürchtet waren die Ablösungen und Trägerdienste, da die Wege durch Schluchten führten, die unter Dauerfeuer lagen. Oft ist von einer Kompanie in Kampfstärke nur noch ein Drittel überhaupt an der Ablösestelle angekommen.

Nachdem die Briten im Juni ihre Entlastungsoffensive an der Somme gestartet haben, mussten auch noch Truppen und Geschütze von der Verdunfront abgezogen werden, was die Deutschen in eine noch schlechtere Lage brachte.

Neben den besonderen Tragödien der Explosionen im Tavannes-Tunnel und im Douaumont, die stark demoralisierend wirkten, ist auch der Kampf um Fort Vaux erwähnenswert. Aufgrund einer Falschmeldung berichtete die deutsche Presse bereits im März, dass das Fort in deutsche Hand gefallen sei. Da die Heeresleitung keinesfalls einen Irrtum eingestehen wollte, musste das Fort um jeden Preis genommen werden. Daraufhin entbrannte ein fürchterliches Gemetzel um das Fort, das wegen Wassermangel am 07. Juni kapitulierte.

Man kann sich heute noch ein Bild von der Hölle von Verdun machen, wenn man z. B. die Strasse von Verdun über die Froideterre zum Douaumont nimmt. Die Kraterlandschaft ist im Originalzustand belassen worden, überall die Trümmer der Unterstände und die Ruinen von Dörfern. Auch 85 Jahre nach der Schlacht noch beklemmend.

Gruß
Feanor

Wurde Duaumont versehentlich eingenommen?
Ich entnehme dem Beitrag, daß Fort Duaumont nur „versehentlich“ eingenommen wurde.
Dann:

  • das Aufteilen der Angriffe auf beiden Maas-Ufern
  • das bewußte „Offenlassen“ einer französischen Nachschublinie durch die Deutschen

sprechen dafür, daß eine Eroberung Verduns eigentlich NICHT BEABSICHTIGT war. Die französische Armee sollte Gelegenheit haben, über die offene Nachschubstraße nach Verdun zu marschieren und sich zusammenschießen zu lassen. Damit aber die Franzosen nicht stutzig werden und immer weiter fortfahren, sich in Verdun ihre Vernichtung zu holen, deswegen mußte ständig der EINDRUCK erweckt werden, daß die Wegnahme Verduns das Ziel der Deutschen war.

  • Django -

Hi Django,

Ich entnehme dem Beitrag, daß Fort Duaumont nur
„versehentlich“ eingenommen wurde.

Nunja, Oberleutnant von Brandis ging bei der Eroberung des Douaumont über seinen befohlenen Zielpunkt hinaus und hat das Fort sehr zur Überraschung der deutschen Führung per Handstreich besetzt. Die Franzosen dürften auch reichlich überrascht gewesen sein, denn sie leisteten keine Gegenwehr. Für die deutschen Soldaten war die Eroberung sicherlich positiv, denn dadurch hatten sie wenigstens einen halbwegs sicheren Punkt auf dem Schlachtfeld.

  • das Aufteilen der Angriffe auf beiden Maas-Ufern
  • das bewußte „Offenlassen“ einer französischen Nachschublinie
    durch die Deutschen
    sprechen dafür, daß eine Eroberung Verduns eigentlich NICHT
    BEABSICHTIGT war.

Nach Falkenhayns Plan war es ja auch nicht beabsichtigt. Nur hat er es anscheinend versäumt, den Kronprinzen und den Führungsstab der 5. Armee darüber zu unterrichten. Werde mir heute abend aber nochmal den Heeresbericht rauswühlen (liegt wg. Renovierungsarbeiten z. Zt. in ner grossen Kiste…)

Die französische Armee sollte Gelegenheit
haben, über die offene Nachschubstraße nach Verdun zu
marschieren und sich zusammenschießen zu lassen. Damit aber
die Franzosen nicht stutzig werden und immer weiter
fortfahren, sich in Verdun ihre Vernichtung zu holen, deswegen
mußte ständig der EINDRUCK erweckt werden, daß die Wegnahme
Verduns das Ziel der Deutschen war.

Scheint mir eine reichlich realistische Einschätzung zu sein. Interessant nur, dass die gesammelten Strategen der OHL den Schwachpunkt nicht erkannt haben (oder haben sie ihn schlicht ignoriert?). Eigentlich ist klar, dass mit dem damaligen Stand der Waffentechnik der gewünschte Effekt nur unter erheblichen eigenen Verlusten erzielt werden konnte.

Gruss
Feanor