Tu l'as voulu, Gudrun Dandin!
mein ausgeprägtes Sprachgefühl
Dieter E. Zimmer, Sprachgefühl
Wo aber nimmt dieser bewusste Sprachteilhaber die Maßstäbe her, an denen ein Sprachgebrauch gemessen werden könnte?
Sprachkritiker und andere Laien berufen sich in der Tat oft auf ihr Sprachgefühl.
Linguisten ist dieses so suspekt, dass sie den Begriff ganz gestrichen haben; nur in der Fremdsprachendidaktik scheint er noch ein unscheinbares Schattendasein zu führen.
Sonst ist er in der Linguistik verpönt, als ein schwammiger Begriff für etwas Subjektives, Inkonstantes, Unverlässliches, das sich nicht objektivieren und messen lässt. In den Lexika der Sprachwissenschaft sucht man das Stichwort vergebens. Dafür steht >sprachgefühl< in amerikanischen Wörterbüchern, als deutsches Lehnwort mit der so schlichten wie richtigen Erklärung: »an ear for the linguistically correct or appropriate«, ein Gehör für das sprachlich Richtige und Angemessene.
In diesem Sinn war es ein zwar vorwissenschaftlicher, aber kein unvernünftiger Begriff.
Jeder Sprecher einer Sprache ist auf eine innere Instanz angewiesen, die ihm sagt, ob ein Ausdruck richtig und angemessen ist – was hätte er sonst?
Was er zu Rate zieht, ist nichts anderes die Summe seines sprachlichen Wissens. Der größte Teil dieses Wissens ist unbewusst, implizit, eine Art Gefühl also, eine Intuition. Vielleicht hätte >Sprachintuition< heute, in der Zeit von >Sprachorgan< und >Sprachinstinkt<, einen weniger anstößigen Klang.
Jeder hält die Sprache so für richtig, wie er sie gelernt hat.
Abweichungen erscheinen ihm zweifelhaft oder falsch, und seine Sprachintuition protestiert. Sie treibt Sprachkritik, und diese ist in der Regel konservativ. Das System, das auf seine intuitive Beherrschung angewiesen ist, soll erhalten bleiben, sonst würde die Intuition versagen und die Verständigung schwerer fallen.
Diese kollektiven Interessen bremsen den Sprachwandel und verhindern, dass sich die Sprache in alle erdenklichen Richtungen auseinander entwickelt.
Einen Maßstab für die Bewertung der Sprache anderer gibt die naive Sprachintuition jedoch wirklich nicht ab. Aber bei der Bewertung muss trotzdem nicht die reine subjektive Willkür herrschen.
Werturteile brauchen in der Praxis des öffentlichen Lebens keine letztgültigen wissenschaftlichen Begründungen. Es genügt, wenn sie plausibel erscheinen.
Solche nicht nur subjektiven plausiblen Kriterien gibt es sehr wohl.
Eins ist das der Verständlichkeit. Der Linguist Hans Jürgen Heringer meint zwar, Verständlichkeit sei etwas Selbstverständliches und brauche keine Nachhilfe:
Es gibt keinen triftigen Grund, das, was man zu sagen hat, so oder so zu sagen. Es sei denn, gerade dies ist wieder eine Frage der Verständlichkeit. Ist es aber eine Frage der Verständlichkeit, dann braucht es keine Norm. Es ist im ureigensten Interesse des Sprechers, verständlich zu reden.
Mit der Betriebsblindheit so manches Experten übersieht dieser Linguist etwas nur allzu Offensichtliches, das auch schon Robert A. Hall in seinem wegweisenden Buch Lass deine Sprache in Ruhe! übersah: dass sich die Sprachteilnehmer de facto nicht garantiert verständlich ausdrücken, es nicht wollen, es nicht können, obwohl sie alle ein objektives Interesse an Verständlichkeit haben sollten.
Verständlichkeit stellt sich ja nicht quasi von allein ein. Manchem scheint die Möglichkeit, dass man mehr oder weniger verständlich sprechen oder schreiben kann, gar nicht bewusst zu sein.
Sprachbewusstsein – das Bewusstsein, mit einem komplizierten Werkzeug umzugehen, das einem ständig Entscheidungen abverlangt - ist eine Mangelware.
aus: Sprachein Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit