Re^4: Kants Kategorischer Imperativ
Moin,
Und hier offenbar sich meiner Meinung nach auch die Schwäche,
nämlich der Zwang zur Allgemeingültigkeit. Die Vorstellung,
sowohl Situationen, als auch Handelnde könnte in einer Weise
ähnlich oder identisch sein, dass sich daraus eine
Allgemeingültigkeit ableiten ließe, ist lediglich abstrakt,
aber nicht praktikabel :-)
das Gegenteil von Allgemeingültigkeit ist Regellosigkeit. Ich
kann mir nicht vorstellen, dass du einen Relativismus im Sinne
einer Anarchie vertrittst, oder?
Das bezeichnet ja nur die Form. Bei einer Ethik, die hingegen in der Person selbst begründet ist, z.B. der Motivation, anderen Lebewesen mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüberzutreten, kann das Resultat zwar in gewisser Weise "anarchistisch", aber dennoch für die Gesellschaft hochgradig erfreulich sein :-)
Mein Rekurs auf die Richtigkeit IN EINER SITUATION hatte ja
gerade zur Absicht, den scheinbaren Zwang (der Kant m. E. eben
fälchlicherweise vorgeworfen wird) zu relativieren. Dadurch
eben lösen sich solche (dem Kat. Imp. unterstellten)
Scheinprobleme, nach denen man der Ehrlichkeit wegen einen
versteckten Juden, nach dem ein Nazi fragt, verraten müsse,
auf. Das ist nämlich keineswegs der Fall, denn in diesem Falle
- wiederum vereinfacht formuliert - würde eine andere Formel
des Kat. Imp. greifen, nämlich die, dass man Menschen nicht
nur als Mittel, sondern AUCH IMMER ("auch" UND "immer") als
Zweck behandeln soll.
Und genau hier wird es meiner Meinung nach völlig abstrakt. In deinem konkreten Beispiel mag das ja noch hilfreich sein, aber was machst du in Situation, die durch das jeweilige Strafrecht gar nicht gedeckelt sind? Hier gibt es grundsätzlich erstmal maximale Handlungsfreiheit für jeden. Ein konkretes Beispiel: Wenn jemand vor der Entscheidung steht, ein Verhältnis mit einer verheirateten Person einzugehen, wie hilft ihm dann Kant bei der Entscheidung, um sein Handeln nun ethisch verwerflich ist oder nicht? Wie hilft einem Kant bei der Entscheidung, ob es ethisch bedenklich ist, Fleisch von Tieren zu konsumieren, die nicht artgerecht gehalten werden etc.?
Eher schon als Allgemeinheit kann man dem Kat. Imp. Leerheit
vorwerfen (wie das Hegel und andere getan haben), weil er ja
nicht sagt, was man tun soll, sondern nur, wonach man seine
Absichten zu richten hat. DAS nun aber wird ebenso durch die
Situationsbeziehung relativiert wie der erste Vorwurf. Und wie
ich schon sagte, meine ich, dass man diese Situationsbeziehung
(mindestens im Ansatz, aber aus meiner Sicht auch
weitergehend) bei Kant an anderen Textstellen nachweisen kann.
Es ist natürlich richtig, dass man dann streng genommen nicht
mehr von einem "kategorischen", sondern von hypothetischen
Imperativen sprechen müsste, aber dennoch würden diese
hypothetischen Imperative Teile des Kategorischen Imperativs
sein (bzw. sie müssten sich ihm untergliedern lassen).
Fachlich korrekter (aber immer noch zu kurz) müsste man sagen:
Die hypothetischen Imperative wären nicht-reine synthetische
Urteile apriori (bzw. diese lägen jenen zugrunde), sind mithin
also weder analytisch noch empirisch, wohl aber hätten sie als
synthetische Urteile einen gewissen
Allgemeingültigkeitsstatus. Ich beziehe mich hier vor allem
auf die Arbeiten von Konrad Cramer.
Schon ok. Ich hab ja auch nicht gesagt, dass Kant bullshit ist, ich hab nur gesagt, dass er abstrakt ist und bleibt in seinen Vorstellungen und damit wenig als praktische Handlungsmaxime taugt.
Aber das geht eigentlich für dieses Forum schon zu weit und
soll dich auch nicht weiter belasten. Mein entscheidendes
Argument ist auch ohne den Rekurs verstehbar, denke ich, oder?
Meins auch? (Sofern ich dich mit ein paar rein praktischen Überlegungen "belasten" darf :-))
Lieben Gruß
Marion