Taubblinde & Kommunikation
Hi Michael,
so selbständig wie Du und ich können Taubblinde gewiß nicht werden. Freilich, sie brauchen ihr Leben lang Hilfe, allerdings kannst Du diese Menschen nicht mit absolut hilflosen Wesen vergleichen. Taubblinde sind durchaus zur Kommunikation fähig, schließlich haben wir noch andere Sinne als das Gehör und das Sehvermögen.
Taubblinde können riechen, schmecken und schließlich tasten. Gut, über schmecken und riechen kann man nicht kommunizieren, aber der Tastsinn läßt sich dafür hervorragend verwenden.
Hast Du vielleicht schon einmal etwas von "Lormen" gehört? Es ist ein durch Hieronymus Lorm im 19. Jh. speziell für Taubblinde entwickeltes Tast-Alfabet, das offensichtlich auch von Geburt an blinde und taube Kinder erlernen können. Drücke einem taubblinden Kind z. B. einen Ball in die Hand, laß es ihn ertasten und lorme dann immer wieder das Wort "Ball". Zugegeben, das erfordert Geduld, aber irgendwann klappt es.
Vor einigen Jahren kam übrigens ein tragbarer Computer auf den Markt, der Taubblinden eine weitere Kommunikationsmöglichkeit bietet. Der Rechner ist mit einer Braille-Tastatur ausgestattet und wandelt das gesprochenene Wort des Gesprächspartners in Braille-Buchstaben um. Umkehehrt wird der eingegebene Text per Lautsprecher als gesprochenes Wort ausgegeben. Diese Erfindung geht auf das Konto einer Amerikanerin, die seit frühester Kindheit taub und blind ist (natürlich haben die Informatiker ihren Mitanteil an der Entwicklung). Bewundernswert, oder?
Ich glaube auch nicht, daß von Geburt an blinde bzw. taubblinde Menschen ohne jegliche "Bilder" träumen. Anders als wir? Ganz bestimmt!
Das menschliche Gehirn verfügt ohnehin über erstaunliche Fähigkeiten, das Gehirn Blinder/Taubblinder allerdings wahrscheinlich über noch erstaunlichere. Vor ewigen Zeiten habe ich ein Interview mit einem von Geburt an blinden Maler (!!!) gelesen. Auf die Frage, wie seine Träume aussehen, antwortete er: BLAU!!!
Ich habe mir wochen- und monatelang den Kopf darüber zerbrochen, wie ein Mensch, der noch nie etwas blaues gesehen hat, "blau" definieren will. Ich weiß es heute noch nicht.
Was mir gerade noch einfällt: es gibt einen uralten aber hervorragend gemachten S/W-Film zu dem Thema. An den Titel kann ich mich allerdings beim besten Willen nicht erinnern. Darin geht es um eine Lehrerin, die sich eines taubblinden Mädchens annimmt. Die Kleine wurde die ganze Zeit versteckt und für eine Verrückte gehalten, weil sie - durch die Ignoranz ihrer Eltern - keine Förderung bekam ("was wollen wir mit so einem Kind?") und wegen der Schande in ein Heim gesteckt werden sollte. Die Lehrerin zeigt dem Mädchen erst, daß sie nicht unbedingt Augen und Ohren braucht, um sich mitzuteilen und bringt ihr - trotz heftiger Wutausbrüche - das Lormen bei. Ich glaube, daß war einer der rührendsten (mit rührend meine ich NICHT kitschig!!!) Filme, die ich je gesehen habe.
So long
Tessa