Fritzl und unsere Moral

Von: , Frage gestellt am Do, 19. Mär 2009

Hallo!

Was mich ins Philosophie-Brett treibt ... keine Ahnung, aber ich habe keinen besseren Ort gefunden.

Durch Zufall stieß ich auf die Meinungsbeiträge, die auf der Internetseite von Web.de zum Urteil für Josef Fritzl stehen. Ein Ausflug dorthin lohnt sich!

http://meinungen.web.de/forum-webde/post/4920791?sp=42

Da wird ganz unverblümt die Todesstrafe für diesen Menschen ... nein, sorry, dass wäre meine Wortwahl ... die Todesstrafe für "dieses Monster, diesen Unmenschen, diesen Abschaum, diese Drecksau" gefordert - und jedem halbwegs gebildeten Menschen muss es kalt den Rücken runter laufen.

Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat anscheinend ein Rechtsempfinden, das ziemlich weit von dem einer intellektuellen Minderheit entfernt ist.

Mir fällt es jetzt schwer, eine Frage dazu zu formulieren, aber ich würde gerne ein paar Meinungen dazu hören.

Eine Frage ginge zum Beispiel in dieser Richtung: In der Demokratie gilt das Mehrheitsprinzip. Aber was fange ich mit einer Bevölkerung an, die mehrheitlich nicht versteht, was mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde gemeint ist - was ja dem Grundgesetz zufolge der Ausgangspunkt der Bundesrepublik ist? Früher gab es nicht nur in rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen eine Autorität, sondern auch in moralischen Fragen: Das war die Kirche. Kann man an die Stelle einer moralischen Autorität das Mehrheitsprinzip setzen? Und wenn nein: Wer kann dann die Rolle der moralischen Autorität übernehmen?

(Das ist aber nur ein Aspekt. Ihr dürft Euch gerne auch noch zu anderen Gesichtspunkten im Zusammenhang Fritzl/Todesstrafe/Rechtsempfinden... äußern). Ich bin gespannt!

Michael

13 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 18 Minuten 0 hilfreich
    Nachtrag...

    Wald vor lauter Bäumen...

    Eine weitere zentrale Frage ist natürlich: Ist Lebenslang eine gerechte Strafe für Fritzls Tat? Wenn nein, wie sollte sie dann aussehen?

    • Antwort von nach 2 Tagen 1 hilfreich
      Re: Nachtrag...

      Eine weitere zentrale Frage ist natürlich: Ist Lebenslang eine
      gerechte Strafe für Fritzls Tat? Wenn nein, wie sollte sie
      dann aussehen?
      Hallo, Michael,
      angesichts des hohen Alters von F. dürfte sich das auf biologischem Weg erledigen.
      Das Strafgesetz sieht für diese Taten lebenslange Freiheitsstrafe, ggf. ergänzt durch anschließende Sicherheitsverwahrung vor, da eine Resozialisierung in diesem Fall unwahrscheinlich sein dürfte.

      Der Gerechtigkeit ist damit Genüge getan.

      Eine andere Sache ist da das Lechzen der "Volksseele" nach Rache. Wobei jedoch zu bedenken ist, dass keine Rache je den Zustand quo ante wiederherstellen kann. Was geschehen ist, kann nicht wieder gut gemacht werden und das dürfte wohl die schlimmste Strafe für den Täter sein, wenn er nur einen Funken Gewissen hat.

      Gruß
      Eckard

    • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
      Re: Nachtrag...

      Hallo,
      vollkommene Gerechtigkeit gibt es eben oft nicht.

      Gruß
      Werner

  2. Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
    Re: Fritzl und unsere Moral

    Hallo Michael! Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat anscheinend ein
    Rechtsempfinden, das ziemlich weit von dem einer
    intellektuellen Minderheit entfernt ist.
    Mir erschließt sich nicht ganz, wie Du auf diese Behauptung kommst. Eine Frage ginge zum Beispiel in dieser Richtung: In der
    Demokratie gilt das Mehrheitsprinzip.
    Das ist doch viel "einfacher": Kann ein Volk demokratisch beschließen, nicht mehr demokratisch zu regieren? Ich befürchte ja. Und genau deshalb wurde eine Verfassung mit unverletzlichen Rechten und einem ausgefeilten Kontroll- und Korrekturmechanismus u.a. durch die Unabhängigkeit der drei Gewalten geschaffen. Sie kann sicher nicht verhindern, dass ein Volk einen Verführer wählt. Sie kann es aber erschweren. (Du erinnerst Dich, dass Weimar auch eine Form der Demokratie war?) Aber was fange ich mit
    einer Bevölkerung an, die mehrheitlich nicht versteht, was mit
    der Unantastbarkeit der Menschenwürde gemeint ist - was ja dem
    Grundgesetz zufolge der Ausgangspunkt der Bundesrepublik ist?
    Wie oben bereits angedeutet, bin ich deutlich optimistischer mit den Deutschen. Ich glaube nicht daran, dass es eine Mehrheit gibt, die die Grundlage der Verfassung unseres Staates anzweifelt. Ich halte die Meinungsäußerungen im Internet aus div. Gründen nicht für repräsentativ und verallgemeinerungsfähig.

    Grüße
    Jürgen

    • Antwort von nach 7 Tagen 0 hilfreich
      Mehrheit und Bildzeitung.

      Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat anscheinend ein
      Rechtsempfinden, das ziemlich weit von dem einer
      intellektuellen Minderheit entfernt ist.
      Mir erschließt sich nicht ganz, wie Du auf diese Behauptung kommst.
      Doch! Mir wohl. Die Mehrheit Deiner Bevölkerung bezieht ihre 'Meinung' aus der Bildzeitung.
      Und das ist nicht nur 'fern einer intellektuellen Minderheit'. Es ist
      auch kriminell.
      So seh' ich das.

      Daß Du das nicht siehst, erschüttert mich erneut.
      Glaubst Du denn, Du kannst von Dir auf die Mehrheit schließen?

  3. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Fritzl und unsere Moral

    Hallo Michael, Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat anscheinend ein
    Rechtsempfinden, das ziemlich weit von dem einer
    intellektuellen Minderheit entfernt ist.
    wie kommst Du darauf?
    Zum einen muß man natürlich unterscheiden zwischen einer langfristigen Meinung und einer Äußerung, die im Zusatand emotionaler Erregung stattfindet.

    Ich hab nun keine Quelle mehr und weiß nicht, wo ich es gelesn habe, es war aber etwas seriöses.
    Dort stand, daß über 80 % der deutschen Bevölkerung gegen die Todesstrafe war, wenn man die Menschen zu emotional neutralen Zeiten frug. Das änderte sich schlagartig, wenn Vorkommnisse wie Fritzl & Co stattfanden, ebte aber fast genauso schnell wieder ab.
    Eine deutliche Mehrheit für die Todesstrafe gabs aber nie.

    Gandalf

    • Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
      Re^2: Fritzl und unsere Moral

      Hallo!

      Gottseidank! Ich meinte auch nicht explizit die Einstellung zur Todesstrafe, sondern vielmehr die moralische Basis, auf der ein Mensch sich entscheidet, ob er für oder gegen die Todesstrafe, für oder gegen Abtreibung, für oder gegen Abschiebung von Asylanten, für oder gegen ... irgenwas ist.

      Gruß, Michael

  4. Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
    Re: Fritzl und unsere Moral

    Hallo,

    wahrscheinlich sind die heftigen Äußerungen eher spontane Äußerungen empörter Leute? Über deren Bildungsstand kann ich nichts sagen.

    Menschen, die sich erheben, über andere Menschen zu bestimmen, sie jahrzehntelang in menschen-unwürdigsten Bedingungen zu halten, mit dem Ziel, ihnen Gewalt anzutun... nun, bei solchen Menschen ergibt sich (immer wieder) die Frage, ob denn sie die moralischen Maßstäbe/ Rechte in Anspruch nehmen dürfen, die sie selbst mit Füßen treten?!

    Täter sind Täter, und sie sollten nicht zu Opfern gemacht werden.
    Dieser Mann ist kein Opfer - auch keines einer vermeintlich ungebildeten Masse, die ihm die Pest oder sogar den Tod wünscht.

    Was wünscht du ihm? Licht und Liebe?

    Gruß - iceage

  5. Antwort von nach 23 Stunden 1 hilfreich
    Re: Fritzl und unsere Moral

    Ihr dürft Euch gerne auch noch zu anderen Gesichtspunkten im Zusammenhang Fritzl/Todesstrafe/Rechtsempfinden... äußern).

    Das ist wirklich großzügug von Dir!

    Uli



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