Stimmen Adornos Ansichten zu Vernunft und Kunst?
Von: , Frage gestellt am Di, 7. Jul 2009
Hi zusammen.
Ich muss etwas weiter ausholen, um dann zu den beiden Fragen zu gelangen:
Theodor W. Adorno, vor Habermas der wichtigste Theoretiker der Frankfurter Schule, vertrat in seinen Werken eine pessimistische Haltung zur Vernunft. Dieser Begriff war im Zuge der Aufklärung zunächst zu hohen Ehren gelangt, indem er an die Stelle des Glaubens an einen von der Theologie phantasierten „Gott“ getreten war. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ waren die neuen Ideale. Der irrationale autoritäre Gott war tot, und endlich konnte das Licht des Geistes (enlightenment = Aufklärung/Erleuchtung) die Menschheit auf den erlösenden Weg führen.
Der sich aber als Holzweg erwies – das dachte jedenfalls Adorno. Keineswegs führte er zur Befreiung des Menschen von Herrschaft, im Gegenteil, er führte in neue Formen der Unterdrückung. Kaum hatte sich das Bürgertum von den feudalen und absolutistischen Strukturen gelöst, errichtete es seine eigene Variante von Herrschaft (über die Masse des Proletariats).
Die neue Vernunft hatte also nicht Befreiung gebracht (ursprünglich als ihr Ziel proklamiert), sondern Abhängigkeit fortgeschrieben. Marx sprach von Entfremdung des Menschen, da dieser in der bürgerlichen Ordnung zum Objekt von Tauschbeziehungen mutiert. Die Menschen stehen zueinander in einen Ding-Verhältnis, zu dem sie durch die Produktionsverhältnisse innerhalb der kapitalistischen Ordnung determiniert werden.
Lucas, ein früher Vertreter der Frankfurter Schule, sprach in diesem Zusammenhang von „Verdinglichung“. Das besagt: der Mensch besitzt nicht das, was er produziert, weil es dem Kapitalisten gehört. Die „natürliche“ Identifikation mit dem Produkt fehlt. Erst auf dem Umweg über den Markt kann der Mensch an den Besitz von Produkten gelangen, die er allerdings nicht selbst produziert hat. So identifiziert er sich nicht mit Selbstgeschaffenem, sondern mit „fremden“ Produkten. Und so wird Ware als Eigentum zum Fetisch. Sie tritt an die Stelle eines authentischen Selbstverhältnisses des Menschen, welcher sich in toten Objekten „verdinglicht“. Gleiches gilt für die Beziehungen der Menschen untereinander (wie schon oben gesagt).
Vernunft pervertiert also das Leben, indem sie die zwischenmenschlichen Beziehungen pervertiert. Sie initiiert ein falsches Identitätsdenken. Sie reguliert eine „verwaltete Welt“ (Adorno) mit dem Ziel, die Menschen ökonomischen Zielen zu unterwerfen. Menschliches Verhalten vollzieht sich nur noch in den Mustern von Produktion und Konsum.
Was für Adorno darauf hinausläuft, dass jeder „Freiheit und Spontaneität unter Bedingung planender, organisierender Erfassung … die gesellschaftliche Basis entzogen wird“ (Gesammelte Werke Bd. 14, 9).
Letzte Zuflucht aus diesem Dilemma ist für Adorno … die Kunst.
„Kunst heißt … dem Weltlauf widerstehen, der den Menschen immerfort die Pistole auf die Brust setzt“ (GS Bd. 11, 413).
„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“ (GS Bd. 4, 254)
„Kunst hat inmitten herrschender Utilität … wirklich etwas von Utopie als das Andere, vom Getriebe des Produktions- und Reproduktionsprozesses der Gesellschaft Ausgenommene, dem Realitätsprinzip nichts Unterworfene...“ (Ästhetische Theorie, 461)
Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche. Er verachtete die „Kulturindustrie“. Für ihn zählte nur „wahre“ Kunst, d.h. die Großen der Musik, der Malerei und der Literatur.
Meine Fragen also:
1) Stimmt Adornos Diagnose der den Menschen nur auf ökonomische Ziele ausrichtenden und per Verwaltungsherrschaft totalitär kontrollierenden Vernunft?
2) Ist Kunst wirklich der einzige Ausweg aus dem, was Adorno mit Marx und Lucas als Entfremdung und Verdinglichung anspricht?
Gruß
Horst
