Stimmen Adornos Ansichten zu Vernunft und Kunst?

Von: , Frage gestellt am Di, 7. Jul 2009

Hi zusammen.

Ich muss etwas weiter ausholen, um dann zu den beiden Fragen zu gelangen:

Theodor W. Adorno, vor Habermas der wichtigste Theoretiker der Frankfurter Schule, vertrat in seinen Werken eine pessimistische Haltung zur Vernunft. Dieser Begriff war im Zuge der Aufklärung zunächst zu hohen Ehren gelangt, indem er an die Stelle des Glaubens an einen von der Theologie phantasierten „Gott“ getreten war. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ waren die neuen Ideale. Der irrationale autoritäre Gott war tot, und endlich konnte das Licht des Geistes (enlightenment = Aufklärung/Erleuchtung) die Menschheit auf den erlösenden Weg führen.

Der sich aber als Holzweg erwies – das dachte jedenfalls Adorno. Keineswegs führte er zur Befreiung des Menschen von Herrschaft, im Gegenteil, er führte in neue Formen der Unterdrückung. Kaum hatte sich das Bürgertum von den feudalen und absolutistischen Strukturen gelöst, errichtete es seine eigene Variante von Herrschaft (über die Masse des Proletariats).

Die neue Vernunft hatte also nicht Befreiung gebracht (ursprünglich als ihr Ziel proklamiert), sondern Abhängigkeit fortgeschrieben. Marx sprach von Entfremdung des Menschen, da dieser in der bürgerlichen Ordnung zum Objekt von Tauschbeziehungen mutiert. Die Menschen stehen zueinander in einen Ding-Verhältnis, zu dem sie durch die Produktionsverhältnisse innerhalb der kapitalistischen Ordnung determiniert werden.

Lucas, ein früher Vertreter der Frankfurter Schule, sprach in diesem Zusammenhang von „Verdinglichung“. Das besagt: der Mensch besitzt nicht das, was er produziert, weil es dem Kapitalisten gehört. Die „natürliche“ Identifikation mit dem Produkt fehlt. Erst auf dem Umweg über den Markt kann der Mensch an den Besitz von Produkten gelangen, die er allerdings nicht selbst produziert hat. So identifiziert er sich nicht mit Selbstgeschaffenem, sondern mit „fremden“ Produkten. Und so wird Ware als Eigentum zum Fetisch. Sie tritt an die Stelle eines authentischen Selbstverhältnisses des Menschen, welcher sich in toten Objekten „verdinglicht“. Gleiches gilt für die Beziehungen der Menschen untereinander (wie schon oben gesagt).

Vernunft pervertiert also das Leben, indem sie die zwischenmenschlichen Beziehungen pervertiert. Sie initiiert ein falsches Identitätsdenken. Sie reguliert eine „verwaltete Welt“ (Adorno) mit dem Ziel, die Menschen ökonomischen Zielen zu unterwerfen. Menschliches Verhalten vollzieht sich nur noch in den Mustern von Produktion und Konsum.

Was für Adorno darauf hinausläuft, dass jeder „Freiheit und Spontaneität unter Bedingung planender, organisierender Erfassung … die gesellschaftliche Basis entzogen wird“ (Gesammelte Werke Bd. 14, 9).

Letzte Zuflucht aus diesem Dilemma ist für Adorno … die Kunst.

„Kunst heißt … dem Weltlauf widerstehen, der den Menschen immerfort die Pistole auf die Brust setzt“ (GS Bd. 11, 413).

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“ (GS Bd. 4, 254)

„Kunst hat inmitten herrschender Utilität … wirklich etwas von Utopie als das Andere, vom Getriebe des Produktions- und Reproduktionsprozesses der Gesellschaft Ausgenommene, dem Realitätsprinzip nichts Unterworfene...“ (Ästhetische Theorie, 461)

Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche. Er verachtete die „Kulturindustrie“. Für ihn zählte nur „wahre“ Kunst, d.h. die Großen der Musik, der Malerei und der Literatur.

Meine Fragen also:

1) Stimmt Adornos Diagnose der den Menschen nur auf ökonomische Ziele ausrichtenden und per Verwaltungsherrschaft totalitär kontrollierenden Vernunft?

2) Ist Kunst wirklich der einzige Ausweg aus dem, was Adorno mit Marx und Lucas als Entfremdung und Verdinglichung anspricht?

Gruß

Horst

19 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 15 Stunden 0 hilfreich
    Re: Stimmen Adornos Ansichten zu Vernunft und Kuns

    Hi Horst „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“ (GS
    Bd. 4, 254)
    Im Prinzip hatte der Alte wohl recht - es gab ja auch noch einige, die dies in gewisser Weise fortsetzten: Joseph Boys etc. - aber natürlich unterliegen seine (oftmals sehr überspitzten) Thesen auch dem Wandel der Zeit. Der gute Teddy Adorno starb 1969 und wir dürfen davon ausgehen, dass seine (an Aphorismen erinnernden) ussagen keine endgültigen Wahrheiten sind. Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die
    sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand
    er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche.
    Dass er sich beim Jazz gehörig vertan hat, steht wohl außer Frage - es gibt ja Bücher darüber, wie er zu seinen diesbezüglich abstrusen und naiven Aussagen kam. Er verachtete die „Kulturindustrie“. Für ihn zählte nur
    „wahre“ Kunst, d.h. die Großen der Musik, der Malerei und der
    Literatur.
    Ein Stück weit war er natürlch auch in seiner neurotisch-klassischen Kindheit verfangen, wie wir wissen. Amorbach war nicht New York. Meine Fragen also:

    1) Stimmt Adornos Diagnose der den Menschen nur auf
    ökonomische Ziele ausrichtenden und per Verwaltungsherrschaft
    totalitär kontrollierenden Vernunft?
    Ich würde das nur als einen, im Kern zwar richtigen, aber insg3esamt überspitzten Teilaspekt der Realität betrachten wollen. 2) Ist Kunst wirklich der einzige Ausweg aus dem, was Adorno
    mit Marx und Lucas als Entfremdung und Verdinglichung
    anspricht?
    Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Nach Andy Warhol...naja, du weißt schon.
    Gruß,
    Branden

    • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
      Dialektik der Kunst

      Hi VB. „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“ (GS Bd. 4, 254)
      Im Prinzip hatte der Alte wohl recht - es gab ja auch noch einige, die dies in gewisser Weise fortsetzten: Joseph Boys etc.
      Maria Girls übernahm ja ganz offen die Gedanken aus der „Dialektik der Aufklärung“. Ich frage mich nur, wie Adorno über ihn dachte. Ob er sich einen typischen Beuys ins Wohnzimmer gestellt hätte? aber natürlich unterliegen seine (oftmals sehr überspitzten) Thesen auch dem Wandel der Zeit.
      Im Detail seiner Aussagen sicherlich. Dennoch bleibt seine Skepsis gegenüber der Kulturindustrie begründet. Er sprach Kunst ja eine negative Funktion zu in dem Sinne, dass sie das etablierte, sozusagen verkrustete Bewusstsein einer Epoche aufrühren und in dynamischen Wandel versetzen solle:

      „Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Künstlerische Produktivität ist das Vermögen der Willkür im Unwillkürlichen", heißt es im 142. Aphorismus der „Minima Moralia“.

      Er wuchs in der verwegensten Kunstepoche aller Zeiten auf (die ersten dreißig Jahre des 20. Jhds.) und erlebte, wie Malerei, Musik und Literatur an die absoluten Grenzen geführt wurden. Das musste logischerweise seinen Kunstbegriff prägen.

      Was er übersah, ist die sozusagen Hegelianische, also dialektische Dynamik der Kunstgeschichte:

      Es gibt 1) einen etablierten Stil (These), dem 2) ein neuer, subversiver Stil als Antithese entgegentritt, welcher dann 3) in einem Schritt kultureller Synthese allgemein anerkannt, integriert und etabliert wird. Picasso und Kandinsky entwickelten sehr revolutionäre Styles, die heute aber jedes Kinderzimmer zieren. Adorno übersah zudem, worauf Umberto Eco hinweist, dass auch die Massen-Styles zunächst subversiven Charakter hatten (Beispiel Jazz, Rock´n´Roll, Rock, nach Adorno dann Hiphop, Techno usw.)

      Der subversive Gehalt aber verschwindet nicht, sondern wird, Hegelisch gesagt, im kollektiven Bewusstsein „aufgehoben“, als ein integrativer Bestandteil, welcher den Boden für neue subversive Ideen bildet.

      Mit anderen Worten: die Kunstgeschichte ist nie am Ende. Allerdings erschöpfen sich allmählich die Möglichkeiten der traditionellen Ausdrucksformen, die Adorno noch kannte.

      Seine Warnung aber vor dem Warencharakter des Kunstwerks, der den Konsumenten in der Abhängigkeitsrolle zementiert, ist nach wie vor ernst zu nehmen, heute noch mehr als zu Adornos Zeiten. Die heutige Jugend hat sich in bedenklichem Ausmaß zu Musik-Junkies entwickelt. Das ist Konsumgier in hoher Potenz. Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche.
      Dass er sich beim Jazz gehörig vertan hat, steht wohl außer Frage - es gibt ja Bücher darüber, wie er zu seinen diesbezüglich abstrusen und naiven Aussagen kam.
      Er mochte einfach die Schwarzen nicht. Schon um die Zeit von Hitlers Machtergreifung blies er in dieses Horn und biederte sich sogar bei den Nazis an. Errare humanum est, auch bei Adorno... Stimmt Adornos Diagnose der den Menschen nur auf ökonomische Ziele ausrichtenden und per Verwaltungsherrschaft totalitär kontrollierenden Vernunft?
      Ich würde das nur als einen, im Kern zwar richtigen, aber insgesamt überspitzten Teilaspekt der Realität betrachten wollen.
      Habermas hatte diesen Aspekt unter das erste der drei Erkenntnisinteressen subsumiert: das technisch-analytische Interesse mit der Betonung des Instrumentellen beim Vernunftgebrauch. Dazu kamen das hermeneutische und das emanzipatorisch-kritische Interesse. Ist Kunst wirklich der einzige Ausweg aus dem, was Adorno mit Marx und Lucas als Entfremdung und Verdinglichung anspricht?
      Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Nach Andy Warhol...naja, du weißt schon.
      Zeitlich: Kunst begann mit der Höhlenmalerei, die die Jagdobjekte magisch beschwor, und endet nie.

      Strukturell: Kunst versucht mit symbolischen Mitteln das Bewusstsein einer Epoche zu erweitern. Auch da gibt es keine Grenze. Fast alles ist schon da gewesen (ein Musikstück z.B., das aus vier Minuten Stille besteht), und dennoch bleibt Raum für vieles, das noch nicht mal gedacht wurde.

      Gruß

      Horst

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Re: Dialektik der Kunst

        Hallo Horst, Im Prinzip hatte der Alte wohl recht - es gab ja auch noch einige, die dies in gewisser Weise fortsetzten: Joseph Boys etc.
        Maria Girls übernahm ja ganz offen die Gedanken aus der
        „Dialektik der Aufklärung“. Ich frage mich nur, wie Adorno
        über ihn dachte. Ob er sich einen typischen Beuys ins
        Wohnzimmer gestellt hätte?
        Adorno sicher nicht, aber Lucas, der frühe Vertreter der Kritischen Theorie ;-)
        dem traue ich das zu.

        Gruss
        Nescio

  2. Antwort von nach 21 Stunden 0 hilfreich
    Wie sind Adornos Ansichten zu Vernunft und Kunst?

    Lieber Horst!



    Ich muss etwas weiter ausholen, um dann zu den beiden Fragen
    zu gelangen:
    Zugegeben, es ist pedantisch, aber so sind die Philosophen nun eben, daher möchte ich die Ausholung etwas kommentieren ;-) Theodor W. Adorno, vor Habermas der wichtigste Theoretiker der
    Frankfurter Schule, vertrat in seinen Werken eine
    pessimistische Haltung zur Vernunft.
    Der sich aber als Holzweg erwies – das dachte jedenfalls
    Adorno.
    Nein, das kann man so undialektisch sicher nicht sagen.
    Bei der Holzweg-Metapher musste ich jetzt übrigens an Heidegger denken. Die neue Vernunft hatte also nicht Befreiung gebracht
    (ursprünglich als ihr Ziel proklamiert), sondern Abhängigkeit
    fortgeschrieben.
    Sie hat natürlich auch für Adorno in hohem Maß Befreiungen gebracht.



    Lucas, ein früher Vertreter der Frankfurter Schule, sprach in
    diesem Zusammenhang von „Verdinglichung“. Das besagt: der
    Mensch besitzt nicht das, was er produziert, weil es dem
    Kapitalisten gehört. Die „natürliche“ Identifikation mit dem
    Produkt fehlt. Erst auf dem Umweg über den Markt kann der
    Mensch an den Besitz von Produkten gelangen, die er allerdings
    nicht selbst produziert hat. So identifiziert er sich nicht
    mit Selbstgeschaffenem, sondern mit „fremden“ Produkten. Und
    so wird Ware als Eigentum zum Fetisch. Sie tritt an die Stelle
    eines authentischen Selbstverhältnisses des Menschen, welcher
    sich in toten Objekten „verdinglicht“. Gleiches gilt für die
    Beziehungen der Menschen untereinander (wie schon oben
    gesagt).
    Erstens: Lukács ist sicher nicht als (früher) Vertreter der Frankfurter Schule zu verstehen bzw. wird allgemein nicht so tituliert.
    Er ist sicherlich als "Einflussgeber" zu bezeichnen, aber ich würde noch nicht mal von "Vorreiterschaft" sprechen, denn dann müsste ich z.B. auch Max Weber, dem Adorno sicher nicht weniger als Lukács verdankt, zum Vorreiter der Frankfurter Schule machen - was absurd wäre.

    Zweitens: das von dir hier Genannte hat der frühe Marx selbst schon so gesagt.

    Das wesentlich Neue bei Lukács dagegen scheint mir die Insistenz auf die Warenform zu sein bzw. sein Versuch, die kapitalistische Gesellschaftsformation als Totalität zu begreifen, deren Zentrum die Warenform ist. Solche Gesellschaftsanalyse (also insbesondere Analyse des "Überbaus", sprich kultureller Produktion) hat Marx selbst noch durchgeführt.
    Das hat dann auch Adornos Marx-Lektüre entsprechend geprägt und hat sich wohl v.a. in seiner Kulturindustrie-These niedergeschlagen, wobei er damit m.E. Lukács' (dessen Romantheorie) an Radikalität übertrifft, d.h. dabei, Kulturprodukte einzig auf ihre Produktionsbedingungen zu reduzieren - so eben auch den Jazz. Vernunft pervertiert also das Leben, indem sie die
    zwischenmenschlichen Beziehungen pervertiert. Sie initiiert
    ein falsches Identitätsdenken.
    Jetzt wirds mir zu schnell.
    Du kommst in wenigen Worten von Verdinglichung über Vernunft zum Identitätsdenken - und ich kann mir nur noch Thesen zusammenreimen:

    "Vernunft pervertiert das Leben"
    "falsches Identitätsdenken ist eine Folge der Vernunft"

    -> beides würde Adorno so sicher nicht sagen. Letzte Zuflucht aus diesem Dilemma ist für Adorno … die Kunst.
    Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die
    sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand
    er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche.
    Vielleicht nur eine Nuance, aber dennoch:
    Adorno geht es eigentlich nicht um die "breite Masse". Das wäre ein elitistisches Verständnis, das Adorno fernlag - zumindest so lange man ihn nicht "tiefer" interpretiert.
    So stammt der Spruch von ihm: "Die Masse, das sind immer die anderen" (hoffentlich sinngemäß zitiert), den er den konservativen Kulturkritikern seiner Zeit entgegenwarf, die von "Vermassung" und dergleichen sprachen.

    Nein, es geht ihm um die Produktionsbedingungen der Erzeugnisse der Kulturindustrie, die sie zu standardisierten, warenförmigen Dingen machen, an denen nur ihr Tauschwert interessiert. Meine Fragen also:
    gut, jetzt fang ich an ;-) 1) Stimmt Adornos Diagnose der den Menschen nur auf
    ökonomische Ziele ausrichtenden und per Verwaltungsherrschaft
    totalitär kontrollierenden Vernunft?
    Ich möchte es anders formulieren: Stimmt Adornos Diagnose, dass -so aus der Erinnerung und hoffentlich sinngemäß zitiert- "die Funktionsweise der modernen Gesellschaft durch die sprichwörtliche Putzfrau erkannt werden könne" - nämlich weil sie nur ein einfacher Ausdruck der Warenlogik ist ohne "Eigenkomplexität"?

    Nein, sie stimmt m.E. nicht, weil Adorno hier zu hegelianisch denkt und die Moderne als Totalität begreift, die sie nicht ist. Die Warenform ist nicht der -hoffentlich sinngemäßes Zitat Hegels- "Geist, der sich in allen Erscheinungen seiner Zeit manifestiert".

    Man könnte hier übrigens Adorno vs. Althusser diskutieren in Bezug auf das, wie man Marx liest.

    Oder man könnte natürlich die Rezeptionsästhetik der Poststrukturalisten, der Cultural Studies usw. Adornos Reduktion auf die Produktionsbedingungen von Kunst entgegensetzen.

    Usw. 2) Ist Kunst wirklich der einzige Ausweg aus dem, was Adorno
    mit Marx und Lucas als Entfremdung und Verdinglichung
    anspricht?
    Da ich Frage 1 verneint habe, kann ich hier schlecht antworten ;-)

    Eine andere Frage wäre, ob Adorno das selbst so sieht, ob er also nur noch der Ästhetik ein Emanzipationspotential zugesprochen hat. Phasenweise hat er das bestimmt, m.E. aber nicht durchgängig.




    ℂ Λ ℕ Ð I Ð €

    • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
      Adornos Pessimismus

      Hi Candide.

      Habe heute nur noch ein kleines Zeitfenster, morgen dann ausführlicher. Theodor W. Adorno, vor Habermas der wichtigste Theoretiker der Frankfurter Schule, vertrat in seinen Werken eine pessimistische Haltung zur Vernunft. Der sich aber als Holzweg erwies – das dachte jedenfalls Adorno.
      Nein, das kann man so undialektisch sicher nicht sagen.
      Bei der Holzweg-Metapher musste ich jetzt übrigens an Heidegger denken.
      Das ergab sich zufällig so, aber nicht unabsichtlich...
      Die neue Vernunft hatte also nicht Befreiung gebracht (ursprünglich als ihr Ziel proklamiert), sondern Abhängigkeit fortgeschrieben. Sie hat natürlich auch für Adorno in hohem Maß Befreiungen gebracht.
      Aber nur in relativem, nicht absolutem Sinne. Aus gesagtem Zeitmangel hier nur ein Verweis auf den Wiki-Artikel „Kritische Theorie“:

      Zitat:

      „Am Ende entsteht demnach eine „total verwaltete Welt“, die gegenüber dem Einzelnen umfassende soziale Kontrolle ausübt und Idealismus, Nonkonformismus, Unkonventionalität oder Kreativität - als ihrem Charakter entgegenlaufend - konsequent unterdrückt.“
      Lucas, ein früher Vertreter der Frankfurter Schule, sprach in diesem Zusammenhang von „Verdinglichung“. Erstens: Lukács ist sicher nicht als (früher) Vertreter der Frankfurter Schule zu verstehen bzw. wird allgemein nicht so tituliert.
      Zunächst sorry für den Blackout beim Namen. Stimmt, er gehörte nicht dazu, hatte aber großen Einfluss auf die Frankfurter. Darüber hinaus hat er Bloch, Merleau-Ponty, dann Dutschke und Habermas stark beeinflusst. Zweitens: das von dir hier Genannte hat der frühe Marx selbst schon so gesagt.
      Klar, aber der Verdinglichungsbegriff stammt von Lukacs und sollte so verdeutlicht werden. Das wesentlich Neue bei Lukács dagegen scheint mir die Insistenz auf die Warenform zu sein bzw. sein Versuch, die kapitalistische Gesellschaftsformation als Totalität zu begreifen, deren Zentrum die Warenform ist. Solche Gesellschaftsanalyse (also insbesondere Analyse des "Überbaus", sprich kultureller Produktion) hat Marx selbst noch durchgeführt.
      Genau. Und deswegen stelle ich Marx´ Warenform-Theorem und Lukacs´ Verdinglichung gerne in den Mittelpunkt von Überlegungen zwischen Philosophie und Psychoanalyse. Ein "Geheimtip" sind in diesem Zusammenhang die Werke von Slavoj Zizek, dem vielleicht größten dialektischen Genie unserer Tage. Vernunft pervertiert also das Leben, indem sie die zwischenmenschlichen Beziehungen pervertiert. Sie initiiert ein falsches Identitätsdenken.
      Jetzt wirds mir zu schnell. Du kommst in wenigen Worten von Verdinglichung über Vernunft zum Identitätsdenken - und ich kann mir nur noch Thesen zusammenreimen:
      Mir ist klar, dass das zehn Schritte auf einmal waren. Ich hole das morgen nach. "Vernunft pervertiert das Leben" / "falsches Identitätsdenken ist eine Folge der Vernunft"
      -> beides würde Adorno so sicher nicht sagen.

      Das sehen wir ja, wenn ich das genauer ausführe.
      Letzte Zuflucht aus diesem Dilemma ist für Adorno … die Kunst. Adorno zielte aber, wohlgemerkt, auf kompromisslose Kunst, die sich nicht der breiten Masse anbiedert. Selbst dem Jazz stand er skeptisch gegenüber, erst recht Produkten der Popbranche. Adorno geht es eigentlich nicht um die "breite Masse". Das wäre ein elitistisches Verständnis, das Adorno fernlag...
      Adorno war definitiv ein Gegner des Massengeschmacks, das lässt sich belegen. Nein, es geht ihm um die Produktionsbedingungen der Erzeugnisse der Kulturindustrie, die sie zu standardisierten, warenförmigen Dingen machen, an denen nur ihr Tauschwert interessiert.
      Es geht ihm auch um die Inhalte. Kunst muss das Etablierte in Frage stellen, nicht affirmieren, das war seine Position.

      Mehr morgen.

      Gruß

      Horst

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Re: Adornos Pessimismus

        Hallo Horst!



        Das ergab sich zufällig so, aber nicht unabsichtlich...
        Die neue Vernunft hatte also nicht Befreiung gebracht
        (ursprünglich als ihr Ziel proklamiert), sondern Abhängigkeit
        fortgeschrieben.
        Ja, auch. Sicher.

        Wir können die "Dialektik der Aufklärung" (insbesondere das Kapitel über den "Begriff der Aufklärung" und die Odysseus-Geschichte) ja gerne mal durchkauen, da bin ich schnell wieder drin.

        Da könnten wir übrigens dann auch wieder trefflich über Zeitpfeile disputieren. *lach* Das wesentlich Neue bei Lukács dagegen scheint mir die Insistenz
        auf die Warenform zu sein bzw. sein Versuch, die kapitalistische
        Gesellschaftsformation als Totalität zu begreifen, deren Zentrum die
        Warenform ist. Solche Gesellschaftsanalyse (also insbesondere
        Analyse des "Überbaus", sprich kultureller Produktion) hat Marx
        selbst noch nicht durchgeführt.
        Genau.
        Ich musste mich in dieser Passage oben selbst korrigieren.
        Vielleicht ein Freudscher Vertipper - ach hätte er doch nur, der Karl. Und deswegen stelle ich Marx´ Warenform-Theorem und
        Lukacs´ Verdinglichung gerne in den Mittelpunkt von
        Überlegungen zwischen Philosophie und Psychoanalyse.
        Dagegen will ich nichts gesagt haben ;-) Ein
        "Geheimtip" sind in diesem Zusammenhang die Werke von Slavoj
        Zizek, dem vielleicht größten dialektischen Genie unserer
        Tage.
        So überschwänglich bin ich Zizek gegenüber nicht, aber immerhin hat er mich für Hitchcock begeistert. Wie heißt dieses Ding? McDuffin?

        Sooo geheim ist er aber auch nicht, oder? Adorno geht es eigentlich nicht um die "breite Masse". Das wäre ein
        elitistisches Verständnis, das Adorno fernlag...
        Adorno war definitiv ein Gegner des Massengeschmacks, das
        lässt sich belegen.
        Ja, schon klar, das ist ja auch nur ein Nebengleis gewesen.

        Ich bestehe dennoch darauf, dass das bei Adorno kein "massenkritischer" Diskurs war, wie man ihn in Strömungen der Romantik oder bei den Jungkonservativen Anfang des 20. jdts. findet.
        Auf mehr wollte ich damit gar nicht hinweisen als auf die Gefahr, deine Aussage an diesem Punkt fehlzuinterpretieren. Nein, es geht ihm um die Produktionsbedingungen der Erzeugnisse der
        Kulturindustrie, die sie zu standardisierten, warenförmigen Dingen ::machen, an denen nur ihr Tauschwert interessiert.
        Es geht ihm auch um die Inhalte.
        Natürlich, das ist die kritische Perspektive: unter kulturindustriellen Produktionsbedingungen werden die Qualitäten der Inhalte austauschbar. Es zählt die Quantität der Verkaufszahlen.

        Das sieht man übrigens schön beim verblichenen Herrn King of Poppp. Da wurde mir die letzten Wochen immer wieder in allen Medien gesagt, welch großer Künstler er war. Schön, von mir aus war er das, ist mir egal. Interessant ist, dass als Begründung dann immer der Hinweis auf seine Verkaufszahlen kam. Es wird gar nicht erst versucht, die Aussage inhaltsanalytisch zu rechtfertigen, sie wird nur durch Quantität "belegt". Kunst muss das Etablierte in
        Frage stellen, nicht affirmieren, das war seine Position.
        Sehr richtig, aber was heißt das?
        Kann man demzufolge bei der Inhaltsanalyse Halt machen?
        Und ist die Rezeptionshaltung noch eine Frage des Ästhetischen - oder schon eine des ... Ethischen, eine Frage des letztlich ethischen Selbstbezugs?

        Zum Beispiel Herrn Odysseus' selbsterhaltendes Lauschen des Sirenengesangs unter den Bedingungen von Sklavenhaltung, Bondage und Wachsspielchen.

        Fraglos ist der Sirenengesang keine Affirmation des Etablierten, aber Bürger Odysseus' kontemplative Rezeptionshaltung wohl schon. Es gibt doch auch sowieso nichts bürgerlicheres als den Sadomasochismus. Herrlich!



        ℂ Λ ℕ Ð I Ð €

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Der erhabenste aller Hysteriker

          Hi ihr zwei (sehr gebildeten Philosophen) Ein
          "Geheimtip" sind in diesem Zusammenhang die Werke von Slavoj
          Zizek, dem vielleicht größten dialektischen Genie unserer
          Tage.
          So überschwänglich bin ich Zizek gegenüber nicht, aber
          immerhin hat er mich für Hitchcock begeistert.
          Das ist doch mal was zum Reinbeißen! Sofort fällt mir das Küchkein "Madeleine" von Marcel Proust ein. Proust Mahlzeit!
          Übrigens: Wenn Zizek uns glauben machen will, Hegel wäre der "erhabenste aller Hysteriker", dann will er nur vertuschen, dass er das selbst ist.
          ;-)
          Wozu Projektionen auch bei Intellektuellen immer so gut sind.
          Es grüßt euch
          Branden

          • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
            Zizeks Trinität

            Hi VB.

            Zizek ist ein Riesenfan von Hegel, die Formulierung ist eher eine ironische, keinesfalls eine kritische. Für Zizek heißt die göttliche Trinität: Hegel (Vater), Marx (Sohn) und Lacan (Heiliger Geist).

            Gruß Horst

            • Antwort von nach 3 Tagen 0 hilfreich
              Re: Zizeks Trinität

              Hi Horst Zizek ist ein Riesenfan von Hegel, die Formulierung ist eher
              eine ironische, keinesfalls eine kritische.
              KLar - cum granu salis: Selbst in der liebevollsten Ironie steckt ein Körnchen Kritik. Das gehört zum Wesen der Ironie. Für Zizek heißt
              die göttliche Trinität: Hegel (Vater), Marx (Sohn) und Lacan
              (Heiliger Geist).
              Was ihn (noch) angreifbarer macht. (Den Zizek) ;-)
              Gruß,
              Branden



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