Texte als Lesarten und Übersetzungen
Lieber Horst!
Auch wenn sich nicht mal die Fragestellerin für unsere Diskussion interessiert (was ich schade finde, weil wir beide in diesem Thread ausnahmsweise wirklich nahe an der Fragestellung blieben und m.E. auch qualitativ Brauchbares produzierten), antworte ich nochmal ausführlich ;-)
Ok, es gibt zwei Lesarten des G-Konzepts, da Foucault selbst
offen gelassen zu haben scheint, ob die G. eine nur auf Schein
und Täuschung beruhende Strategie ist, die Bevölkerung zu
manipulieren – oder ob ein echtes emanzipatorisches Potential
dahinter steckt.
Auch hier mein Problem: der Emanzipations-Begriff ist so furchtbar un-Foucaultianisch; den verwendet er immer nur kritisch und in Absetzung davon.
Das Problem hatten wir beim Freiheits-Begriff schon.
Dazu unten mehr.
Fakt ist: wirklich eindeutig geht aus den Originaltexten nicht
hervor, dass Foucault die G. nur und ausschließlich als
manipulative Strategie wertet. Vielmehr legen manche
Textstellen – ich habe sie schon zitiert – eine zumindest
neutrale, wenn nicht affirmative Lesart nahe.
Gut, darauf können wir uns einigen.
Übrigens würde sich auch Foucault selbst hier mit uns einigen. Er will sich an solchen Stellen ja gerade nicht festlegen, was man dann auch daran sieht, dass er vom Neo-Faschisten über den Konservativen (Habermas) bis zum Linksradikalen politisch eingeordnet wurde.
„Statt als Ausdruck der Macht des Souveräns tritt die Bevölkerung
vielmehr als Zweck und Instrument der Regierung hervor“ (Schriften
3, 817).
Es heißt „Bevölkerung = Zweck“ , was bedeutet, dass es keine
Zwecke gibt, die jenseits der Interessen der Bevölkerung
liegen ...
Langsam ...
Der Zweck der Ausübung souveräner Macht liegt jenseits des Objekts, an dem Macht ausgeübt wird, nämlich an der Bevölkerung.
In der Gouvernementalität liegt der Zweck der Machtausübung im Objekt selbst: Macht wird an der Bevölkerung ausgeübt um damit Bevölkerung zu gestalten/hervorzubringen/kontrollieren/etc. (nicht etwa mehr um als absoluter Herrscher Gottes Auftrag zu erfüllen usw.) Mehr heißt das aber erstmal nicht.
Mir ist klar, wor du hier ein "Emanzipationspotential" siehst, nämlich quasi an der Identität von Macht-Objekt und Macht-Zweck.
Das sehe ich durchaus auch so, und es kommt nicht von ungefähr, dass Agamben und Butler dahingehend kritisch an Foucault anschließen, dass er dabei das Wiederaufkommen der Souveräntität innerhalb der Gouvernementalität übersieht.
Genau mit dieser Kritik wird m.E. vollends deutlich, dass es bei der G. tatsächlich auch um "Emanzipation" geht - allerdings bestehe ich auf den Anführungszeichen ;-)
Was ich jetzt NICHT mitgehe ist, dass du daraus, dass die Bevölkerung Instrument und Zweck des Regierens wird, folgerst, dass es um die Interessen der Bevölkerung ginge (auf den Begriff des "Wohls", den du unten anführst, gehe ich nicht mehr separat ein, weil er in die gleiche Richtung zielt.)
Dieser Twist setzt ein Verständnis von Bevölkerung als eine Art Subjekt voraus (nur Subjekte können Interessen haben), was Foucault wiederum sehr fremd ist. Nicht umsonst spricht er von Bevölkerung und nicht von Volk ...
Das ist, meine ich, auch ein gravierendes Problem der Übersetzung; man hätte "population" besser noch mit Population übersetzen sollen, dann wäre die wichtige anti-humanistische Dimension des Begriffs nicht ausgeblendet worden, weil man "Bevölkerung" im deutschen einfach allzuleicht, zumindest als Konnotation, als "Volk" liest, das hier gerade nicht gemeint ist.
Das Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung beruht nicht
auf Herrschaft, sondern auf einem Vertrag (Rousseau´sche
Vertragstheorie).
Ein solche vertragstheoretische Lesart ist m.E. nun definitiv außerhalb des weiten Foucaultschen Orbits.
Erstens ergibt sie nur Sinn, wenn man tatsächlich Bevölkerung als Volk versteht. Das darf man auf keinen Fall.
Zweitens ergibt sie nur Sinn, wenn man Regierung einigermaßen um den Staat zentriert.
Das passt bei Foucault definitiv auch nicht. Auch hier haben wir ganz sicher ein massives Übersetzungsproblem, weil das deutsche "regiert werden" dem französischen "être gouverné" jene Sinn-Dimension völlig nimmt, auf die Focault z.B. in "Was ist Kritik?" auch noch explizit hinweist, nämlich das Nautische des Gubernators, des Steuermanns, der mit Politik&Staat gar nichts zu tun hat.
... bleibt bei Foucault einfach offen.
Seine Texte über die G. sind so oder so interpretierbar. Er
bietet einfach eine Röntgenaufnahme an – die Diagnose
überlässt er den Lesern.
Das unterschreibe ich - bis auf die Ansätze, wo du aus meiner Sicht schlicht zu weit gehst bzw. wo auch die deutsche Übersetzung gerne dazu verführt, zu weit zu gehen.
(wobei hier aber der Freiheitsaspekt zu kurz kommt)
Ich wüsste nicht, wo Foucault ein spezieller Denker der politischen Freiheit wäre.
Ich bezog das auf den in der G. immer mitzudenkenden
Freiheitsaspekt (der ja durch die diversen Zitate hinreichend
belegbar ist).
Schon klar, aber mir ist überhaupt nicht klar, wie ich "Freiheit" zu verstehen habe;
geht es hier um Freiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit (das ist ein Aspekt der für Gouvernementalität vs. Souveränität sicher auch bedeutsam ist)?
geht es um 'Diskurs-transzendente' unveräußerliche Freiheitsrechte der Individuen (m.E. geht es darum in keinster Weise, aber das legt deine vertragstheoretische Sicht oben nahe)?
geht es darum, 'Diskurs-erzeugte' Freiheitsansprüche und Freiheitsempfindungen mit ins gouvernementale Kalkül zu nehmen (m.E. geht es vor allem darum)?
Es gibt bei Foucault auch explizite Aussagen, dass die moderne Gesellschaft nach dem Muster eines Gefängnisses funktioniert.
Da liegt meiner Ansicht nach viel zu wenig „Entsprechung“ vor,
die diesen Begriff rechtfertigen könnte . Ein paar
strukturelle Ähnlichkeiten machen noch keine Entsprechung.
Die gravierenden Unterschiede fallen unter den Tisch.
Wie das gemeint ist, müssten wir direkt an einer Lektüre von "Überwachen&Strafen" klären, wo Foucault diese Verbindung am stärksten geknüpft hat.
Ich würde es daher hier erst mal zurückstellen, allein weil es nicht als "Entsprechung" gemeint ist; wenn dann als "Paradigmatizität".
dem Vergleich der Konzeptualisierungen der modernen Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" (Adorno) …
Als aber die Studentinnen in seinen Vorlesungen ihre Titten
zeigten, war er nur empört und geschockt.
;-)
Schon, aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Mir ist schon klar, worauf du hier wohl hinweisen möchtest;
indem man die moderne Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" usw. bezeichnet bzw. konzeptualisiert, läuft man Gefahr, die massiven Unterschiede zwischen dem Leben im Gefängnis und dem Leben draußen auszublenden, zu nivellieren. Das sehe ich auch so.
Foucault selbst schreibt doch ..., dass „die Freiheit … nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden (ist)“.
Ja, unbestritten, aber was heißt das?
Ich meine, das heißt, dass es w i r k l i c h um Freiheit
geht, nicht nur um den Schein der Freiheit.
Wie oben gesagt: alle der drei von mir genannten Freiheitsbegriffe (und man könnte zweifellos mehr als drei anführen) referentialisieren wirkliche Freiheiten, keine Scheine.
Ich meine auch, man sollte Foucaults Ausführungen zur G. auf
zwei Ebenen lesen: einer „symbolischen“ und einer
„imaginären“.
Der Begriff der „imaginären Verdopplung“ (wer ihn geprägt hat,
weiß ich nicht, vielleicht Zizek) besagt, dass das Symbolische
immer auch eine imaginäre Entsprechung hat. Dabei ergibt sich
das Problem, dass bei der Interpretation von Personen,
Ereignissen oder Zuständen die imaginäre Verdopplung des
Symbolischen für das Original bzw. einzig Existente gehalten
wird. Beispiel: Vater. Es gibt die (starke) symbolische
Position des Vaters und seine imaginäre Entsprechung (der
konkrete Vater). Beides kann in eklatantem Gegensatz stehen –
wenn der konkrete Vater, also der imaginäre, schwach ist. Oder
die Demokratie: sie ist ein symbolisches Konstrukt. Konkret
aber kann sie sehr mangelhaft funktionieren. Was ggf. zur
bekannten „Demokratieverdrossenheit“ führt. Die Leute erkennen
einfach nicht, dass sie nur das imaginäre Doppel verurteilen,
wenn sie von „der Scheißdemokratie“ reden.
Das wäre eine Sonderdiskussion, da ich die (genuin strukturalistische) Trennung Symbolisches/Imaginäres ums Verrecken nicht voraussetzen mag - wie übrigens Foucault, über den wir hier reden, auch nicht.
Wir hatten das ja schon mal gestreift. In Bezug auf unsere beiden Foucault-Lesarten weise ich diesen Begriffsschematismus jedenfalls zurück, weil er auch nicht Foucault selbst entstammt.
Ich meine also, dass man auch Foucaults G-Konzept auf diesen
beiden Ebenen deuten kann: auf der symbolischen und der
imaginären. Ich lese es primär auf der symbolischen, die
Skeptiker aber (du wohl auch) auf der imaginären. Warum
letzteres, ist klar – sie ist die marxistisch-kritische Optik,
Ich lese Foucault sicher nicht aus marxistischer Sicht, eher noch Marx aus Foucaultianischer Sicht, aber sagen wir mal ganz allgemein, ich lese ihn wohl eher aus einer ideologie- und gesellschaftskritischen Perspektive als du.
Eigentlich lese ich aus biographischen Gründen Foucault wohl hauptsächlich im Sinne von Judith Butlers Foucault-Lektüre, wobei interessanterweise Butler durchaus eine Denkerin der "Emanzipation" ist und z.B. gegen Foucault der Psychoanalyse jenes Emanzipationspotential wieder zuspricht, das Foucault ihr total abgesprochen hat ... alles sehr komplex ;-)
Interessant übrigens in dem Zusammenhang, vielleicht sogar verallgemeinbar, ich vermute es jedenfalls:
Ich habe in meinen 17 Semestern Studium einige Foucault-Seminar besucht, und festgestellt, dass in der Soziologe ein weit "schwärzerer Foucault" rezipiert wird als in der Philosophie - was natürlich auch damit zu tun hat, dass bei den beiden Disziplinen unterschiedliche Foucault-Texte im Mittelpunkt stehen.
Nun, die Pointe meiner etwas spekulativen Argumentation ist
eben das besagte Doppel Symbolisches/Imaginäres.
Genau das ist der Grund, denke ich, für die Divergenzen in den
Deutungen des G-Konzepts, die ja längst nicht nur zwischen uns
beiden bestehen.
Jetzt muss ich doch kurz darauf eingehen, nachdem du es zu deiner Pointe erklärst.
Die Divergenz der Foucault-Lesarten, die ja -wie du richtig sagst- nicht auf uns beide beschränkt sind, liegt definitiv im Text selbst und nicht auf den beiden Ebenen symbolisch/imaginär.
Letztlich könnte man unter Berufung auf Foucaults wichtigen Aufsatz "Was ist ein Autor?" sogar sagen: der Text IST nichts anderes als seine Lesarten - und wir haben hier halt einen komplexen und bei weitem nicht widerspruchsfreien Text bzw. eine komplexe und nicht widerspruchsfreie Welt.
ℂ Λ ℕ Ð I Ð €