Was ist Gouvernementalität (Foucault)?

Von: , Frage gestellt am Di, 21. Jul 2009

Nachdem ich jetzt schon etliche Sekundärliteratur zu Foucaults Begriff der Gouvernementalität gelesen habe, ist mir leider immer noch nicht ganz klar, was das ist (und ich hab übermorgen mündliche Abschlussprüfung...).

Kann man unter Gouvernementalität die verschiedenen Machtformen des Regierens in der modernen Gesellschaft bezeichnen, u.A. die Disziplinarmacht, die Bio-Macht, die Souveränitätsmacht etc.? Irgendwie sind es aber wohl auch die verschiedenen Führungsformen wie Führung von Individuen und Kollektiven, Fremd- und Selbstführung etc.

Wenn mir jemand helfen kann, dann bitte so einfach wie möglich den Begriff versuchen zu erklären! Danke!

31 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 16 Stunden 0 hilfreich
    Staatsmacht vs. individuelle Freiheit

    Hi Butterblümchen.

    „Gouvernementalität“ ist eine Zusammenfügung aus gouvernement und mentalité (was du ja sicher weißt). Es geht Foucault dabei darum, dass das Regiertwerden nicht nur auf äußerlichen Zwängen basiert, sondern auch auf Techniken der Selbstbeherrschung der regierten Individuen (Selbstverantwortung usw.). Historisch entstand diese Mischform im 17. Jahrhundert im Zuge der philosophischen Aufklärung und der Etablierung des Liberalismus.

    Der Begriff bedeutete in den 70ern einen Wandel in Foucaults Konzeption der Macht. Regieren heißt jetzt nicht mehr nur: auf die Individuen Macht ausüben, ihnen eine Herrschaftsform aufzwingen – sondern differenzierter: sie anleiten und lenken zu einem Handeln, das für das Wohl aller am besten ist.

    Im 17. Jahrhundert musste man dafür den Individuen, inspiriert durch die neue Philosophie der persönlichen Freiheit, einen relativen Freiraum zugestehen, an dem die staatliche Macht ihre Grenze hat.

    Foucault hält die Gouvernementalität also für eine Machtform, „die nur durch die Freiheit und auf die Freiheit eines jeden sich stützend sich vollziehen kann“ (Geschichte der Gouvernementalität Bd. 1, 79).

    Hier geht es also um das Verhältnis vom Ganzen und seinen Teilen. Das Ziel das Staates wird gefährdet, wenn dieser Staat im Verhältnis zu den regierten Individuen übermächtig ist. Der Staat muss ihnen, also seinen Teilen, ein gewisses Maß an Freiheit garantieren und setzt sich damit selbst eine Grenze.

    Wichtig ist, dass Foucault mit diesem Konzept seine Kritik an der Macht relativiert. Macht ist nicht mehr prinzipiell etwas Negatives, sondern relativ zu der Form ihrer Ausübung zu bewerten.

    Gruß

    Horst

    PS. Da ich kein Foucault-Experte bin, bitte ich das Vorangegangene nur als Anregung zu verstehen ohne Garantie für prüfungstaugliche Richtigkeit.

  2. Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
    Re: Was ist Gouvernementalität (Foucault)?

    Hallo!

    Ich verweise zunächst auf den englischen Wiki-Artikel dazu, der sehr ausführlich ist und (auf den ersten Blick für mich) auch recht korrekt zu sein scheint:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Governmentality

    Darüber hinaus nun einige sinngemäße Definitionen der Gouvernementalität, die ich aus eigenen Exzerpten zu bestimmten Texten Foucaults hier reinkopiere:

    Gouvernementalität = Art und Weise, wie die politische Macht Bevölkerungen und Güter verwaltet.

    Gouvernementalität = Kontrolle von Körpern, Personen, Bevölkerungen und Gütern.

    Gouvernementalität als Vielzahl von Strategien und Taktiken; sie entspringt dabei nicht einer einzelnen Quelle, einem Subjekt.

    Gouvernementalität setzt das Recht manchmal als Taktik ein, macht instrumentellen Gebrauch davon, aber genauso auch von der Suspension des Rechts.

    Gouvernementalität = Kunst der Verwaltung von Dingen und Personen mittels Taktiken, nicht notwendig Gesetzen, zur Erreichung bestimmter politischer Ziele.

    Der Staat ist von der Gouvernementalität abhängig, da die „Taktiken des Regierens“ bestimmen, was zum Staat gehört und was nicht; man kann daher den Staat in seinem Überleben und in seinen Grenzen immer nur von der Gouvernementalität her verstehen. Kann man unter Gouvernementalität die verschiedenen
    Machtformen des Regierens in der modernen Gesellschaft
    bezeichnen, u.A. die Disziplinarmacht, die Bio-Macht, die
    Souveränitätsmacht etc.?
    Es ist bei Foucault nicht sehr eindeutig, ob er hier lediglich unterschiedliche 'Weisen der Macht' denkt oder eine chronologische Abfolge Souveränitätsmacht -> Disziplinargesellschaften -> Gouvernementalität.
    Er tut letzteres sicherlich nirgendwo starr und schematisch, aber sicherlich muss man auch sagen, dass Gouvernementalität in dem Maß erstarkt, in dem die Souveränitätsmacht (souveräne Monarchen, souveräne Staaten usw.) schwindet:

    - kein einheitlicher, unteilbarer Sitz/Quelle der Macht mehr, sondern diffuse, sich überlappende, sich widersprechende Quellen und Ziele

    - anderes Verhältnis zum Recht: nicht mehr fraglos über dem Recht stehend, sondern ein instrumenteller Umgang mit dem Recht: Einhaltung, wenns nützlich ist, wenn nicht nützlich, dann Definition eines Ausnahmezustands, der dann quasi sekundär wieder (zeitgemäße) Souveränitätsformen innerhalb der Gouvernementalität hervorbringt (Agambens Paradebeispiel dafür: Guantanamo mit seinen vielen quasi-souveränen Verwaltungsbeamten; die Idee der "Souveränität in der Gouvernementalität und durch die Gouvernementalität" ist mehr bei Agamben oder auch bei Butler konzeptualisiert, lässt sich aber auch bei Foucault finden.)

    - keine selbstverständliche Legitimation mehr (Gottgnadentum, "Deutsche Nation" usw.), sondern steter Zwang, sein Tun auf vielfältige Weise zu legitimieren: je diffuser und nichtssagender, desto wirksamer, wobei Wirksamkeit auch das alleine Ziel des Legitimieren ist.

    - nicht mehr das Ziel der (alten) Souveränität: absolute und volle Unterwerfung des Subjekts unter den Souverän, sondern die Schaffung stets neuartiger Anreize für das Subjekt, sich mit der Macht zu arrangieren.

    -------------

    Mit Agamben (und eigentlich ja auch mit Foucault; nur Agamben macht dies expliziter) muss man das KZ (oder das Gefängnis) als das Paradigma der Gouvernementalität bzw. das Paradigma der modernen Gesellschaft verstehen: das Management einer Bevölkerung, das das Recht und die Souveränität als Taktik dafür einsetzt.




    ℂ Λ ℕ Ð I Ð €

    • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
      Gouvernementalität und Freiheit

      Hi Candide.

      Butterblümchen hatte gewiss Probleme, unsere jeweiligen Darstellungen unter einen Hut zu bringen. Ich will mir nicht anmaßen, dieses komplexe Thema (über das du offensichtlich besser informiert bist) zu überschauen, ich will aber den Punkt (Liberalität), auf den meine Darstellung den Akzent legte, nochmal hervorheben, denn er kommt in deiner Darstellung – soweit ich sehe – nicht wirklich zum Vorschein.

      Ich zitiere aus der Sekundärliteratur:

      „Foucault-Handbuch“, Verlag Metzler, 263-64:

      “Da die Staatsraison aber noch dem historischen Rahmen der Souveränität … verpflichtet blieb, läßt sich erst mit dem Aufkommen des Liberalismus von eienr Gouvernementalität im moderen Sinne sprechen. Foucault analysiert den Liberalismus nicht als eine Ideologie oder ökonomische Doktrin, sondern als eine spezifische Regierungskunst, die sich sowohl von dem politischen Universum der Disziiplin wie dem der Souveränität markant unterscheidet. Die liberale Regierung zielt weder auf ein jenseitiges Heil noch auf das Wohl des Staates, sondern bindet die Rationalität der Regierung an ein ihr äußerliches Objekt – die bürgerliche Gesellschaft und der Naturalität der Bevölkerungsprozesse - , wobei die Freiheit der Individuen als kritischer Maßstab des Regierungshandelns fungiert …"

      Dann wird etwas eingeschränkt:

      „Die liberale Freiheit kann … nicht unbeschränkt gelten, sondern wird einem Sicherheitskalkül unterstellt. Damit die Mechanik der Interessen und die Dynamik des Begehrens keine Gefahr für Indididuen und Kollektivität darstellen, ist es notwendig, „Mechanismen der Sicherheit“ zu etablieren“. Sie sind die Kehrseite und die Bedingung des Liberalismus.“

      Zitat Ende.

      Foucault selbst nennt diesen Sicherheitsmechanismus auch „Sicherheitsdispositiv“. Das bedeutet einfach, dass Liberalismus sich „rechnen“ muss. Die Kosten der Freiheit müssen in einem adäquaten Verhältnis zum Zweck des Staates stehen (Allgemeinwohl).

      Foucault schreibt über die Freiheit, dass sie „nicht nur als Recht der Individuen … gegenüber den Übergriffen und dem Machtmissbrauch des Souveräns oder der Regierung geltend emacht wird, sondern die Freiheit ist nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden“ (Vorlesungen 1978, 79, 506).

      Das alles geht zwar einigermaßen konform mit: nicht mehr das Ziel der (alten) Souveränität: absolute und volle Unterwerfung des Subjekts unter den Souverän, sondern die Schaffung stets neuartiger Anreize für das Subjekt, sich mit der Macht zu arrangieren.
      (wobei hier aber der Freiheitsaspekt zu kurz kommt)

      ... widerspricht jedoch zumindest an der Oberfläche diesem Passus: Mit Agamben (und eigentlich ja auch mit Foucault; nur Agamben macht dies expliziter) muss man das KZ (oder das Gefängnis) als das Paradigma der Gouvernementalität bzw. das Paradigma der modernen Gesellschaft verstehen: das Management einer Bevölkerung, das das Recht und die Souveränität als Taktik dafür einsetzt.
      Inwiefern nun das liberalistische System (gemäß Foucaults Begriff der G.) mit dem KZ vergleichbar ist, bleibt mir verborgen. Foucault selbst schreibt doch (in den zitierten Vorlesungen), dass „die Freiheit ist nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden“.

      Du wirst mich sicher über diesen Widerspruch erleuchten können :-)

      Gruß

      Horst

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Re: Gouvernementalität und Freiheitsrechte

        Lieber Horst!



        Foucault selbst nennt diesen Sicherheitsmechanismus auch
        „Sicherheitsdispositiv“. Das bedeutet einfach, dass
        Liberalismus sich „rechnen“ muss. Die Kosten der Freiheit
        müssen in einem adäquaten Verhältnis zum Zweck des Staates
        stehen (Allgemeinwohl).
        Diesen letzteren Satz, insbesonderen den hier scheinbar affirmativ verwendeten Begriff "Allgemeinwohl", kann ich überhaupt nicht mit dem Denken Foucaults in Einklang bringen.



        Foucault schreibt über die Freiheit, dass sie „nicht nur als
        Recht der Individuen … gegenüber den Übergriffen und dem
        Machtmissbrauch des Souveräns oder der Regierung geltend
        emacht wird, sondern die Freiheit ist nun zu einem
        unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst
        geworden“ (Vorlesungen 1978, 79, 506).
        Ja!
        Wenn man hier "Freiheitsrechte" liest, dann habe ich das doch auch so ähnlich geschrieben.
        Die Gouvernementalität steht nicht -im Gegensatz zur alten Souveränität- über den Rechten der Individuen, sie taktiert mit ihnen, u.a. auch indem es sie berücksichtigt und gewährt - wenn von Nutzen für das Bevölkerungsmanagement. (wobei hier aber der Freiheitsaspekt zu kurz kommt)
        Ich wüsste nicht, wo Foucault ein spezieller Denker der politischen Freiheit wäre. ... widerspricht jedoch zumindest an der Oberfläche diesem
        Passus: Mit Agamben (und eigentlich ja auch mit Foucault; nur Agamben macht dies expliziter) muss man das KZ (oder das Gefängnis) als das Paradigma der Gouvernementalität bzw. das Paradigma der modernen Gesellschaft verstehen: das Management einer Bevölkerung, das das Recht und die Souveränität als Taktik dafür einsetzt.
        Inwiefern nun das liberalistische System (gemäß Foucaults
        Begriff der G.) mit dem KZ vergleichbar ist, bleibt mir
        verborgen.
        I) Zuerst zwei Dinge:
        1. Lass uns von "Gefängnis" sprechen, nicht von KZ (letzteres ist Agambens Twist, den ich übermütigerweise einbrachte, nicht der von Foucault)
        2. Lass uns bitte nicht Gouvernementalität=Liberalismus denken; das ist zu kurzschlüssig, weil die beiden Begriffe auf zwei völlig unterschiedlichen epistemischen Ebenen (im Sinne der Bedeutung des episteme-Begriffs bei Foucault!) sich befinden.

        II) Die Entsprechung besteht im Aspekt des taktischen Bevölkerungsmanagements;
        der Verteilung der Körper im Raum, der effizienten und unsichtbaren Überwachung, der Befriedung des Raumes, der Verhinderung von Aufständen, des Gegeneinander-Ausspielens der Bevölkerungssegmente, dem Etablieren von Anreizsystemen usw.

        III) Ich verweise auf "Überwachen&Strafen" (1976), wo Foucault eine Genealogie der modernen Gesellschaft durchführt - und zwar 1.) anhand der vier institutionellen Bereiche Gefängnis, Fabrik, Schule, Krankenhaus, wobei er ganz offensichtlich 2.) die letzten drei so analysiert als wären es Gefängnisse, also damit das Gefängnis als Paradigma setzt.


        IV) Es gibt bei Foucault auch explizite Aussagen, dass die moderne Gesellschaft nach dem Muster eines Gefängnisses funktioniert (ich müsste diese suchen);
        in der Sekundärliteratur wird z.B. hier:
        http://www.amazon.de/Das-Individuum-Gesellschaft-Syn...
        dem Vergleich der Konzeptualisierungen der modernen Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" (Adorno) und als "Kerker-System" (Foucault) ein ganzes Kapitel gewidmet.




        Foucault selbst schreibt doch (in den zitierten
        Vorlesungen), dass „die Freiheit ist nun zu einem
        unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst
        geworden“.
        Ja, unbestritten, aber was heißt das?



        ℂ Λ ℕ Ð I Ð €

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Nachtrag mangels Editfunktion

          Das wollte ich eigentlich noch mitnehmen, weil es zum gleichen Themenkomplex gehört, und weil ich schon gestern gestutzt habe: Wichtig ist, dass Foucault mit diesem Konzept seine Kritik an
          der Macht relativiert. Macht ist nicht mehr prinzipiell
          etwas Negatives
          Wann (abgesehen vielleicht von seinem Frühwerk "Psychologie und Geisteskrankheit, 1954) hatte Foucault denn Macht als etwas prinzipiell Negatives verstanden?
          Ich denke, nie.
          Im Gegenteil war doch die Betonung der Produktivität der Macht sein Punkt schlechthin - in kritischer Abgrenzung zu den vielen Formen der sog. "Repressionshypothese" (die er in "Sexualität und Wahrheit I" breit ausführt), derzufolge die Macht tatsächlich rein negativ zu verstehen ist, als reines Restringieren/Unterdrücken/Ausmerzen.

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Gouvernementalität und 'Allgemeinwohl'

          Hi Candide.

          Aus Zeitmangel gehe ich nur auf deinen ersten Passus ein, mehr folgt aber morgen. Die Kosten der Freiheit müssen in einem adäquaten Verhältnis zum Zweck des Staates stehen (Allgemeinwohl).
          Diesen letzteren Satz, insbesonderen den hier scheinbar affirmativ verwendeten Begriff "Allgemeinwohl", kann ich überhaupt nicht mit dem Denken Foucaults in Einklang bringen.
          Dachte ich auch so, bis die Fragestellung mich auf Foucaults Wende in den 70ern stieß. Hier eine von mir (im Hinblick auf deine zu erwartende Antwort) zusammengestellte Zitatenreihe aus:

          Foucault, Schriften, Bd. 3, Die Gouvernementalität (Vortrag 1978), 809-820 (liegt mir gerade hier in der größten öffentlichen Bibliothek von Bayern vor - über 1 Mio Bücher)

          Du wirst schnell entdecken, was ich mit "Allgemeinwohl" sagen wollte (Entsprechendes habe ich hervorgehoben).

          „Meines Erachtens haben wir es mit einem wichtigen Bruch zu tun. Während der Zweck der Souveränität in ihr selbst liegt ..., liegt der Zweck der Regierung in den von ihr geleiteten Dingen. … Die Entwicklung der Wissenschaft vom Regieren machte es möglich, die Ökonomie auf ein bestimmtes Realitätsniveau hin, das wir jetzt als ´ökonomisch´ bezeichnen, neu auszurichten … Zweitens tritt die Bevölkerung als das schlechthin letzte Ziel der Regierung hervor. Denn was kann, im Grunde genommen, das Ziel der Regierung sein? Gewiss nicht zu regieren, sondern DAS LOS DER BEVÖLKERUNGEN ZU VERBESSERN, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer und ihre Gesundheit zu MEHREN … Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentlich technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.“

          Bis morgen

          Horst

          • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
            Re: Gouvernementalität und 'Allgemeinwohl'

            Lieber Horst! Foucault, Schriften, Bd. 3, Die Gouvernementalität (Vortrag
            1978), 809-820 (liegt mir gerade hier in der größten
            öffentlichen Bibliothek von Bayern vor - über 1 Mio Bücher)
            ach, du schreibst aus der Stabi. Du wirst schnell entdecken, was ich mit "Allgemeinwohl" sagen
            wollte (Entsprechendes habe ich hervorgehoben).
            Ja, habe ich.
            Das war ein Missverständnis meinerseits, wobei "Allgemeinwohl" vielleicht auch kein guter Begriff war, weil er halt in dieser langen philosophischen Tradition des 'Allgemeinwohl vs. Partikularwohl' steht, der Foucault sicher nicht verpflichtet ist.

            Ich kommentiere das Zitat ein wenig, aber hier besteht wohl kein Dissens zwischen uns. „Meines Erachtens haben wir es mit einem wichtigen Bruch zu
            tun. Während der Zweck der Souveränität in ihr selbst liegt
            ..., liegt der Zweck der Regierung in den von ihr geleiteten
            Dingen.
            Das entspricht wohl der von mir angeführten "Legitimiationspflicht" der G. im Gegensatz zur S., die sich keinem Außen legitimieren muss.


            … Zweitens tritt die Bevölkerung
            als das schlechthin letzte Ziel der Regierung hervor.
            Auch das ein wichtiger Punkt, den ich als "Letztziel Bevölkerungsmanagement" an einigen Orten einführte.



            Denn was
            kann, im Grunde genommen, das Ziel der Regierung sein? Gewiss
            nicht zu regieren, sondern DAS LOS DER BEVÖLKERUNGEN ZU
            VERBESSERN, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer und ihre
            Gesundheit zu MEHREN …
            Klar, auch hier die unbestrittene "Legitimationspflicht" gegenüber ihrem Objekt, der Bevölkerung;
            G.: 'Das ist alles zu deinem Guten, schau was ich für dich leiste.' statt S.: 'Ich bin der Souverän, ich bin von Gott dafür ausgewählt. Das ist halt so.', wo tatsächlich das Regieren Selbstzweck ist. Unter Gouvernementalität verstehe ich
            die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren,
            Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken,
            die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe
            Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die
            Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und
            als wesentlich technisches Instrument die
            Sicherheitsdispositive hat.“
            Das Markierte bringt einen Punkt ins Spiel, an dem wir beide vermutlich Foucault unterschiedlich lesen.

            Die G. ist fraglos auf Bevölkerungen gerichtet, aber ist sie auf solche Art darauf gerichtet, dass man sie als 'im Dienste von Bevölkerungen stehend' verstehen muss (was dann Begriffe wie Allgemeinwohl, Freiheit, Liberalismus usw. nahelegen würde; was aber m.E. den sehr weiten Foucaultschen Begriff des "Regierens" viel zu sehr auf staatliche Regierung einengen würde, die man sich als Volk halt nun mal hält und die man auch ablösen könnte)?

            Oder muss man sie so verstehen, dass sie mit ihrem Tun Bevölkerungen hervorbringt und verteilt, sie ruhig hält, sie kontrolliert, zähmt und diszipliniert - und das eben mit Mitteln wie staatlichen Wohlfahrtsinstituten, Krankenversicherungen, usw. die dabei natürlich auch die Mehrung von Reichtum, Gesundheit und Lebensdauer leisten bzw. leisten müssen um existieren zu können?

            Natürlich geht beides zusammen, und eine Logik im Sinne von "Disziplinierung ist das eigentliche, Allgemeinwohl nur die Rationalisierung dafür" verbietet sich bei Foucault ja bekanntlich sowieso (auch wenn ich zugegebenermaßen mich desöfteren dabei ertappe, wie ich immer ein bißchen zu sehr zu dieser Lesart neige), weil Foucault dieser ganzen (hier: marxistischen) Latenz-Logik ja stets eine entschiedene Absage erklärte.

            Dennoch und deshalb halte ich "Freiheit" hier für einen sehr schwierigen Begriff sobald es über 'Freiheit als eine Taktik unter anderen' hinausgeht, aber ich bin gespannt, wie du morgen argumentieren wirst.

            [Übrigens ist der Souveränitätsmacht eine Ausrichtung auf "Allgemeinwohl" ja auch nicht fremd, aber aus anderen Gründen; nicht zur Legitimation, sondern als Stolz oder Lust des Souveräns daran, wenn das Objekt seines Tuns blüht und gedeiht.]

            ℂ Λ ℕ Ð I Ð €

    • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
      Gouvernementalität und Imaginäre Verdopplung

      Hi Candide.

      Ich schreibe – meistens – aus der Gasteig-Bibliothek, da hier die Sachen präsent sind, während es in der Bayerischen Stabi (9 Mio Bücher) mehrtägige Wartefristen gibt. (Foucault:) Denn was kann, im Grunde genommen, das Ziel der Regierung sein? Gewiss nicht zu regieren, sondern DAS LOS DER BEVÖLKERUNGEN ZU VERBESSERN, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer und ihre Gesundheit zu MEHREN …
      Klar, auch hier die unbestrittene "Legitimationspflicht" gegenüber ihrem Objekt, der Bevölkerung...
      Ok, es gibt zwei Lesarten des G-Konzepts, da Foucault selbst offen gelassen zu haben scheint, ob die G. eine nur auf Schein und Täuschung beruhende Strategie ist, die Bevölkerung zu manipulieren – oder ob ein echtes emanzipatorisches Potential dahinter steckt.

      Du favorisierst die kritische Lesart, während ich eine doppelte Lesart (symbolisch/imaginär) vorschlage, auf die ich am Schluss eingehen werde.

      Fakt ist: wirklich eindeutig geht aus den Originaltexten nicht hervor, dass Foucault die G. nur und ausschließlich als manipulative Strategie wertet. Vielmehr legen manche Textstellen – ich habe sie schon zitiert – eine zumindest neutrale, wenn nicht affirmative Lesart nahe.

      Wenn du kommentierst: (Foucault:) Denn was kann … das Ziel der Regierung sein? Gewiss nicht zu regieren, sondern DAS LOS DER BEVÖLKERUNGEN ZU VERBESSERN...
      auch hier die unbestrittene "Legitimationspflicht" gegenüber ihrem Objekt, der Bevölkerung...
      … dann sehe ich im Umfeld der zitierten Stelle (das Buch liegt mir auch jetzt vor) nicht den geringsten Hinweis darauf, dass F. zwischen den Zeilen oder gar offen diese Aussage relativiert, ironisiert oder was auch immer. Vielmehr schreibt (bzw. spricht) er kurz danach:

      „Statt als Ausdruck der Macht des Souveräns tritt die Bevölkerung vielmehr als Zweck und Instrument der Regierung hervor“ (Schriften 3, 817).

      Es heißt „Bevölkerung = Zweck“ , was bedeutet, dass es keine Zwecke gibt, die jenseits der Interessen der Bevölkerung liegen (z.B. bei den Regierenden oder einer partikularen Gruppe). Dass die Bevölkerung zugleich das Instrument ist, versteht sich. Es g i b t ja nur die Bevölkerung. Diese wird eben „angeleitet“, in ihrem eigenen Interesse zu handeln.

      Auf Seite 820-21 heißt es: „Zweitens verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz oder die Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den wir als Regierung bezeichnen, gegenüber allen anderen – Souveränität, Disziplin – geführt … hat.“

      Während der Zweck der Souveränität zirkulär ist – ihr Ziel ist die Selbsterhaltung, das eigene Wohl -, geht es der Regierung (in der Form der G.) um das Wohl der Bevölkerung. Die Mittel zu diesem Zweck sind die politische Ökonomie (ausgerichtet auf das maximale Wohl aller) und die Sicherheitsmechanismen. Das G-Konzept verbindet dabei die äußerlichen Mittel der Kontrolle der Bevölkerung mit der Verinnerlichung von Werten und Zielen durch das einzelne Subjekt (subjektive Selbstkontrolle).

      Das Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung beruht nicht auf Herrschaft, sondern auf einem Vertrag (Rousseau´sche Vertragstheorie).

      Ob dies nun alles nur schöner Schein ist oder zumindest potentiell emanzipatorisch, bleibt bei Foucault einfach offen. Seine Texte über die G. sind so oder so interpretierbar. Er bietet einfach eine Röntgenaufnahme an – die Diagnose überlässt er den Lesern.

      (ich gehe am Schluss auf diese Frage ein beim Thema „imaginäre Verdopplung“)

      Die verwendete Terminologie in seinen Texten entspricht in ihrer Zweideutigkeit dem Interpretationsproblem. Es ist von Sicherheitsmechanismen und Disziplin und Machttechniken die Rede, aber auch von Freiheit – ohne jede spürbare Skepsis oder Ironie. Foucault schreibt … „die Freiheit ist nun zu einem
      unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden“ (Vorlesungen 1978, 79, 506). Wenn man hier "Freiheitsrechte" liest, dann habe ich das doch auch so ähnlich geschrieben.
      Nicht expressis verbis in deinem ersten Posting, wo das Wort „Freiheit“ nicht erscheint. Jedenfalls sehe ich zwischen „Freiheit“ und „Freiheitsrecht“ einen gewissen, nicht unerheblichen Unterschied. Wenn Foucault von Freiheit spricht, dann meint er sie auch – was nicht unbedingt der Fall wäre, spräche er nur vom Recht darauf. Ein Recht könnte auch nur den Schein der Freiheit bedeuten. „Freiheit“ jedoch - und Foucault gebraucht genau diesen Begriff – bedeutet ohne Wenn und Aber: Freiheit. (wobei hier aber der Freiheitsaspekt zu kurz kommt)
      Ich wüsste nicht, wo Foucault ein spezieller Denker der politischen Freiheit wäre.
      Ich bezog das auf den in der G. immer mitzudenkenden Freiheitsaspekt (der ja durch die diversen Zitate hinreichend belegbar ist). Inwiefern nun das liberalistische System (gemäß Foucaults Begriff der G.) mit dem KZ vergleichbar ist, bleibt mir verborgen.
      Lass uns bitte nicht Gouvernementalität=Liberalismus denken ...
      Gemeint war doch nur: „Liberalismus im Kontext des G.-Konzepts“. Die Entsprechung besteht im Aspekt des taktischen Bevölkerungsmanagements; der Verteilung der Körper im Raum, der effizienten und unsichtbaren Überwachung, der Befriedung des Raumes ...
      Es gibt bei Foucault auch explizite Aussagen, dass die moderne Gesellschaft nach dem Muster eines Gefängnisses funktioniert.
      Da liegt meiner Ansicht nach viel zu wenig „Entsprechung“ vor, die diesen Begriff rechtfertigen könnte . Ein paar strukturelle Ähnlichkeiten machen noch keine Entsprechung. Die gravierenden Unterschiede fallen unter den Tisch. Ich war selbst vor einer guten Weile für über 3 Jahre hinter Gittern (Handel mit 14 kg Cannabis) und weiß, wie groß der Unterschied ist. Von Entsprechung kann aus der Sicht eines „Kenners“ absolut keine Rede sein. Wenn man nach 3 Jahren herauskommt, ist das wie das Betreten eines anderen Planeten. dem Vergleich der Konzeptualisierungen der modernen Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" (Adorno) …
      Als aber die Studentinnen in seinen Vorlesungen ihre Titten zeigten, war er nur empört und geschockt. Foucault selbst schreibt doch ..., dass „die Freiheit … nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden (ist)“.
      Ja, unbestritten, aber was heißt das?
      Ich meine, das heißt, dass es w i r k l i c h um Freiheit geht, nicht nur um den Schein der Freiheit.
      Ich meine auch, man sollte Foucaults Ausführungen zur G. auf zwei Ebenen lesen: einer „symbolischen“ und einer „imaginären“.

      Der Begriff der „imaginären Verdopplung“ (wer ihn geprägt hat, weiß ich nicht, vielleicht Zizek) besagt, dass das Symbolische immer auch eine imaginäre Entsprechung hat. Dabei ergibt sich das Problem, dass bei der Interpretation von Personen, Ereignissen oder Zuständen die imaginäre Verdopplung des Symbolischen für das Original bzw. einzig Existente gehalten wird. Beispiel: Vater. Es gibt die (starke) symbolische Position des Vaters und seine imaginäre Entsprechung (der konkrete Vater). Beides kann in eklatantem Gegensatz stehen – wenn der konkrete Vater, also der imaginäre, schwach ist. Oder die Demokratie: sie ist ein symbolisches Konstrukt. Konkret aber kann sie sehr mangelhaft funktionieren. Was ggf. zur bekannten „Demokratieverdrossenheit“ führt. Die Leute erkennen einfach nicht, dass sie nur das imaginäre Doppel verurteilen, wenn sie von „der Scheißdemokratie“ reden.

      Ich meine also, dass man auch Foucaults G-Konzept auf diesen beiden Ebenen deuten kann: auf der symbolischen und der imaginären. Ich lese es primär auf der symbolischen, die Skeptiker aber (du wohl auch) auf der imaginären. Warum letzteres, ist klar – sie ist die marxistisch-kritische Optik, und so wichtig sie auch ist, sie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die modernen politischen Errungenschaften einen substantiellen „symbolischen“ Wert haben (sowie auch einen sehr realen, das ist ohnehin klar).

      Sieht man es aber nur kritisch, dann geht dabei der symbolische Aspekt verloren – auf den es Foucault vermutlich ankam.

      Sonst hätte er gewiss seine Skepsis der G. gegenüber deutlicheren Ausdruck gegeben.

      Am besten lässt sich das Symbolische von seinem imaginären Doppel unterscheiden, wenn man die philosophischen Theorien jener Zeit (der Etablierung der G.) als Matrix dieses Symbolischen nimmt.

      (eigentlich sehr unmarxistisch – denn Marx sah in solcher Philosophie ja primär den ideologischen Ausdruck des Willens einer herrschenden Klasse, er wertete sie also als imaginär, nicht als symbolisch) eine Logik im Sinne von "Disziplinierung ist das eigentliche, Allgemeinwohl nur die Rationalisierung dafür" verbietet sich bei Foucault ja bekanntlich sowieso (auch wenn ich zugegebenermaßen mich des öfteren dabei ertappe, wie ich immer ein bißchen zu sehr zu dieser Lesart neige) …
      Ja, diese Logik wird widerlegt durch die oben zitierte Stelle:

      „... verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz …, die im gesamten Abendland … zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den wir als Regierung bezeichnen, gegenüber allen anderen – Souveränität, Disziplin – geführt … hat.“ Dennoch und deshalb halte ich "Freiheit" hier für einen sehr schwierigen Begriff sobald es über 'Freiheit als eine Taktik unter anderen' hinausgeht, aber ich bin gespannt, wie du morgen argumentieren wirst.
      Nun, die Pointe meiner etwas spekulativen Argumentation ist eben das besagte Doppel Symbolisches/Imaginäres.

      Genau das ist der Grund, denke ich, für die Divergenzen in den Deutungen des G-Konzepts, die ja längst nicht nur zwischen uns beiden bestehen.

      Gruß

      Horst

      PS. Bis Montag.

      • Antwort von nach 3 Tagen 1 hilfreich
        Texte als Lesarten und Übersetzungen

        Lieber Horst!



        Auch wenn sich nicht mal die Fragestellerin für unsere Diskussion interessiert (was ich schade finde, weil wir beide in diesem Thread ausnahmsweise wirklich nahe an der Fragestellung blieben und m.E. auch qualitativ Brauchbares produzierten), antworte ich nochmal ausführlich ;-) Ok, es gibt zwei Lesarten des G-Konzepts, da Foucault selbst
        offen gelassen zu haben scheint, ob die G. eine nur auf Schein
        und Täuschung beruhende Strategie ist, die Bevölkerung zu
        manipulieren – oder ob ein echtes emanzipatorisches Potential
        dahinter steckt.
        Auch hier mein Problem: der Emanzipations-Begriff ist so furchtbar un-Foucaultianisch; den verwendet er immer nur kritisch und in Absetzung davon.
        Das Problem hatten wir beim Freiheits-Begriff schon.
        Dazu unten mehr. Fakt ist: wirklich eindeutig geht aus den Originaltexten nicht
        hervor, dass Foucault die G. nur und ausschließlich als
        manipulative Strategie wertet. Vielmehr legen manche
        Textstellen – ich habe sie schon zitiert – eine zumindest
        neutrale, wenn nicht affirmative Lesart nahe.
        Gut, darauf können wir uns einigen.
        Übrigens würde sich auch Foucault selbst hier mit uns einigen. Er will sich an solchen Stellen ja gerade nicht festlegen, was man dann auch daran sieht, dass er vom Neo-Faschisten über den Konservativen (Habermas) bis zum Linksradikalen politisch eingeordnet wurde. „Statt als Ausdruck der Macht des Souveräns tritt die Bevölkerung
        vielmehr als Zweck und Instrument der Regierung hervor“ (Schriften
        3, 817).
        Es heißt „Bevölkerung = Zweck“ , was bedeutet, dass es keine
        Zwecke gibt, die jenseits der Interessen der Bevölkerung
        liegen ...
        Langsam ...
        Der Zweck der Ausübung souveräner Macht liegt jenseits des Objekts, an dem Macht ausgeübt wird, nämlich an der Bevölkerung.

        In der Gouvernementalität liegt der Zweck der Machtausübung im Objekt selbst: Macht wird an der Bevölkerung ausgeübt um damit Bevölkerung zu gestalten/hervorzubringen/kontrollieren/etc. (nicht etwa mehr um als absoluter Herrscher Gottes Auftrag zu erfüllen usw.) Mehr heißt das aber erstmal nicht.

        Mir ist klar, wor du hier ein "Emanzipationspotential" siehst, nämlich quasi an der Identität von Macht-Objekt und Macht-Zweck.

        Das sehe ich durchaus auch so, und es kommt nicht von ungefähr, dass Agamben und Butler dahingehend kritisch an Foucault anschließen, dass er dabei das Wiederaufkommen der Souveräntität innerhalb der Gouvernementalität übersieht.
        Genau mit dieser Kritik wird m.E. vollends deutlich, dass es bei der G. tatsächlich auch um "Emanzipation" geht - allerdings bestehe ich auf den Anführungszeichen ;-)

        Was ich jetzt NICHT mitgehe ist, dass du daraus, dass die Bevölkerung Instrument und Zweck des Regierens wird, folgerst, dass es um die Interessen der Bevölkerung ginge (auf den Begriff des "Wohls", den du unten anführst, gehe ich nicht mehr separat ein, weil er in die gleiche Richtung zielt.)
        Dieser Twist setzt ein Verständnis von Bevölkerung als eine Art Subjekt voraus (nur Subjekte können Interessen haben), was Foucault wiederum sehr fremd ist. Nicht umsonst spricht er von Bevölkerung und nicht von Volk ...
        Das ist, meine ich, auch ein gravierendes Problem der Übersetzung; man hätte "population" besser noch mit Population übersetzen sollen, dann wäre die wichtige anti-humanistische Dimension des Begriffs nicht ausgeblendet worden, weil man "Bevölkerung" im deutschen einfach allzuleicht, zumindest als Konnotation, als "Volk" liest, das hier gerade nicht gemeint ist. Das Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung beruht nicht
        auf Herrschaft, sondern auf einem Vertrag (Rousseau´sche
        Vertragstheorie).
        Ein solche vertragstheoretische Lesart ist m.E. nun definitiv außerhalb des weiten Foucaultschen Orbits.
        Erstens ergibt sie nur Sinn, wenn man tatsächlich Bevölkerung als Volk versteht. Das darf man auf keinen Fall.
        Zweitens ergibt sie nur Sinn, wenn man Regierung einigermaßen um den Staat zentriert.
        Das passt bei Foucault definitiv auch nicht. Auch hier haben wir ganz sicher ein massives Übersetzungsproblem, weil das deutsche "regiert werden" dem französischen "être gouverné" jene Sinn-Dimension völlig nimmt, auf die Focault z.B. in "Was ist Kritik?" auch noch explizit hinweist, nämlich das Nautische des Gubernators, des Steuermanns, der mit Politik&Staat gar nichts zu tun hat.



        ... bleibt bei Foucault einfach offen.
        Seine Texte über die G. sind so oder so interpretierbar. Er
        bietet einfach eine Röntgenaufnahme an – die Diagnose
        überlässt er den Lesern.
        Das unterschreibe ich - bis auf die Ansätze, wo du aus meiner Sicht schlicht zu weit gehst bzw. wo auch die deutsche Übersetzung gerne dazu verführt, zu weit zu gehen.



        (wobei hier aber der Freiheitsaspekt zu kurz kommt)
        Ich wüsste nicht, wo Foucault ein spezieller Denker der politischen Freiheit wäre.
        Ich bezog das auf den in der G. immer mitzudenkenden
        Freiheitsaspekt (der ja durch die diversen Zitate hinreichend
        belegbar ist).
        Schon klar, aber mir ist überhaupt nicht klar, wie ich "Freiheit" zu verstehen habe;
        geht es hier um Freiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit (das ist ein Aspekt der für Gouvernementalität vs. Souveränität sicher auch bedeutsam ist)?
        geht es um 'Diskurs-transzendente' unveräußerliche Freiheitsrechte der Individuen (m.E. geht es darum in keinster Weise, aber das legt deine vertragstheoretische Sicht oben nahe)?
        geht es darum, 'Diskurs-erzeugte' Freiheitsansprüche und Freiheitsempfindungen mit ins gouvernementale Kalkül zu nehmen (m.E. geht es vor allem darum)? Es gibt bei Foucault auch explizite Aussagen, dass die moderne Gesellschaft nach dem Muster eines Gefängnisses funktioniert.
        Da liegt meiner Ansicht nach viel zu wenig „Entsprechung“ vor,
        die diesen Begriff rechtfertigen könnte . Ein paar
        strukturelle Ähnlichkeiten machen noch keine Entsprechung.
        Die gravierenden Unterschiede fallen unter den Tisch.
        Wie das gemeint ist, müssten wir direkt an einer Lektüre von "Überwachen&Strafen" klären, wo Foucault diese Verbindung am stärksten geknüpft hat.
        Ich würde es daher hier erst mal zurückstellen, allein weil es nicht als "Entsprechung" gemeint ist; wenn dann als "Paradigmatizität".




        dem Vergleich der Konzeptualisierungen der modernen Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" (Adorno) …
        Als aber die Studentinnen in seinen Vorlesungen ihre Titten
        zeigten, war er nur empört und geschockt.
        ;-)

        Schon, aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?

        Mir ist schon klar, worauf du hier wohl hinweisen möchtest;
        indem man die moderne Gesellschaft als "Freiluftgefängnis" usw. bezeichnet bzw. konzeptualisiert, läuft man Gefahr, die massiven Unterschiede zwischen dem Leben im Gefängnis und dem Leben draußen auszublenden, zu nivellieren. Das sehe ich auch so. Foucault selbst schreibt doch ..., dass „die Freiheit … nun zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gouvernementalität selbst geworden (ist)“.
        Ja, unbestritten, aber was heißt das?
        Ich meine, das heißt, dass es w i r k l i c h um Freiheit
        geht, nicht nur um den Schein der Freiheit.
        Wie oben gesagt: alle der drei von mir genannten Freiheitsbegriffe (und man könnte zweifellos mehr als drei anführen) referentialisieren wirkliche Freiheiten, keine Scheine. Ich meine auch, man sollte Foucaults Ausführungen zur G. auf
        zwei Ebenen lesen: einer „symbolischen“ und einer
        „imaginären“.

        Der Begriff der „imaginären Verdopplung“ (wer ihn geprägt hat,
        weiß ich nicht, vielleicht Zizek) besagt, dass das Symbolische
        immer auch eine imaginäre Entsprechung hat. Dabei ergibt sich
        das Problem, dass bei der Interpretation von Personen,
        Ereignissen oder Zuständen die imaginäre Verdopplung des
        Symbolischen für das Original bzw. einzig Existente gehalten
        wird. Beispiel: Vater. Es gibt die (starke) symbolische
        Position des Vaters und seine imaginäre Entsprechung (der
        konkrete Vater). Beides kann in eklatantem Gegensatz stehen –
        wenn der konkrete Vater, also der imaginäre, schwach ist. Oder
        die Demokratie: sie ist ein symbolisches Konstrukt. Konkret
        aber kann sie sehr mangelhaft funktionieren. Was ggf. zur
        bekannten „Demokratieverdrossenheit“ führt. Die Leute erkennen
        einfach nicht, dass sie nur das imaginäre Doppel verurteilen,
        wenn sie von „der Scheißdemokratie“ reden.
        Das wäre eine Sonderdiskussion, da ich die (genuin strukturalistische) Trennung Symbolisches/Imaginäres ums Verrecken nicht voraussetzen mag - wie übrigens Foucault, über den wir hier reden, auch nicht.
        Wir hatten das ja schon mal gestreift. In Bezug auf unsere beiden Foucault-Lesarten weise ich diesen Begriffsschematismus jedenfalls zurück, weil er auch nicht Foucault selbst entstammt. Ich meine also, dass man auch Foucaults G-Konzept auf diesen
        beiden Ebenen deuten kann: auf der symbolischen und der
        imaginären. Ich lese es primär auf der symbolischen, die
        Skeptiker aber (du wohl auch) auf der imaginären. Warum
        letzteres, ist klar – sie ist die marxistisch-kritische Optik,
        Ich lese Foucault sicher nicht aus marxistischer Sicht, eher noch Marx aus Foucaultianischer Sicht, aber sagen wir mal ganz allgemein, ich lese ihn wohl eher aus einer ideologie- und gesellschaftskritischen Perspektive als du.

        Eigentlich lese ich aus biographischen Gründen Foucault wohl hauptsächlich im Sinne von Judith Butlers Foucault-Lektüre, wobei interessanterweise Butler durchaus eine Denkerin der "Emanzipation" ist und z.B. gegen Foucault der Psychoanalyse jenes Emanzipationspotential wieder zuspricht, das Foucault ihr total abgesprochen hat ... alles sehr komplex ;-)

        Interessant übrigens in dem Zusammenhang, vielleicht sogar verallgemeinbar, ich vermute es jedenfalls:
        Ich habe in meinen 17 Semestern Studium einige Foucault-Seminar besucht, und festgestellt, dass in der Soziologe ein weit "schwärzerer Foucault" rezipiert wird als in der Philosophie - was natürlich auch damit zu tun hat, dass bei den beiden Disziplinen unterschiedliche Foucault-Texte im Mittelpunkt stehen. Nun, die Pointe meiner etwas spekulativen Argumentation ist
        eben das besagte Doppel Symbolisches/Imaginäres.

        Genau das ist der Grund, denke ich, für die Divergenzen in den
        Deutungen des G-Konzepts, die ja längst nicht nur zwischen uns
        beiden bestehen.
        Jetzt muss ich doch kurz darauf eingehen, nachdem du es zu deiner Pointe erklärst.
        Die Divergenz der Foucault-Lesarten, die ja -wie du richtig sagst- nicht auf uns beide beschränkt sind, liegt definitiv im Text selbst und nicht auf den beiden Ebenen symbolisch/imaginär.
        Letztlich könnte man unter Berufung auf Foucaults wichtigen Aufsatz "Was ist ein Autor?" sogar sagen: der Text IST nichts anderes als seine Lesarten - und wir haben hier halt einen komplexen und bei weitem nicht widerspruchsfreien Text bzw. eine komplexe und nicht widerspruchsfreie Welt.




        ℂ Λ ℕ Ð I Ð €



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