Existenzverlust möglich?
Von: , Frage gestellt am Sa, 19. Mai 2001
Als eher naturwissenschaftlich Interessierter möchte ich auch mal einen Beitrag zu diesem Forum leisten.
Meine Gedanken kreisen eigentlich schon seit ewig langer Zeit immer wieder um die eine Frage: was ist das hier, diese Welt, diese seltsame Existenz. Das ist wahrscheinlich auch der Antrieb der meisten Naturwissenschaftler.
Jeder der sich schonmal mit den Themen der Astronomie und Physik, Stichworte "Urknalltheorie", "Heisenbers Unschärferelation" etc. beschäftigt hat, muß das alles hier äußerst "Seltsam" finden. Eine Aussage der Unschärferelation ist z.B. diese: Solange man einzelne Atome, Elektronen, Quanten, prinzipiell auch beliebig große, zusammengesetzte Objekte etc. vollkommen von jeder Wechselwirkung mit der Außenwelt abschottet, ist so ziemlich alles möglich. Sie können alle möglichen Zustände annehmen. Eine Münze kann gleichzeitig auf Kopf und Zahl liegen. Teilchen beginnen quasi erst zu existieren, wenn sie mit anderen Teilchen wechselwirken (Stichwort: "Kollaps der quantenmechanischen Wellenfunktion").
Ich will nicht weiter ausholen, denn dieses Thema ist komplex.
Seit einem ziemlich einschneidendem Erlebnis ist für mich folgende Frage wieder aktuell geworden:
Mal angenommen, unser Gehirn ist tatsächlich deterministisch, also letztendlich nichts weiter als ein sehr komplexer Rechenautomat mit einer ebenso komplexen Programmierung, welche sich über Jahrmilliarden durch den Evolutionsdruck entwickelt hat. (Hirnforscher, Soziologen, Biologen tendieren immer mehr in diese Richtung).
Mich beschäftigt da folgendes Gedankenspiel:
Angenommen, der Wissenschaft gelingt es in naher oder ferner Zukunft so etwas wie künstliches Bewußtsein zu schaffen. Eine Rechenmaschine, die genau wie wir, der Illusion des freien Willens unterliegt. Nun ziehen wir den Stecker. Aus der „Dritte-Person-Perspektive“ (Perspektive des Außenstehenden) wurde die Existenz dieses Bewußtseins ausgelöscht. Aber wie sieht das aus der „Erste-Person-Perspektive“ (Perspektive des sterbenden Bewußtseins) aus? Kann dieses einmal geschaffene Bewußtsein tatsächlich das Ende seiner Existenz erleben? Die Antwort muß doch „Nein“ lauten. Aber was „erlebt“ es dann? Wie sieht die letzte Sekunde, Millisekunde, Mikrosekunde aus der Perspektive des sterbenden Bewußtseins aus? Mein erster Ansatz war die ja auch nur begrenzte Taktfrequenz des Rechners, was bedeuten würde, daß mit dem letzen Takt die „Zeit“ des sterbenden Bewußtseins einfach stehen bleibt. Aber dieser Gedanke bringt einen auch nicht viel weiter, da der Datensatz der letzten Mikrosekunde ja nicht mehr stabil ist, sondern immer mehr und mehr von der Umgebung abhängig wird (Änderung des "letzten" Dtensatzes durch Ladungsverluste, thermisches Rauschen etc). Und wie sieht diese Abhängigkeit von der Umgebung für das sterbende Bewußtsein aus?
Wie auch immer das aussehen mag. Der "letzte Datensatz" verliert auf jeden Fall jegliche Möglichkeit, Einfluß auf seine Umgebung zu nehmen (denn er verliert ja sein Medium - den Körper). Vielmehr wird er doch immer abhängiger von der Umgebung, oder?
Tot könnte aus dieser Sicht ewige Verdammnis zur Handlungsunfähigkeit und zur Selbstbeschäftigung bedeuten, oder?
Natürlich wird der Begriff "Zeit" eine neue Bedeutung bekommen.
Aber hat dieser Gedanke nicht trotzdem etwas sehr Grausames? Und zeigt er nicht wieder einmal, wie "komisch" unsere Existenz doch ist?
Gebt mir neue Denkansätze (aber kommt mir bitte nicht mit dem lieben Gott, der alles schon richten wird)!
