Ist das ein Scherz, Geisteskrankheit oder Ernst?

Von: , Frage gestellt am Mo, 1. Apr 2002

Hallo alle,

gerade habe ich mit tiefer Bestürzung diese Seite hier entdeckt:

http://www.theatermussnichtsein.de/

Kann sowas wirklich wahr sein? Obwohl heute der erste April ist: Selbst dann wäre das in Zeiten radikaler Kultureinsparungen und Stellenreduzierungen kein guter Scherz im Angesicht tausender arbeitsloser Theaterschaffender. Laut DENIC ist die Seite übrigens seit Anfang März schon online.

Was meint Ihr dazu? Was kann man da machen?

Ratlose Grüße

Alex

*dermitbegeisterungamtheaterarbeitet*

P.S. Hier die ursprüngliche Kampagne des Deutschen Bühnenvereins FÜR das Theater:

http://www.buehnenverein.de/th_muss.htm
(Da kann man sogar kostenlos Material, z. B. ein T-Shirt bestellen!)

13 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 15 Minuten 0 hilfreich
    Theater

    Es ist eine Meinung. Und zwar eine, die provoziert. Ja, Theater muss nicht sein. Manches kannst du auch so klären. Aber dein Lebensunterhalt MUSS abgesichert sein, wenn du Theater machen willst. Das ist wichtig. Ist er nicht abgesichert, solltest du Theater machen und zwar gewaltig. [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  2. Antwort von nach 51 Minuten 1 hilfreich
    Re: Provokant aber berechtigt

    gerade habe ich mit tiefer Bestürzung diese Seite hier
    entdeckt:
    http://www.theatermussnichtsein.de/
    Hallo Alexander,

    die Stadt Hamburg leistet sich wie viele andere Städte diverse Stadtsbühnen und etliche aus öffentlichen Mitteln alimentierte Theater. Gleichzeitig soll im Stadtstaat der zweite Bildungsweg über die Fachoberschule abgeschafft werden - wg. Geldmangel! In Schleswig-Holstein wird das Angebot an Abendgymnasien aus dem gleichen Grund zusammen gestrichen, aber auf ungezählten Bühnen wird aus Steuergeldern finanziert, was man für Kultur hält.

    Es ist nicht angemessen, den Begriff Kultur von Zweckfreiem und Schöngeistigem besetzen zu lassen. Unser ganzes Leben in allen Facetten ist unsere Kultur. Viele wichtige Gebiete, für die das Geld zu knapp geworden ist, wie z. B. die Schulbildung, gehören auch dazu. Deshalb darf es keine heilige Kuh sein, über Prioritäten neu nachdenken.

    Viele Theater und Musicalhäuser wirtschaften ohne Subventionen. Warum soll das nicht überall und grundsätzlich möglich sein?
    Für Bestürzung sehe ich keinen Anlaß.

    Gruß
    Wolfgang

    • Antwort von nach 13 Stunden 0 hilfreich
      Theater und Kultur

      Hi Wolfgang,

      Du stellst "alimentiertes" Theater gegen Fachschule und Abendgymnasium gegenüber. Es wird aus Steuergeldern finanziert,
      was man für Kultur hält.
      Noch stärker betonst du weiter: Es ist nicht angemessen, den Begriff Kultur von Zweckfreiem
      und Schöngeistigem besetzen zu lassen. Unser ganzes Leben in
      allen Facetten ist unsere Kultur. Viele wichtige Gebiete, für
      die das Geld zu knapp geworden ist, wie z. B. die
      Schulbildung, gehören auch dazu. Deshalb darf es keine heilige
      Kuh sein, über Prioritäten neu nachdenken.
      Das ist gerade das Problem der heutigen Kultur, daß die Gesellschaft sich so stark geändert hat, daß die eigenen Wurzeln nicht mehr present sind. Die europäische Kultur basiert sich u.a. auf der antiken Tradition. Die Rolle des Theaters in der griechischen Antike sowie seine staatliche und kultische Funktion kennst du vielleicht aus den Büchern.

      Das Theater ist keinesfalls zweckfrei und schöngeistig wie auch alle andere Künste. Unter anderem - ja, aber nicht ausschliesslich.

      Eine neue Definition der heutigen Kultur ist fällig, ja. Alle Medien gehören dazu auch. Sport in der Medienform auch. Finanzieren sie sich alle?

      Schulwesen ist im Eimer, da gebe ich dir Recht. Da fängt es an. Dann kommt Verzicht auf das Theater, andere musische Künste fast zwangsläufig, weil die Schule die Übernahme der Tradition nicht mehr vermittelt. Es sind nicht nur Politiker und Ingeneure, auch Künstler wissen bald nicht mehr, was zur Kultur gehört. Viele Theater und Musicalhäuser wirtschaften ohne
      Subventionen. Warum soll das nicht überall und grundsätzlich
      möglich sein?
      Weil die Kunst die Sache der Gesellschaft und des Staates ist, die sich dadurch definieren. Die Kunst ist nur bedingt ein privates Vergnügen. Für Bestürzung sehe ich keinen Anlaß.
      Wenn du vergleichen würdest, wieviel Zeit du für das Theater, Konzert, deine eigene künstlerische Aktivitäten einerseits und für das Fernsehen andererseits ausgibst, und dann dazu parallel Staatsausgaben für die Kultur, Bürokratie, Militär vergleichst, sind wir vielleicht in einem anderen Brett :-)

      Viele Grüße

      • Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
        Re: Theater, Kultur und das liebe Geld

        Guten Abend, Peet!

        der Initiator der diese Diskussion auslösenden Internetseite ist nach meiner Einschätzung ein Mensch, der etwas "um die Ecke denkend" seinem Protest gegen Subventionskürzungen im Theaterbereich Ausdruck geben möchte. Das ist sein gutes Recht. Mich stört daran nur die Gleichsetzung von Kultur und Theater sowie der fehlende Bezug zu den Beträgen, um die es geht.

        Theatersubventionen sind keine Peanuts. Es geht bei einigen Häusern jährlich um 9stellige Beträge. Sieht man sich die Dinge im Detail an, muß das Steueraufkommen ganzer Industriegebiete nur für den Unterhalt eines einzigen Theaters aufgewendet werden. Einige Verantwortliche scheinen den Bezug zur Realität verloren zu haben. Zur Veranschaulichung: Das gesamte Aufkommen an Lohn- und Einkommensteuer von etwa 10.000 Vollzeit-Berufstätigen wird Jahr für Jahr nur für den Betrieb der Hamburger Staatsoper eingesetzt. Sieht man sich den Haushalt eines Bundeslandes an - ich nehme nicht den Extremfall Berlin mit haarsträubenden Schieflagen der Prioritäten - und vergleicht die Theater -und Orchestersubventionen mit den Kosten für eine komplette Universität, dem gesamten Berufsschulwesen oder den allgemeinbildenden Schulen, reichen die "Kultur"-Subventionen in die gleiche Größenordnung.

        Konkret: Das Thalia-Theater in Hamburg hat einen Etat von 35. Mio, davon sind 30 Mio. Subventionen (1994). Bei 216.000 Besuchern jährlich wird jeder Besucher mit 138 DM subventioniert.
        Die Hamburgische Staatsoper wird mit ca. 100 Mio. jährlich subventioniert (1994). Bei 400.000 Besuchern liegen jeden Abend auf jedem Stuhl DM 250,--. Um wieder das rechte Verhältnis zum Geld herzustellen, vergegenwärtige man sich, daß ein Angestellter etwa 1.000 DM Lohnsteuer im Monat bezahlt, also etwa 45 DM/Tag. 5 bis 6 Steuerzahler arbeiten für nichts weiter, als diesen einen einzigen Sitzplatz während einer einzigen Vorstellung zu finanzieren. Wird der Irrwitz deutlich?

        Diese beiden Häuser habe ich nicht zufällig ausgewählt, denn in deren kaufmännische Struktur hatte ich um das Jahr 1994 intime Einblicke. Dabei darf man offenkundig keinem Kulturschaffenden mit den Niederungen des Geldes begegnen. Eine schier unglaubliche Arroganz läßt die Verantwortlichen an jedem Spieltag Millionenbeträge buchstäblich verbraten und treibt jedem kaufmännisch denkenden Menschen die Tränen in die Augen. Mit dem eigentlichen Spielbetrieb ist nur eine Minderheit des Personals befaßt. Ein gewaltiger Administrationswasserkopf macht aus den Theatern Beschäftigungsmaschinen mit einer großen Zahl von Beschäftigten, bei denen niemand genau weiß, womit sie den Tag verbringen. Strukturen des öffentlichen Dienstes, gepaart mit Kulturbetrieb- das Ergebnis ist ein Apparat zur Geldvernichtung und Kritiker der Verhältnisse finden sich als Kulturbanausen mundtot gemacht am Pranger.

        In Berlin sehen die Verhältnisse noch weit schlimmer aus. Die Stadt ist pleite und pumpt Jahr für Jahr einen Milliardenbetrag nur in die Theater! Ursprünge in der griechischen Antike hin oder her, es hat sich eine massive Schieflage in den Ausgaben der öffentlichen Hand eingebürgert, wenn es gleichzeitig durch Schuldächer regnet.

        Gruß
        Wolfgang

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Re^2: Theater, Kultur und das liebe Geld

          Hi Wolfgang,

          deine Relativierung des Vorwurfes kommt mir gut entgegen.

          Wenn es um die Entbürokratisierung des Theaters geht, um seine Entfernung vom Betrieb, um sein Wiederkehr zu der Kunst, bin ich voll dabei. Man könnte dann wirkich viel sparen.

          Auch dann würde die Subventionierung nötig bleiben. Auch dann würde das Theater ein Teil der öffentlichen Kultur bleiben.

          Und dann könnte man vielleicht auch an anderen Stellen genauso vorangehen und sparen. Es wäre vielleicht möglich, noch weiter Utopien sich vorzustellen.

          Aber in der Realität wird es zunächst an den Schulen, dann an der Kunst gekürzt. Weil es mit den Vorgaben besser so ist. Man habe doch für die Kultur immer weniger Geld, ja, ja...

          Viele Grüße

          • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
            Re^3: Theater, Kultur und das liebe Geld

            Auch dann würde die Subventionierung nötig bleiben. Auch dann
            würde das Theater ein Teil der öffentlichen Kultur bleiben.
            Hallo Peet,

            zu Subventionen gibt es unterschiedliche Meinungen, die Größenordnung ist es aber, die eine breite, öffentliche Diskussion erforderlich macht.

            Teils offen, teils unterschwellig schwang seit Jahrzehnten immer die gleiche Lobby die Argumentationskeule, daß im Dritten Reich ja auch die Theater und die Freiheit der Kunst zurecht gestutzt wurden. In die Nähe solchen Verdachts möchte niemand kommen und so ließ man lieber eine abgehoben arrogante Kaste gewähren, der es völlig gleichgültig zu sein scheint, wo das angeblich erforderliche Geld letztlich erwirtschaftet werden muß.

            Um ein paar Millionen in einem Landeshaushalt braucht man nicht lange zu diskutieren. Aber hier geht es um 3 Zehnerpotenzen höhere Beträge, die in jedem einzelnen Landesetat einfach verschwinden. Wer sich darüber aufregt, muß sich anhören, das sei alles nötig, um den einfachen Leuten den Theaterbesuch zu ermöglichen. So wursteln sie dann weiter und halten einen 1000-Mann-Betrieb aufrecht, um Theater zu spielen.

            Gruß
            Wolfgang

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re^4: Theater, Kultur und das liebe Geld

              zu Subventionen gibt es unterschiedliche Meinungen, die
              Größenordnung ist es aber, die eine breite, öffentliche
              Diskussion erforderlich macht.
              Also die Größenordnung. Wie viele Theater wieviel Subvention bekommen. Und wofür.

              Die große Theaterkultur der nach-Shakespeare-Zeit ist aus der Hofkultur entstanden. Bürgerliche Instituten machten nach, was kein Hof mehr kann. Die Städte wollten es übernehmen, der Staat auch. Warum? Weil es ein Konsens in der Gesellschaft darüber herrschte.

              Es waren aber früher die Geldgeber, die die Kunstaufträge bestimmten, die einen entlassen und ein Werk verbieten konnten.

              Heute sind es meist Intendanten, die Insitution hat sich verselbständigt, wie auch viele andere.

              Es wird nicht nach der Qualität der Kunst gerechnet, sondern nach dem Betriebsprinzip. Eigentliche Geldgeber - die Politiker - haben kein Verständnis für die Kunst und wagen es nicht, auf sich eine Entscheidung zu nehmen, was bleibt und was geschlossen wird. Alle andere Hintergründe kennt man, ich muß hier nicht alles referieren. Teils offen, teils unterschwellig schwang seit Jahrzehnten
              immer die gleiche Lobby die Argumentationskeule, daß im
              Dritten Reich ja auch die Theater und die Freiheit der Kunst
              zurecht gestutzt wurden. In die Nähe solchen Verdachts möchte
              niemand kommen und so ließ man lieber eine abgehoben arrogante
              Kaste gewähren, der es völlig gleichgültig zu sein scheint, wo
              das angeblich erforderliche Geld letztlich erwirtschaftet
              werden muß.
              Aus meiner Sicht lässt es sich eher mit der allgemeinen Entwicklung der Kultur erklären. Deine Idee finde ich zu weit geholt und zu ideologisch. Es ist keinesfalls nur innerdeutsches Problem. Um ein paar Millionen in einem Landeshaushalt braucht man
              nicht lange zu diskutieren. Aber hier geht es um 3
              Zehnerpotenzen höhere Beträge, die in jedem einzelnen
              Landesetat einfach verschwinden. Wer sich darüber aufregt, muß
              sich anhören, das sei alles nötig, um den einfachen Leuten den
              Theaterbesuch zu ermöglichen. So wursteln sie dann weiter und
              halten einen 1000-Mann-Betrieb aufrecht, um Theater zu
              spielen.
              Darüber hätte man auch streiten können. Ein Theaterbesuch soll für einfache Leute erst dann möglich sein, wenn ihr Bildungsniveau (=schulische Vergangenheit) sie daran teilnehmen lässt, was eine Kunst ist. Es betrifft Regisseuere genauso. Die Kunst ist an sich elitär. Strassentheater (OFF etc.) sind auch gut, und Kasperl auch, und sie leben auch ohne Subvention. Andererseits für Wagner brauchst du wirklich Hunderte von Mitarbeiter. Und die kannst du nicht nur einmal im Jahr beschäftigen. Und so schwebt es schon vor, daß alle Elemente der Kultur zusammenhängen. Und wenn ein Teil runter geht, dann gehen auch die anderen, nur ganz bisschen später.

              Und dann bleibt genug Geld für alles , nur nicht für Kultur. Dann werden wir auch nicht mehr streiten. :-)

    • Antwort von nach 14 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Provokant aber berechtigt

      Hallo Wolfgang,

      Du schreibst: Viele Theater und Musicalhäuser wirtschaften ohne
      Subventionen. Warum soll das nicht überall und grundsätzlich
      möglich sein?
      Bildung und Kultur müssen meines Erachtens bezahlbar sein. Und zwar auch für einen Arbeitslosen oder Kinder oder gleich finanziell schlechtgestellte Menschen in unserer Gesellschaft. Ich denke doch, darüber sind wir uns aus bitteren Erfahrungen in der Vergangenheit alle einig.

      Ich persönlich verdiene ganz gut, aber eine Musical-Karte kann ich mir gerade mal so leisten.

      Mach die Augen auf: Ein Theater, das gute Stücke aufführt und aber bezahlbare Eintrittspreise nimmt, arbeitet niemals wirtschaftlich. Das ist eine Mähr'! Für Bestürzung sehe ich keinen Anlaß.
      Ich allerdings auch nicht. Zwischen den Radikalen liegt die beste Lösung.

      Viele Grüße
      Jana



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