Gesundheitsreform in USA

Von: , Frage gestellt am Di, 23. Mär 2010

Hallo Experten,

kann mir jemand mal erklären warum die Amerikaner so einen Aufstand bzgl. der Gesundheitsreform haben. Sollte man nicht froh sein, dass ca. 30 Mio. Amerikaner nun eine gescheite Gesundheitsversorgung bekommen und nicht mehr darauf hoffen müssen bei irgendwelchen "Good-Will-Aktionen" in Sporthallen versorgt zu werden.

Sind die Amerikaner wirklich so egoistisch?
Wo bleibt die christliche Nächstenliebe, die sonst dort immer so hochgehalten wird?

Gruß,
Sax

16 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 14 Minuten hilfreich
    Re: Gesundheitsreform in USA

    Moin auch, kann mir jemand mal erklären warum die Amerikaner so einen
    Aufstand bzgl. der Gesundheitsreform haben.
    Weil es ihnen vom Staat aufoktroyiert wird. Sind die Amerikaner wirklich so egoistisch?
    Das hat mit Egoismus nichts zu tun. Der Amerikaner (so es ihn gibt) mag es einfach nicht, wenn der Staat ihn zu etwas zwingt. Auch dann nicht, wenn der Zwang eigentlich etwas positives bewirken soll. Also sind sie dagegen. Wo bleibt die christliche Nächstenliebe, die sonst dort immer
    so hochgehalten wird?
    Was hat das mit Nächstenliebe zu tun?

    Ralph

    • Antwort von nach 35 Minuten hilfreich
      Re^2: Gesundheitsreform in USA

      Hi, kann mir jemand mal erklären warum die Amerikaner so einen
      Aufstand bzgl. der Gesundheitsreform haben.
      Weil es ihnen vom Staat aufoktroyiert wird.
      Wie sonst sollte man ein Gesetz durchsetzen? Sind die Amerikaner wirklich so egoistisch?
      Das hat mit Egoismus nichts zu tun. Der Amerikaner (so es ihn
      gibt) mag es einfach nicht, wenn der Staat ihn zu etwas
      zwingt. Auch dann nicht, wenn der Zwang eigentlich etwas
      positives bewirken soll. Also sind sie dagegen.
      Also sind die gegen jedes Gesetz, dass verfasst wird? Wo bleibt die christliche Nächstenliebe, die sonst dort immer
      so hochgehalten wird?
      Was hat das mit Nächstenliebe zu tun?
      Sehr viel, wenn ich ein paar Dollar zahlen muss, damit mein Nachbar sich seine Operation leisten kann...

      Gruß,
      Sax

      • Antwort von nach 58 Minuten hilfreich
        Re^3: Gesundheitsreform in USA

        Moin auch, Wie sonst sollte man ein Gesetz durchsetzen?
        Es geht nicht um Gesetze per se sondern um solche, die die persönliche Freiheit, im weitesten Sinne, einschränken. Also sind die gegen jedes Gesetz, dass verfasst wird?
        Selbstverständlich gibt es Gegner zu jedem Gesetz, das ist bei uns nicht anders. Die Zhal der Gegener nimmt doer einfach zu, wenn, s.o. die Freiheit eingeschränkt werden soll. Sehr viel, wenn ich ein paar Dollar zahlen muss, damit mein
        Nachbar sich seine Operation leisten kann...
        Das wird jetzt getan, mit dem neuen Gesetz aber nicht mehr in dem Maße. Es geht also nicht primär ums Geld.

        Ralph

  2. Antwort von nach 8 Stunden hilfreich
    Re: Gesundheitsreform in USA

    Guten Tag Sax76,

    die Antwort kann folgende sein:

    "Der Amerikaner" hat eine Abneigung gegen alles was nach seinem Verständnis nach "Sozialismus" riecht.In dieser Gesundheitsreform sieht man eine "Gleichmacherei".Und so kommt es, dass die amerikanischen Bürger tatsächlich für den Status Quo demonstrieren.Für uns Europäer erst einmal nicht nachvollziehbar.

    Diese krude Einstellung wurde selbstverständlich in Zeiten des kalten Krieges entsprechend von Regierungsseite forciert um die Massen für einen evtl bevorstehenden Krieg zu stimulieren.
    Man hat aber nach Ende der Konfrontationen nicht wieder versucht, ein anderes Bild zu zeichnen.Das kann man verstehen, wenn man bedenkt welchen immens großen Einfluss in diesem Fall die Gesundheitsindustrie und die Versicherungen auf das Regierungshandeln haben.Hier argumentiert man geschickt mit dem Deckmäntelchen "persönliche Freiheit des Bürgers, keine Obrigkeitshörigkeit".Die Lobby spielt somit mit der Urangst der Amerikaner: Dem Verlust seiner Freiheit durch das Handeln "Amtsinhabern".Diese Abneigung steckt (noch)so tief, dass sogar der Blick für die Wirklichkeit verloren geht.

    Ein amerikanischer Senator in den 70er Jahren (den Namen weiss ich leider nicht mehr) sagte einmal: Möglicherweise haben wir Deutschland nach d e m Masterplan aufgebaut, nach dem wir eigentlich u n s e r Land erbauen wollten.

    Nun ja, könnte stimmen.


    Gruß



    Sohn Mannheims

  3. Antwort von nach 8 Stunden hilfreich
    Re: Gesundheitsreform in USA

    Ganz einfach, es wird möglicherweise teurer. Bislang konnten sich die Versicherungen aussuchen, wenn sie aufnehmen. Jemand mit HIV oder mit einer Krebserkrankung musste staatliche Gesundheitsfürsorge in Anspruch nehmen und hatte keine Chance, in eine private Krankenversicherung aufgenommen zu werden bzw. konnte ihnen bei einer Neuerkrankung auch gekündigt werden.

    Wenn nun all diese Menschen mit teuren Erkrankungen in die Privatversicherungen strömen, wird der Beitrag für die alten Mitglieder natürlich entsprechend kostspieliger.

    Ein weiterer Gesichtspunkt ist natürlich die Zwangsversicherung. Ich denke - nicht nur in den USA - missfällt es den Bürgern, wenn sie dazu verpflichtet werden, Versicherungen abzuschließen. Ab einer bestimmten Betriebsgröße wird in den USA in einigen Jahren auch der Arbeitgeber dazu verpflichtet, Krankenversicherungen anzubieten, was ebenfalls dem Prinzip der Freiwilligkeit zuwiderläuft.

  4. Antwort von nach 9 Stunden hilfreich
    Re: Gesundheitsreform in USA

    Hi,

    (Vorsicht, lang)
    die US-Amerikaner haben ein ganz grundsätzlich anderes Verständnis von Staat als wir es haben. Die ersten Siedler (Mayflower, aber auch schon frühere Versuche) gingen nach Amerika, um der religiösen Verfolgung in ihrer Heimat zu entgehen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Vereinigte_Staaten#Fr.C...
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mayflower
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pilgerv%C3%A4ter

    Ziel war es, an einem Ort zu leben, an dem sie eben so sein konnten, wie sie wollten, ohne dass jemand ihnen dazwischenfunkte. Religionsfreiheit herrschte damals ja nicht wirklich, die REligion wurde durch den Monarchen vorgegeben.
    Die Siedler waren vor allem Puritaner. Deren Glaubensvorstellungen hatten und haben großen Einfluss auf das die amerikanische Mentalität. Zum einen sind die Puritaner verantwortliche für die große religiöse Toleranz. Der frühe orthodoxe Puritanismus kannte keine Trennung von Staat und Kirche, und das führte zu Verfolgung Andersgläubiger (= wenn Du nicht unseren Glauben hast, kannst Du nicht zu unserem Staat gehören, denn der Staat ist der Glaube). Das, und die Verfolgung der Puritaner im damaligen england führten zu Toleranz gegenüber Andersgläubigen und schließlich zur Trennung von Staat und Kirche (Stichwörter fürs Googlen: Rhode Island, Roger Williams, puritanism)
    Die Puritaner glaubten auch an die Autonomie der jeweiligen Kirchengemeinde. Die kannten keine Autorität außer dem Wort Gottes in der Bibel, und jeder einzelne Gläubige war angehalten, den Willen Gottes selbst zu erkunden. Dieser Mangel an einer übergeordnetten Kirchenautorität außerhalb der eigenen kleinen congregation führte zur Zersplitterung der Puritaner in viele kleine Gruppen, aber war auch Fundament für religiöse Toleranz (Stichworte: congregation, congregationalists).
    Für die Puritaner war Amerika aber nicht nur ein Ort, an dem sie in Ruhe ihre Religion praktizieren konnten. Es war auch das ihnen von Gott versprochene Gelobte Land. Sie sahen ich als Gottes auserwähltes Volk im biblischen Sinne und Amerika als New Jerusalem. Dieser Glaube hat sich bis heute erhalten, denn er war die Überzeugung der Leute, die vor 400 Jahren von Europa aus Nordamerika besiedelten. Heute bildet er die Grundlage dafür, dass die USA überall in der Welt die Menschenrechte durchsetzen und das gute verteidigen wollen - sie sind in ihrer Vorstellung, in ihrem Glauben dazu auserkoren worden, von allerhöchster Stelle - und das meine ich gar nicht ironisch. (Stichworte: New Jerusalem, manifest destiny, God's chosen people)
    Was die Amerikaner außerdem noch zu Amerikanern macht, ist ihr Arbeitsethos, der ebenfalls auf die Puritaner zurückzuführen ist. Die Puritaner glaubten, dass man am Erfolg seiner Arbeit sehen konnte, welches Schicksal Gott einem vorbestimmt hatte,. Wenn man fleißig war, hart arbeitete und sparsam lebte und dadurch reich wurde, war das ein Zeichen dafür, dass einen Gott erretten würde. Das Schicksal, Erlösung oder nicht, war vrherbestimmt - durch seinen Fleiß konnte man nur schon vorher sehen, ob man nach dem Tod erlöst werden würde.(Stichwort: prostestant work ethic)
    Jetzt haben wir die wichtigsten Bausteine zusammen. Die USA wurden gegründet, damit die Siedler sich nach außen verteidigen und schützen konnten, denn England, Spanien und Frankreich versuchten, auf dem Kontinent Einfluss zu bekommen. Und dass das den Siedlern nciht recht war, kann man sich vorstellen - schien ihnen doch der Staat, vor dem sie geflohen waren, in ihre neue Heimat zu folgen. Innerhalb des Staates aber wollten sie weiter in der Lage sein, ihr Leben so zu führen, wie es jeder einzelne für sich als richtig empfand - sowohl, weil ie eben religiöse Freiheit wollten, als auch, weil ihr Glaube eben jedem einzelnen die Freiheit gab, die Bibel so zu interpretieren, wie er es für richtig hielt. Trennung von Kirche und Staat bedeutet ja nicht Trennung von Kirche und Leben - das alltägliche Leben richtete sich damals in viel stärkerem Maße nach der Bibel, als wir uns das heute vorstellen können. Nur wollten die Puritaner eben das Recht haben, die bibel so zu interpretieren, wie sie das für richtig hielten - und das bedeutet, sie wollten ihr Leben so leben, wie sie es für richtig hielten. Und da hatte ihnen niemand hineinzupfuschen. Kein England, keine oberste Kirchenautorität, und auch die neugegründete USA nicht. Die hatte nur den Zweck, den neugegründeten Staat nach außen zu verteidigen, damit die innen Ruhe haben. Je weniger sich der Staat in die Belange des Einzelnen einmischt(e), um so glücklicher war und ist der Amerikaner.
    Der Glaube ist auch Grund für die scheinbare Herzlosigkeit 8in unseren Augen) der Amerikaner. Wir denken uns ja, wie kann man nur auf die Idee kmmen, keine Sozialleistungen haben zu wollen, man muss doch anderen helfen... Dem Amerikaner widerstrebt das, weil ja jedem sein eigenes Schicksal vorbestimmt ist, insofern muss man da niht so pauschal helfen (ganz abgesehen davon, dass das, wie bereits gesagt, ein Eingriff des Staates in das Leben des Einzelnen ist).
    Die Puritaner sind aber keine herzlosen GEsellen. Die von Gott gewollte Ordnung verlangt nicht nur, dass man betet und einen untadeligen Lebenswandel führt und somit Gott dient, sondern, dass man auch einer nützlichen irdischen Beschäftigung nachgeht und somit der Gemeinschaft nützlich ist. Von der Gesellschaft bekommt man ja auch Hilfe. Wenn man denn fleißig und arbeitsam ist und dadurch reich wird, bringt das eine soziale Verantwortung mit sich, daher gibt es in den USA eine Vielzahl an Stiftungen und wohltätigen Organisationen, die sich um alle möglichen Bedürftigen kümmern (das ersetzt den Sozialstaat, wie wir ihn in Deutschland kennen) und nützliche Zwecke fördern - die Puritaner fördern die für sie besonders wichtigen Gebiete Erziehung und Wisenschaft besonders intensiv.
    (Stichworte: protestant work ethic, success ethic)
    Diese puritanischen Ansichten leben besonders in den amerikanischen Kleinstädten fort, dort, wo auch die Republikaner ihre Wählerschaft rekrutieren. In den Großstädten werden die Ansichten nach und nach verdrängt. Dort ist es nciht anders als sonstwo auf der Welt - es ist nicht so leicht, durch Arbeit Erfolg = materiellen Reichtum zu haben, und das verdirbt einem natürlich den Glauben an Bestimmung. Dort rekrutieren die Demokraten ihre Wähler, und dort ist dann auch die zustimmung für staatliche Gesundheitsfürsorge groß, denn man schafft es ja alleine nicht, und die Bedürftigkeit ist dort auch so häufig, dass die Wohlfahrtsorganisationen nicht hinterherkommen.
    Ich habe vor wenigen Wochen einen Artikel im TIME magazine gelesen, es ging um Elternzeit, Mutterschaftsurlaub in den USA. Es schloss sich eine heftige Forumsdiskussion an - unter Amerikanern wohlgemerkt. Die Mehrheit war vehement gegen staatliche Regulierungen hinsichtlich Elternzeit, Elterngeld, Kindergeld. Kinder (und übrigens auch Kranksein) wurden als Luxus betrachtet, den man sich leisten können muss - wenn man das Geld nicht hat (um das Kind aufzuziehen, um den eventuellen Verdienstausfall zu kompensieren), dann kann man eben kein kind haben. Werdende Mütter verweTage im Durchschnitt) darauf, das Kind zu bekomen und sich zu erholen, Wem das nicht reicht, der muss kündigen. Manche bekommen ein paar Tage unbezahlt frei. Es wurde sich leidenschaftlich dagegen gewehrt, Hilfe anzunehmen - man betrachtete es als selbstverständlich, das alleine zu meistern. Um das Kind zu finanzieren, wird da teilweise monate- oder jahrelang vorher in zusatzjobns gearbeitet, um dann später das kind zu finanzieren.

    So jetzt höre ich einfach auf, ich hab genug geschrieben :)
    Für die, die noch nicht eingeschlafen sind: zitiert habe ich vieles aus den Handreichungen zur Amerikakunde im Leistunskurs Englisch am Gymnasium. Band 2. Staatsnistitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung. München 1985.
    (Vielleicht ist das ja auch aufschlussreich für diejenigen, die gerne Philosophie als eigenes Unterrichtsfach hätten und nicht glauben, dass Philosophie bereits in den Fachunterricht integriert ist)


    die Franzi

    • Antwort von nach 10 Stunden hilfreich
      Re^2: Zivilreligion Mayflower

      Hi Franzi,

      sey bedanckt für dieses aufschlussreiche Gesätzlein.

      Interessant finde ich an der "Mayflower"-Verehrung, dass sie trotz ursprünglich religiösen Kerns mit den Generationen Züge einer Zivilreligion angenommen hat.

      Das immer noch wunderschöne Lied "America" von Steppenwolf, das Du mir wieder ins Gedächtnis gerufen hast, ist ein kleiner Beleg dafür: Wie selbst ein böser rebellischer junger Mann 1970 Amerika als eine Art Schutzgottheit anruft und sich selbst trotz Knüppeln und Tränengas als Sohn Amerikas bekennt:

      http://www.steppenwolf.com/lyr/mnnster.html

      Schöne Grüße



      MM

      • Antwort von nach 12 Stunden hilfreich
        Re^3: Zivilreligion Mayflower

        Zum Gruße, Das immer noch wunderschöne Lied "America" von Steppenwolf,
        das Du mir wieder ins Gedächtnis gerufen hast, ist ein kleiner
        Beleg dafür:
        Kleine Korrektur: der Song heißt "Monster". Wie selbst ein böser rebellischer junger Mann
        1970 Amerika als eine Art Schutzgottheit anruft und sich
        selbst trotz Knüppeln und Tränengas als Sohn Amerikas bekennt:
        Wobei der junge Mann - der Sänger - Deutscher (oder deutschstämmig) ist: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Kay_(Musiker)

        Gruß TL

        • Antwort von nach 12 Stunden hilfreich
          Re^4: Zivilreligion Mayflower

          Servus,

          IMO sind die drei Teile in "Monster - Suicide - America" unterteilt betitelt. "America" sind bloß die letzten zwei Verse - "America - where are you now etc.", und insofern hast Du natürlich recht, weil die Strophe ohne "Monster" und "Suicide" eher amputiert wirkt.

          Deutschstämmig kann man als America's son and daughter schon sein; so wie man als richtiger Cop irischstämmig ist und als Katzenjammer Kid in "Filledelfe" gern einmal einen schwäbischen Opa hat: Es sind ja noch einige Mayflowers nach Westen gefahren seither.

          Schöne Grüße



          MM



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