Re^2: Verflachung der Dialekte
Hallo und guten Tag und herzliche Grüße nach Neuengland
- so einfach ist das mit der Verflachung der Dialekte, glaube
ich, nicht. Zum Einen: Es gibt auch Länder, wo Dialekte nicht
verflachen, sondern sich als Umgangssprache durchsetzen, sogar
in Rundfunk und Fernsehen. Die deutschsprachige Schweiz zum
Beispiel. Mít dem Ergebnis, dass aktuelle schweizer
Fernsehbeiträge und Interviews in Deutschland mit Untertiteln
laufen müssen.
Die versteht nämlich außerhalb der Schweiz
keiner mehr!
Für Schwaben und Badenser ist Schwyzerdytsch gut verständlich.
Das sind immerhin mehrere Millionen Deutsche.
Zum Zweiten: Verachtet werden in Deutschland nur
wenige Dialekte (sächsisch zum Beispiel).
Schwäbisch wird als witzig oder niedlich empfunden.
Die meisten werden
hoch geschätzt, gepflegt, finanziell gefördert, an
Volkshochschulen gelehrt. Aber zum Glück immer weniger
gesprochen. (Immer, wenn ich diesen Satz in einer Diskussion
bringe, kommt ein Aufschrei der Empörung. Aber ich weiß, was
ich sage). Zum Glück deshalb, weil es immer noch viele
Menschen gibt, die es nicht schaffen, ihre spezielle Mundart
und Hochdeutsch getrennt zu denken und zu sprechen. Mit dem
Ergebnis, dass diese Menschen sich sozial und beruflich nur in
einem winzigen Gebiet verwirklichen können.
Leider wahr.
Oder können Sie
sich einen Manager, Kunstsammler, Physikprofessor vorstellen,
der auf einem Bankett in sagen wir mal Hamburg in breitem
Rheinisch zum Kellner sagt: "Könn Se misch mal dat Brot
überschneiden?" Der Grund für das Dilemma ist: Zweck einer
Mundart ist nicht nur die Kommunikation, sondern zugleich die
Abgrenzung. Deshalb unterscheiden sich Mundarten von Dorf zu
Dorf, manchmal von Straße zu Straße. Und zwischen Köln und
Aachen liegen zwar nur 68 Kilometer, aber linguistisch Welten.
In Süddeutschland ist es noch viel viel "schlimmer".
Der Vorteil: Mundart gibt Heimatgefühl, man fühlt sich
Zuhause, geborgen.
Ausserdem bietet Mundart Ausdrucksmöglichkeiten, im Vergleich dazu das Hochdeutsche geradezu steril und beschränkt erscheint.
Der Nachteil: Wer nichts anderes kann, hat
in der großen weiten Welt Probleme. Die Welt ist ein Dort,
aber für diese bleibt ihr Dorf die Welt.
Leider wahr.
Etwas völlig Anderes ist es, meine ich, wenn es sich nicht um
eine Mundart, sondern um eine eigene Sprache handelt. Wie das
Niederdeutsche.
Auch Schwäbisch, Bairisch und Alamannisch (zusammengefasst als Oberdeutsch) sind eher eigene Sprachen als nur Mundarten.
Ich frage mich, wo da der Unterschied liegt.
Auch Hessisch und Pfälzisch zählen meiner Meinung nach als eigene Sprachen (Mitteldeutsch)
Dass diese herrliche Sprache immer weniger
gesprochen wird und das immer weniger Menschen die Werke
niederdeutscher Dichter wie Fehrs oder Reuter lesen können,
finde ich traurig.
Damit relativieren Sie meiner Meinung nach Ihr Gesamtes zuvor Geschriebenes.
Ein Drittes noch: In Deutschland entsteht seit einigen Jahren
eine ganz neue Mundart. Sie heißt Kanak-Sprak, wird von
türkischen Einwanderern der zweiten und dritten Generation
gesprochen und hat eine völlig eigene Syntax und Diktion. Aber
genau die Funktion, die andere Mundarten auch haben:
Identifikation mit einer Gruppe, Abgrenzung gegen andere: "Ey,
wassn los ey?" Und auch hier gibt es jene Menschen, die nur
diese Sprache beherrschen und damit in einer sehr kleinen Welt
zu leben gezwungen sind.
Friedhelm
Interesssant.
Ihre Trennung zwischen Mundarten und eigenständigen Sprachen
ist mir jedoch nicht klar geworden.
Gruss,