Migge = Bremse (Fortsetzung)

Von: , Frage gestellt am Sa, 8. Nov 2003

Hallo Martin, Fritz, Rudolf, Eckard,

bin neu im Forum, deswegen die 4-wöchige Verspätung.
Migge ist die schwäbische Kurzform des französischen mechanique.

Haben wahrscheinlich die Waldenser im Schwäbischen und Badischen eingeführt. Wie außerdem noch Trottwar (Trottoir), Plafo (Plafond), Plümo (Plumeau), Kredenz (.....), Muckefuck (mocca faux), Schäßlo (Chaiselongue), für Waschbecken gab's auch was.

Ich hatte mal ein diesbezügliches Wörterbuch in der Hand, ist leider schon Jahre her. Weiß jemand noch mehr solche schwäbischen Wörter französischen Ursprungs?

Gruß Gudrun

18 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Migge = Bremse (Fortsetzung)

    Hi,

    Wiserwie (vis-a-vis),
    Suttrai (Sous-Terrain), bedeutet bei uns aber Waschküche.

    Gruss,

  2. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Migge = Bremse (Fortsetzung)

    waschbecken = lavabo
    sofa = kanapee

  3. Antwort von nach einer Stunde 3 hilfreich
    Re: Migge = Bremse (Fortsetzung)

    Hallo und schön, dass du da bist, liebe Gudrun! Migge ist die schwäbische Kurzform des französischen
    mechanique.
    Dafür eine Belegstelle, bitte! Mir leuchtet es allerdings sofort ein. die Waldenser
    waren sicher nicht die ersten und einzigen, die französische Wörter ins Deutsche einbrachten, aber bei der Migge halte ich es für möglich. Schon in den mittelhochdeutschen Epen - Wolfram im Besonderen - finden sich Romanizismen. für Waschbecken gab's
    Waschlavur [= Waschwasch ;-) siehe unten!] Ich hatte mal ein diesbezügliches Wörterbuch in der Hand, ist
    leider schon Jahre her.
    Kelldomasch! Weiß jemand noch mehr solche schwäbischen Wörter französischen Ursprungs?
    Dazu habe ich folgendes:

    „Bua“, hot d´Muatter gsait. „dees Mädle, wo du so flattierscht, ond mit dere du so rompussierscht ond romflanierscht, an dere han i scho gar koi Pläsier. Dere ihr Familie, des isch a Bagasch. D´Muatter isch a Ragall - guck dr bloß amol dere ihra Däz ond dere ihr Visasch a. So a mechants Mensch ka i net äschtimiere. Dr Vatter isch au a Kanallje, sonscht isch er ganz passabel. I an deinere Schtell hett net d´Kurasch, ´s Bordmanne uffzmache ond schpendabel z´sei. Dia ganz Sach isch mer scho arg schenant.“

    „Muatter“, hot dr Bua gsait, „ no dusma, mach me net schalu. I schass d´Erna net. Wenn i no mei Pläsier han! Mir pressiert´s jo net so grantig mit´m Heirote. Aber bei meiner letschte Visit han i gseha, dass dia Muatter ganz wif ond adrett isch, ond wenn se so en ihrem Salettle em Fodell hockt henter ihre Paseele mit ihrem Schemisle ond ihrer Ondertallje - ond a Fazinettle hot se mer au scho gschenckt -, no sieht se aus wia a Madam.“


    Falls nötig, ich habe auch eine Übersetzung dazu. Und dann noch:

    Legüm = Gemüse,
    Gugommere = Gurken,
    Schardän = Garten,
    Lavur = Waschschüssel,
    Ridikü = Handtäschchen (von „ridicul“ = lächerlich!),
    schassa = jagen,
    batta = passen, geeignet sein von battre mit der Bedeutung: das haut hin!,
    äschtimiera = schätzen, mögen,
    Seschtlavie! = Seufzer: So ischs halt em Läba! von c´est la vie!

    Damals soll auch das allseits beliebte „Fisitematenten“ aufgekommen sein, dessen Ableitung von „Visitez ma tente!“ - der Einladung französischer Soldaten an brave Schwabenmädchen - wohl nicht stimmt.

    Ich füge noch einige bei:
    Kelleretle für „Uhr“ von: Quelle heure est-it?
    Boggedeherz für „vollbusig“ von: beaucoup de Herz
    Allabonee für „rechtzeitig“ von: à la bonne heure
    Alla für „Auf, gehen wir!“ und „Auf Wiedersehn“ von: allez! Alla widdersee! verabschiedet man sich hier im Nordbadischen.
    verbasseiere für „Zeit vergeuden“ von: passer l´heure
    Tutegal für „ganz egal“
    Tutmämchoos für „das ist ghupft wie gspronga von: toute la même chose
    Tutswit für „sofort“ von: toute de suite
    Und das Petäterle, ein Feuerzeug, das vielleicht funktioniert oder auch nicht, oder ein Mädchen, das vielleicht mitgeht, oder auch nicht

    Die meisten dieser Ausdrücke sind längst der Anglisierung zum Opfer gefallen und nur noch ältere Leute, vor allem Stuttgarter Geschäftsfrauen der Vorkriegszeit, kennen die noch.
    Thaddäus Troll aus dessen Buch, Preisend mit viel schönen Reden, ISBN 3-455-07739-0 [Buch anschauen], ich das meiste übernommen habe, hat sich verdient gemacht um die Bewahrung dieses Wortschatzes. Aber er gehört inzwischen zur Folklore.


    Beste Grüße Fritz

    • Antwort von nach 5 Stunden 2 hilfreich
      Mir fällt da noch ein

      Hi, Gugommere = Gurken,
      heisst bei uns Gugonger verbasseiere für „Zeit vergeuden“ von: passer
      l´heure
      bei uns gibt es die Wendung "aus Bassleda" (zum Zeitvertreib), wobei das letze a eher in Richtung o klingt.
      Kommt sicher von "passer les temps".

      Gruss,

  4. Antwort von nach 14 Stunden 0 hilfreich
    Re: Migge = Bremse (Fortsetzung)

    Hallo, Fritz und all die anderen,

    danke für alle Antworten, kellsürprise, han mi saumässich gfreit über all die schönen Ausdrücke, die schon längst aus meinem Gedächtnis verschwunden waren.

    Ganz besonderen Dank an Helge für sein "Bassleda" (grandioses aha-Erlebnis, hat meine Großmutter gerne benutzt). Das wurde hinten mit demselben Nasallaut wie in "temps" gesprochen.

    Fritz, Dein Bua mit seiner Muatter: Übersetzung im ganzen ist nicht nötig, aber ein paar Vokabeln fehlen mir doch. Im ersten Absatz: Ragall?
    Im zweiten Absatz: die Blümchen sind mir geläufig (Stiefmütterchen, oder?), Fodell kannte ich noch nicht, aber nach dreimal lesen hat's geklickert (Fauteuil). Bei Salettle, Schemisle, Ondertallje und Fazinettle wäre Hilfe nötig.

    Die Geschichte mit den Soldaten-Tanten kenne ich etwas anders. Nicht "visitez ma tente" (Befehlsform) zum braven Schwabenmädle, sondern "visit ma tente" als Antwort auf die wohin-Frage der Kasernentor-Wache. Daraus folgten die "Fisimatenten" (nicht: Fisitematenten).

    Belegstelle für Migge = mechanique: tja, lange her, sag' ich doch! Mein Kopf raucht schon. Ich besitze dieses Wörterbuch nicht, habe nur mal drin geschmökert, vielleicht in einer Buchhandlung, dann ist die Suche aussichtslos, vielleicht in der Stadtbibliothek, dann gibt's noch Hoffnung. Die Biblio ist allerdings bis Anfang Dez. wegen Umbau geschlossen, also bitte Geduld.

    In Reutlingen gibt/gab es den Verlag Karl Knödler mit ganz vielen Büchern auf schwäbisch. Vielleicht ist dieses Wörterbuch dort erschienen.

    Daß man jemals im Schwäbischen den Garten "Schardän" genannt hat, hat mich überrascht, und Schokolinda, bist Du sicher, daß es "Kanapee" auf schwäbisch gab? Das schwäbische Sofa war ja eigentlich der?/das? Schäßlo.

    Für Fritz:
    Exkurs zum Forums-Beitrag "Maultaschen-Gedicht": Bei obigem Knödler-Verlag ist erschienen: Heinz-Eugen Schramm: Maultasche' . Da müßte ja wohl im eigenen Buch des Verfassers das Original zu finden sein.
    Das Schramm-Buch besitze ich auch nicht, den Hinweis fand ich in einem anderen Buch von Knödler.
    Trotz Deiner Korrekturen ist das Gedicht m.E. immer noch nicht stimmig:

    durch die Fleischwolf ? durch dr Fleischwolf ?
    auch in schwäbischer Grammatik heißt das immer noch durch de(n) Fleischwolf

    Bei der rätselhaften Zeile "Net lang gfacklet....." stimme ich Bodo zu: ohne Kommata.
    "nicht mehr lange gefackelt ...", das "maih" ist wegen der Rhythmik nach hinten gerutscht.
    Bei "gefacklet" ist entweder das "e" zuviel oder es muß links vom "l" stehen.
    In der vorletzten Zeile gehört das "d" nicht zu "en" sondern mit Apostroph zur Briah':
    hochdeutsch "hinein in die Brühe" heißt schwäbisch "nei en d'Briah'......."

    Gruss Gudrun

    [Team: Persönliche Anmerkung entfernt]

    • Antwort von nach 18 Stunden 1 hilfreich
      Re^2: Migge = Bremse (Fortsetzung)

      Schokolinda, bist Du sicher, daß
      es "Kanapee" auf schwäbisch gab? Das schwäbische Sofa war ja
      eigentlich der?/das? Schäßlo.
      jein. kanapee hat meine oma immer gesagt. sie lebte zwar im schwäbischen raum, war aber eigentlich eine kriegsvertriebene, deutschstämmige tschechin.

      • Antwort von nach 19 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Das Kanabee auch von jüngeren

        Hallo,

        und dochdoch, es ist auch wenigstens noch von jetzt knapp Mittvierzigern als gewöhnlicher aktiver Wortschatz gehört worden.

        Der Holze, anlässlich bestandenen Abis 1978, zua wia dausend Russa bei der Tina vom Goldenen Rebstock im Eck hängend, auf die Frage, was er heut noch vorhabe:

        I fahr heit no uffem Kanabee spaziera!

        In diesem Sinne



        MM

    • Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
      Schwäbisches Französisch

      Hallo, Gudrun!

      Ein paar Absatz: Ragall?
      D´Muatter isch a Ragall - guck dr bloß amol dere ihra Däz ond dere ihr Visasch a.

      Die Mutter ist ein Luder (racaille = Pack, Gesindel) - schau dir nur einmal ihren Kopf (tête) und ihr Gesicht an!
      durch die Fleischwolf ? durch dr Fleischwolf ?
      Ist so gemeint! durch dr Fleischwolf meint durch den Fleischwolf. In manchen schwäbischen Teilregionen ist der Akkusativ abhanden gekommen, so dass es heißt: Gib mir dr Hammer!

      Extramail an dich ist in Arbeit!

      Gruß Fritz

    • Antwort von nach 5 Tagen 3 hilfreich
      Ragall

      Hallo, Gudrun,

      zur oben genannten Frauensperson:

      Der Ruf der Ragall

      Will man einen liebestollen Schwaben* davor bewahren, sich ins Unglück zu stürzen, wird man es am besten versuchen mit der Warnung: »Des isch fei a Allmachtsragall.«
      Allmachtsragall - dieses Wort, das so endet, wie es angefangen hat, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es zeigt einen für schwäbische Verhältnisse nahezu abartigen Lautstand, denn es enthält keine anderen Vokale als nur das offene, nicht genäselte a, welches gleich vier Mal vorkommt.
      Das Artikulieren dieses Wortes zwingt den Schwaben, den Mund wider alle Gewohnheit weit aufzutun. Wenn er aber zu einer solchen Sonderleistung bereit ist, muss es dafür einen Grund geben. Er will eine dringende Botschaft - präziser: eine Warnung -vermitteln, die Warnung vor einer außergewöhnlich resoluten, konfliktbereiten und auch akustisch sehr beeindruckenden weiblichen Persönlichkeit.
      Allmachtsragall ist ein Superlativ. Die einfache Form lautet Ragall. Keiner weiß so recht, was man sich unter diesem Begriff genau vorzustellen hat. Er klingt wie ein ornithologischer Gattungsname, erinnert entfernt an die Nachtigall. Während deren Gesang allerdings der Inbegriff des Wohlklangs ist gilt der Ruf der Ragall eher als schrill. Ihr Verhalten lässt sich vergleichen mit dem eines angriffsbereiten Huhns, das flügelschlagend mit vor- i gerecktem Hals und aufgerissenem Schnabel laut zeternd auf einen Gegner oder eine Gegnerin zuschießt. Man findet die Ragall nur im Schwäbischen Wörterbuch. Die übrigen Mundart-Lexika kennen sie nicht die hochsprachlichen schon gleich gar nicht. »Böses Weib«, übersetzt Fischer dieses Hauptwort und nennt daneben das Adjektiv ragallisch (wild, zornig, widerwärtig) und das Verbum ragallen (schreien, schimpfen).
      Das Gesamtbild, das sich daraus ergibt entspricht weitestgehend dem oben angestellten Vergleich mit dem Kampfhuhn.
      Zwar ist Ragall ausschließlich schwäbisch, aber nicht vom Ursprung her. Es kommt von französisch racaille (Gesindel Mob, Auswurf der Gesellschaft). Auf die ältere Version rascaille geht der englische rascal (Gauner, Halunke) zurück, der nicht die Meute als solche, sondern eines ihrer Mitglieder bezeichnet. Er ist somit ein Vetter der Ragall, die ursprünglich wohl eine Angehörige des Pöbels war. Doch im Gegensatz zu ihr kann im rascal Sympathie mitschwingen wie im »Schlitzohr«, während die kratzbürstige Ragall ausschließlich Gänsehaut verursacht.
      Verfolgen wir die Spur der Ragall über die rascaille weiter zurück, landen wir bei dem mittellateinischen Verb rasicare (kratzen). Dieses stammt ebenso wie rasitare von radere. Das bedeutet außer »kratzen« auch »schaben« und »verletzen«, was man zusammenfassen kann in dem ebenfalls daher stammenden rasieren. Da es aber kaum etwas Schlimmeres gibt als von einer Ragall rasiert zu werden, kann der Hinweis, dass die Angebetete ragallisch ist auch dem blindesten Liebhaber noch die Augen öffnen.


      * Die Existenz solcher wurde schon oft bestritten, deshalb noch dies:

      Wenn so ein Schwabe heiratet, dann sind seine letzten Worte als Jungeselle:
      1. "Hoppala!" Als er der Braut auf den Schleier tritt.
      2. "Jô!" Als ihn der Pfarrer fragte, ob er wolle.
      3. "Sodale!" Als er sich an die Hochzeitstafel setzte.
      4. "Jetzetle!" Als er mit der Braut ins Bett stieg.


      Der obere Beitrag stammt vom schon genannten "Petershagen".

      Fritz



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