Suche Bedeutung des Begriffs Gimber

Von: , Frage gestellt am Sa, 13. Dez 2003

Gimber wird 1605 in einer Urkunde als eine Naturalabgabe (neben Hühnern u.a.) eines Abgabepflichtigen genannt. Die Region ist das Bergische Land, speziell Solingen. Ein Erklärungsversuch lautete auf Ingwer. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie im 16./17.Jahrhundert ein einfacher Abgabenpflichtiger an subtropische Gewürze gekommen sein soll, um sie dann auch noch abzuführen.

Eine weitere Definition könnte sich auf Wacholder beziehen. Hat da jemand eine Idee?

23 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Suche Bedeutung des Begriffs Gimber

    Hallo, Jörg, Eine weitere Definition könnte sich auf Wacholder beziehen.
    auch ich bezweifle, dass es sich bei dem im "Leysiefer Hebebuch" genannten Gimber wirklich um Ingwer gehandelt hat.
    Ich vermute eher, dass es sich um Pastinaken oder Topinambur handelt. Besonders für letzteres spricht eine gewisse Ähnlichkeit des (eßbaren) Rhizoms mit dem Ingwer. Außerdem wächst entlang der Wupper auch heute noch jede Menge Topinambur. (möglicherweise ausgewildert?).
    Ich bin aber noch auf der Suche nach Belegen. Allerdings: ein wenig stutzig mach mich die geringe Menge des abgelieferten "Gimber" - nur 1 Pfund - das reicht mal gerade für eine Mahlzeit.
    Grüße
    Eckard
    (in Sichtweite des ehem. Gutes Leysiefen)


    • Antwort von nach 5 Stunden 0 hilfreich
      Pro Ingwer...

      Hallo zusammen, auch ich bezweifle, dass es sich bei dem im "Leysiefer
      Hebebuch" genannten Gimber wirklich um Ingwer gehandelt hat.
      Wundert mich zwar auch, aber ich halte dennoch dagegen. In Basel beispielsweise heisst Ingwer > Imber (cf. Imbergässlein am Nadelberg).
      Rein phonetisch scheint mir die Lautverschiebung ein kleiner Sprung. Es stellen sich da zwei Möglichkeiten. Entweder hat sich im südlicheren Bereich (BS) das G abgeschliffen, oder aber im nördlichen das I, daher das G, damit der Laut erhalten bleibt. Mir erscheint die erste Möglichkeit als die wahscheinlichste:

      Zingiber (lat.) < ingiber* < ...* < Gimber/Imber < Ingwer (dt.)/Gember (ndl.)/Ginger (engl.)

      Klingt überzeugend. Ausserdem war Ingwer etwas gleich teuer wie Pfeffer, damit würde auch das eine Pfund Sinn machen.

      Lass mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

      Zur Untermauerung und allgemeinen Information:
      http://www-ang.kfunigraz.ac.at/~katzer/germ/generic_...
      http://www.hotsauce.de/chilis/geschichte/
      http://www.geschichtsforum.de/community/5/3736.html (vor allem II. Gewürzhandel)

      Gruss

      Yseult

      • Antwort von nach einem Tag 2 hilfreich
        Re: Contra Ingwer...

        Hallo, Yseult,
        Nach langem rumsuchen im Internet hat sich mein Verdacht, dass es sich bei Gimber eher um Topinambur als um das (teuere, weil importierte) Gewürz Ingwer handelt, eher verfestigt.
        Hier meine "Beweiskette"
        1. Ingwer war bekannt, wurde auch in der Küche des 17.Jh. verwendet, aber obwohl schwungvoller Handel damit getrieben wurde, dürfte der Preis dafür derart hoch gewesen sein, dass keinesfalls ein Häusler im Bergischen Land ein Pfund dieses kostbaren Stoffes als Zehnten hätte abgeben können. Selbst heute beträgt der Preis für Ingwer zwischen 10 und 15 Euro je Kilogramm.

        2. Topinambur war von Amerika nach Europa gebracht worden und hatte sich sehr rasch als Volksnahrungsmittel ausgebreitet, da die Pflanze sehr anspruchslos, was Bodenverhältnisse und Pflege angeht, dabei aber durchaus tauglich als Grundnahrungsmittel ist (Topinambur ist neben Pastinak der Vorläufer der Kartoffel und bis zum 18./19.Jh. Volksnahrungsmittel). Da jeder Gütler zumindest eine Handbreit Boden besaß, konnten dort problemlos der Bedarf für die Familie haerangezogen werden. Heute säumen den Wupperlauf insbesondere in der Umgebung der Wupperkotten noch immer Dickichte von Topinambur.

        3. Wenn man die Wurzelstöcke von Ingwer ( http://www.emil-gruenbaer.de/mo_thema/gewuerze/pict/... ) und Topinambur ( http://www.st-michaelshof.de/grafik/topinambur.jpg ) rein optisch miteinander vergleicht wird eine Ähnlichkeit augenfällig, die eine entsprechende Benennung durchaus verständlich macht.

        4. Einer der vielen Steuer-Konflikte brach 1713 aus zwischen den Bauern und den Grundbesitzern in den Vogesen über den Zehnten, insbesondere über die Abgaben für die Topinambur und für die Kartoffel, beide »pomme de terre« genannt. Da die Knollen sich selbst vermehren, sei es unbillig, hierfür den Zehnten zu verlangen, argumentierten die Bauern. Im übrigen würden die Abgabeordnungen nur der Topinambur und nicht die Kartoffel nennen. aus http://literatur.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_...

        Grüße
        Eckard.

        • Antwort von nach einem Tag 2 hilfreich
          Re^2: Contra Ingwer...

          Hallo Eckard,

          (ja, ich habe da etwas verschwitzt:-)

          Deine Beweiskette hat ein kleines Problem, der Aufhänger. Nach diversen Quellen wurde Topinambur erst 1607 von französischen Seefahrern nach Europa gebracht, 1617 in England und 1626 bzw. Ende des 30jährigen Krieges im heutigen Bereich von Deutschland bekannt. Der Begriff Gimber taucht aber schon Anno 1605 im 'Hebregister zu Nesselradt uff Martini' auf.

          Nebenbei angemerkt, in Heberegistern (Abgabeverzeichnissen) aus fast gleicher Zeit und Örtlichkeit mussten die "Steuerpflichtigen" Pfeffer und Kümmel zahlen. Diese Gewürze dürften ebenfalls nicht auf heimischer Scholle angebaut worden sein.

          Viele Grüße,
          Michael

          • Antwort von nach 2 Tagen 1 hilfreich
            Re^3: Contra Ingwer...

            Deine Beweiskette hat ein kleines Problem, der Aufhänger.
            Ja, Michael,
            in der Tat spielt da die Zeit da leider nicht recht mit. Ich gebe Dir recht.
            Anzubieten wäre außerdem noch Pastinaken, eine wilde Möhrenart, die sowohl einheimisch ist, als auch der Ernährung diente.

            Aber der Hinweis auf den Aronstab, den "deutschen wilden Ingwer", den Max oben brachte passt dafür umso besser. (s. auch meine Antwort dazu)
            Man sollte nicht vergessen, dass die Leute im Bergischen Land damals bitterarm waren. Ackerbau gab es mangels bebaubarer Flächen nur wenig, man mußte sich mit Messerschleifen und anderen geringen Arbeiten mühselig sein Brot verdienen. Woher wäre da das Geld gekommen, echten importierten Ingwer zu kaufen, ja, sogar noch pfundweise als Zins zu zahlen!
            Nein, auch Martins Einlassung zum Trotz, ich weigere mich, (echten) Ingwer als Zinsabgabe eines bergischen Häuslers zu akzeptieren. Sehr wohl aber kann ich mich damit anfreunden, dass die damals recht zahlreichen Kinder zum Suchen und Sammeln von Aronstabwurzeln angehalten wurden. Aronstab wächst heute noch überall in der Gegend.
            Die Knolle (Aronswurzel, M.agenwurzel) enthält einen^ scharf schmeckenden Milchsaft, der sich beim Trocknen zersetzt. In Griechenland wurde sie ehedem gegessen; sie liefert getrocknet und gekocht ein gesundes Nahrungsmittel und gibt 25 Proz. Stärkemehl, welches dem Arrowroot vollkommen gleichsteht. [...] Die sehr scharfe Wurzel war früher offizinell. (d.h. wurde als Arznei verwendet)
            Der Text stammt aus "Meyers Konversationslexicon" Bd I von 1888.

            Grüße
            Eckard (der den MOD um Vergebung bittet, dass der Thread so vom sprachlichen in geschichtliche Gefilde verzweigt)



            • Antwort von nach 2 Tagen 2 hilfreich
              lol...


              Grüße
              Eckard (der den MOD um Vergebung bittet, dass der Thread so
              vom sprachlichen in geschichtliche Gefilde verzweigt)
              Drum komm ich doch immer wieder mit der Lautverschiebung...

              Sorry an alle
              Yseult
              *die so langsam den Eindruck kriegt, dass sie schuld am Debakel ist...*

            • Antwort von nach 3 Tagen 2 hilfreich
              Re: lol... noch weiter neben dem Wege

              *die so langsam den Eindruck kriegt, dass sie schuld am
              Debakel ist...*
              Ach Du lieber Himmel, Yseult,
              das sieht auch unser lieber Fritz (der MOD dieses Brettes) wohl nicht so eng. Dialekte haben immer mehr oder weniger mit Geschichte zu tun, insofern glaube ich auch kaum, dass daraus Schuldzuweisungen abgeleitet werden. Angesichts des Gezänks in manch anderen Brettern ist es hier geradezu erholsam.
              Lieben Gruß an Dich
              Eckard.

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Re^2: Contra Ingwer...

          Hallo Eckard,

          ich hab leider so langsam das Gefühl, dass wir bei der Frage so ziemlich alles beweisen könnten... Etwas wirr das ganze, als dann auch noch mein Vater gestern ironisch meinte "Na, das kommt sicher von Gimpel...".
          Ich hab mich lediglich über die diachrone Linguistik angenähert und alleine auf der Ebene würde Ingwer als Erklärung Sinn machen.
          Vorschlag: einen deutschen Dialektologen auftreiben oder im 'Deutschen Etymologischen Wörterbuch" nachschauen (unter Ingwer, da müssten eigentlich die regionalen Färbungen mit Jahreszahlen auftauchen)...

          Gruss

          Yseult

          • Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
            Re^3: Ingwer im feudalen Steuerrecht

            Hallo Diskutanten,

            jetzt hammer grade aus Neugier in den nicht so sehr ausführlichen, aber insgesamt verlässlichen "Kluge" (17. Auflage, 1957) reingeblättert und kurioserweise gefunden:

            "(...) Zu späteren Formen des auch als Abgabe wichtigen Gewürzes siehe Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 45, 164; Monatsschrift 25 (1918) 33ff." Das Bergische Land auf diese Weise bis in die Etymologie hinein mit Ingwer-Abgaben verbunden!

            Persönlich könnte ich mir vorstellen, dass die Formulierung mit dem "Index" wertvoller Geürze eine Art Inflationssicherung bewirken sollte. Europa hatte spätestens ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts schon heftige inflationäre Entwicklungen erlebt.

            Schöne Grüße



            MM



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