Ja, ich habe den hässlichen Alten vor der Stadt umgebracht, aber nicht meinen
Vater. Ich habe auch die schöne Frau geliebt, auf die der Greis ein Auge geworfen
hatte. Aber sie war nicht meine Mutter.
Nachdem ich jahrzehntelang unter dem Komplex meines Namens gelitten hatte, den
mir Sigmund Freud eingebrockt hat, fand ich Erlösung nach Lektüre der unzähligen
Medienpublikationen über Albert Einstein anlässlich des hundertsten Jahrestages
der Veröffentlichung der Relativitätstheorie.
Zwar habe ich die Theorie selbst nicht verstanden, wie wohl auch die vielen
Autoren der Gedenkartikel auf Vermutungen angewiesen blieben, aber ich habe
erfahren, dass Zeitreisen möglich sind. Inspiriert von H. G. Wells und Filmen wie
Terminator und Star Wars habe ich, unterstützt von Ingenieur Daniel Düsentrieb,
eine Zeitmaschine gebastelt, mit der ich in die Antike reiste zu einem Zeitpunkt,
in der Laius, mein angeblicher Erzeuger, der Jocaste, meiner zukünftigen Frau,
noch gar nicht hatte beiwohnen können.
Laius erschlug ich im Zorn, weil er an der Wegkreuzung vor Theben die Vorfahrt
erzwingen wollte. Dass ich dabei auch meinen Nebenbuhler ausschaltete, blieb mir
damals verborgen. Als ich mit Jocaste schlief, war sie noch Jungfrau. Meine
Mutter wurde sie erst dadurch, dass ich mich in ihr selber zeugte.
Jedenfalls bin ich seit meiner Zeitreise ein glücklicher Mensch mit dem Andenken
an die schönste aller Lieben, jener an eine reife, mütterliche, geduldige Frau.
Und ein freier Mensch, der alle Inzestgefühle verlor, so wie der Wiener Sigmund
Freud jetzt wohl einen Grossteil seiner Patienten loswird. Erlöst hat mich eine
Zeitreise gemäss Albert Einsteins Relativitätstheorie. Der wirklich Schuldige der
Geschichte aber ist ein athenischer Schreiberling namens Sophokles.
Oedipus Rex