Die Katschke

Diese Geschichte stammt aus einer vergangenen Welt – vor Hitler – als es im Osten noch rein jüdische Orte und eine jüdische Kultur gab.

Es war gebräuchlich, dass ein Rebbe (Rabbi) finanziell minderbemittelte Talmudschüler, genannt Bocher, bei freier Kost und Logis aufnahm und ausbildete.

So hatte also ein Rebbe mal einen Bocher, und der aß – nein, er fraß – Unmengen. Stellte die Rebbezin das Essen auf den Tisch, langte der Bocher nach der Schüssel und leerte sie zu drei Viertel, ehe auch der Rebbe nur den Löffel heben konnte.

Nun hatte die Rebbezin auf dem Markt eine Katschke (Ente) erstanden, eine wunderschöne Katschke, so eine schmeckedige Katschke, und sie besprach sich jetzt mit ihrem Mann.

„Was mache ich nur? Wenn ich heute Abend die Katschke auf den Tisch bringe, frisst sie uns der Bocher weg.“

„Ich hab eine Idee!“ der Rebbe lächelte, „Du machst einen großen Topf mit Nüdelach (Nudeln), und der Bocher wird fressen - mein Gott, wird der fressen - und wenn er dann vollkommen satt ist, bringst Du die Katschke“.

Gesagt, getan. Die Rebbezin stellt eine riesige Schüssel mit Nüdelach auf den Tisch und der Bocher frisst. Er frisst, bis die Schüssel leer ist. Dann sitzt er da, reibt sich den Bauch und stöhnt: „Och, bin ich satt! Oooh – ich bin ja so satt! Ich könnte keinen Bissen mehr essen!“

In dem Moment stellt die Rebbezin die Katschke auf den Tisch.

Der Rebbe lächelt den Bocher – ein bisschen schadenfroh – an und fragt: „Nun, was ist, Bocher. Wollt ihr nicht ein kleines Stück probieren?“

Und der Bocher ergreift sein Messer, säbelt drei Viertel der Katschke herunter und verschlingt sie.

Der Rebbe schaute kopfschüttelnd zu, und als der Bocher fertig ist, fragt er: „Bocher! Nicht dass ich Euch missgönne die Katschke, aber sagtet Ihr nicht, Ihr möchtet keinen Bissen mehr herunterbringen?“

„Rebbe!“ antwortet der Bocher, „Ihr habt mich gelehrt, alles mit einem Gleichnis zu beantworten. Will ich Euch also geben ein Gleichnis:

Es ist ein hoher jüdischer Feiertag, die Jüden drängeln sich in der Synagoge. Es ist so voll, es möchte keine Stecknadel zu Boden fallen.

Und dann kommt der Rebbe – öffnet sich a Gass!“

Beim Schabbesg’ttesdienst in der Synagoge bemerkt Mosche, ein frommer Jid, dass er in seiner Hosentasche 50 Euro mit sich trägt. Es überläuft ihn heiß und kalt, ist doch das Mitsichtragen von Geld am Schabbes verboten. Was soll er nun mit den 50 Euro machen? Nach langem hin und her schlägt er seinen Pentateuch auf, an der Stelle, an der geschrieben steht „Du sollst nicht stehlen“, legt die 50 Euro hinein und stellt das Buch nach dem G’ttesdienst zu den anderen.
Als er nach der Havdallah zurückkehrt, um sein Geld wiederzuholen, ist der Schein verschwunden. Er kann es kaum glauben und blättert wie wild. Plötzlich fallen ihm 25 Euro entgegen. Er schaut, was auf dieser Seite steht und liest: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.