Ihr habt natürlich durchaus recht. Ich selbst bin beruflich u.a. auch mit Landschaftsplanung befasst und da ist Landschaftsschutz ein sehr wesentlicher Faktor. Und da ist es für mich natürlich eine Binsenweisheit, dass die in Deutschland zu schützende Landschaft nahezu ausschließlich Kulturlandschaft ist - eine in Jahrhunderten und Jahrtausenden gewachsene.
Im globalen Maßstab gesehen sind die Probleme des Landschaftsverbrauchs bei uns eher atypisch - den mit Abstand größten Teil am Flächenverbrauch haben Verkehrs- und Gebäudeflächen, nur noch knapp ein Drittel der Fläche Deutschlands ist landwirtschaftliche Nutzfläche. Speziell im Bereich landwirtschaftlicher Flächen haben wir hierzulande im Zusammenhang mit Viehzucht schon seit längerer Zeit nicht das Problem eines Landschaftsverbrauchs, sondern vielmehr das der stetigen Abnahme von Grünlandflächen. In grünlandarmen Gebieten ist daher die Umwandlung von Grünland in Ackerflächen untersagt, was den Schwund bremst. Selbstverständlich müsen diese Flächen dann auch (bevorzugt extensiv) bewirtschaftet - d.h. gemäht - werden. Man will ja Kulturlandschaft erhalten und nicht, dass die Wiesenfluren verbuschen und sich schließlich Wald bildet - ein zwar grundsätzlich auch wünschenswertes, aber doch völlig anderes Ökosystem.
Sinn macht Grünlandbewirtschaftung natürlich nur im Zusammenhang mit Viehhaltung. Die von Euch angesprochene Weidewirtschaft ist noch einmal ein anderes Thema, da diese noch ein Stück unrentabler ist und Weiden daher noch stärker schwinden als Wiesen. Ein besonderes Problem stellen dann noch einmal Grenzertragsböden wie Magerwiesen / Magerweiden dar, was mit der aufgrund internationaler Konkurrenz bei uns aussterbenden Wanderschäferei zu tun hat.
Grundsätzlich sind das jedoch Luxusprobleme. Fleisch wird heute in erster Linie durch Massentierhaltung, nicht durch extensive Grünlandbewirtschaftung oder gar Weidewirtschaft erzeugt. Nach einer Studie aus dem Jahr 1990 stammten 63% des Rindfleischs, 66% des Schweinefleischs und 99% des Hühnerfleischs, das in Deutschland produziert wurde, aus Massentierhaltung. Die Prozentsätze dürften mittlerweile noch einmal deutlich höher liegen. Trotzdem wird insbesondere die Rindfleischproduktion aus Rentabilitätsgründen aus den Industrieländern zunehmend ins Ausland verlagert, vor allem nach Südamerika - Brasilien, Argentinien, Bolivien und Paraguay. Dort findet dann tatsächlich ein erheblicher Flächenverbrauch statt - und zwar auf Kosten des Regenwaldes und der Savannengebiete. Gerade die Savannen werden nicht etwa beweidet, wie sich der Besucher des argentinischen Steakhauses das naiv-romantisch vorstellen mag, sie werden vielmehr in Anbauflächen für Soja und für Getreide, das dann an Mastvieh verfüttert wird, umgewandelt.
Und da wird es dann wirklich interessant. Um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, muss erst einmal 3 - 10 Kilo Soja oder Getreide erzeugt und verfüttert werden. Wenn man jetzt noch weitere Faktoren wie insbesondere den Wasserverbrauch und ungenutzte Abfälle mit einrechnet, so kommt man zu einer Energiebilanz von bis zu 20 Kilogramm pflanzlicher Masse für ein Kilogramm Fleisch.
Derzeit werden jährlich ca. 700 Millionen Tonnen Getreide und Soja an Nutztiere verfüttert - mehr als ein Drittel des Weltgetreideverbrauchs. Warum ist das so? Weil die Industrieländer einen steigenden Bedarf an zunehmend billigerem Fleisch haben und das auch problemlos bezahlen können - sie konkurrieren hier nämlich mit dem ärmeren Teil der Weltbevölkerung, der sich Fleisch ohnehin nicht leisten kann. Das Grundnahrungsmittel Getreide - Lebensgrundlage für diesen Teil der Menschheit - wird hingegen durch den Konkurrenzdruck und die Nachfrage nach billigem Fleisch zunehmend teurer. So kommt zum ökologischen Raubbau die soziale Katastrophe. Während die Märkte der Industrieländer mit Billigfleisch überschwemmt werden, ist weltweit nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren unterernährt.
Nachdem das Welthungerproblem bis Mitte der 90er Jahre abzunehmen schien, wird es seitdem zunehmend katastrophaler, wenn man sich die Angaben der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) anschaut: von 825 Millionen Unterernährten Mitte der 90er zu 870 Millionen 10 Jahre später. 2007 waren es schon 920 Millionen - da hatte man dann endlich Grundnahrungsmittel als lohnendes Spekulationsobjekt entdeckt; auch die Deutsche Bank bietet hierzulande ihren Kunden solche "Finanzprodukte" (Stichwort: Rohstoff-Indexfonds) an. 2007/2008 kam es zwangsläufig zu Hungerrevolten u.a. in Mexiko, Marokko, Indien, Mauretanien, Tunesien, Kamerun, Senegal, Jemen, Elfenbeinküste, Haiti, Ägypten, Burkina Faso, Bangladesh, Somalia, Kenia ... Besser geworden ist es seither nicht - 2009 (die letzte mir bekannte Zahl) lag die Zahl der Unterernährten bei 1,02 Milliarden. Nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sterben mehr als zehn Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder, die nicht einmal ihr fünftes Lebensjahr vollendet haben. An Hunger bzw. Unterernährung leiden mehr Menschen als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen.
Das hat zweifellos nicht nur mit Fleischproduktion zu tun - als jüngster verschärfender Faktor ist beispielsweise nun auch noch die Nutzung von Agrarflächen für die Kraftstoffproduktion hinzugekommen. Prima Idee - eine Milliarde Menschen hungert und wir jagen Lebensmittel durch den Autoauspuff und finden das auch noch ökologisch sinn- und wertvoll. Wegen Nachhaltigkeit und Klima, wissenschon. Für mich persönlich ein Grund, E10 aus ethischen Gründen zu boykottieren. Aber gerade in Hinblick auf den Lebensmittelmarkt kann und sollte man sich schon die Frage stellen, welche ethische Dimension die Konkurrenz um Getreide und Soja von Nutz- und Schlachtvieh einerseits und über einer Milliarde hungernder Menschen andererseits für den Verbraucher hierzulande hat. Anders gesagt - wofür man die begrenzten landwirtschaftlichen Anbauflächen der Erde verwenden sollte.
Falls es nicht aufgefallen ist: tierschützerische Belange haben wir da noch nicht einmal angerissen, da geht es nur um Menschenschutz ...
Freundliche Grüße,
Ralf