Hallo oleinka,
Habt ihr auch beobachtet, dass Jugendliche immer früher Sex haben?
einerseits ja. Andererseits muss ich mich bei meiner Antwort auf Beobachtungen und Untersuchungen stützen, die andere Menschen professionell durchgeführt haben. Ich liege ja nicht daneben, wenn „das Volk“ seine ersten sexuellen Erfahrungen macht und selbst hat man allermeistens nur ein erstes Mal. Gleichwohl kann ich dieses Ja durch meine (natürlich unrepräsentativen) Informationen aus erster Hand relativieren, denen zufolge es nach wie vor genügend junge Leute gibt, die etwa zwischen 15 und 19 zum ersten Mal Sex haben. Ich würde sogar behaupten, dass diese Gruppe keine Randerscheinung darstellt, sondern eine – wenn auch schwindende – Mehrheit.
Woran liegt das eurer Meinung nach?
Das Interesse wird meines Erachtens zu nicht unerheblichem Anteil medial und durch die sozialen Rahmenbedingungen geweckt bzw. bestärkt. Spätestens wenn ich mit Bildern und Texten zugeschüttet werde, in denen über Geschlechtsmerkmale wie -praktiken informiert, auf sie angespielt, über sie gewitzelt oder hergezogen wird, fällt mir doch auf, dass ich so etwas auch habe oder machen kann. Wer online ist, hat einfachsten Zugriff auf Abbildungen von Menschen, die regen Gebrauch von ihren Geschlechtsorganen machen. Ich glaube, bei Jugendlichen tritt (noch) nicht der Überdrusseffekt ein, den offenbar zahlreiche Erwachsene verspüren. So etwas wirkt eher stimulierend und neugierig machend.
Dass sich Jugendliche untereinander lebhaft (und teilweise auch mit Erwachsenen) über Sex unterhalten, dürfte ein Phänomen so alt wie die Menschheit sein. Jedoch wurde den jungen Leuten, glaube ich, selten so deutlich signalisiert, dass es völlig in Ordnung oder sogar notwendig ist, dies ohne Umschweife und Schamgefühl zu tun. Für viele Menschen hat Sex seinen Tabucharakter zumindest partiell verloren – dass man in der Straßenbahn über Intimrasur oder Reizwäsche spricht, löst doch keinen Tumult aus. Das meine ich mit sozialen Rahmenbedingungen. Dass allein qualitativ mehr oder minder hochwertiger Aufklärungsunterricht dazu führt, dass das Alter beim ersten Mal Sex statistisch sinkt, würde ich leugnen.
Dass sie „es“ dann tatsächlich tun, liegt meiner Meinung nach unter anderem daran, dass heute mehr denn je die Möglichkeit besteht, ohne Sanktionen oder Schwierigkeiten mit 12, 13 Jahren Sex zu haben. Natürlich konnte man sich auch früher seine Wege suchen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass viele Eltern – teils zu Recht, teils zu Unrecht – ihrem Nachwuchs heute nichts Unanständiges unterstellen, wenn dieser bei einem Kameraden des anderen Geschlechts z. B. übernachten möchte. Der Reiz, es auszuprobieren, ist sicher keine Eigenheit der derzeitigen Frühpubertierenden. Aber: Wenn ich meinem Kind en détail erkläre, was ein Kondom ist und wie man es benutzt, was sich ja empfiehlt, dann darf ich mich nicht wundern, wenn es das gerne in die Praxis umsetzen möchte.
Dabei habe ich nicht das Gefühl, dass Jugendliche grundsätzlich mit einem Gefühl der Grenzüberschreitung handeln oder Sex als „verbotene“ bzw. inakzeptable Tat einstufen. Natürlich ist Sex für sie etwas furchtbar Aufregendes und hat einen Resthauch von Unerlaubtem bewahrt. Auch ein noch so liberal erzogenes Kind wird irgendwann auf Leute treffen, die nicht besonders angetan sind, wenn es offen über Sex spricht. Offensichtlich herrscht im Moment bzw. entsteht in vielen Fällen ein ganz besonders fruchtbares Verhältnis zwischen Stimulation bzw. Bestärkung und Zurückweisung bzw. Tabuisierung, das es sowohl ermöglicht als auch attraktiv hält, früh Sex zu haben.
Gruß
Christopher