Re: Wer hat Erfahrung mit Waldorf-Schule?
Hallo.
Bevor du ein Kind zur Waldorfschule schickst, solltest du dich eingehend mit der pädagogischen Orientierung beschäftigen und dir auch darüber im Klaren sein, ob du die Schullaufbahn deines Kindes aktiv unterstützen willst. Wir haben auch überlegt, ob wir unseren Sohn auf eine Waldorfschule schicken sollen. Dort werden Elternabende angeboten, die man wahrnehmen muss, wenn man sich ernsthaft interessiert und es wird auch erwartet, dass man an allen teilnimmt. Man muss nicht die komplette Lehre von Rudolf Steiner aus dem FF beherrschen, aber man sollte schon wissen, wie sich die Waldorfpädagogik von anderen Schulen unterscheidet. Nur mal ein paar kleine Unterschiede: In Waldorfschulen kann man nicht sitzenbleiben. Es gibt keine Zeugnisse, sondern Beurteilungen. Es gibt Epochenunterricht, d.h. über mehrere Wochen wird ein Fach im Block unterrichtet, danach kommt ein anderes. Es gibt Fremdsprachenunterricht ab der ersten Klasse und zwar in zwei Fremdsprachen ( Englisch/Russisch oder Englisch/Französisch; auf die Auswahl hat man keinen Einfluss ). Es gibt Eurythmieunterricht, das ist eine Art Köpererfahrung, kombiniert mit Text und Sprache ( sorry, ich kann es nicht besser beschreiben ) Waldorfschulen legen sehr viel Wert auf die musische Erziehung; es wird jedem Kind nahe gelegt, ein Instrument zu erlernen, Blockflöte wird klassenweise erteilt. Die Eltern sind fest eingebunden, viel mehr als in staatlichen Schulen und eine aktive Mitarbeit ist, möchte ich sagen, Voraussetzung für einen Schulbesuch. Um in einer Waldorfschule einen Platz zu kriegen, muss man sich auf die Treppe setzen und weinen, anders wirds kaum klappen, weil die Schule sehr voll sind.
Achja, die Klassengröße liegt bei bis zu 40 Kindern! Auch das ist Absicht ( warum weiß ich nicht mehr, wurde uns erklärt, habs aber vergessen ). Die Schüler behalten den ersten Klassenlehrer für 8 Jahre.Da Waldorfschulen Privatschulen sind, kosten sie Schulgeld, dass sich allerdings nach der finanziellen Leistungsfähigkeit der Familie richtet.
Wir haben uns vor 5 Jahren aktiv gegen die Waldorfschule entschieden, weil wir einerseits sehr weit weg wohnen davon, weil wir unser Kind aus einem intakten sozialen Rahmen gerissen hätten. Außerdem konnten wir uns nicht mit der Pädagogik identifizieren, jedenfalls nicht gänzlich. Waldorfschulen haben sehr schöne Erziehungsmethoden, viele Anregungen und vermitteln viele Werte. Aber sie sind auch ein Schonraum in unserer Gesellschaft, in dem diese Kinder täglich sind. Nach der 12 verlassen sie die Schule,um dann in einem "normalen " Schulsystem mit "normalen " Anforderungen Abitur zu machen und dann hat man eine Durchfallquote von 60% bei Waldorfschülern, die es nicht gewöhnt sind, mit Leistungsdruck umzugehen.. Wir haben einen solchen Fall in der Familie. Wahrscheinlich reißen mir jetzt alle Waldorfverfechter den Kopf ab *duck*, aber wir haben uns, nachdem wir alle Elternabende absolviert haben, gegen die Waldorfschule entschieden.
Du kannst also deine Entscheidung eigentlich nicht von praktischen Überlegungen abhängig machen, weil du Waldorfschulen nicht wirklich mit einer staatlichen Schule vergleichen kannst. Das ist eine Alternative, aber kein Entweder-Oder.
Möglichkeiten, dich zu informieren, bieten eben diese Elternabende oder auch Universitätsbibliotheken, wo man in den Werken von Rudolf Steiner nachlesen kann.
Achja, Legosteine und knallbuntes Spielzeug und den Fernseher haben die Waldorflehrer auch nicht so gerne.
Im übrigen beziehen sich meine Erfahrungen auf die Waldorfschule in unserer Nähe, d.h. es kann an anderen Waldorfschulen durchaus andere Verhältnisse geben. Die sind nicht alle gleich.
Liebe Grüße
R.