Re: Babelfisch wird Realität - oder doch nicht?
Servus Data :-),
kein Profi in dieser Materie, aber in ständigem Kontakt mit einer Professionellen, die hie und da inhaltliche, stilistische und technische Kontextfragen mit mir diskutiert:
Die hier beschriebenen Ansätze sind rund zehn Jahre alt, und in diesem Zeitraum haben sie allenfalls dazu geführt, daß die Zielgenauigkeit ein bissel besser geworden ist. Die vielen Mitte der 1990er Jahre in dieser Richtung begonnenen Projekte sind praktisch alle sang- und klanglos wieder verschwunden. Wahrscheinlich nicht aus technischer Unmöglichkeit, sondern wegen eines ungünstigen Verhältnisses Aufwand/Nutzen.
Ob sich Automatisierung in diesem Zusammenhang weiter umsetzen lassen wird, halte ich für nicht ganz unwahrscheinlich, aber immerhin zweifelhaft, weil die Anzahl der möglichen und sinnvollen "Querverbindungen" so groß ist, daß man sie 1:1 maschinell wahrscheinlich bloß abbilden kann, wenn man annähernd ein ganzes Großhirn simuliert.
Gleichzeitig ist in der "Handarbeit" noch ein erhebliches Rationalisierungspotential vorhanden - in den europäischen Ländern ist der Anteil der Übersetzer, die EDV-gestützt arbeiten (Stichwort translation memory, TM) mal grade rund 60 Prozent aus. Was der konkurrierenden Handarbeit noch etliche relativen Vorteile verschaffen wird, die noch nicht ausgereizt sind.
Die Aufgaben der Übersetzer - auch außerhalb der relativ seltenen Literaturübersetzungen - haben sich geändert, aber ich glaube, daß das verbleibende notwendige Quäntchen Intelligenz auf Dauer zwar weiter verringerbar, aber allenfalls mit einem dramatischen Aufwand automatisierbar ist.
Das berühmte Beispiel von der Maschine, die laut deutscher Montageanweisung "ins Wasser" gestellt werden sollte, worauf der japanische Kunde ein Wasserbecken extra für die teure deutsche Maschine betonierte, wäre zwar grundsätzlich maschinell zu bewältigen. Man kann aber an diesem Beispiel sehen, welche Kapazitäten hinsichtlich möglicher Bedeutungen nicht bloß von Worten, sondern von Wortverbindungen notwendig sind. Allein die technische Wortumgebung würde hier nicht ausreichen, weil es halt auch Konstruktionen gibt, die nicht präzise waagerecht, sondern im flüssigen Wasser aufgebaut werden. Man kann das, was hier den (ordentlichen) Übersetzer in einem Moment zur richtigen Bedeutung bringt, wahrscheinlich schon automatisieren. Ist aber eine Frage des dafür notwendigen Aufwandes, ob das eine pur akademische Spielerei oder eine tatsächlich zu erwartende Entwicklung ist.
Unabhängig von der Maschine im Wasser gibts in fast allen, auch technischen, Texten eine Fülle von Konnotaten ("der böse Brief..."), die beim Lesen atmosphärisch sofort da sind und entsprechend wiedergegeben werden können. Wenn man die anfangen will, zu operationalisieren, sieht man erst, wie vieles gleichzeitig da "gedacht" wird - also auch dieses keine grundsätzliche Unmöglichkeit, aber eine Frage von gewaltigen Volumina an Teilschritten, die in "Synapsenlogik" viel leichter zu bewältigen sind als digital.
Fazit: Gehen mag das schon, aber es ist sowas wie ein vollautomatisches Flugzeug...
Schöne Grüße
MM