Relikte des Altenglischen?

Von: , Frage gestellt am Mi, 27. Mai 2009

Hallo,

ich sehe mich selbst als Fortgeschrittener, wenn es ums Englische geht, und doch kommen mir immer wieder kleinere Dinge unter, so auch hier:

Ich beherrsche die Grundlagen der "älteren" Version des Englischen, also Bibelsprache, so ist mir also auch bekannt, daß es zu dieser Zeit im Englischen noch nicht nötig/üblich war - ähnlich wie auch im heutigen Deutschen - bei Interrogativkonstruktionen Hilfsverben zu verwenden. Z.B. lautete der modern-englische Satz "Where are you going?"/"Where do you go?" zu King James' Zeiten "Whither goest thou?"; die Konstruktion kommt also ohne das Hilfsverb "to do" aus und wird durch simple Inversion von Subjekt und Prädikat (wie im Deutschen) zur Frage. Dasselbe mit einer Konstruktion, die "to have" verwendet. Altenglisch "Hast thou it?/Have you it?" wird zu "Do you have it?" und genau da setzt meine Frage an: mir kommen immer mal wieder Ausdrücke unter, die anscheinend "Überlebende" dieser altenglischen Ausdrucksform sind. So hörte ich neulich "Have you no brains?" (eigentliches modernes Englisch: "Don't you have (any) brains" bzw. "Do you have no brains?") oder auch Dinge wie "Fear not!" (modernes Englisch: "Do not fear!"; hier wird die Negation ohne Hilfsverb gebildet).
Kann mir das jemand näher erklären, ob diese Formen irgendeine Grundlage haben oder als reine Stilformen einzuordnen sind?

17 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
    Re: Relikte des Altenglischen?

    Moin,
    bin mir da zwar nicht ganz sicher, aber m.E. ist 'Have you no brains' u.ä. neu gebildet. Durch schlichte Umstellung des Aussagesatzes oder nach dem Vorbild der Sätze mit 'to be'. Bei 'Fear not' könnte es sich dagegen tatsächlich um eine alte 'Redewendung' handeln, bei der die Bildung ohne Hilfsverb erhalten blieb.

    LG

    • Antwort von nach 3 Tagen 0 hilfreich
      Re^2: Relikte des Altenglischen?

      Die Frage ist einfach durch Inversion gebildet, das wird ja im Englischen auch in einigen Fällen sowieso noch gemacht (How are you?). Ich schätze, es ist eine Analogiebildung zu diesen festgelegten Inversionsfragen. Im Standardenglischen kann man das so sicher nicht sagen. Es sind halt umgangssprachliche Formen
      Außerdem möchte ich noch darauf hinweisen, dass es sich bei den genannten Beispielen nicht um Altenglisch handelt, sondern um Frühneuenglisch. Die altenglische Periode endet der allgemeinen Expertenmeinung nach 1066 mit der Eroberung Englands durch die Franzosen.

  2. Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
    Re: Relikte des Altenglischen?

    Hallo Lominus Vinda! So hörte ich neulich "Have you no brains?"
    (eigentliches modernes Englisch: "Don't you have (any) brains"
    bzw. "Do you have no brains?") oder auch Dinge wie "Fear not!"
    (modernes Englisch: "Do not fear!"; hier wird die Negation
    ohne Hilfsverb gebildet).
    Berühmt auch diese beiden Zeilen aus dem Beatles-Song Nowhere Man:

    Doesn't have a point of view,
    Knows not where he's going to,
    Kann mir das jemand näher erklären, ob diese Formen irgendeine
    Grundlage haben oder als reine Stilformen einzuordnen sind?
    Es schließt sich ja beides nicht aus, oder?

    Faiß schreibt in Englische Sprachgeschichte (Tübingen, 1989, S. 337) zu diesem Thema:

    "4.7.2. Als arch. oder ironisierend gelten Fügungen wie I know not, I care not, If I mistake not (s. Quirk et al. 1985:§ 3.22c), vgl. “I met Betty Ewing … I kid you not” (Punch, 20.8.1986, p. 18). In Fällen wie “Jean may be late, but I hope not; Many people believe that the international situation will deteriorate. My father thinks so, but I beleive not” (s. Quirk et al. 1985:§§ 3.22d, 12.28) steht die Negationspartikel not als Proform für einen negierten that-Satz.

    S. noch § 12.28 note b.

    not ist betont, während es sonst nicht-betont ist, was etwa an Kontraktionen wie didn´t, don`t, shan`t, won`t (4.4.54.3., 4.4.55.1.f.) zum Ausdruck kommt.

    Belege seit dem Anfang des 17. Jhs. für I care not usw. s. Visser 1969:§ 1445."
    http://www.buecher.de/shop/Buecher/Englische-Sprachg...

    Gruß Gernot

  3. Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
    Re: Relikte des Altenglischen?

    OK, ich bin native speaker of English.
    Wichtig ist zu wissen, daß whither nur wohin bedeutet, wohingegen where sowohl wo als auch wohin.
    whither goest thou? wo gehst du hin?
    where art thou? wo bist du?
    hast thou it/have you it? waren m.W. auch damals zumindest nicht gängig, sondern eher dost thou have it/do you (ye) have it?
    Have you no brains? völlig normales Englisch (emphatisch/vorwurfsvoll).
    Don't you have any brains? dito aber eher umgangssprachlich.
    Do you have no brains? zumindest nicht gängig.
    Fear not! ist bewusst die Anwendung des Altenglischen humorvoll/dichterisch.
    Do not fear, nicht gängig. Besser, don't be afraid.

    • Antwort von nach 8 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Relikte des Altenglischen?

      OK, ich bin native speaker of English.
      Umso besser^^ Wichtig ist zu wissen, daß whither nur wohin bedeutet,
      wohingegen where sowohl wo als auch wohin.
      Das ist mir bekannt. hast thou it/have you it? waren m.W. auch damals zumindest
      nicht gängig, sondern eher dost thou have it/do you (ye) have
      it?
      Gibt es einen besonderen Grund dafür? Have you no brains? völlig normales Englisch
      (emphatisch/vorwurfsvoll).
      Also unabänderliche Redewendung? (In meinem Beispiel (Star Wars hihi^^) wurde dieser Satz auch in vorwurfsvollem Kontext verwendet) Fear not! ist bewusst die Anwendung des Altenglischen
      humorvoll/dichterisch.
      Also auch Redewendung bzw. Betonung. Do not fear, nicht gängig. Besser, don't be afraid.
      Weiß ich, nur wollte ich den Satz nur in moderne englische Grammatik portieren, ohne Wörter des Ausdruckes wegen zu verändern.

      Aber danke für die ausführliche Erklärung!

      • Antwort von nach 11 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Relikte des Altenglischen?

        Hallo nochmal, Lominus Vinda! OK, ich bin native speaker of English.
        Eine gewisse Distanz zum Untersuchungsgegenstand schadet auch nicht. Have you no brains? völlig normales Englisch
        (emphatisch/vorwurfsvoll).
        Also unabänderliche Redewendung?
        Die Do-Umschreibung in der Negation und in der Frage beim Vollverb have “besitzen” im weitesten Sinn (hier kommt das ja sogar alles zusammen) ist im Englischen extrem jung.

        Auch mein Magistervater Faiß ist kein Muttersprachler des Englischen, ebenso wenig wie Adolf Lamprecht, den er zitiert:

        "Nach Lamprecht 1986:§ 501f. wird [hier, Anm. von mir] die Fügung ohne do in der Literatursprache und von älteren Sprechern bevorzugt, die Fügung mit do von jüngeren. Die do-Umschreibung datiert aus dem 19., im Falle von I didn´t have the money und I don´t have time aus dem 20. Jh."
        (Faiß 1989, S 347 nach Lamprecht, Grammatik der englischen Sprache, Berlin, 1986)

        In der Literatursprache und bei älteren Sprechern wären demgegenüber zumindest noch in den 1980er Jahren also die Aussagen I had no money und I have no time die gebräuchlicheren gewesen, wenn ich das richtig lese.

        Gruß Gernot

        • Antwort von nach 12 Stunden 0 hilfreich
          Re^4: Relikte des Altenglischen?

          In der Literatursprache und bei älteren Sprechern wären
          demgegenüber zumindest noch in den 1980er Jahren also die
          Aussagen I had no money und I have no time die
          gebräuchlicheren gewesen, wenn ich das richtig lese.
          Diese Formen sind auch heute (zumindest im Amerikanischen Englisch) in der Umgangssprache absolut gebraeuchlich. Allerdings handelt es sich hierbei auch nicht um die Formung der Negation unter Zuhilfenahme eines Hilfsverbs, sondern wird vielmehr das Objekt negiert. Die Standardnegation negiert das Praedikat, bei diesen Ausdruecken bleibt der eigentliche Satz positiv, bezieht sich dann allerdings auf ein negatives Objekt. Diese Form gibt es im Deutschen auch, nur ist sie hier von der eigentlichen Negation nicht zu unterscheiden.

          • Antwort von nach 13 Stunden 0 hilfreich
            Re^5: Relikte des Altenglischen?

            Diese Formen sind auch heute (zumindest im Amerikanischen
            Englisch) in der Umgangssprache absolut gebraeuchlich.
            Allerdings handelt es sich hierbei auch nicht um die Formung
            der Negation unter Zuhilfenahme eines Hilfsverbs, sondern wird
            vielmehr das Objekt negiert. Die Standardnegation negiert das
            Praedikat, bei diesen Ausdruecken bleibt der eigentliche Satz
            positiv, bezieht sich dann allerdings auf ein negatives
            Objekt. Diese Form gibt es im Deutschen auch, nur ist sie hier
            von der eigentlichen Negation nicht zu unterscheiden.
            Was verstehst du denn unter „eigentlicher Negation”?

            Gerade im Deutschen können wir doch -anders als im Englischen letzter Prägung- sehr genau zwischen der Satznegation (Prädikatsnegation) und der Negation eines Satzteils unterscheiden!

            • Ich habe keine Zeit (Satzteilnegation). vs:
            • Ich habe die Zeit nicht.(Satznegation)
            • Ich habe kein Geld. (Satzteilnegation) vs:
            • Ich habe das Geld nicht. (Satznegation)


            Gruß Gernot

            • Antwort von nach 17 Stunden 0 hilfreich
              Re^6: Relikte des Altenglischen?

              Was verstehst du denn unter „eigentlicher Negation”?
              Verneinung des Praedikats vs. Verneinung des Objekts Gerade im Deutschen können wir doch -anders als im Englischen
              letzter Prägung- sehr genau zwischen der Satznegation
              (Prädikatsnegation) und der Negation eines Satzteils
              unterscheiden!
              Nicht, wie ich das meine. Der englische Satz "I do not go there" und "I go (but) not there" (mir ist klar, dass das so niemand sagen wuerde, nur als Beispiel...) kann im Deutschen nur als "Ich gehe nicht dahin" uebersetzt werden. Veraenderung der Satzstellung veraendert im Deutschen fuer gewoehnlich die Bedeutung nicht, im Englischen jedoch schon. In diesem Beispiel koennte man im Deutschen den Bedeutungsunterschied nur durch eine andere Tonlage verdeutlichen.



Keine passende Antwort gefunden? Jetzt eigene Frage stellen!