Re: Intelligenz - Erbe, viele IQs, Reliabilität
Hallo Helge,
danke erstmal für die ausführliche Schilderung.
gern geschehen.
Du gehst anscheinend davon aus, daß die von Dir genannten Faktoren nicht mit dem Intelligenzkonstrukt in Zusammemhang stehen sollten, weil Du unter Intelligenz etwas relativ Konstantes ansiehst, womöglich eine vererbte Fähigkeit, die sich über die Zeit kaum ändert. Ich möchte deshalb auf einen mir wichtig erscheinenden Aspekt hinweisen, der vermutlich Deinem Statement gerecht wird: Die Erblichkeit von Intelligenz ist sehr wahrscheinlich recht hoch. Das heißt jedoch nicht, daß Intelligenz vollständig genetisch determiniert oder nicht veränderbar ist. Intelligenz wird oft als mehr angesehen als ihr genetischer Anteil. Das heißt, daß es nicht falsch ist (der Intelligenz-Test nicht invalide ist), wenn man Intelligenz auch mit Aufgaben mißt, bei denen solche Faktoren eine Rolle spielen, die Du genannt hast. Man kann sogar weiter gehen: Die Ausprägung der genannten Faktoren kann durch den genetischen Anteil der Intelligenz modifiziert werden.
Beispiel: Ein Kind mit einer hohen genetisch determinierten Fähigkeit im räumlich-geometrischen Denken kann aufgrund dieser Fähigkeit ein großes Interesse an räumlich-geometrischen Aufgaben entwickeln und seine Leistungen in diesen Aufgaben steigern. Man würde also geradezu einen Zusammenhang zwischen vererbter Fähigkeit, Präferenz und Intelligenz (Leistung) gemessen durch solche Aufgaben erwarten und diese Aufgaben daher nicht aus dem Test ausschließen wollen.
Ich bin auf diesen Punkt gekommen, weil mir mal ein Test über
den Weg lief, bei dem ich sehr schlecht abgeschnitten habe,
obwohl dies (auch für andere offensichtlich) nicht sein kann.
Ich denke, daß Du und die anderen eine zwar ähnliche Vorstellung von Intelligenz habt, diese aber anscheinend nicht mit der Definition von Intelligenz gemessen durch den Test übereinstimmte (sofern es bei der Testung keinen Fehler gab). Daß so etwas geschieht, ist nicht ungewöhnlich. Intelligenz ist nicht einheitlich definiert. Jeder Intelligenztest bringt seine eigene Definition mit sich. Simpel ausgedrückt: Es gibt so viele Intelligenzen, wie es Intelligenztests gibt. Ein Mensch hat also nicht nur einen IQ, sondern so viele, wie er Intelligenztests macht, bei denen ein IQ ermittelt wird. "Den" IQ gibt es also nicht. Jemand kann 20 unterschiedliche IQs haben, die alle "richtig" sind. Deshalb sollte man, wenn man einen IQ angibt, immer auch das Testverfahren nennen, mit dem dieser IQ gemessen wurde.
Daß trotzdem relativ ähnliche Intelligenztests existieren und nicht völlig unterschiedliche, liegt daran, daß die Testkonstrukteure eine gewisse ähnliche Vorstellung davon haben, was sie unter Intelligenz verstehen.
Ich bin der Meinung, dass IQ Tests das gegenwärtige "Können"
einer Schicht wiederspiegeln, und innerhalb -sagen wir 1
sigma- keine sicheren Schlüsse auf die Intelligenz einzelner
Individuen gezogen werden können.
Hier sprichst Du 2 Punkte an:
Zum einen sollten die IQ-Werte eines Tests an einer repräsentativen Stichprobe geeicht sein, so daß man die Referenzpopulation angeben kann, auf die sich der IQ-Wert einer Person bezieht. Das ist eine weitere notwendige Angabe, wenn man einen IQ-Wert interpretieren will. Der Wert bedeutet nur etwas im Verhältnis zu einer Gruppe von Personen.
Zum anderen gehst Du auf die Frage der Genauigkeit (Reliabilität) der Intelligenzmessung ein. Aus der Höhe der Reliabilität kann man ableiten, ob bestimmte IQ-Unterschiede (Unterschiede in den Meßwerten) wirklich auf Merkmalsunterschiede (Unterschiede in der Intelligenz) zurückzuführen sind. Es gibt mathematische Formeln, mit denen man diese Frage beantworten kann. Das von Dir genannte Kriterium von einer Standardabweichung halte ich auch für eine gute Faustregel. Wenn die Reliabilität nämlich mindestens 0,9 beträgt, dann irrt man sich in weniger als 5% der Fälle, wenn man Deine Regel verwendet.
Gruß,
Oliver Walter
PS: Vielleicht waren Dir die meisten Aspekte schon bekannt. Ich habe sie jedoch breiter ausgeführt, damit der eine oder andere, dem sie noch nicht bekannt waren, mehr Chancen hat, die doch einigermaßen sophistizierten Gedankengänge nachzuvollziehen.