Schluesselroman (Mephisto und Co)

Von: , Frage gestellt am So, 26. Nov 2000

Hallo liebe Wissenden!
Im Zusammenhang mit Klaus Manns Roman 'Mephisto' taucht immer wieder der Begriff des Schluesselromans auf. Ich weiss, was in diesem Zusammenhang mit Schluesselroman gemeint ist, schließlich entzuendete sich u.a. an diesem Begriff die beruehmte Diskussion um diesen Roman, so daß er in den 60-iger Jahren in Westdeutschland zunächst verboten wurde. Dass der Held des ROMANs unweigerlich mit der Person Gustaf Gründgens verknüpft ist, ob nun berechtigt oder unberechtigt, bestreitet heute niemand mehr. Meine Frage ist aber die: 1.Wie genau, wird eigentlich ein Schluesselroman definiert. Mir ist dieser Begriff auch in keinem anderen Zusammenhang ausser bei Mephisto jemals wieder begegnet.
Und daran anschliessend meine 2. Frage: Kennst Ihr ueberhaupt einen (anderen) Roman auf den diese Bezeichnung des Schlüsselromans passt, und eventuell micht vom Autor bestritten wird? Danke schon mal fuer Eure Hilfe.

3 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 19 Stunden hilfreich
    Re: Schluesselroman (Mephisto und Co)

    Hallo,

    Der Schlüsselroman ist ein Roman, in dem Person, Ort oder Vorkommnis so weit verschlüsselt, d.h. verschleiert, dargestellt werden dass der Leser imstande ist, die Anspielung zu entschlüsseln. Die Verschlüsselung erfolgt meist aus äußerlichen Gründen, z. B. wegen Zensur oder Verletzung des Persönlichkeitsrechts durch Eindringen in Privatsphäre.

    Diese Definition entnahm ich dem Buch: Horst Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Frankfurt: Fischer 1994

    Dort stehen folgende Beispielbücher:
    Opitz: Johann Barclayens Argenis (1626)
    H. Mann: Die Jagd nach Liebe (1903)
    O. J. Bierbaum: Prinz Kuckuck (1906)
    F. Werfel: Barbara oder die Frömmigkeit (1929)
    Jünger: Auf den Marmorklippen (1939)

    Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung die Marmorklippen von Ernst Jünger empfehlen. Der Roman kann als Allegorie auf den Terror der Naziherrschaft verstanden werden. Jüngers Roman wurde sogar während des Nationalsozialimus veröffentlicht, da der Autor ein prominenter Vertreter der sogenannten "konservativen Revolution" war. Jünger hat den Begriff Schlüsselroman, welcher auf die Marmorklippen angewendet wurde, nie abgelehnt. Der Roman ist in seiner Verfremdung sehr komplex, deswegen auch nicht leicht verdaulich, aber idealtypisch für den Begriff Schlüsselroman. Als vor- oder nachbereitende Lektüreempfehlung: Jünger: Der Oberförster, aus: Das abenteuerliche Herz. Zweite Fassung.
    Die Kurzerzählung dreht sich im Prinzip um denselben Themenkomplex.

    Ansonsten erfüllen eine Menge Romane bestimmte Aspekte des Schlüsselromans, d.h., dass beispielsweise bestimmte Romanfiguren auf reale Personen zurückzuführen sind, etc. Bei Grass und Thomas Mann findet man dies haufenweise. Allerdings spricht man hier nicht mehr von Schlüsselromanen, da es sich nur um Randerscheinungen des Romans handelt.

    Gruß

    Mario 1.Wie genau,
    wird eigentlich ein Schluesselroman definiert. Mir ist dieser
    Begriff auch in keinem anderen Zusammenhang ausser bei
    Mephisto jemals wieder begegnet.
    Und daran anschliessend meine 2. Frage: Kennst Ihr ueberhaupt
    einen (anderen) Roman auf den diese Bezeichnung des
    Schlüsselromans passt, und eventuell micht vom Autor
    bestritten wird? Danke schon mal fuer Eure Hilfe.

  2. Antwort von nach 23 Tagen hilfreich
    Re: Schluesselroman (Mephisto und Co)

    Optimaler, fast schon "penetrant
    schlüsselromaniger" als Jüngers
    "Marmorklippen" ist SdBeauvoirs
    "Mandarins von Paris". An diesem
    (Goncourt-gepriesenem) Text lassen
    sich beispielhaft die Vorzüge und
    Nachteile des Genres studieren.
    Denn: Wer sich nicht für den fran-
    zösischen Existentialismus als Le-
    bensform begeistert, Camus Sartre
    vorzieht und keine Nerven hat für
    ein namedroppin´-Feuerwerk, der
    kommt weder textästhetische noch
    auf handlungsbegründete Kosten.
    Wer jedoch wissen will, was das
    Cafe de Flore atmosphärisch von
    deren Imitationen (Szene-Kneipen)
    unterscheidet, wer das peiliche
    "Auch-nur-mit-Wasser-kochen" ei-
    ner Avantgarde jenseits ihrer The-
    oreme kennenlernen will, wird um-
    fänglich bedient.

    Die Grenze zwischen Tratsch, wie
    ihn Beauvoir oder aktueller: Kara-
    seck ("Das Magazin") und Poetik,
    wie sie etwa in ThManns "Bbrooks"
    oder Grass "Treffen in Telgte" zur
    Dominanz kommt, ist im Genre ange-
    legt.

    Der Schlüsselroman ist heute eher
    ein journalistisches Genre, da die
    Stoffe solcher Texte natürliche Ne-
    benprodukte der Recherche (oder eben
    Insider-outings)sind.
    Der bestverkaufte Schlüsselroman der
    letzten Jahre heißt übrigens in der
    deutschen Übersetzung "Mit aller Macht"
    und hatte einige Auflagen lang den Au-
    torennamen "Anounymus". Das Rätselraten,
    wer denn so gut über Clintons inner cir-
    cle schreiben konnte - aus ihm heraus oder
    doch nur halbspekulativ -, klärte sich
    meines Wissens erst zwei Jahre nach er-
    scheinen des Buches. Da hatte Hollywood
    schon lange Angefangen, mit JTravolta als
    Clinton, sich den Text anzueignen.
    (Daß sie sich mit Szabos Adaption des Mann´-
    schen "Mephisto" nicht messen kann...)

    Ich hoffe weitere Anstöße gegeben zu haben.

    x-nada

  3. Antwort von nach 73 Tagen hilfreich
    Re: Schluesselroman (Mephisto und Co)

    Es muss ja nicht immer große Literatur sein. Sehr beliebt ist
    auch der politische Schlüsselroman. Es gibt einen über US-Präsident
    Bill Clinton, der, glaube ich, Mit aller Macht, heißt. Und
    Hans Zach beschreibt in "Monrepos oder Die Kälte der Macht"
    die baden-württembergische Landesregierung unter Lothar Späth.
    uba [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

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