Warum gibt man sauerstoff?

hallo zusammen!

vielleicht eine etwas seltsame frage, aber ich bin ein bisschen
verwirrt.
im physiologieunterricht haben wir gelernt, dass das blut in der
lunge eigentlich immer zu 100% sauerstoff-gesättigt wird, -
sowohl bei normaler atmung als auch bei körperlicher
anstrengung. weil der sauerstoff soviel schneller an den erys
dran ist als das blut benötigt, um durch die lungenkapillaren zu
fliessen.

was wird also verbessert, wenn man einem patienten sauerstoff
verabreicht? was ja zunimmt, ist der sauerstoffgehalt in der
atemluft. aber da ja schon ‚normale luft‘ das blut sonst immer
ganz sättigt, verstehe ich nicht ganz, was genau mit reinem
sauerstoff anders ist.

ich hoffe, ich habe mich einigermassen klar ausgedrückt :smile:

danke schon mal für allfällige antworten

julia.

Insbesondere bei Diffusionsproblemen (z.B. bei Lungenödem) wird dann doch nicht jeder Ery voll mit Sauerstoff gesättigt. Da erreicht man mit Erhöhung des Sauerstoffpartialdrucks in der Einatemluft dochnoch eine Steigerung. Schau Dir doch nochmal die Sauerstoffbindungskurve im Physiobuch an- und am besten eine veränderte Kurve im Patho-physiobuch zum Vergleich.
Gruß.

Hallo Julia,

Dr. Kersting hat eigentlich schon alles zur Beantwortung deiner Frage gesagt. Wollte nur noch anmerken, dass die physiologische Sauerstoffsättigung nicht 100%, sondern etwa 97-98% ist. 100% zeigt die Pulsoxymetrie zwar oft an, doch bei arteriellen und auch kapillären Blutgasanalysen zeigt sich meist eine etwas niedrigere tatsächliche Sättigung. Außerdem gibt man nur in seltenen schweren Fällen wirklich reinen Sauerstoff als Einatemgas (nur an Beatmungsgeräten bzw. CPAP-Systemen etc. möglich), da er auf Dauer toxisch für die Alveolarzellen ist. Bei der Sauerstoffinsufflation mit Sauerstoffbrille, Nasensonde etc. erreicht man (bei etwa 4 Liter Sauerstofffluss pro Minute) je nach Sondenart reale inspiratorische Sauerstoffkonzentrationen von 25% (!!!) bis zu etwa 40%. Es ist erschreckend, wie uneffektiv manche Systeme sind, und noch unbegreiflicher, wie häufig sie tatsächlich noch zur Anwendung kommen.

Gruß
Huttatta

Hallo Julia,

daß das Hb beim Durchfluß stets voll gesättigt wird, gilt nur dann, wenn der O2-Partialdruck in der Lungenkapillare mindestens 70-80 mm Hg beträgt (siehe Bindungskurve). Ist die Alveolarwand als solche nicht verdickt, so ist jener Parialdruck in der Kapillare fast genauso groß wie in der Alveole, d.h. auf dem Weg von der Alveole zur Kapillare trifft der Sauerstoff auf fast keinen Widerstand. Damit hängt also (bei nicht verdickter Alveolenwand) die Sättigung davon ab, wie „frisch“ das Alveolargas ist, also wie gut der Patient atmet. Bei zu geringer Spontanatmung oder bei anatomischen Hindernissen im Atemweg (hierzu zählen auch die verengten Bronchien bei Asthma) ist die Auffrischung gestört, und der O2-Partialdruck sinkt in den Alveolen und damit auch in den Kapillaren. Bis 70-80 mm Hg macht das wie gesagt nichts, erst darunter sinkt die O2-Sättigung, sprich der O2-Gehalt des Blutes. Gibt man dann Sauerstoff, so wird zwar die Alveolarluft nicht „frischer“, aber ihr O2-Gehalt bzw. Partialdruck ist größer, so daß man dann wieder vielleicht auf über 80 mm Hg kommt.

[Hundertprozentig frisch ist die Alveolarluft übrigens auch beim Normalatmenden nicht: Während der Partialdruck in der Luft bei rund 150 mm Hg liegt, liegt er in unseren Alveolen bei rund 100 mm Hg, aber das ist ja immer noch 20-30 mm Hg über dem „Limit“…]

Die zweite Möglichkeit ist eben, daß die Alveolarwand verdickt ist, wie zum Beispiel durch die Schwellung aufgrund einer Entzündung der Alveolen, sprich: Pneumonie, oder auch durch die Schwellung durch austretende Kapillarrflüssigkeit bei erhöhtem Lungenvenendruck, wie zum Beipiel beim Lungenödem bei Herzinsuffizienz. Hier ist der Diffusionswiderstand erhöht, und selbst wenn der Patient durch maximale Atmung seinen alveolären Druck auf die maximal möglichen 150 mm Hg der Umgebungsluft steigert, so kann der kapilläre dennoch nicht ausreichen, um das Hb zu sättigen. Den Druck von 150 mm Hg der Einatmungsluft kann man aber steigern, indem man eben O2 zugibt: Mit 4l per Nasensonde erreicht man einen Druck von ca. 350 mm Hg, was in den allermeisten Fällen ausreicht, um den kapillären Druck auf über 80 mm Hg zu heben (weshalb Kritik an Nasensonden nicht greift). In schweren Fällen hat man dann noch spezielle Masken, über die man (theoretisch) fast 100% reinen Sauerstoff, das sind dann also (theoretische) 1000 mm Hg, an den Patienten liefern kann.

Das ganze hat übrigens nichts zu tun mit einer (links- oder rechts-) Verschiebung der Bindungskurve. Zwar entsteht bei Atemproblemen ein CO2-Rückstau, damit eine Azidose und damit wiederum eine Rechtsverschiebung, was dazu führt, daß das Hb erst bei 90-100 mm Hg voll gesättigt ist (=Nachteil). andererseits diffundiert der Sauerstoff im Gewebe (wo er ja hin soll) wieder leichter vom Hb ab (=Vorteil). Diese Verschiebung kann man durch Gabe von Sauerstoff nicht verändern, hier hilft nur, den CO2-Gehalt im Alveolargas zu senken, zum Beispiel durchgesteigerte Atmung oder durch medikamentöse Aufweitung der Bronchien bei Asthma.

alle Klarheiten beseitigt? :wink:

Oliver

danke!
hallo miteinander!

vielen dank für die zum teil ja sehr ausführlichen antworten!
jetzt sind alle unklarheiten beseitigt und die ganze sache macht
wieder sinn :smile:

gruss, julia.