Schüttelkrankheit im 10. Jahrhundert in Rom

Hallo,
ich lese gerade ein Buch („Die Heilige“ von Alan Savage), in dem eine „Schüttelkrankheit“ beschrieben wird, die um das Jahr 950 jeden Sommer in Rom ausbrach:
„Es ist ein Schüttelfrost, der die Gliedmaßen angreift und erzittern lässt. Dann wird der Verstand angegriffen, und die Opfer bekommen Wahnvorstellungen und Anfälle. Die Krankheit nimmt einen sehr schnellen Verlauf. Der Tod tritt meist binnen weniger Tage ein.(…) Bis zum ersten Anfall sind die Erkrankten kerngesund - und dann ist es für gewöhnlich schon zu spät.“
Wie gesagt, diese Krankheit trat immer nur im Sommer auf.
Weiß jemand, um welche Krankheit es sich handelt?

Gruß
Nelly

Hallo Nelly

Es dürfte sich um Malaria gehandelt haben.

Gruss
Mäni

Hallo Nelly,

es handelte sich um eine Lebensmittelvergiftung, die man damals aber nicht erkannte und stattdessen für eine im Sommer auftretende Seuche hielt. Namen sind:

Antoniusfeuer = St. Martialisfeuer = Ignis Sacer = Gottes Rache = Ergotismus = Vergiftung durch Alkaloide (Mutterkorn)

Der Auslöser dieser seuchenartig verlaufenden Krankheit ist ein sehr giftiger Pilz (Mutterkorn), der sich in der Roggenähre
einnistet. Sein Giftgehalt ist kurz vor der Ernte am höchsten (Sommer!!!) und nimmt nach drei Monaten bereits stark ab.

Mutterkornvergiftungen gab es oft nach Mißernten. Im Mittelalter haben Bauern das befallene Korn nämlich nicht immer weggeworfen sondern zu Brot verarbeitet. Es kam zu epidemischen
Vergiftungen.

Die Vergiftung kann in zwei Formen, als brandige und als krampfartige, auftreten. In Deutschland war vor allem die
krampfartige, die das Nervensystem befällt, verbreitet. Die brandige führte meist zum Verlust von Extremitäten, die nach der
Erkrankung entweder von selbst abfielen oder amputiert wurden. Diese Form der Krankheit wurde häufig überlebt.

Die zweite, krampfartige Form kann schon am Tag des
Getreidegenusses auftreten. Sie äußert sich meistens mit heftigen Rückenschmerzen, Kribbeln in den Gliedern, begleitet von Herzstörungen, Erstickungsanfällen und starker Müdigkeit. Weiter kann es zu Krampfanfällen kommen, wobei die Muskeln in
abnormen Stellungen stehenbleiben. Im Verlauf von „Epidemien“ litten ganze Dörfer an Krämpfen, Halluzinationen und an
Gewebsnekrose, die zu einer tödlich verlaufenden Fäulnis der Glieder führte. Bei dieser Form der Mutterkornvergiftung ist die
Sterberate sehr hoch. Der Tod tritt oft während eines Krampfanfalls ein. Der scheinbare „Schüttelfrost“ war ein Krampfanfall. Die Menschen im Mittelalter erkannten die
Krankheitsursache nicht. Erst 1630 entdeckte ein Arzt aus Antwerpen den Zusammenhang zwischen dem Mutterkorn des Roggen und der brandigen Form des Ergotismus.

Mykotoxine (Pilzgifte) haben die Menschheit seit Beginn des organisierten Nahrungsmittelanbaus bedroht. Der Ergotismus wird bereits in der Bibel beschrieben. An Mutterkornvergiftung starben im Mittelalter Hunderttausende von Menschen.

Die Droge LSD, die in den 60er Jahren ebenfalls aus dem Pilz Mutterkorn halbsynthetisch hergestellt wurde führte bei Überdosis ebenfalls zu Halluzinationen, Angst, Unruhe und Wahnvorstellungen und z. T. Gewalttätigkeit.

Gruß, Renate

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Danke für diesen informativen Artikel!(o.w.T.)
o.w.T. heißt: ohne weiteren Text! :wink: