Hallo,
ich denke daß es nicht mangelnde Kundenfreundlichkeit ist daß Medikamente nicht mit Schlagworten zu ihrer Indikation versehen werden.
Oft gibt es mehrere Wirkstoffe, die man gegen ein bestimmtes Gesundheitsproblem einsetzen kann - gegen Kopfschmerzen z. B. kann man Acetylsalicylsäure (Aspirin), Paracetamol, Ibuprofen, und manche Mischpräparate einsetzen. Jeder dieser Wirkstoffe hat aber Vor- und Nachteile (Nebenwirkungen oder Kontraindikationen).
Um nun zu verhindern daß jemand mit z. B. bereits bekannten Magenproblemen oder erhöhter Blutungsneigung, Aspirin nimmt ist es günstig wenn er erstmal den Beipackzettel durchlesen muß und nicht anhand einer groß auf der Packung stehenden Info den Eindruck bekommt dieses sei das richtige Präparat um seine Kopfschmerzen zu bekämpfen.
Gerade Aspirin ist ein besonders gutes bzw. schlechtes Beispiel: fast jeder weiß daß dieses Mittel gegen (Kopf-)Schmerzen verwendet wird - so als würde es, wie von Dir angedacht, groß auf der Packung stehen.
Daß Aspirin aber wie beschrieben bei Problemen mit dem Magen oder Darm problematisch ist wissen weit weniger Leute. Auch bei erhöhter Blutungsneigung ist Aspirin kritisch, sollte von Patienten mit Leber- oder Nierenproblemen nur mit besonderer Vorsicht eingenommen werden und es gibt noch ein paar weitere Dinge zu beachten, was hier zu weit führen würde - ich denke aber der Sinn ist klar.
Ähnliche Probleme wären auch bei jedem anderen Medikamet zu befürchten, wenn da in ein paar kurzen Worten stehen würde wozu das Mittel gedacht ist.
Aufgrund der möglichen Wechselwirkung mit anderen Medikamenten ist es auch für Ärzte und Rettungsdienste nicht sinnvoll wenn sie die Medikation eines Patienten nur aufgrund eines Schlagwortes auf der Verpackung erkennen. Wenn man einem Patienten in einer akuten Notfallsituation ein Medikament verabreichen muß gibt es 2 Möglichkeiten: entweder man kennt die Mittel, die er bisher einnimmt und kann deren Wechselwirkung mit anderen Präparaten einschätzen, oder die Notfallsituation rechtfertigt es ein lebensrettendes Medikament auf jeden Fall einzusetzen weil der Patient ohne dieses Mittel ein schlechteres Outcome hat als mit Medikament, selbst wenn es Nebenwirkungen gäbe.
Natürlich kann niemand alle in Deutschland verfügbaren Medikamente kennen, aber die „klassischen“ Präparate sind (zumindest sollten) allen Ärzten und Rettungsassistenten geläufig sein. Immerhin haben beide eine Berufsausbildung durchlaufen und das sollte sie befähigen zumindest diejenigen Präparate, die häufig im Umlauf sind, zu kennen und ihre Wirkweise einschätzen zu können.
In der Praxis ist es nämlich so daß gewisse Standardmedikationen verbreitet sind, da sollte man als in diesem Bereich tätiger Mediziner oder Heilberufler schon fähig sein anhand der Medikamente deren Indikationen, Kontraindikationen oder Nebenwirkungen zu wissen.
Wenn man als Angehöriger damit beauftragt ist einen nahen Verwandten zu versorgen sollte das auf dem Wege funktionieren daß man vorher eine genaue Einweisung bekommt wann welches Präparat zu nehmen ist.
Aus der Praxis kenne ich beispielsweise folgenden Fall - ich schildere ihn zur besseren Verständlichkeit nicht in „Mediziner-Deutsch“, sondern allgemeinverständlich: es ist Sommer, heiße Temperaturen, aufgrund dessen ist im Supermarkt jemand „zusammengeklappt“ - heißes Wetter, lange herumgestanden, die (Bein-)Venen weiten sich, Blut „versackt“ darin, und aufgrund des Blutdruckabfalls und Blutmangels im Hirn kam es dann zur Ohnmacht.
Oma Meyer steht daneben und beobachtet den Vorfall. Da sie selber vom Arzt Nitrospray gegen pectanginöse Beschwerden bekommen hat - man hat ihr gesagt sie solle es nehmen wenn sie nach Anstrengung Stiche und Engegefühl in der Brust habe - kommt sie jetzt auf die Idee der zusammengebrochenen Person im Supermarkt ebenfalls dieses Spray anzubieten.
Nitrospray wird aber eingesetzt um die verengten Herzkrangefäße bei den erwähnten pectanginösen Beschwerden zu weiten und wieder durchgängig zu machen für die notwendige Durchblutung des Herzmuskels. Nebenwirkung: auch Venen in anderen Körperbereichen weiten sich, der Blutdruck sinkt.
So gut Oma Meyer es also gemeint hatte und so sinnvoll es ihr erschien der ohnmachtigen Person im Supermarkt mit Nitrospray zu helfen so unsinnig und falsch - um nicht zu sagen gefährlich - war es.
Medizinische Präparate, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sind enfach zu komplex um sie in Schlagworten auf der Verpackung hinterlassen zu können…
Gruß,
MecFleih