Beschriftung von Medikamenten

Hallo zusammen,

da ist es mir jetzt mal wieder bei der Übernahme der Betreuuung einer Angehörigen kräftig aufgestoßen: Warum gibt es in D so wenig Medikamentenpackungen, bei denen Otto-Normal Oma Müller und Opa Meyer auf den ersten Blick erkennen können, wofür oder wogegen eigentlich ein bestimmtes Medikament ist? Da haben wir einen an sich doch ganz gut ausgeprägten Verbraucherschutz, und doch muss ich auch als nicht ganz dummer Akademiker mit Lateinkenntnissen und medizinischem Interesse erst mal den halben Beipackzettel lesen, um zu wissen, was da eigentlich von den vielen bunten Tabletten wofür ist. Verboten kann es ja nicht sein, auch eine dt. Klartextangabe zu machen, aber warum findet man sie so selten?
Ich sehe da insbesondere ein Problem mit Dauermedikationen, die in einer bestimmten Situation plötzlich kontraindiziert sein könnten. Oma Müller, dem Pflegedienst, einem Rettungssani, etc. werden die vielen unnötig verkomplizierten Bezeichnungen keinerlei Warnung oder Hinweis sein. Warum also nicht gleich auf die Packung und am besten auch noch direkt auf den Blister schreiben, worum es geht. Ich meine so in dem Sinne von „Tabletten zur Behandlung von Alterszucker“ statt „zur oralen Therapie des Diab. Mel. Typ II“, etc.

Bitte jetzt keine Verschwörungstheorien, da bin ich kein Freund von. Sie haben ja auch keinen Sinn, denn die Indikationen finden sich ja dann im Beipackzettel, und auch jeder Arzt oder Apotheker erklärt es einem ja immer wieder sicherlich gerne. Es geht mir mehr um die Komponente der leicht dementen älteren Leute und Pflegekräfte in der Ausbildunge oder Vertretung, Angehörige und Rettungsdienste im Notfall, etc.

Gruß vom Wiz

Hallo,

ich denke daß es nicht mangelnde Kundenfreundlichkeit ist daß Medikamente nicht mit Schlagworten zu ihrer Indikation versehen werden.
Oft gibt es mehrere Wirkstoffe, die man gegen ein bestimmtes Gesundheitsproblem einsetzen kann - gegen Kopfschmerzen z. B. kann man Acetylsalicylsäure (Aspirin), Paracetamol, Ibuprofen, und manche Mischpräparate einsetzen. Jeder dieser Wirkstoffe hat aber Vor- und Nachteile (Nebenwirkungen oder Kontraindikationen).

Um nun zu verhindern daß jemand mit z. B. bereits bekannten Magenproblemen oder erhöhter Blutungsneigung, Aspirin nimmt ist es günstig wenn er erstmal den Beipackzettel durchlesen muß und nicht anhand einer groß auf der Packung stehenden Info den Eindruck bekommt dieses sei das richtige Präparat um seine Kopfschmerzen zu bekämpfen.

Gerade Aspirin ist ein besonders gutes bzw. schlechtes Beispiel: fast jeder weiß daß dieses Mittel gegen (Kopf-)Schmerzen verwendet wird - so als würde es, wie von Dir angedacht, groß auf der Packung stehen.
Daß Aspirin aber wie beschrieben bei Problemen mit dem Magen oder Darm problematisch ist wissen weit weniger Leute. Auch bei erhöhter Blutungsneigung ist Aspirin kritisch, sollte von Patienten mit Leber- oder Nierenproblemen nur mit besonderer Vorsicht eingenommen werden und es gibt noch ein paar weitere Dinge zu beachten, was hier zu weit führen würde - ich denke aber der Sinn ist klar.
Ähnliche Probleme wären auch bei jedem anderen Medikamet zu befürchten, wenn da in ein paar kurzen Worten stehen würde wozu das Mittel gedacht ist.

Aufgrund der möglichen Wechselwirkung mit anderen Medikamenten ist es auch für Ärzte und Rettungsdienste nicht sinnvoll wenn sie die Medikation eines Patienten nur aufgrund eines Schlagwortes auf der Verpackung erkennen. Wenn man einem Patienten in einer akuten Notfallsituation ein Medikament verabreichen muß gibt es 2 Möglichkeiten: entweder man kennt die Mittel, die er bisher einnimmt und kann deren Wechselwirkung mit anderen Präparaten einschätzen, oder die Notfallsituation rechtfertigt es ein lebensrettendes Medikament auf jeden Fall einzusetzen weil der Patient ohne dieses Mittel ein schlechteres Outcome hat als mit Medikament, selbst wenn es Nebenwirkungen gäbe.

Natürlich kann niemand alle in Deutschland verfügbaren Medikamente kennen, aber die „klassischen“ Präparate sind (zumindest sollten) allen Ärzten und Rettungsassistenten geläufig sein. Immerhin haben beide eine Berufsausbildung durchlaufen und das sollte sie befähigen zumindest diejenigen Präparate, die häufig im Umlauf sind, zu kennen und ihre Wirkweise einschätzen zu können.
In der Praxis ist es nämlich so daß gewisse Standardmedikationen verbreitet sind, da sollte man als in diesem Bereich tätiger Mediziner oder Heilberufler schon fähig sein anhand der Medikamente deren Indikationen, Kontraindikationen oder Nebenwirkungen zu wissen.

Wenn man als Angehöriger damit beauftragt ist einen nahen Verwandten zu versorgen sollte das auf dem Wege funktionieren daß man vorher eine genaue Einweisung bekommt wann welches Präparat zu nehmen ist.

Aus der Praxis kenne ich beispielsweise folgenden Fall - ich schildere ihn zur besseren Verständlichkeit nicht in „Mediziner-Deutsch“, sondern allgemeinverständlich: es ist Sommer, heiße Temperaturen, aufgrund dessen ist im Supermarkt jemand „zusammengeklappt“ - heißes Wetter, lange herumgestanden, die (Bein-)Venen weiten sich, Blut „versackt“ darin, und aufgrund des Blutdruckabfalls und Blutmangels im Hirn kam es dann zur Ohnmacht.

Oma Meyer steht daneben und beobachtet den Vorfall. Da sie selber vom Arzt Nitrospray gegen pectanginöse Beschwerden bekommen hat - man hat ihr gesagt sie solle es nehmen wenn sie nach Anstrengung Stiche und Engegefühl in der Brust habe - kommt sie jetzt auf die Idee der zusammengebrochenen Person im Supermarkt ebenfalls dieses Spray anzubieten.

Nitrospray wird aber eingesetzt um die verengten Herzkrangefäße bei den erwähnten pectanginösen Beschwerden zu weiten und wieder durchgängig zu machen für die notwendige Durchblutung des Herzmuskels. Nebenwirkung: auch Venen in anderen Körperbereichen weiten sich, der Blutdruck sinkt.

So gut Oma Meyer es also gemeint hatte und so sinnvoll es ihr erschien der ohnmachtigen Person im Supermarkt mit Nitrospray zu helfen so unsinnig und falsch - um nicht zu sagen gefährlich - war es.

Medizinische Präparate, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sind enfach zu komplex um sie in Schlagworten auf der Verpackung hinterlassen zu können…

Gruß,

MecFleih

einem Rettungssani werden die vielen unnötig verkomplizierten
Bezeichnungen keinerlei Warnung oder Hinweis sein.

Doch :o)

Hallo zusammen,

es gibt auch anwendungen von medis, an die bei zulassung niemand gedacht hat.

z.B valproat normal gegen epilepsie, neuerdings gegen manisch-depressive psychosen

Gruß vom Wiz

ciao norbertr

Hallo!

  1. Die Hinweise sind nicht für Lieschen Müller’s Selbstmedikation da, sondern sollen dem Fachpersonal die notwendigen Informationen geben. Für diese Fachkräfte sind diese Informationen keine Hieroglyphen.

  2. Die diversen Haftungsgesetze schreiben eine ausführliche Angaben vor!

Gruß
Falke

Hallo Wiz,

vielleicht hilft folgende EU-Website mehr (oder weniger) weiter, Angaben unter:

  1. INHALT
  1. Gemäß der Richtlinie muss auf der äußeren Verpackung des Arzneimittels auf folgendes hingewiesen werden:
    http://europa.eu.int/scadplus/leg/de/lvb/l32006.htm

Arzneimittelverpackungen, die ab '92 auf den Markt kamen, sollten laut AMG die nötigen Angaben gut verständlich enthalten, z. B. in der Form: bei Entzündung der Nasennebenhöhlen (Sinusitis).
Wenn Änderungen/Verbesserungen notwendig sind, kann man im speziellen Fall z. B. über den behandelnden Arzt oder Apotheker mit dem BfArM (Bundesinstitut f. Arzneimittel u. Medizinprodukte, in Bonn) Kontakt aufnehmen - allerdings müssen gute Gründe vorliegen. http://www.bfarm.de/

Wenn die Beschriftung so sehr trivialisiert würde, wie du es im Beispiel anführst, dann könnte die Präzision der Angabe u. U. erheblich darunter leiden:

Ich meine so in dem

Sinne von „Tabletten zur Behandlung von Alterszucker“ statt
„zur oralen Therapie des Diab. Mel. Typ II“, etc.

Früher sagte man fälschlicherweise zum ernährungsbedingten Typ2-Diabetes „Altersdiabetes“. Ernährungsbedingt, trifft er aber zunehmend heute auch schon jüngere Leute (falsche Ernährung, Überernährung!, Bewegungsmangel).

Ich denke das Verständnisproblem liegt nicht so sehr beim Pflegepersonal oder beim Notdienst-Sani, auch nicht bei der älteren Person selbst, wenn sie geistig noch fit ist - auch der Patient lernt schnell, was „oral“ heißt und was Diabetes ist, wenn er ihn hat - .

Überfordert ist zunächst eine aus der Familie zur Betreuung auserkorene Person, die jetzt erst einmal Bestandsaufnahme der aktuellen Arzneimittel machen muss, wozu sie dann anfangs etwas Zeit aufwenden muss. Notfalls lohnt sich vorübergehend eine eigene kurze Beschriftung der Verpackungen, bis man sich gut auskennt.

Bei älteren Menschen hingegen, die bereits Hirnleistungsstörungen aufweisen, ist jede selbständige Arzneimitteleinnahme problematisch, sodass hierbei grundsätzlich eine Begleitperson/Pflegedienst o.ä. nötig sind.

Beste Grüße, Renate

Super Beitrag ! Sei nur noch anzumerken, dass viele Medikamente ein so breites Wirkungsspektrum besitzen, dass selbst bei relativ kurz gehaltener Beschreibung die Verpackung gar nicht ausreichen würde, um aufzunehmen für oder gegen was das Medikament eingesetzt werden kann.

Gruß
Huttatta